Ich weine selten. Und wenn ich es tue, dann bekommen das nur wenige Menschen mit. Ich breche diese Regel heute, wenn ich schreibe: Ich weine darüber, was den Menschen in der Ukraine gerade geschieht. Ich weine um sie, auch wenn ich es mir verbieten möchte, weil ich es als obszön empfinde, das, was sie gerade erleben müssen, mit meiner Traurigkeit gleichzusetzen. Und ich weine um die Menschen in Russland, die gegen den Krieg aufbegehren und verhaftet werden; um die Soldaten, die zum Töten ihrer Brüder und Schwestern entsendet werden.

 

Ich bewundere den Mut jener, die für ihre Freiheit kämpfen, die, obwohl sie sich in Sicherheit wiegen könnten, sogar zurück in ihr Land gehen, um sich den Kriegstreibern entgegenzustellen. Ich bewundere jene russischen Soldaten, von denen es heißt, dass sie sich kampflos ergeben haben. Und ich hoffe, dass sich ein paar kluge russische Generäle finden werden, für die Tyrannenmord die beste Option darstellt.

 

Gleichzeitig beobachte ich skeptisch, mit welchen Deutungen und in welch geschlossener Sprache und Weltsicht dieser Krieg medial dargestellt wird. Wie aggressiv und herablassend man sich gegenüber Menschen verhält, die dieser Eindeutigkeit nicht zustimmen. Wie einig man sich ist, dass sofort “nachgerüstet” werden muss. Und immer wieder ist da jetzt von einer neuen Weltordnung die Rede, die angeblich von Russland herbeigeführt wird. Als wäre Krieg nicht schon immer das bevorzugte Mittel gewesen, die Welt neu zu „ordnen“.

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