Kapitel 1, Auszug (Tod der Tochter Mascha)

Mascha stockte kurz, aber statt umzukehren, griff sie sich mit der Hand an die Kehle. Sie schien keine Luft zu bekommen und fiel augenblicklich zu Boden. Der Wagen erfasste sie und die schweren Reifen hinterließen Abdrücke auf ihrem kleinen Körper. Der Fahrer hielt kurz an, fuhr dann aber mit aufheulendem Motor weiter. Saletta begriff nicht gleich. Wer war dieses Kind, das dort lag? Wo war Mascha?

Mit einem Schrei löste sich ihre Erstarrung und sie rannte zu ihrem Kind. Der Verkehr kam zum Erliegen, jemand stellte ein Warndreieck auf. Saletta wünschte, die Welt stünde still und spürte doch unaufhörlich ihren eigenen Rhythmus ins Leben hämmern. Nur Mascha rührte sich nicht. Ihr Kopf war aufgeschlagen; die Augen weit aufgerissen, lag der kleine Körper verrenkt da. Kein Atem, kein Puls, kein Herzschlag. Aus. Ein Schmerz einte Mutter und Tochter, verzögert um wenige Sekunden. Das ist komisch, hörte Saletta sich wie von fern her denken, es tut weh, als würde mir jemand mit dem Baseballschläger den Schädel zertrümmern. Vorsichtig nahm sie ihr kleines Mädchen hoch. „Mascha.“ Kein zärtliches Flüstern würde sie zurückholen.

Plötzlich von unbändiger Wut entflammt, spürte sie unmenschliche Kräfte, die reine Kraft des ungefilterten Hasses. Sie musste diesen Menschen finden, der ihr und ihrem Kind das angetan hatte, sie musste ihn zerstören, sie musste diese Kraft nutzen, bevor sie verschwand. Mit Mascha im Arm rannte sie los, langsam, vorsichtig, damit sie ihr nicht entglitt, dann schneller, immer schneller, immer zorniger. Sie wusste, sie hatte niemals im Leben etwas Sinnloseres getan, aber sie kannte keinen Sinn mehr und keinen Verstand, sie rannte dem Audi hinterher, es war ein schwarzer Audi, sie durfte das nicht vergessen, warum hatte sie sich das Kennzeichen nicht gemerkt, wie dumm sie war, wie achtlos, sie musste ihn finden, vielleicht würde alles wieder gut,  vielleicht könnte sie dem Fahrer ihr Kind entgegenhalten, schau her, und er würde erkennen, was er getan hatte und irgendein Gott würde sie heilen, würde ein einziges Mal Erbarmen haben mit ihr und mit uns und alles würde ungeschehen.

Sie würde noch einmal mit Mascha an der Kreuzung stehen. Ihr Handy würde nicht klingeln. Mascha würde weiter froh vor sich hinplappern. So behauptet es doch die Physik, das muss doch möglich sein, dass wir die Zeit überlisten, die uns all die schrecklichen Ereignisse nur vorgaukelt, die uns eine bessere Wirklichkeit verweigert. […]

 

Kapitel 3, Auszug, Wiedersehen mit Jenny

Saletta hörte das Klingeln, reagierte aber nicht. Sie erwartete niemanden, hatte niemandem etwas mitzuteilen. Als dann aber die kleinen Steinchen gegen die Fensterscheibe prasselten, wusste sie, wer draußen stand. Wie hatte sie hergefunden? Wieso gerade jetzt?

„Jenny!“

Saletta fiel ihr in die Arme.

„Sanna, oh mein Gott, ich freu mich!“, jauchzte die, doch hielt sie Freude wohl nicht für angemessen, ging sofort in einen zärtlich-leisen Tonfall über, strich der Freundin wie früher die Strähnen aus dem Gesicht.

„Wie geht es dir denn jetzt?“

Sie wusste es also bereits.

„Bist du deshalb hergekommen?“

Sie nickte, sah die Freundin forschend an.

„Ich will nicht darüber sprechen.“

 […]

Kaum hatte sie den Aschenbecher auf den Tisch gestellt, nestelte Jenny auch schon eine Packung Camel Filter aus der Tasche und zündete sich eine Zigarette an. Sie schwiegen, ein würziger Nebel breitete sich zwischen ihnen aus, als wollte er sie zu einer stummen Sprechblase verbinden. Jenny erblickte das Fotoalbum, das aufgeschlagen auf dem Boden lag.

„Ach du liebe Güte, schau nur, wie wir da ausgesehen haben“, rief sie lachend und verstummte erneut.

„Dein Geburtstag“, murmelte sie.

„Jetzt bist du ganz allein, Liebes“, sagte sie dann in ihrem zärtlichen Große-Schwester-Tonfall.

Saletta lief ein Schauer über den Rücken. Es klang, als würde der Freundin dieser Gedanke Freude bereiten. Aber sie kam nicht dazu, lange darüber zu sinnieren. Jenny jauchzte schon wieder.

„Meine Abschlussfeier! Ach herrje, wer hat denn das Foto gemacht?“

„Na ich, weißt du nicht mehr?“

„Stimmt, du warst ja daaa …“

Warum zog sie die Vokale so in die Länge.

„Selbst schon Frau Doktor, während ich gerade mit Ach und Krach den Magister schaffte, tss.“

„Ach Jenny, fang nicht wieder damit an. Ich hatte es einfach leichter.“

„Nein“, sagte Jenny traurig, „du hattest es nicht leichter. Du warst besser. Und bist einfach abgehauen. Mit dir zusammen hätte ich es geschafft.“

Saletta antwortete nicht. Die Freundin hatte ja recht. Nach dem Tod ihrer Eltern war sie aufs Internat gekommen, aber wann immer sie konnte, war sie bei Jenny und deren Familie zu Gast. Erst als sie zu studieren begannen, trennten sich ihre Wege; Jenny besuchte eine staatliche Universität, studierte Literaturwissenschaft und brachte sich mit vielen Gelegenheitsjobs über die Runden; Salettas Weg führte auf eben jene Elite-Hochschule, an der ihre Eltern ihr bereits einen Platz gesichert hatten und an der sie für 20.000 Euro im Jahr Geschichte und Mediävistik studierte. […]

Später geriet Jenny dann in Kreise, die ihr äußerst suspekt waren, traf sich mit Studenten, die sich als aufsteigende Sterne am Dichterhimmel betrachteten und nach langen Zügen an kreisenden Joints zu der überragenden Erkenntnis gelangten, dass es an der Zeit sei, jegliche Form zu überwinden, um zum Kern der Dichtung vorzustoßen. Ein Kern, der unsagbar sei, also gleichsam der Tod des Dichters. Was wiederum dazu führte, dass man der Ansicht war, der beste Dichter sei der, der gar nicht schrieb, weil er sich selbst überwinde und damit auch die Form, den Zwang, die Diktatur des leeren Blattes, die zu Fehlinterpretationen führende Rezeption des Lesers. Oder einer, der früh Selbstmord beging. Was ungefähr der Hälfte der Mitglieder der Verbindung dann nach und nach auch gelang, indem sie sich zu Tode soffen oder spritzten. […]

„Sanna“, Jenny berührte sanft ihr Haar, „bitte sprich doch mit mir.“

Saletta goss Rotwein nach, fasste sich.

„Schon gut“, sagte sie. „Ich lebe noch. Ich funktioniere. Ich habe nicht vor, vom Dach zu springen.“

„Sondern?“, fragte Jenny mit lauernder Stimme.

„Was hast du dann vor?“ […]

 „Arbeit“, sagte sie, „es gibt viel zu tun.“

„Und woran arbeitest du gerade?“

„Boccaccio.“

„Ist nicht wahr.“

„Doch.“

„Aber du wolltest doch nie …“

„Nicht, was du denkst. Mit meinen Eltern hat das nichts zu tun. Reiner Zufall. Das Institut hat mich beauftragt. Nur eine Einleitung zu den neu gefundenen Handschriften vom Decamerone.“

„Ach so.“

Jenny schien unzufrieden.

„Ich dachte schon, du hättest den Auftrag deiner Eltern nun doch noch angenommen“.

Sie grinste.

„Ich liebte deine Eltern, weißt du?“

„Ja, sicher. Vielleicht hätten sie dir den Auftrag erteilen sollen.“

Jenny wurde ernst.

„Nein, du bist die Auserwählte“, sie sah die Freundin an und lächelte. „Das habe ich früh akzeptiert.“

„Ja“, sagte die bitter, „ich bin die glückliche Auserwählte.“

[…]

Jenny drückte entschlossen ihre Zigarette aus, nahm ihre Jacke und ihre Handtasche, die sie aufs Kanapee gelegt hatte.

„Ich werde wiederkommen“, sagte sie und es klang wie eine Drohung.

„Ich weiß“, erwiderte Saletta zu ihrem eigenen Erstaunen und schob sie in Richtung Tür.

Eine kurze Umarmung, dann endlich war sie fort. Saletta versuchte, die Stille zu atmen, aber der Damm war gebrochen. Erinnerungen trügen, aber sie lassen sich nicht auslöschen. Sie sah den schwarzen Audi, der ihren Eltern die Vorfahrt genommen hatte. Das gleiche Automodell, das Mascha … Zufall, es ist nur ein Zufall, ein Zusammenhang ist nicht nachweisbar! […]

 

Kapitel XI, Auszug, erste Nacht im Kloster

Nachts schienen alle Bäume höher gewachsen, die Sterne ferner, die Weite unermesslich. Ein Ort, um sich darin aufzugeben, ein Ort, der auf befreiende Weise verdeutlichte, wie klein und gering der Mensch mit all seinen Alltagssorgen und Eitelkeiten war, das hatte Pater Benedikt schon oft empfunden. Wie dumm diese Menschen waren, die glaubten, wichtig, für irgendetwas nützlich sein zu müssen, statt das ihnen gegebene Geschenk des Lebens einfach anzunehmen. Was war denn schon ein Menschenleben gegen die Ewigkeit des göttlichen Universums. Pater Benedikt lachte. Für ihn war das Empfinden der eigenen Nichtigkeit kein Anlass zur Trauer; im Gegenteil, er verachtete die Menschen, die an ihrem kleinen sorgenvollen Alltag festhielten, denen es an der notwendigen Größe fehlte, sich als Teil des Ganzen zu erfahren. Voller Freude beugte er das Haupt, faltete die Hände und begann ein Gebet zu sprechen: [] als er von einem Geräusch unterbrochen wurde.

Er erkannte sofort den Flügelschlag und seine Augen suchten in der Dunkelheit nach der weißen Flügelbinde. Anfangs hatte er gedacht, es wären Falken, aber die waren in dieser Gegend kaum anzutreffen. Bei Plinius war er dann auf die Bezeichnung „Ziegenmelker“ gestoßen. Nur merkwürdig, dass sie im April bereits zurück waren.

Der einzelne Flügelschlag verwandelte sich in ein heftiges Flattern. Benedikt nahm einen in Samt gewickelten Gegenstand aus seiner Kutte und näherte sich langsam dem Vogel, der sich auf der Suche nach Futter in einer ausgelegten Falle verfangen hatte. Bis auf einen Meter musste er herangehen, um ihn mit bloßen Augen zu erkennen. Fast hätte man ihn für eine Drossel halten können, nur der breite Schnabel und die Länge der Flügel unterschieden ihn davon. Benedikt ging noch näher heran.

Veni Sancte Spiritus“, flüsterte er, „et emite caelitus.“ […] Dann beugte er sich zu dem Vogel herab und befreite ihn vorsichtig, damit er sich nicht verletzte, aus der Falle. Voller Bewunderung für Gottes wunderbare Schöpfung strich er über das rindenfarbene Federkleid.

Veni columba mea, veni, coronaberis“, sprach er, nahm das scharf geschliffene silberne Messer aus dem samtenen Tuch und schnitt dem Vogel die Kehle durch.

Schweißgebadet und mit einem röchelnden Hilfeschrei erwachte Saletta erneut aus einem Albtraum. Noch im Halbschlaf stürzte sie sich aus dem Bett, das soeben noch eine dunkle Grube gewesen war, in die man sie hatte werfen wollten. In der Halsgegend fühlte sie einen stechenden Schmerz, in ihren Ohren hallte ein Schrei: de profundis clamavi ad te Domine! […]

Sie öffnete das Fenster und richtete den Blick gen Osten – den Aufgang der Sonne zu beobachten und die ruhende Stille der Landschaft in sich aufzusaugen, würde ihr sicher helfen, den albernen Traum zu vergessen. Doch die Stille wurde vom hektischen Auffliegen eines Vogelschwarms durchbrochen. Was hatte sie aufgeschreckt? Gleich darauf meinte sie eine Gestalt in Richtung Rückwand des Klosters vorbeihasten zu sehen. Dieselbe Gestalt, in der sie vor dem Einschlafen Pater Benedikt zu erkennen geglaubt hatte. Instinktiv wich sie vom Fenster zurück […]

 

Kapitel XVI, Auszug, Vortrag der Gesellschaft für Lebensoptimierung

„Und selbst wenn wir es nicht schaffen sollten, alle Krankheiten zu heilen“, hatte Dietmar in seinem Vortrag betont, „werden wir in der Lage sein, lebenswichtige Organe durch neue Technologien zu ersetzen. Entweder durch Züchtungen. Oder aber durch Bio-Engineering, das passgenaue Lösungen bietet. Auch der 3D-Druck und das Tissue Engineering lassen heute schon Erstaunliches erhoffen. Bis hin zum Gehirn wird jedes Organ eines Tages ersetzbar und optimierbar sein. Wir sind nur noch wenige Schritte von diesem Ziel entfernt.“

Saletta konnte sich nicht vorstellen, dass er recht hatte. War so etwas in Deutschland überhaupt erlaubt? Und wer würde sich freiwillig unters Messer legen, um das eigene Hirn gegen eine Festplatte aus dem 3D-Drucker austauschen zu lassen? Sie nahm sich einen Teller und Besteck und stellte sich am Buffet an. […]

„Ich finde es ganz fantastisch, was diese Menschen leisten“, sagte die Dame im mintfarbenen Plisseekleid neben ihr, die zwischen überbackenen Zucchinischeiben und gebratenem Fenchel mit Limettenöl schwankte. […]

„Ist das nicht die Kaulis?“, fragte sie Jenny. „Was macht die denn hier?“

„Aber weißt du denn nicht, dass sie auch zur Gesellschaft für Lebensoptimierung gehört? Sie ist sogar eine der Gründerinnen.“

„Die Kaulis? Die war doch früher mit ganz anderen Themen beschäftigt? Homöopathie, chinesische Medizin, Yoga, Ayurveda …“ […]

Während sie aßen, gesellte sich Dietmar mit einem anderen Mittfünfziger zu ihnen, mit dem er sich bereits in einem lebhaften Gespräch befand.

„Darf ich vorstellen“, sagte er formvollendet, „Karl Kastendiek. D e r Kastendiek“, fügte er mit Nachdruck hinzu. 

„Ach was, d e r“, fiel ihm sein Gesprächspartner ins Wort. „Der Karl einfach. Nur ein kleiner Labortechniker und Lieferant für die Farmerindustrie.“

Er war offensichtlich stolz auf seine demütige Haltung und sein kleines Wortspiel, über das er selbst bei jedem Mal, da er es anbringen konnte, erneut lachen musste.

„Wir diskutieren gerade darüber, ob der Transhumanismus eines Tages in der Lage sein wird, die Evolution in eine demokratische Bewegung zu überführen. Sodass die gesamte Menschheit vom Fortschritt der Technik profitiert. Karl ist allerdings der Meinung, wir sollten uns die Auslese der natürlichen Evolution zum Vorbild nehmen, statt die gesamten Menschheit retten zu wollen.“

„Nun ja,“ sagte Karl, „sieh es doch mal so: Die Gläubigen haben doch ihre unbefleckte Empfängnis, ihre Selektion durch Sünde und ihren Auferstehungsglauben. Sollen sie weiter beten, dass Gott ihnen was schenkt. Während wir längst bewahrheiten und optimieren, was geschrieben steht.“

„Sie wollen die unbefleckte Empfängnis verwirklichen?“, fragte Jenny spöttisch.

„Wir sind doch längst dabei“, antwortete Karl. „Oder wie sonst würden sie eine In-vitro-Fertilisation bezeichnen?“

Saletta rutschte der bärlauchgrüne Pannacotta vom Löffel direkt auf die weiße Seidenbluse. Dietmar hatte sofort ein Taschentuch zur Hand. „Tupfen, nicht reiben“, sagte er, während er versuchte, den Pannacotta von ihrer Bluse zu entfernen. […]

 

Schlusskapitel, Auszug

         In der Abflughalle roch es nach Schweiß und Knoblauch, nach Parfüm und Angst. Vielleicht würde sie Pater Benedikt irgendwann wiedertreffen. […] Vielleicht würde ein Gott oder ein Technokrat dies ermöglichen. Vielleicht aber würde eines Tages einfach nur jede Erinnerung und jede Hoffnung schwinden und sie würde erkennen, dass sie sich alles nur eingebildet hatte. Es war ihr egal. Das Leben war immer nur das, was gerade geschah. Der Rest war pure Interpretation. Maschas Tod aber brauchte keinen Grund und keinen Zusammenhang.