Brisenstimmung

Biene bloggt

Autor: Sab (Seite 1 von 4)

Rezension. Alexander Grau: Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität. München, Claudius-Verlag, 2019.

Politischer Kitsch hat Hochkonjunktur“, so lautet die einleitende These des Philosophen Alexander Grau in seinem 2019 erschienenen Essay. Kitsch definiert er darin als eine „Lüge“, da dieser „behauptet, etwas zu sein, was er nicht ist. Und er gibt vor, einen Wert zu haben, der ihm nicht zukommt.“ Damit ist natürlich nicht die kleine Engelsfigur gemeint, die vor Herzchen drapiert den Wohnzimmeraltar verschönert. Grau spricht vom politischen Kitsch, der sich als reflektierte Meinung, als Kampf gegen das Böse, Ungerechte oder auch als Ultima Ratio ausgibt.

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Rezension: Nina Pfeffer Câmara und George Pfeffer: Daddy. Weltbürger wider Willen.

Es ist der 3. Juli 1910 als George Pfeffer als Sohn einer jüdischen Mutter in Breslau geboren wird. Wenige Jahre vor dem ersten und zu wenige Jahre vor dem zweiten Weltkrieg und der kaum sagbaren Barbarei des deutschen Nationalsozialismus.

118 Jahre später erzählt uns seine Tochter, Nina Pfeffer Câmara, die Geschichte ihres Daddys. Kurz und knapp, atmosphärisch dicht, im beständigen Wechsel zwischen der Sicht der Tochter auf den sterbenden Vater und dessen schriftlich festgehaltenen Erinnerungen.

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Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess. Rezension …

… nebst einem kleinen gewagten Rundumschlag in Sachen Gesundheitspolitik.

Erst nannten wir es Christentum, dann Demokratie. Heute nennen wir es METHODE. Immer absolute Wahrheit, immer das reine Gute, immer das zwingende Bedürfnis, die ganze Welt damit zu beglücken. Alles Religion. Weshalb sollte sich ein Ungläubiger wie Sie für eine Spielart des immer gleichen Irrtums stark machen?“

Mit diesen Gedanken konfrontiert die Protagonistin Mia Holl aus Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“ ihren Widersacher, Heinrich Kramer, der die Provokation erkennt, aber dennoch verspricht, Milde walten zu lassen. Wie überhaupt fast alle in diesem Buch so unfassbar bemüht sind, das Gute, das Richtige, das Verständige zu tun, auch wenn es letztlich dazu führt, dass Unschuldige sterben und sich Fortschritt, Aufklärung und Mitleid in eine düstere Triade verwandeln, der sich das Individuum zu beugen hat. Denn wo alle einer Methode folgen, die einzig und allein das Richtige vorgibt, da wird jeder Fehler, jeder Ausbruchsversuch aus dem Rationalen zur Ketzerei.

Gesundheit ist das höchste Gut der METHODE in Juli Zehs Roman. Gibt es aber nicht auch ein Recht auf Krankheit? Darf sich der Einzelne der ihm per Gesetz verordneten Gesundheit entziehen? Müssen wir alle auf ewig gesund, glücklich und ausgeglichen sein, wenn man uns die Möglichkeiten dazu an die Hand gibt?

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Gastbeitrag: Gerda Greschke-Begemann rezensiert Timo Daums „Die künstliche Intelligenz des Kapitals“.

Vor einiger Zeit habe ich euch hier im Blog meine Lesart des genannten Buches vorgestellt. Zur selben Zeit bat ich die Autorin Gerda Greschke-Begemann um ihre Meinung, da ich weiß, dass sie viele Aspekte, die darin angesprochen werden, besser beurteilen kann als ich. Gerda hat mir ihr Fazit als Kommentar zukommen lassen – aber ich finde ihn viel zu gut, um nur als „Nachsatz“ unter meinem Beitrag zu erscheinen, denn es handelt sich um eine eigenständige Rezension aus der Feder einer erfahrenen Schreiberin und Leserin, die ich daher nun dankbar als Gastbeitrag an dieser Stelle veröffentliche.

 

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Neuerscheinung: Objektiv. Nutze die Zeit, bevor sie dich benutzen. Ein Roman von Sabine Walther.

Zwei Jahre ist es her, dass ich die erste Zeile schrieb. Damals befand sich am Bremer Hauptbahnhof noch eine Baugrube, die Überseestadt glich einem unaufgeräumten Parkplatz und manches von dem, was mein Protagonist zu erfinden gedachte, gab es noch nicht. Niemals ist mir so sehr die Zeit davongelaufen wie in diesen zwei Jahren, in denen es mir vorkam, als würde sich die Welt gerade komplett neu erfinden.

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Davon geht die Welt nicht unter, wohl aber die Meinungsfreiheit

 

Über den Trend, Likes, Follower und andere soziale Interaktionen zu kaufen.

Likes kaufen, Kommentare kaufen, Abonnenten oder Streams kaufen – für YouTube, Facebook, Spotify oder Instagram und andere Social Media sowie Bewertungsportale – mit diesem Angebot werben seit Jahren zahlreiche Internetagenturen.

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Ich mach dann mal den Kohlhaas oder: Wie Strato mit langjährigen Kunden umgeht

13 Jahre war ich Kundin der Strato AG. Jeden Verkauf und jede Gebührenerhöhung – und die fielen nicht gering aus – habe ich ohne Murren hingenommen. Zum Jahreswechsel erhielt ich dann wie viele andere Kunden auch die Information, ich müsse auf PHP 7 wechseln oder, wenn ich bei der älteren Version bleiben wolle, eine monatliche Gebühr in Höhe von € 5,33 für den dann fälligen „extended Service“ zahlen.

 

 

Beim Versuch, die neue PHP-Version einzustellen, kam es zu technischen Schwierigkeiten. Kein Problem, dachte ich, denn Strato hatte angekündigt, dass man binnen 30 Minuten auf die alte Version zurückwechseln könne. Das misslang aber leider, denn mittlerweile hatte mich das System aus Sicherheitsgründen ausgeloggt. Die Sitzung war damit beendet und mein Schicksal besiegelt.

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Michael Kastner (Hrsg.): Digitalisierung und psychische Gefährdung. Balancen zwischen Chancen und Risiken. Tagungsband, Maori GmbH 2017.

„Digitalisierung und psychische Gefährdung“ lautete das Thema einer Tagung, die 2015 anlässlich des 30jährigen Bestehens des Institutes für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin stattfand. In den gleichnamigen Tagungsband, den ich euch in dieser Rezension vorstelle, wurden acht Beiträge aufgenommen, die das Thema aus unterschiedlicher Perspektive beleuchten.

 

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Läuft bei uns: Chinas „Social Scoring“ vorgestellt in der Bremer Zionsgemeinde.

Über den linken Traum, das chinesische Volk (und das eigene) durch Totalüberwachung umzuerziehen.

Ein Bericht von der Veranstaltung “China heute – Harmonische Gesellschaft oder Überwachungsalbtraum?” am 11.04.2019.

Frohe Botschaften aus Beijing: Die Luft ist rein, die Menschen sind glücklich, die Armut ist besiegt und derzeit diskutieren freie Bürger munter über ein neues Sozialpunktesystem, auf das sich 80 % der (2.200) Teilnehmer einer Umfrage schon wahnsinnig freuen.

So und noch absurder wurde am 11.04.2019 in der Bremer Zionsgemeinde das Social Scoring vorgestellt, das China ab 2020 landesweit einführen wird. Eingeladen hatte laut Gemeindeblatt das Bremer Friedensforum. Tatsächliche Veranstalter waren aber die Studiengruppe China Bremen und das Konfuzius-Institut Bremen sowie weitere sich politisch eher links verortende Gruppierungen.

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Timo Daum – Die Künstliche Intelligenz des Kapitals. Nautilus Flugschrift 2019. Rezension.

 „Wenn heute von Künstlicher Intelligenz die Rede ist, dann in den allermeisten Fällen von einem Teilbereich, der sich mit maschinellem Lernen überschreiben lässt. Mit Patrick Langley könnte man diese auf spezialisierte Aufgaben trainierten kognitiven Systeme als ‚gelehrte Idioten‘ (idiots savants) bezeichnen, die zwar eine besondere Begabung in einem bestimmten Feld aufweisen, außerhalb desselben aber zu nichts zu gebrauchen sind. Auch maschinelles Lernen ist ein trügerischer Begriff, seine Mechanismen haben nicht mit selbstreflexivem Denken zu tun […]“.

„Wir sollten die Begriffe lieber vermeiden und stattdessen von Software mit Trainingsdaten-Analyse sprechen […]“. „Außerdem schlage ich vor, dass wir die Frage, ob oder wie ‚intelligent‘ ein Algorithmus oder eine Maschine sind, ebenfalls vermeiden und stattdessen fragen, welche Aufgaben sie wie genau lösen. Wir sollten auch fragen: Wem gehören sie, welche Ziele verfolgen ihre Herren, und was macht das mit uns?“ „Wir sollten uns nicht vor der Superintelligenz fürchten, sondern vor schlecht programmierter KI. Vor KI, die privaten Firmen gehört, deren Diener ist und nicht in erster Linie dazu da uns zu nutzen“ (S. 165f).

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