Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch im Spannungsfeld von Oralität und Literalität

“Ich konnt’s nicht ändern, aber es änderte mich.”

 

Magisterarbeit aus dem Jahr 1995 im Fachbereich Germanistik – Neuere Deutsche Literatur, Note: 1, Universität Bremen. Erhältlich als E-Book (EUR 17,99) und als Taschenbuch (25,99).

  • ISBN-10: 3640863380
  • ISBN-13: 978-3640863389

 

In meiner Magisterarbeit aus dem Jahre 1995 analysiere ich eines der berühmtesten Werke des deutschen Barock: den Simplicissimus von Grimmelshausen. Ausgehend von Theorien zu Oralität und Literalität zeige ich, wie der gesamte Roman vom Thema der “Verschriftlichung der Welt” durchzogen ist. Meiner Ansicht nach ist der Hauptcharakter, der Simplicio, letztlich eine Figur, an der Grimmelshausen uns diesen Prozess nachvollziehen lässt. Denn aus dem illiteraten Jungen, der sich nach und nach als vernunftbegabtes Wesen zu deuten versteht, wird unter Anleitung eines gelehrten Mönchs ein Schriftgelehrter, der sich auf die Technik versteht, schwarze Linien und Buchstaben zu deuten, und schließlich ein Schriftgelehrter, der sich seinen Zeitgenossen gegenüber als überlegen dünkt.

In der vorliegenden Arbeit zeichne ich diesen Weg nach. Es war mir zudem ein Anliegen, nachzuweisen, dass es der Literaturgeschichte immer noch an einem Ansatz fehlt, sich selbst und die eigenen Bedingungen des Verständnisses und der Entstehung von Literatur zu begreifen und zu untersuchen.

Zu den Bedingungen, aus denen Literatur entsteht, gehören nämlich nicht allein Gegenstände des Gebrauchs, die für die literarische Produktion unablässig sind. Literatur entsteht zudem innerhalb eines mentalen Raumes, der durch die von diesen Dingen evozierten Vorstellungen und Arten des Gebrauchs erst hergestellt wird.

Der mentale Raum des Barockzeitalters ist wesentlich vom Übergang zur Schrift- und Buchkultur geprägt. Wie sich dies auf die Figur des Simplicio auswirkt, wie der Roman davon strukturiert wird und welche Erkenntnisse sich umgekehrt daraus für das Verständnis  dieses Übergangs ableiten lassen, danach frage ich in meinerAnalyse.

 

Mit der These, dass Grimmelshausen den Simplicissimus zu einem exemplarischen Vertreter seiner Zeit werden lässt, der sich vom Illiteraten zum hochnäsigen Schriftgelehrten entwickelt, widerspreche ich zudem entschieden der Annahme Egon Cohns, der über den Roman urteilte:

Nichts von dem, was die Zeit erforderte, fand sich im Simplicissius, gleich äußerlich nichts. Diese sorglos ungepflegte Sprache, die sich nicht bändigen ließ, mußte abstoßen. Zur Schaffung eines einheitlichen Sprachstils hat Grimmelshausen nichts beigetragen, all diesen Bestrebungen stand er durch sein Werk ablehnend gegenüber.”

Aus meiner Sicht erfordert Cohns bissige Anmerkung also eine leichte Veränderung: Zur Schaffung eines einheitlichen Sprachstils wollte Grimmeslhausen nichts beitragen. Die Erfordernisse der Zeit zu erfüllen, klag ihm ebenso fern, wie dem nachzukommen, was der Roman-Idealist Cohn für die dringlichste Aufgabe dieser Gattung hält: Ordnung, Einordnung, Unterordnung zum Ausdruck zu bringen. Grimmelshausen setzte diesen “Erfordernissen” ein Exempel gegenüber, das seinen Leser zur Unordnung beruft.

So widersprüchlich und inkonsequent die Figur des Simplicio von Grimmelshausen gezeichnet wird, so sprunghaft überwindet sie einen Weg, dem ich als dem Weg eines “literarisierten Laien” nachgehe. In dem Exempel, das Grimmelshausen liefert, fügt er die Ereignisse mehrerer Jahrhunderte Schriftgeschichte in einer Person zusammen.

Insofern ist der Simplicio “Träger fertiger Erkenntnisse” (Domagalla), Träger zersplitterter Erkenntnisse, Figur der Unbeständigkeit, deren Charakter sich dem Exemplarischen beugen muss, das ihn vom simplen Erwerb der Techniken des Literalisierten bis zum höchsten Grad der Anwendung dieser Techniken führt. Hilfsmittel ist ihm ein beständig anwachsender Fundus literarischer Vorbilder, auf die er zurückgreift, das eigene Sein und Handeln zu begründen.

 

INHALTSANGABE

  • Einleitung
  • Theorien zu Oralität und Literalität
  • Autor, Werk, Zeit
  • Stationen der Literalisierung: der Beginn
  • Technologisierung des Denkens
  • Das neue Sprachbewusstsein
  • Das Pfingsten des Teutschen Michel
  • Genus: Sabina und Hans
  • Die Büchse der Pandora – Verschriftlichung total
  • Die Continuatio als Lese-Anweisung
  • Summa Summarum
  • Nachbemerkung
  • Literaturverzeichnis

 

Die Arbeit ist im grin-Verlag erschienen und wird bis 2021 auch noch über den Verlag käuflich sein; als E-Book für EUR 25,99  und als Taschenbuch für EUR 34,99.

Eine ausführlichere Leseprobe findet sich hier.

 

Einen ersten Eindruck und weitere Lesetipps zu Theorien von Oralität und Literalität (mit Blick auf die Gegenwart) erhaltet ihr in meinem Blogbeitrag “Von der Verschriftlichung der Welt zu ihrer Codierung“, den ihr gern auch als PDF herunterladen könnt.