Nebst einer Anrufung des mündigen Lesers.

„So lernen Sie besser schreiben.“ Oder: „10 Tipps, die Ihre Texte verbessern.“ Oder irgendwas mit einer Zahl, Tipps und besser, einfacher, werbewirksamer. Es kommt der Moment, da verstehst du: Du musst diesem Link im Newsletter nicht folgen. Du weißt eh, was drinsteht.

Wolf Schneiders Lebenswerk als Zehnpunkteprogramm. Der kleine Katechismus des Schreibens, der dazu führt, dass alles irgendwie gleich klingt. Verständlich. Kurz. Kein Passiv, kein man. Bildchen rein, Grafiken rein, Füllwörter raus.

Alles richtig, aber: Schreiben ist doch kein Textetöpfern nach Anweisung. Schreiben ist auch nicht die Kunst, Wortketten von gleichförmiger Länge zu basteln. Im Schreiben bilden wir Klänge ab. Die bestenfalls auch noch was bedeuten. Texte, wie ich sie schätze, haben eine Stimme, einen Tonfall. Der, noch einmal bestenfalls,  perfekt zu den Inhalten passt. Den der Leser, der aufmerksame Leser, innerlich hört. Und den er verändert, indem er ihm seine Stimme, seine Lesart beifügt.

Schreibtipps für Leser

Und damit sind wir bei Dir, geneigter Leser.

Wenn ich den gängigen Schreibtipps glauben darf, dann sind aufmerksame Leser im Internet eher die Ausnahme. Da fassen wir uns alle mal an die eigene Nase. Und merken langsam: Die vielen Schreibtipps verbessern nicht die Texte, sondern berücksichtigen das Leserverhalten. Es geht gar nicht um wohlklingende, hervorragend recherchierte Texte. Sondern um Leser, die es eilig haben.

Der Leser als Schnäppchenjäger will auf einen Blick erkennen, was Sache ist, was die wichtigen Fakten sind und welche Zahlen oder Bilder das ganze dokumentieren. Der Trend geht zum analphabetischen Scannen. Doch wie Schreiben nicht das Aneinanderfügen von Buchstaben ist, so ist Lesen ein wenig mehr als Schriftstücke entziffern.

Lesen verlangt, sich einen Text zu eigen zu machen. In einen Dialog zu treten. Mit ihm zu ringen, ihn zu verachten oder zu loben, ihn misszuverstehen oder auch nach dem dritten Anlauf nicht zu kapieren.

 

Was gut ist, darf überflüssig sein

Ich glaube an die Macht des Lesers. Ich glaube, auch Internetnutzer sind in großer Zahl fähig, komplizierte Sachverhalte zu erfassen, verschachtelte Sätze zu verstehen. Ich glaube, nicht jeder liebt diese verschrifteten Autobahnen, die schnurstracks von A nach B führen sollen.

Zu meinen Lieblingstextformen gehört ganz klar der Essay. Ich liebe es, wenn sich der Schreiber von allen möglichen Seiten an sein Thema heranpirscht. Wenn er assoziativ schreibt, statt einer stringenten Logik des roten Fadens zu folgen, die einen Text in Einspunkteinspunktzwei untergliedert. Wenn ich ihn zwischendrin mal aufatmen höre, spüre, dass er an dieser Stelle gezögert, neu angesetzt hat. Wenn er den kleinen Splitter betrachtet, statt den großen Balken ins Feld zu führen. Wenn nicht jeder Satz nur im Hinblick auf das Erreichen eines Zweckes geschrieben wurde. Kurz, ich liebe die Ökonomie des Überflusses.

Wenn also alle fordern, der Texter möge doch bitte einfach schreiben, verständlich, in kurzen SPO-Sätzen, auf Passiv und man verzichten und noch dazu Bildchen und Grafiken einzufügen, dann fordere ich jetzt mal: Verschenkt euch! Widersetzt euch dem Gebot der Knappheit! Und dem Leser rate ich: Wenn Du auch in Zukunft noch gute Texte lesen willst, dann fliehe die folgenden Gebote für „gutes Schreiben“.

 

1. Make it simple, so simpel, dass auch der Letzte es versteht

„Wenn jemand das Wort ‘einfach‘ gebraucht, klingeln bei mir alle Alarmglocken“, sagte sinngemäß mal einer meiner Deutschlehrer. „Er will dann regelmäßig nur verschleiern, dass man die Dinge auch ganz anders sehen kann.”

Recht hat er. Nichts ist so einfach, dass es einfach so ist. Das gilt auch fürs einfache Schreiben. Komplizierte Sachverhalte einfach darzustellen ist wenigen Auserwählten vorbehalten. Leuten, die sich auskennen und die begabte Sprachtalente sind. Statt Fachwissen zu verbreiten, erzählen die allerdings häufig Geschichten. So hat jeder Zuhörer – vom Laien bis zum Experten – etwas davon. Jeder hört so viel, wie er versteht.

Aber diese Geschichten sind nicht zufällig gewählt, sie bewirken etwas: Du fängst selbst an zu forschen. Und erkennst sehr rasch, wie kompliziert sich in Wirklichkeit alles verhält, wie lang die Durststrecke bis zur Einfachheit sein kann. Dagegen sind die meisten einfachen Texte nur eindimensionale Texte, Einbahnstraßen der Wirklichkeit. Zehnpunkteprogramme ohne Tiefgang, die nichts bewirken, außer, dass Menschen sich mit dem, was sie lesen, nicht mehr auseinandersetzen. Wie aber bildet man sich eine Meinung, wenn man nicht bereit ist, auch mal mit dem Schwierigen zu kämpfen?

 

2. Verzichte aufs Passiv

Wie man weiß, werden gute Texte ohne Passiv geschrieben. Oder? Früher nannte man das Passiv Leideform. Klingt nach schlechten Erfahrungen, nach Ausgeliefertsein. Tatsächlich ist es die Funktion des Passivs, den Spieß umzudrehen. Nicht zu fragen, wer etwas tut, sondern wer etwas erleidet, wem etwas geschieht.

Mit dem Passiv wage ich einen Blickwechsel, erlaube mir eine neue Perspektive. Die des Objektes statt des Täters. Und gerade das kann unserer Gesellschaft nicht wirklich schaden. Dabei denke ich jetzt gar nicht an Vergewaltigung und Mord, an schreckliche Dinge, die Menschen angetan werden. Ich denke daran, dass wir alle uns zunehmend in einer Lebenswirklichkeit befinden, in der wir als handelnde Subjekte gar nicht vorkommen.

Der Computer sagt Nein“, lässt uns Little Britain wissen. Dabei ist klar: Der Computer sagt gar nichts, dem Computer wird beigebracht, was er zu sagen hat. Und die Sprache verrät uns dies. Wir spähen nicht aus und wir lassen uns nicht ausspähen, wir werden ausgespäht. Wir werden immatrikuliert, wir werden abgespeist, wir werden erzogen. Und wenn es sich so verhält, sollte man – also jeder Mann und jede Frau – das auch mal sagen.

 

3. Schreibe verständlich

Ehrlich? Natürlich möchte ich, dass Menschen mich verstehen, sonst würde ich ja nicht schreiben. Leider wird „verständlich“ zu oft zu „selbstverständlich“. Und das Selbstverständliche ist immer fragwürdig. Ein guter Text zeigt mir etwas Ungewöhnliches. Fordert mich auf, noch einmal hinzusehen, entschleiert die Mythen des scheinbar Selbstverständlichen. Ein guter Schreiber muss die Antwort nicht kennen. Er wirft Fragen auf.

Die Aufforderung, verständlich zu schreiben, sodass jeder sofort kapiert, was gemeint ist, klingt logisch, wenn es um Gebrauchstexte geht. Wer beschreibt, wie man eine Ankerwinde in Betrieb nimmt, sollte das nicht in einer essayistischen Weise tun, klar. Das könnte schwerwiegende Folgen für die Schiffsbesatzung haben.

In den meisten anderen Situationen aber solltest Du als Leser misstrauisch sein, wenn alles so schön klar und verständlich scheint. Wenn ein Text keine Fragen aufwirft, Dich nicht zum Zweifeln ermutigt, Dir keinen Widerspruch abringt, ist er vielleicht gar kein guter Text, sondern nur eine Gebrauchsanleitung. Ein Ratgeber, der Dir garantiert nicht viel bringt.

4. Dokumentiere Fakten durch Grafiken und Tabellen

Die Statistik hat unser aller Leben durchdrungen, schon in der Grundschule lernen die Kinder, Grafiken und Tabellen zu deuten. Wozu eigentlich? Zahlen, so glauben viele, sind objektiver als Worte. Was dabei oft vergessen wird: Zahlen sagen nur sich selbst aus. Sie benennen eine Quantität, na und?

Jede Aussage, die ich über eine Grafik oder eine Tabelle treffe, bedarf der Interpretation dieser Zahlen. Meistens erfahre ich noch nicht einmal etwas darüber, wie die Balken und Törtchen zustande gekommen sind. Welche Zutaten wurden verrührt? Wenn ich die beliebte Floskel „repräsentative Umfrage“ höre, bekomme ich eine Gänsehaut. Was ist repräsentativ daran, wenn der Zufallsgenerator einem Interviewer 1000 Telefonnummern auf den Bildschirm spuckt, die er dann anruft und deren Besitzer er nach ihrer Meinung zu irgendwas befragt?

Ich weiß, die Statistik hat ihre Methoden. Aber auch hier fällt mir wieder das Wort eines früheren Lehrers ein: Wahrscheinlichkeit? Im Leben stehen die Chancen immer 50 : 50. Etwas tritt ein oder tritt nicht ein. Daher hüte Dich vor Zahlen, Grafiken und Tabellen, die zu „einfachen“ Aussagen führen.

Sie sollen belegen, dass jemand recht hat. Sie sagen selten etwas darüber, ob, warum oder unter welchen Umständen das so ist. Dazu bedarf es der Sprache.

 

5. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“

Wenn es eine Redensart gibt, die ich nicht mehr hören kann, dann diese: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Denn mit Bildern verhält es sich ähnlich wie mit Zahlen. Und doch ganz anders. Eine Zahl sagt sich selbst aus. Ein Bild sagt das aus, was es in mir hervorruft. Wut, Angst, Scham, Mitleid, Liebe – was auch immer ich beim Betrachten eines Bildes empfinde, es findet nicht dort statt, wo das Bild aufgenommen wurde, sondern bei mir.

Das ist häufig auch genau die Absicht von Bildern. Konfrontiert uns ein Kriegsberichterstatter mit grauenhaften Fotos verstümmelter Leichen, so will er uns berühren. Wir sollen hinschauen. Aber genau darin liegt ein Problem: Wir wissen nicht, welche Absicht der Fotograf verfolgt. Wir wissen nichts über die Entstehung des Bildes, nichts darüber, was da wirklich geschah. Wir sehen nicht, uns wird etwas gezeigt.

In dem Beitrag „Kein Bild sagt mehr als tausend Worte“ habe ich über eine solche Umleitung unserer Gefühle schon einmal zu schreiben versucht. Dabei rede ich noch nicht einmal von Bildbearbeitungsprogrammen und den Möglichkeiten, die sie heute bieten, Bilder zu manipulieren. Ich sage nur: Vertraue nicht der Macht von Bildern. Sie müssen ebenso interpretiert werden wie Zahlen.

 

6. Vermeide Füllwörter

Im Deutschen gibt es eine große Zahl an Wörtern, die im Satz nicht sinntragend sind und dennoch gern verwendet werden. Man vergleiche die folgenden Sätze:

  • Komm her.
  • Komm mal eben her.

Werden derlei Phrasen im Sprachunterricht eingeführt, ist dies der Moment, indem die Lernenden den Glauben an ihre Wörterbücher verlieren. Wie übersetzt man „mal“ oder „eben“ oder „mal eben“? Was bedeutet es, wenn jemand „eigentlich“ keine Zeit hat?

Solche Wörter verändern nicht den Inhalt, wohl aber die Art der Aussage. Sie tragen einen Ton, helfen der Stimme, noch schärfer oder etwas sanfter zu klingen. Die Aufforderung ist deutlich: Jemand soll zu mir kommen. Komm her!, das ist ein klarer Befehl. Komm mal eben her, klingt bei entsprechender Betonung fast schon wie eine Bitte. Und wenn ich eigentlich keine Zeit habe, dann sage ich damit zugleich, dass ich sehr wohl geneigt bin, sie mir zu nehmen.

Füllwörter sollten einen Text sicherlich nicht dominieren. Wann immer sie diesen aber nuancieren, ihm zu mehr Klang verhelfen, eine Aussage variieren, sind sie sehr nützliche und manchmal auch wohlfeile Helfer.

 

Und Du? Was für Texte schreibst oder liest Du gern?

1800 Wörter gelesen oder überflogen? Festgestellt, dass ich ein Video eingefügt habe, Headlines und dass ich überwiegend kurze Sätze gebrauche? Nach dem Mehrwert gesucht? Dich gelangweilt?

Es gibt keine Formel für gute Texte. Es gibt hilfreiche Tipps, ja. Und wie wir die höhere Mathematik erst erlernen, nachdem wir die vier Grundrechenarten rauf- und runtergehaspelt sind, muss auch ein Texter ein paar Grundregeln beherrschen. Um sie dann irgendwann in die Tiefen seines Unterbewusstseins abtauchen zu lassen.

Misstraue daher den Kurzanleitungen. Finde Deine Stimme, Deinen Rhythmus, Deinen Tonfall. Passe sie den Gegebenheiten des Textes an. Oder beschäftige Dich gleich mit der Originalliteratur, wenn Du an Deinen Texten arbeiten willst.

Ein hervorragendes Arbeitsbuch ist beispielsweise: Die 50 Werkzeuge für gutes SchreibenHandbuch für Autoren, Journalisten, Texter von Roy Peter Clark. (So, da hätten wir jetzt endlich auch den Mehrwert).

Bleibt die Frage: Wie lauten Deine besten oder meistgehassten Textertipps? Was für Texte möchtest Du lesen?