Kapitel 12: Die Delegation

Finnya war einige Tage zu ihrer Familie nach Ladenburg gefahren und Alexander wollte die Zeit nutzen, um sich intensiv mit der technischen Abteilung über die Umsetzung der eNeogaze auszutauschen. Er wusste bereits, dass der entscheidende Schritt gelungen war, die bisherige Technologie auf Kontaktlinsen zu übertragen.

Darüber hinaus war es mittlerweile möglich, zwischen drei Modi zu wählen. Die Träger der Kontaktlinsen konnten entweder im VR-Modus Spiele spielen, im Empathy-Modus fremde Welten erleben oder – und das war die tatsächliche Sensation – per Gedankenkraft und Sprach-steuerung eigene Bildwelten erzeugen.

Mit Jan und Marvin hatte Alexander bereits darüber gesprochen, dass er mit den Jugendlichen an der Perfektionierung der eNeogaze weiterarbeiten würde. Nun musste er das Team informieren, die nächsten Versuchsreihen planen und der Technikabteilung einen Besuch abstatten.

Außerdem hatte er von Maggy die Auflage erhalten, sie wöchentlich über die Fortschritte zu informieren – nicht ohne die Drohung, dass er, sollte er ein weiteres Mal eigenmächtig Versuche durchführen, mit seiner Entlassung zu rechnen hatte.

Überhaupt hatte sich die Stimmung zwischen ihnen deutlich verschlechtert, weshalb er froh war, dass sie sich seit einigen Tagen wieder auf einer China-Reise befand, auf der sie neue Aufträge einwerben wollte. Außerdem munkelte man, dass ein Joint Venture in Planung wäre, aber die offizielle Verlautbarung stand noch aus. Alexander wollte die Präsidentin eben anrufen, als sein Firmenhandy klingelte. Leicht genervt nahm er zur Kenntnis, dass sie ihm wieder einmal zuvorgekommen war.

„Was gibt’s, Maggy?“, fragte er, nachdem er mit einer präzisen Wischbewegung den Anruf angenommen hatte.

„Hi, Alexander“, antwortete sie. „Gut, dass ich dich erreiche, ich bin nämlich wieder im Lande und muss etwas Wichtiges mit dir besprechen. Am besten jetzt gleich in meinem Büro. Hast du Zeit?“

„Aber natürlich“, antwortete er, ohne nachzudenken, da sie eine andere Antwort ohnehin nicht akzeptiert hätte. „Verraten Sie mir, worum es geht?“

„Folgendes“, sagte sie, „wir erwarten morgen eine Delegation aus China. Außerdem habe ich noch einige Senatoren und andere Gäste eingeladen, es wird also ein wichtiger Tag für uns. Eigentlich sollte Marvin einen Vortrag über unser neues Projekt halten, aber er meinte, dass du der geeignetere Mann dafür bist. Du weißt ja, wie er ist, er hat seine Gefühle nicht unter Kontrolle, aber er kennt seine Grenzen. Außerdem kann es ja nicht schaden, wenn ein wenig von deinem und Finnyas sozialem Engagement auch auf NEOWORLDS abfärbt, oder?“

Alexander atmete tief durch. Wie naiv er gewesen war zu glauben, sie würde ihm blind vertrauen. Natürlich hatte sie ihn und Finnya überwachsen lassen. Natürlich war sie über jeden ihrer Schritte und Handlungen, sofern sie mit dem Unternehmen zu tun hatten, bestens informiert. 

„Was meinst du, Alexander, könntest du morgen Abend mit Finnya zum Empfang kommen? Und ein wenig über eure jüngsten Studienergebnisse berichten?“

„Natürlich kann ich das Maggy“, antwortete er. „Was Finnya angeht, ich weiß es nicht, sie ist gerade zu Besuch bei ihren Eltern. Aber ich meine, sie wollte heute Abend oder morgen früh zurückkommen.“

„Nanu?“, sagte sie, „du weißt es nicht genau? Habt ihr etwa Stress? However, komm doch bitte eben in mein Büro, dann können wir alles Weitere unter vier Augen besprechen.“

Alexander folgte ihrem Wunsch augenblicklich und fuhr mit dem Fahrstuhl zwei Etagen höher.

Jessika begrüßte ihn freundlich mit ihrem stets hübschen Lächeln und er fragte sich, warum er nicht mit ihr etwas angefangen hatte, statt sich auf die komplizierte Geschichte mit Finnya einzulassen.

„Ginger Ale?“, fragte Jessika ihn verschmitzt, denn er hatte ihr während der Sommerfeier von NEOWORLDS erzählt, warum er damals beim Bewerbungsgespräch nicht einfach nur nach seinem Lieblingsgetränk, einem sprudelnden Mineralwasser, gefragt hatte. Jessika hatte sich kaum wieder eingekriegt vor Lachen, als er gestand, er habe gedacht, dass sie ihn bereits testen sollte. „Du hast vielleicht eine blühende Fantasie“, hatte sie gesagt.

„Aber ich mag das. Ich mag dich, Alexander“, hatte sie hinzugefügt und war, leicht beschwipst, nah, sehr nah an ihn herangetreten. Er hätte es einfach geschehen lassen können. Aber Jessika war zu klug und eine Liaison war gewiss nicht das, was sie sich erhoffte.

„Schon klar, Alexander“, hatte sie gesagt. „Finnya mag ich natürlich auch.“ Dann hatte sie gelacht und nie wieder den Versuch unternommen, sich ihm anders als kollegial zu nähern. Dennoch hatte sich eine Art herzlicher Komplizenschaft zwischen ihnen entwickelt.

„Bitteschön“, sagte sie jetzt, „einmal Ginger Ale ohne Ginger“ und stellte ein Glas Wasser vor ihm auf den Tisch. Doch bevor er danach greifen konnte, tat sich die Tür zum Büro der Präsidentin auf und diese forderte ihn auf, hereinzukommen.

Alexander trat in das penibel aufgeräumte Büro ein, in dem lediglich der stets frische Blumenstrauß und die mit Nüssen und Obst gefüllten Schälchen einen Hinweis darauf gaben, dass hier eine Frau das Regiment führte. An der Wand gegenüber ihrem Schreibtisch hing ein neuer Bilderrahmen, darin die filigrane Zeichnung eines Drachens, unter dem geschrieben stand:

 

„Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So wird dir Ärger erspart bleiben.“

 

Die Präsidentin folgte seinem Blick. „Ein Geschenk unserer neuen Geschäftspartner“, erklärte sie. „Aber setz dich doch erst einmal.“

Alexander nahm am Konferenztisch Platz, an dem er zum letzten Mal bei seinem Bewerbungsgespräch gesessen hatte. Es fühlte sich an, als sei das alles Jahre her, dabei waren es nur wenige Monate.

„So“, sagte die Präsidentin, nachdem sie ihm höchstpersönlich ein Glas Mineralwasser eingeschenkt hatte, „nun zum Eingemachten. Also, wie gesagt, morgen trifft die Delegation aus China ein und wir werden in den kommenden Tagen über das geplante Joint Venture verhandeln. Verlaufen die Gespräche positiv, bedeutet das, dass wir unsere Auftragslage um etwa 70 Prozent steigern können. Anfänglich. Denn unsere Geschäftspartner sind daran beteiligt, das neue Kreditsystem in China zu entwickeln und umzusetzen und benötigen dafür dringend unsere Hilfe. Du hast doch sicher schon davon gehört?“

„Ja, klar“, sagte Alexander. „Allerdings habe ich das nur am Rande verfolgt. Eine Art Punkte-system für sozial erwünschtes Verhalten, oder?“

„Ein großartiges Projekt in Sachen Glaubwürdigkeit und soziale Verantwortung, das genau zu unseren Ideen passt, Alexander. Stell dir nur vor, ein ganzes Land wird erzogen, zum Guten, zum Harmonischen, zur konfuzianischen Weisheit. Und das alles wird möglich durch Technologien, wie wir sie schaffen.

Die Chinesen sind begeistert von unseren Ideen zur eNeogaze und würden sich in vielfältiger Weise an deren Entwicklung beteiligen. Auch Probanden könnten wir in China natürlich ohne Ende gewinnen. Die Menschen dort sind den neuen Technologien gegenüber ja um ein Vielfaches aufgeschlossener als die Angsthasen hierzulande“, schwärmte sie.

„Die Frage ist nur, wie weit sind wir, was haben wir bereits anzubieten? Und genau dazu hätte ich gern einen Vortrag von dir, Alexander.“

„Naja, Maggy“, wagte Alexander einen Einwand, „ob dieses Social Scoring in der geplanten Form umsetzbar sein wird, sei mal dahingestellt. Aber Sie haben Recht, von der Idee her ähneln sich unsere Ziele und Motive. Wäre bei uns allerdings undenkbar, das so durchzuführen, stellen Sie sich nur vor, welchen Aufschrei das gäbe, wenn wir das gesamte Land mit Überwachungstechnologie überziehen.“

„Aber eben darauf können und wollen wir ja gut und gerne verzichten, nicht wahr, Alexander? Unser Vorteil ist doch ganz klar, dass wir auf Freiwilligkeit und den hohen Nutzen für die Gesellschaft setzen. Wir strafen nicht, wir therapieren, und das kommt allen zugute. Ich sehe hier aber ein enormes Potenzial für die neue eNeogaze. Also, was meinst du, könntest du uns bis morgen noch einen kleinen Vortrag vorbereiten?“

„Lässt sich machen, Maggy“, sagte Alexander. „Ich wollte ohnehin noch mit Ihnen …“, aber sie fiel ihm ins Wort.

„Alles gut, Alexander. Ich denke, du hast dich, was die Arbeit mit den Jugendlichen angeht, in eine fixe Idee verrannt. Es sind nicht unsere Technologien, die sie zu Übeltätern machen, es sind unsere Technologien, die sie heilen und von ihren schlechten Bedingungen befreien werden. Darauf müssen wir uns fokussieren. Und das solltest du dann morgen auch berichten.

Denke nur bitte daran, dass auch einige wichtige Politiker anwesend sein werden. Und erweise dich in Zukunft wieder als genau so ehrlich und loyal, wie wir dich bisher kannten. Dann vergessen wir den kleinen Vorfall neulich einfach, Deal?“

„Deal“, erwiderte Alexander erleichtert.

„Super, dann wäre ja alles geklärt. Morgen 20:00 Uhr im Festsaal von NEOWORLDS, in Ordnung? Aber bitte kein Asian Style, sondern europäische Businesskleidung. Ich werde für Finnya etwas besorgen lassen. Danke, Alexander!“

Typisch Maggy. Bevor er noch etwas sagen konnte, war sie aufgestanden und hatte ihm damit angezeigt, dass das Gespräch beendet war. Trotz des Geredes über den bei NEOWORLDS vorherrschenden Teamgeist, war das Gefälle klar erkennbar, schon an dem Umstand, dass sie all ihre Mitarbeiter duzte, es aber nur wenigen Auserwählten erlaubte, auch sie zu duzen. Alexander gehörte nicht dazu. Also verabschiedete er sich brav und versuchte die Frage, woher sie Finnyas bevorzugten Freizeitstil kannte, zu vergessen. 

Morgen 20:00 Uhr wichtiger Empfang bei  NEO, müs-sen beide hin, tippte er in sein Smartphone und wollte eben noch du Buffet, ich Vortrag über SS in China hinzufügen, als ihm auffiel, dass es wohl reichlich missverständlich sein könnte, diese Abkürzung für das Social Scoring zu verwenden.

Wie gern er jetzt mit Finnya gesprochen hätte, wie sehr er sie vermisste. Aber so weit war er noch lange nicht, dass er es ertragen könnte, ihren Eltern als möglicher Schwiegersohn präsentiert zu werden.

Alexander schnappte sich ein paar Unterlagen und verließ das Gebäude von NEOWORLDS. Draußen wehte wie so oft eine steife Brise, was zu den besonderen Vorzügen der Stadt an der Weser gehörte, denn der kühle Nordwind sorgte dafür, dass auch ein trübseliger Mensch rasch auf neue Gedanken kam.

Nach wenigen Schritten hatte er dann tatsächlich schon die erste Idee, wie er den Vortrag beginnen würde. Im Laufschritt erklomm er die Stufen zu seinem Appartement, schaltete in der Wohnung als Erstes den Laptop an und tippte „der große Diktator“ in die Suchmaschinenleiste ein. Er war sich sicher, seine Rede würde ein großer Erfolg werden und er freute sich schon jetzt auf Finnyas überraschtes Gesicht, wenn er aus ihrem Lieblingsfilm zitieren würde.

 

Die Delegation bestand aus zwei Mitgliedern der Kommunistischen Partei Chinas, drei Vertretern chinesischer Unternehmen und einem ranghohen Angehörigen der Volksbefreiungsarmee. Außerdem hatte die Präsidentin verschiedene Vertreter aus den USA sowie den amtierenden Bürgermeister von Bremen und dessen Stellvertreterin eingeladen und natürlich nahm auch der innere Zirkel von NEOWORLDS daran teil. Die Presse war zunächst ausgeschlossen, sollte aber wenig später zu einem weiteren Empfang geladen werden.

Alexander hatte entschieden, die rein technologischen Fragen in den Hintergrund zu stellen, er wollte vor allem über ihre Motivation sprechen, die Neogaze Empathy zu entwickeln, und natürlich über die Chancen, die sich daraus für die gesamte Gesellschaft ergaben, denn er hoffte, so am ehesten Zugang zur Gunst der chinesischen Delegation zu finden.

Zu Beginn zeigte er dem interessierten Publikum die neuen grünen Kontaktlinsen, die mit einem winzigen Sensor ausgestattet waren. Sobald ein Proband diese einsetzte, erklärte er, war es möglich, ihn in eine virtuelle Realität zu versetzen, die entweder vom Empathie-Modus oder von seinen eigenen Wünschen erzeugt wurde. Dazu musste er lediglich in ein winziges Mikrofon sprechen, das mit einer Spracherkennungssoftware verbunden war. Schon bald würde aber auch das überflüssig sein, weil ein Brain-Machine-Interface es möglich machen würde, dass sich Gedanken direkt in Bilder umsetzen ließen.

Vielfältige Szenarien seien denkbar, führte er dem verblüfften Publikum dann weiter aus, so könne man, um beispielsweise einen Straftäter zu therapieren, diesen Empathie mit seinen Opfern empfinden lehren. Auch sei es möglich, Wünsche im Probanden auszulösen, beispielsweise den, die armen kranken Eltern mal wieder zu besuchen, ein Aspekt, der besonders die chinesische Delegation begeisterte. Zwar sei das System technisch noch nicht vollständig ausgereift, aber dessen Vollendung zum Greifen nah.

„Wir sind bereits in der Lage, über Lichtreflek-tionen Komponenten zu erzeugen, aus denen sich per Gedankenstrom und Augenenergie Bilder formen lassen. Auch fehlende oder verdrängte Informationen lassen sich durch eine Manipulation der Hirnströme leicht ergänzen, sodass sie vom Probanden selbst erzeugt werden. Doch bevor wir uns mit der weiteren Optimierung der Technik befassen, sollten wir unsere Ziele und Motive ergründen. Und dazu ist absolute Ehrlichkeit geboten.

Denn zu den Ergebnissen, die wir über umfangreiche Versuchsreihen bisher erzielt haben, gehört auch folgende Erkenntnis: Die Menschheit steht heute an einem Scheideweg und daran sind wir nicht ganz unbeteiligt. Wir befinden uns aktuell in einem Stadium, das von zunehmender sozialer Kälte, von Egoismus, Moralverlust und Seelenlosigkeit bestimmt wird.“

Alexander machte eine kleine Pause, damit der Dolmetscher übersetzen konnte und fuhr dann fort:

„Wir müssen daher zunächst konstatieren: Wir haben durch den jahrzehntelangen törichten Umgang mit audiovisuellen Technologien den Kontakt zwischen Sehen und Fühlen zerstört. Statt die Wirkungen dieser Medien zu kontrollieren, haben wir rein gewinnorientiert gearbeitet. Damit muss jetzt Schluss sein, wenn wir wirklich etwas für den Frieden und das Gemeinwohl tun wollen.

Statt wie bisher Gaffer und empfindungslose Zuschauer zu produzieren, greifen wir jetzt aktiv in die Evolution des Sehens ein. Wir von    NEOWORLDS nehmen die Herausforderung dieses Jahrhunderts an. Wir setzen um, was schon der große Chaplin einst in seiner visionären Rede vorwegnahm. Wir werden weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer wir können.

Den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir sollten am Glück des anderen teilhaben und nicht einander verabscheuen. Hass und Verachtung bringen uns niemals näher‘“, zitierte er sodann Chaplins großartige Rede aus dem Gedächtnis.

„Die Neogaze Empathy wird dazu beitragen, dass wir Hass und Verachtung überwinden. Wir werden nicht allein in der Lage sein, Menschen neu sehen zu lernen. Wir werden auch in der Lage sein, Wahrnehmung und Fühlen so zu beeinflussen, dass jeder, der unsere Technologien nutzt, unfähig wird, zu hassen oder anderen Menschen etwas Böses anzutun.

Denn ‚zuerst kommt die Menschlichkeit und dann erst die Maschinen‘. Wir von NEOWORLDS haben das verstanden. Und wir garantieren:  Das Zeitalter des Wassermanns wird kommen, wenn wir gemeinsam daran arbeiten, es zu verwirklichen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“

Alexander hatte es genossen, dass etwa fünfzig Augenpaare während seines Vortrags an seinen Lippen hingen. Nun freute er sich über den tosenden Applaus. Stolz blickte er zu Finnya, die in der dritten Reihe saß und die ihm zu Beginn seiner Rede ermutigende Blicke zugeworfen hatte.

Deren Stimmung aber hatte sich, sobald Alexander die Worte aus ihrem Lieblingsfilm zitierte, komplett geändert. Fassungslos und von großer Wut ergriffen starrte sie ihn an. Alexander konnte sich nicht erinnern, jemals einen solchen Blick an ihr gesehen zu haben.

Doch er verstand nicht, was ihn ausgelöst hatte. Nur für sie hatte er doch Chaplins Worte verwendet, für sie, mit der er den Film bereits zweimal hatte schauen müssen.

Erschrocken sah er zu, wie Finnya aufstand, bevor der Applaus ganz abgeebbt war. Vergessen der große Triumph, jetzt fühlte er sich wie ein Bettler, der eine kleine milde Gabe erwartet und Schläge erhalten hatte. Gern wäre er von der Bühne gestiegen, um Finnya zu folgen, doch Margarethe York, die registrierte, was geschah, auch wenn sie den Sinn nicht verstand, kam dem zuvor, setzte sich in Szene, indem sie zu Alexander auf die Bühne ging, ihm ein Küsschen auf die Wange gab, ihn wie eine liebende Mutter kurz betrachtete und sich schließlich scheinbar gerührt ihren Gästen zuwandte. 

„Ist er nicht ein Schatz?“, hauchte sie ins Mikrofon. Das Publikum lachte.

„Und nicht nur das“, fuhr sie mit einem schelmischen Gesichtsausdruck fort, „er ist auch noch klug. Ein vom Guten beseelter Idealist, so einen wünscht man sich doch als Schwiegersohn. Und wenn das nicht geht, dann doch wenigstens als Mitarbeiter. Danke Alexander, vielen, vielen Dank. Aber nun zu Ihnen, liebe Gäste. Haben Sie Fragen?“

Mehr als ein Dutzend Hände fuhren in die Luft. Alexander blickte zu Finnya, die sogar in dem hässlichen grün-weißen CI-Kostüm, das Maggy ihr hatte besorgen lassen, wunderschön aussah. Zwar war sie zunächst wütend gewesen, dass Maggy ihr Aufgaben zuteilte, die mit ihrer eigentlichen Tätigkeit im Unternehmen so rein gar nichts zu tun hatten, aber Alexander hatte sie überzeugen können, dass niemand an ihrer Qualifikation zweifelte, dass es einzig darum ging, den Abend zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Während des Empfangs, der seiner Rede vorausgegangen war, war sie dann wie eine Feder zwischen den Gästen herumgeschwebt, hatte Sektgläser überreicht und Small-Talk geführt und versucht, jedem das Gefühl zu geben, dass gerade er oder sie als Gast besonders willkommen war.

Immer wieder hatten sie heimliche Blicke getauscht, bis er das Chaplin-Zitat brachte. Nun stand sie steif neben einem Vertreter der US-Regierung, der ununterbrochen auf sie einredete. Er wusste, sie fühlte seine Blicke im Nacken, aber sie drehte sich nicht mehr zu ihm um. 

Und noch etwas beunruhigte ihn. Als er sie am Morgen vom Bahnhof abgeholt hatte, hatte sie unglücklich und angespannt gewirkt, auf seine Fragen aber nur ausweichend geantwortet. Er war sicher, dass sie ihm irgendetwas verschwieg, hätte sich aber lieber die Zunge herausgerissen, als sie weiter danach zu fragen. Stattdessen hatten dunkle Gedanken und Vorahnungen von ihm Besitz ergriffen. Vielleicht war sie gar nicht allein bei ihren Eltern gewesen? Was wusste er überhaupt von ihrem Vorleben, von ihren Beziehungen in Ladenburg oder Heidelberg, von einem Lover, der dort vielleicht noch sehnsüchtig auf ihre Rückkehr wartete?

„Herr Alexander“, fragte der Sprecher der chinesischen Delegation und holte ihn damit aus seinen Gedanken zurück, „Sie sagen, es gebe einen Zusammenhang zwischen Voraussicht als einer mentalen Fähigkeit und der Art, wie wir sehen. Mir wurde jedoch nicht klar, worin dieser Zusammenhang bestehen soll, könnten Sie diesen Gedanken noch weiter ausführen?“ 

„In der Tat“, sagte Alexander, „besteht hier ein wichtiger Zusammenhang. Dieser wird klar, wenn Sie sich verdeutlichen, wie das menschliche Gehirn zu Voraussagen über die nahe Zukunft gelangt. Ein Zusammenhang, den übrigens auch der Evolutionsneurobiologe Mark Changizi bereits herausgearbeitet hat.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf dem Tennisplatz und müssen einen Schlag parieren. Das gelingt Ihnen nur, wenn Ihr Hirn blitzschnell die Flugbahn des Tennisballs berechnen oder besser gesagt vorhersehen kann. Je mehr Erfahrung Sie mit der Situation haben, desto besser können Sie Vorhersagen treffen und desto größer ist die Chance, dass Sie das Match gewinnen. Ihr Wissen und Können und damit Ihr Erfolg sind also immer das Ergebnis von Training und Erfahrung.

Und nun schlagen wir die Brücke. Wenn Sie beim Tennisspielen vorausschauendes Sehen einüben, wirkt sich das auch auf andere Bereiche Ihres Lebens aus. Bis hin zu Ihren sozialen Beziehungen und ohne, dass Sie sich dessen bewusst sein müssen. Doch es lässt sich auch ein Umkehrschluss ziehen.

Wenn Sie statt Ihrer Augen und Ihres kleinen Rechenzentrums im Kopf eine Technologie verwenden, die Ihnen anzeigt, wo der Ball aufkommen wird, sind Sie zwar schneller, nicht aber besser. Denn Sie verlieren die Fähigkeit, das, was Sie sehen, mit Ihren Reaktionsmustern zu verbinden.“

Alexander bemerkte, dass die Zuhörer zunehmend unruhig wurden. Er wusste selbst, dass er sich auf ein hoch kompliziertes Terrain begeben hatte, das sich nicht mal eben in wenigen Minuten erklären ließ.

„Ich weiß“, sagte er daher, „es ist nicht leicht, sich das vorzustellen. Aber ich kann Ihnen versichern, wir stehen direkt vor dem Durchbruch. Und wir werden ja auch in den kommenden Tagen noch ausreichend Zeit haben, alles im Detail zu besprechen.“

„Ganz genau“, kam ihm die Präsidentin zur Hilfe. „Deshalb schlage ich vor, dass wir jetzt erst einmal weitere Fragen sammeln.“

Einer der US-Vertreter meldete sich zu Wort. „Sie kennen sicher die Ergebnisse, zu denen Forscher der Columbia University gelangt sind? Dort konnte man bisher nicht nachweisen, dass sich das Eintauchen in eine virtuelle Realität stärker auf die Empathiefähigkeit auswirkt als beispielsweise das Abspielen von Filmen.

Davon abgesehen ist immersives Reporting nicht gerade neu“, fügte er hinzu, „wir praktizieren das schon seit Längerem, indem wir Menschen nachempfinden lassen, was es bedeutet, ein Schwarzer zu sein. Oder ein Jude.“

Bildete Alexander sich das nur ein oder vernahm er ein kaltes Lächeln in seinem ansonsten ausdruckslosen Gesicht?

„Wir konnten aber bisher nicht feststellen, dass wir damit Menschen erreichen, die nicht von sich aus schon ein hohes Maß an Empathie mitbringen oder sich mit diesen Dingen befasst haben.“

„Ja“, sagte Alexander, „ich kenne die Studienergebnisse. Ich kann Ihnen auch hier versichern, dass wir eigene Studien dazu durchgeführt haben und diese fortsetzen werden. Und genau hier kommt zum Tragen, was ich über den Eigenantrieb und über den Sehstrahl gesagt habe.

Natürlich werden Sie keine zufriedenstellenden Resultate erzielen, wenn Sie einem Nazi oder einem Gewalttäter eine Brille aufsetzen und ihm ein paar Bilder zeigen, die Mitleid in ihm auslösen sollen. Jeder von uns sieht seit Jahrzehnten Bilder von hungernden Kindern in Afrika über den Bildschirm flackern. Brechen wir deshalb auf, um ihnen zu helfen?

Die innere Bewegung, die Sie initiieren wollen, muss vom Probanden selbst ausgehen. Sie müssen ihn nicht lehren, was er sehen soll, sondern wie. Und es muss zu einer echten Berührung zwischen dem Auge und dem Inhalt der Wahrnehmung kommen. Nur dann findet Veränderung statt. 

Diese Berührung entfällt normalerweise, sobald Sie Dinge auf einem Bildschirm betrachten oder ein Objektiv zwischen sich und das Objekt, das Sie anschauen, schieben. Blicken Sie in die Augen Ihrer Frau oder Freundin, schaut sie zurück. Betrachten Sie ein Foto oder einen Bildschirm, prallt Ihr Blick ab.

Falls Sie dennoch „oh, wie süß“ denken, wenn Sie ein Katzenvideo schauen, geschieht dies, weil Sie wiedererkennen, was Sie sehen und sich an gespeicherte Gefühls- oder auch Sinnesinformationen erinnern. Ebenso verhält es sich, wenn Sie ein Foto betrachten. Was Sie sehen, ist Teil Ihrer Erinnerung. Deshalb sind ja die Dia-Abende von Onkel Hans oder von den Nachbarn immer so verdammt langweilig, uns fehlt die innerliche Verbindung zu den Bildern, wie sehen nichts als Daten.

In Zukunft werden wir daher Technologien entwickeln, die dieses Berührtwerden neu implizieren und qualitativ hochwertige Gefühlsregungen abspeichern. Außerdem digitalisieren wir nicht das, was gesehen werden soll, wir wenden uns dem Sehen selbst zu, simulieren den Prozess und geben diesen als Handlungsmöglichkeit an unsere Probanden zurück.

Und weil wir uns hier auf einen neuen Weg begeben haben, weil wir nicht allein die Technologie, sondern den Betrachter selbst in unsere Entwicklung einbeziehen, kommen wir zu anderen Ergebnissen als die geschätzten Kollegen in den USA. Allerdings müssen hier noch weitere Studien folgen, bevor wir tatsächlich in die Produktion einsteigen können.“

„Aber“, meldete der Bürgermeister sich zu Wort, „wie wollen Sie überhaupt die Menschen dazu bringen, sich Ihrem Experiment anzuschließen und sich quasi umerziehen zu lassen? Ich meine, Sie sagen, Sie wollen die Menschen neu sehen lernen, richtig? Wie wollen Sie dafür Akzeptanz gewinnen?“

Alexander betätigte eine Fernbedienung und auf dem Beamer erschien ein altertümlich ausstaffierter Mensch, der in einem frisch gedruckten Buch las.

„Was würden Sie denken, wenn ich Ihnen sage, dass es dieser Mensch des 16. Jahrhunderts ist, der gerade neu sehen lernt?“

Der Bürgermeister sah ihn verständnislos an.

„Nun, Sie sehen vermutlich einen Menschen, der in einem Buch liest. Ich sehe einen Menschen, der lernt, Buchstaben zu entziffern, schwarze Linien, die ihm die Welt erklären. Er lernt, die Wirklichkeit zu lesen, statt sie unmittelbar wahrzunehmen.

Und was sehen Sie hier?“, fragte er, als das nächste Bild erschien, das einen amerikanischen Ureinwohner zeigte, der irritiert auf eine Fotografie schaute.

„Sie sehen einen Menschen, der überzeugt ist, dass ihm gerade die Seele geraubt wurde. Aus dem einzigen Grund, weil er nicht gelernt hat, sich selbst auf einem Foto zu erkennen. Er sieht nicht sich, sondern allenfalls Schatten und Licht, Umrisse, und deutet dies als Aufnahme von seiner Seele. Wobei“, unterbrach er sich selbst, denn ihm war dieser Gedanke gerade erst gekommen, „vielleicht sieht er auch seine Seele? Woher wollen wir das wissen?

Fakt ist, dass es sich schon immer so verhielt, dass Menschen nicht einfach sehen, sondern sehen lernen. Die Entwicklung, die wir in Gang bringen, ist so neu also nicht. Neu ist nur, dass wir nicht auf die Ergebnisse der Evolution warten, sondern sie selbst in unserem Sinne steuern werden. Und dass wir keine Elite herausbilden, sondern eine massentaugliche Technologie verwenden, die es uns ermöglicht, wirklich alle Menschen mitzunehmen.“

„Aber“, fiel der Bürgermeister ihm aufgeregt ins Wort, „ist das nicht alles zu konstruiert? Ich meine, das, was ich sehe, ist doch existent, also kann es doch nicht allein am Lernen liegen, dass ich es wahrnehme. Und letztlich sind es doch immer die sozialen Verhältnisse, die entscheiden, wie wir werden, wer wir sind.“

„Wenn Sie am PC einen Ordner öffnen, ist der dann existent?“, fragte Alexander. „Oder ist es nicht viel mehr so, dass Sie glauben, einen Ordner zu öffnen, in Wirklichkeit aber gar nicht wissen, was Sie da eigentlich tun, weil Sie weder vom Programmieren noch vom Code etwas verstehen?

Natürlich gibt es da etwas, das existent ist. Dennoch gilt, wir alle würden gar nichts sehen, hätten wir nicht gelernt, Dinge wahrzunehmen, auf eine Weise, wie sie zu unserem Leben passt. Wir unterscheiden uns von unseren Vorfahren also schon jetzt nicht nur darin, was wir sehen, sondern auch darin, wie wir es tun.

Nehmen Sie als weiteres Beispiel die Ultraschall-Aufnahmen aus dem Bauch einer Schwangeren.“ Alexander rief das passende Bild auf.

„Anfänglich konnte niemand etwas darauf erkennen. Heute werden die Bildchen ins Poesiealbum geklebt und alle sind sicher, den Nachwuchs darauf zu erblicken. Aus dem einzigen Grund, weil wir gelernt haben, diese Information zu sehen. Und genau daran werden wir mit der Neogaze Empathy anknüpfen.

Auf dem Weg vom Neandertaler zu ihr“ – er rief das nächste Bild auf, das ein junges Mädchen mit VR-Brille zeigte – „hat sich unsere Wahrnehmung bereits komplett verändert. Und sie wird es weiter tun.

Natürlich nicht von heute auf morgen. Aber in einigen Jahren. Oder lassen Sie es meinetwegen ein Jahrhundert sein. Wir sollten nicht kleinlich sein in diesen Dingen, sondern großmütig. Was wir nicht für uns schaffen, schaffen wir doch zumindest“, er räusperte sich, „für unsere Kinder und Kindeskinder.

Was also die Motivation angeht, sich daran zu beteiligen, nun, da bin ich ohne Sorge. Wir haben bereits einige Probanden gewinnen können, mit denen wir in den kommenden Wochen in die Endrunde gehen.

Lassen Sie es mich so sagen: Es sind Menschen, die Sie und ich nicht als Nachbarn haben wollen. Aber wir geben ihnen eine Chance, sich zu integrieren, sich zu ändern und therapieren zu lassen. Wir helfen ihnen, zu anerkannten Mitgliedern dieser Gesellschaft zu werden, ganz ohne Zwang oder Überwachungstechnologie. Wir praktizieren damit bereits auf freiwilliger Basis, was die chinesische Regierung für das gesamte Volk, dem sie sich verbunden fühlt, plant.

Gelingt es uns, unsere Ziele zu erreichen, wird davon ein Sog ausgehen, wie die Welt ihn noch nicht erlebt hat. Auf Dauer wird sich dem niemand entziehen können. Denn – und das sage ich ohne Bedauern –  wir alle wissen auch: Neue Technologien haben sich noch nie als Demokraten erwiesen. Oder kennen Sie noch jemanden, der auf den Computer verzichten kann? Wir müssen also keinen Zwang anwenden, wir müssen lediglich den Stein ins Rollen bringen und Tatsachen schaffen.“

Alexander konnte sehen, dass der Bürgermeister kein Wort verstand und ihn wohl für verrückt hielt. Aber er gab sich mit der Antwort zufrieden, sodass Alexander eine weitere Frage eines Mitglieds der US Army entgegennehmen konnte.

„Okay“, begann er, „Alexander, stellen wir uns vor, Sie hätten recht, und es gelingt Ihnen, mithilfe Ihrer Technologie eine durch und durch gewaltfreie Menschheit zu schaffen. Vorausschauende, empathische, friedliebende Menschen, die sich vielleicht sogar ihre eigene Traumwelt visualisieren können.

Lassen wir mal die Frage außen vor, woher diese Menschen Nahrung und all das andere Zeug bekommen, das sie benötigen. Fragen wir stattdessen, was geschieht, wenn wir irgendwann feststellen, dass wir doch nicht allein im All sind und von Bewohnern fremder Planeten angegriffen werden? Oder wie sieht es im Umgang mit Tieren aus? Oder vielleicht haben Menschen überlebt, die von dieser Technologie nicht verändert wurden?

Wäre es nicht erforderlich, eine Art Reservearmee zu erhalten, die uns im Notfall verteidigen könnte? Benötigt eine Gesellschaft nicht ein gewisses Maß an Aggression und Kampfbereitschaft, um überleben zu können?“

„Nun“, entgegnete Alexander, „Sie greifen sehr weit voraus. Natürlich sind solche Szenarien denkbar, aber bisher sehen wir keinen Anlass zur Sorge. Im Gegenteil. Wir gehen davon aus, dass eine empathische Menschheit auch ein völlig neues Potenzial entfalten wird, um sich selbst friedlich zu erhalten.

Was Nahrung und Grundbedarf anbelangt – wir diskutieren ja bereits über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Damit könnten zugleich die erforderlichen Anschaffungen finanziert werden.

Und wenn Sie Ihre Realität gestalten können, wie es Ihnen beliebt, dann ist es ziemlich egal, ob Sie in einer Zweizimmer-Sozialbauwohnung leben oder in einem Schloss. In einer Zweizimmer-Wohnung müssen Sie wenigstens nicht so viel aufräumen und umherlaufen.

Sehen Sie sich zudem an, was auf dem Gebiet der Nahrungsmittelproduktion bereits heute möglich ist. Schon in wenigen Jahren werden wir unser Essen aus dem 3D-Drucker erhalten, ohne dass dafür ein einziges Tier sterben muss.

Und welche Kräfte werden wir erst freisetzen, wenn es nirgendwo mehr Unterdrückung, Leid, Krieg und Gewalt gibt? Glauben Sie nicht auch, dass jeder Alien, der möglicherweise in feindlicher Absicht anreist, davon so beeindruckt sein wird, dass er sich lieber bei uns niederlassen wird, als uns zu bekämpfen?“ Einige Zuschauer lachten, pfiffen und spendeten ihm Applaus.

„Lassen Sie mich noch eines hinzufügen“, sprach Alexander ruhig weiter, obwohl er innerlich ungeduldig wurde.

„Letztlich verfolgen wir eine Vision, die über die aktuelle Entwicklung der Neogaze Empathy weit hinausgeht. Schon heute wissen wir aber, dass wir nicht umhin kommen, schnell zu handeln. Entweder wir lassen den Dingen ihren Lauf und die Menschheit verroht weiter. Oder aber wir steuern jetzt dieser Entwicklung entgegen. Aber,“ schloss er, denn Margarethe York hatte auf ihre Armbanduhr gedeutet, „lassen wir es für heute erst einmal dabei. Sie können mir ja in den kommenden Tagen auch in Einzelgesprächen noch Ihre Fragen stellen.

Halten wir zum Schluss daher nur Folgendes fest – und damit wende ich mich auch an Sie, verehrter Herr Bürgermeister, sehr verehrte Frau Bürgermeisterin: Wir von NEOWORLDS sind Ihnen bekannt als der Marktführer im Entertainmentbereich. Aber wir wollen mehr. Wir wollen und wir werden unseren Beitrag dazu leisten, dass diese Welt gerecht und friedlich wird und wir alle uns als eine große weltweite Community verstehen.

Um dieses Ziel zu erreichen, werden wir in naher Zukunft Hunderte von weiteren Arbeitsplätzen schaffen, hier in Bremen, in Ihrer bezaubernden Stadt. Wir hoffen daher sehr, dass Sie uns – trotz der zuweilen negativen Schlagzeilen, für die unsere Neider immer wieder sorgen – auch in Zukunft nach besten Kräften gewogen sein werden. Ich danke Ihnen.“

Die Zuschauer applaudierten ein weiteres Mal, bis die Präsidentin zum Mikrofon griff und den weiteren Programmverlauf bekanntgab.

„Herrschaften“, sagte sie, „lassen Sie uns einen ersten Schritt in Richtung Frieden und Bedürfnisbefriedigung wagen. Das Buffet ist eröffnet.“

Ein Tusch folgte, ein schwerer grüner Samtvorhang, der den Saal bis dahin geteilt hatte, öffnete sich und gab den Blick auf ein zauberhaft arrangiertes Buffet frei.

Finnyas aufdringlicher Gesprächspartner reichte ihr den Arm und wollte sie zu den reichlich beladenen Tischen führen, aber sie schüttelte den Kopf und verließ mit einer entschuldigenden Geste den Saal.

In ihrem Magen herrschte ein großer Tumult und sie hatte Sorge, dass sie es nicht mehr bis zum nächsten Hygieneraum, der zu einem der angrenzenden Großraumbüros gehörte, schaffen würde. Alexander, der gesehen hatte, dass etwas mit ihr nicht stimmte, war ihr hinterhergelaufen. Schon von Weitem hörte er, dass sie sich in eines der Büros zurückgezogen hatte, wo sie sich übergab.

Alexander hielt inne, denn ihm wurde mit einem Schlag klar, wie all seine Beobachtungen zu deuten waren. Ihr angespannter Ausdruck, das geheimnisvolle Tun, dabei diese besondere Blässe und Empfindlichkeit. Sie war nicht überarbeitet. Sie hatte auch keinen heimlichen Lover. Sie war schwanger.

Fassungslos bemerkte er, dass ihn diese Erkenntnis glücklich stimmte. Er kühlte seine Stirn am metallenen Türrahmen ab und versuchte, sich wieder in den Griff zu bekommen. Finnyas Magen schien sich ebenfalls zu beruhigen, er hörte die Spülung rauschen, dann wurde der Wasserhahn aufgedreht.

Sollte er auf sie warten und ihr auf den Kopf zusagen, was er vermutete? Seine Smartwatch leuchtete auf, man suchte bereits nach ihm. Er fasste nach dem Türgriff, berührte ihn aber nicht und machte sich dann eilends davon.

Während er den Gang entlangeilte, suchten seine Hände nervös nach seiner Brille. Er durfte sich auf gar keinen Fall von seinen Gefühlen überrumpeln lassen. Er hörte Finnya aus dem Büro kommen, doch sie konnte ihn nicht sehen. Rasch ging er zum Buffet und wurde sogleich von den Teilnehmern der Delegation umringt. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie Finnya sich bei Maggy abmeldete, die sich auf übertriebene Weise bei ihr bedankte. Traurig fuhr Finnya nach Hause, wo sie sich einen sanften Kamillentee zubereitete.

Bevor sie schlafen ging, nahm sie die Ultra-schallaufnahme aus der Handtasche. Es war nicht ihre Schuld gewesen, so viel stand fest. Aber nun waren die Dinge eben, wie sie waren. Sie würde es ihm sagen müssen, irgendwann. Behütend legte sie die Hand auf ihren Bauch und schlief ein.

Im Traum sah sie Lars auf sich zukommen, der versuchte, ihr das trägerlose Kleid herunterzureißen. Aber dieses Mal war sie gewappnet und konnte sich durch einen schnellen Griff nach ihrem Klappmesser verteidigen.

 

Kapitel 13: In der Kunsthalle

Alexander hatte beschlossen zu warten, bis Finnya von sich aus ihre Schwangerschaft ansprechen würde, aber sie behielt ihr Geheimnis – da war er sich mittlerweile sicher – für sich, was ihn ärgerlich stimmte, denn er empfand es als unfair.

Wenn sie wirklich schwanger war, von ihm schwanger war, und etwas anderes konnte er sich nicht vorstellen, hatte er das Recht, davon zu erfahren, denn auch sein Leben würde sich durch ein Kind fundamental verändern.

Eigentlich hatten sie an diesem Samstag über den gerade eröffneten Freimarkt schlendern wollen, aber er konnte sich nicht vorstellen, inmitten von Karussells und lauter Musik und zwischen tausenden von Besuchern neben ihr herzugehen und sich zu amüsieren. Daher sagte er die Verabredung per Nachricht kurzfristig ab und beschloss, in die Kunsthalle zu gehen, in der eine Sonderausstellung mit Werken aus dem lettischen Nationalmuseum präsentiert wurde, die ihn ohnehin mehr interessierte als Bratwurst, Schmalzkuchen und Achterbahnfahren.

Die Ausstellung trug den Titel „Vom Sehen zum Betrachten“ und er erhoffte sich neue Impulse für seine eigene Arbeit davon, denn man hatte versucht, die Werke so auszuwählen und anzuordnen, dass ersichtlich wurde, wie sich der Blick des Künstlers auf sein Objekt innerhalb eines Jahrhunderts verändert hatte.

Doch auch ohne diesen zusätzlichen Anreiz hätte die Ausstellung ganz oben auf seiner Liste gestanden, denn er liebte die Malereien von Johans Valters, Janis Tidemanis und Janis Rozentāls und freute sich schon sehr darauf, Teodor Ūders 1914 entstandenes Werk „Tod des Künstlers“, von dem ein Nachdruck in seinem Arbeitszimmer hing, wieder einmal direkt in Augenschein nehmen zu können. Zwar war der Nachdruck perfekt, aber es fehlte ihm eben doch die Spannung, der stille Hauch des Wahren, das Charisma des einzigartigen Originals.

Er erkannte ihn auf den ersten Blick. Harm Mertens saß auf einer Bank und war in die „geschiedenen Frauen“ von Tidemanis vertieft. Das Werk zeigt drei nackte Frauen, die nebeneinanderstehen, drei unterschiedliche Charaktere, die über ihre Armhaltung miteinander verbunden sind. Aufgrund der offenherzigen Nacktheit der Frauen war das Werk schon oft missinterpretiert worden und hatte vor allem bei den Vertreterinnen des Bremer Studierendenbundes Kritik hervorgerufen.

Anscheinend kann man Nacktheit heute nur noch im sexuellen Kontext interpretieren, dachte Alexander und war froh, dass die Kunsthalle dem öffentlichen Druck nicht nachgegeben und das Bild dennoch in die Ausstellung aufgenommen hatte.

Alexander betrachtete Mertens verstohlen, der sich daraufhin irritiert und leicht gehetzt wirkend umsah. Sein Blick streifte ihn, zögerte kurz, verlor sich wieder und Alexander atmete auf. Er erkannte ihn nicht. Alexander wusste, er sollte es besser nicht tun, aber er fragte Mertens, ob er sich neben ihn setzen dürfe. Höflich bejahte der, rutschte ein wenig zur Seite und so betrachteten beide zunächst schweigend das Kunstwerk.

Alexander versuchte sich vorzustellen, er wäre wie Mertens über 60 Jahre alt, verheiratet, die sexuelle Lust wäre noch irgendwie vorhanden, aber die Möglichkeit, sie auszuleben, begrenzt – was würde ein solches Bild in ihm auslösen?

„Schon erstaunlich“, sagte Mertens, „wie dieses Bild einen in sich aufnimmt, oder?“

Alexander nickte. „Ja, auf den ersten Blick meint man, die drei Frauen seien nur Objekt des Malers, dessen Blick und Darstellung sie dem Betrachter ausliefert, aber je länger man es anschaut, desto klarer tritt hervor, wie er jede der drei Frauen in ihrer Besonderheit erfasst und ihre Geschichte erzählt.“

„Richtig“, stimmte Mertens ihm freudig zu, „was für ein enormer Unterschied zur heute üblichen Darstellung von Nacktheit. Ein klarer Blick, dem jegliche Obszönität fehlt. Fleisch, Vergänglichkeit und der Aufruf, sich mit ihnen und ihren Lebensgeschichten zu befassen. Gerade ihre Nacktheit verhindert die ‚Wollust der Augen‘, wie Augustinus es nannte.“

Alexander dachte an all die vielen Bilder nackter Frauen, die er bereits gesehen hatte. Mertens hatte recht, diesem Bild wohnte ein besonderes Moment inne, es nahm die Nacktheit der Frauen gelassen hin, stellte sie dar, thematisierte sie aber dennoch beiläufig und es lag nur am Betrachter, ob er dabei verharrte oder ob er sich dazu anregen ließ, die Story hinter dem Bild zu entdecken. Es regte weder zur Geilheit an noch ließ es den Gedanken an Scham aufkommen.

„Kunst muss erkennen lehren“, murmelte Mertens mit grimmigem Gesichtsausdruck, „nicht starren oder interpretieren.“

Alexander nickte erneut und vertiefte sich in den Ausdruck der Augen der „geschiedenen Frauen“. Sie blickten ihn, den Betrachter an, aber sie spiegelten seinen Blick nicht, wie es Picassos Frauen aus Avignon taten. Er erkannte ihre Gefühle, nicht seine Gelüste darin.

Die beiden Frauen, die rechts und links standen, hatten die Augen leicht zusammengekniffen, die Frau in der Mitte schaute ihn aus großen dunklen Augen wehmütig an. Oder sah sie durch ihn hindurch? Nahm sie ihn überhaupt wahr oder war sie in sich versunken? Ihr Blick erinnerte ihn an Finnya, weshalb er sich schließlich gequält abwandte und Mertens, der bereits zum nächsten Kunstwerk weitergegangen war, folgte.

Als wären sie verabredet gewesen, gingen sie dann gemeinsam weiter von Bild zu Bild. Sie sprachen nicht und fühlten sich einander doch verbunden. Alexander nahm die Brille ab, steckte sie, gut geschützt durch ein ledernes Etui, in seine Jackentasche. Endlich näherten sie sich dem Ausgang und er hatte das Gefühl, etwas Bedeutsames zu verpassen, wenn er Mertens jetzt einfach gehen ließe.

„Weinberg, Alexander“, sagte er dann, als sie ihre Taschen von der Garderobe geholt hatten, reichte ihm die Hand und fragte zu seiner eigenen Überraschung „hätten Sie Lust auf ein Glas Wein?“

Mertens schaute ihn verblüfft an. Er war es nicht gewohnt, eingeladen zu werden, seit er nicht mehr zur gehobenen Gesellschaft der Bremer Kaufleute gehörte. Das Interview, das er dem Bündnis Freier Bremer gegeben hatte, hatte ihn aus Sicht seiner früheren Freunde und Bekannten zudem vollends diskreditiert – man ignorierte ihn, der in früheren Jahren als wichtiges Mitglied der Handelskammer und als Kunstmäzen so beliebt und auf jeder Spendengala willkommen gewesen war.

Mit Irmgard war das alles auszuhalten gewesen, sie hatte ihn immer wieder aufgebaut, hatte versucht, an eine Zukunft zu glauben, irgendwo anders, sie beide im Ruhestand und frei, sich ihren zahlreichen Hobbys zu widmen

„Entschuldigen Sie“, sagte Alexander, „der sein Schweigen missdeutete. „Ich wollte nicht …“

„Kein Problem“, sagte Mertens, der zu dem Schluss kam, dass die Einladung harmlos und ohne Hintergedanken ausgesprochen worden war. Eine Gelegenheitsbekanntschaft, ein Glas Wein und ein gutes Gespräch unter Kunstliebhabern – wie hätte der alte einsame Mann dazu auch nein sagen können?

Sein Gesprächspartner konnte ja nicht wissen, dass er trauerte, dass Irmgard ihren Verletzungen erlegen war. Und wer weiß, vielleicht war es ein Wink des Schicksals, dass er jetzt, da die Schlaftabletten schon bereit lagen, jemanden traf, der seine Leidenschaft für Kunst mit ihm teilte?

Also stimmte er zu und gemeinsam gingen sie plaudernd in das kleine Café, das zur Kunsthalle gehörte. Mertens entschied sich für einen Pfälzer Riesling und Alexander folgte seiner Wahl. Das Geschmackserlebnis stellte eine Verbundenheit und Vertrautheit zwischen ihnen her, die er zu Menschen, die er sonst in seiner Nähe duldete, kaum zuließ.

Mertens deutete auf eine Zeitschrift, die jemand am Nebentisch hatte liegen lassen. Eine barbusige Blondine mit weißen Zähnen und geronnenem Lächeln starrte ihnen von der Titelseite entgegen.

„Eben das ist der Unterschied“, sagte er. „Und so lernen unsere jungen Leute sehen. Die pure Lust am leblosen Objekt, ausgebettet aus allem, was sie schützend umhüllt.“

Alexander musste ein Lächeln unterdrücken, wusste er doch, dass sich „die jungen Leute“ von dieser Darstellung bereits weit entfernt hatten. Die nächste Stufe würde die fleischlose Materialisierung des symbolischen Objektes sein – dienstgefällige Roboter, die als Sex-Gefährten darauf warteten, die Begierden ihrer Besitzer zu befriedigen, gingen bereits serienweise in      Produktion. Alternativ konnte man ein virtuelles Bordell aufsuchen und sich dort jeden Wunsch erfüllen lassen, wie auch immer der ausfiel.

Die blonde Busendame, die Mertens für den Gipfel der Schamlosigkeit hielt, war längst eine überholte Wichsvorlage für all jene, die den neuen Zeitgeist nicht verstanden hatten oder nicht mithalten konnten.

Kurz überlegte er, ob er Mertens ein paar Bilder von der letzten VR-Erotikmesse zeigen sollte, die er auf seinem Smartphone gespeichert hatte. Seine Meinung würde ihn interessieren. Aber er wollte den alten Mann nicht verwirren.

„Ein guter Wein“, sagte er stattdessen, nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hatte, „die perfekte Verbindung aus Boden und Esprit.“

„Ja“, sagte Mertens erfreut, „man schmeckt die Süße des Geistes. Und genau darauf kommt es an.“

Alexander verstand nicht, aber er verspürte plötzlich den dringlichen Wunsch, zu verstehen. Sein Gefühl der Überlegenheit gegenüber Mertens, das er eben noch empfunden hatte, wich dem Gespür, dass er ihm nicht zufällig begegnet war, dass der alte Mann ihm etwas Wesentliches zu sagen hatte. Etwas, was sein Denken bereichern würde, weil es neu war und doch aus längst vergangenen Zeiten stammte.

„Das ist eine ungewöhnliche Beschreibung“, sagte er vage.

„Für Ihre Generation vermutlich“, erwiderte Mertens. „Für mich ist es selbstverständlich. Sehen Sie“, sagte er und beugte sich vor, als wolle er ihm ein Geheimnis verraten, „was sind denn unsere Sinne anderes als stumpfe Werkzeuge des Geistes? Was vermögen wir denn schon darüber wahrzunehmen, wenn wir sie nicht kultivieren? Wenn wir nicht einen Geschmack herausbilden, der über die pure Sensation hinausgeht?“

Mertens schaute Alexander länger in die Augen, als es diesem lieb sein konnte. Es war, als wüsste der alte Mann etwas über ihn, als wolle er ihn auf etwas aufmerksam machen, was er bisher zu erkennen vermieden hatte. 

„Wissen Sie“, fuhr Mertens gedankenverloren fort, „in der Kunst des frühen Mittelalters ging man davon aus, dass Gott das, was er unmittelbar geistig schaut, dem Menschen in sinnlich wahrnehmbarer Weise präsentiert. Er soll seinen Schöpfer und die Schöpfung darin erkennen können. Er schenkt ihm die Süße des Honigs, damit er den Geschmack des göttlichen Geistes darin wiederfindet.

Und was machen wir daraus? Wir produzieren Zucker, ein billiges Imitat, das an die Süße erinnert, aber nicht mehr auf den Schöpfer verweist. Und doch lebt in der Süße die Erinnerung an etwas, was wir verloren haben, sodass wir süchtig danach werden und schließlich krank, weil wir vom vermeintlich Guten nicht genug bekommen können, verstehen Sie?“

Alexander nickte bedächtig, er verstand nicht wirklich, ihm war unwohl und er hätte gern das Thema gewechselt. Doch er empfand Mitleid mit Mertens, der wohl schon lange mit niemandem mehr über seine eigentümlichen Ideen hatte sprechen können.

„Und so ist es überall“, sagte Mertens. „Wir produzieren einen billigen Abklatsch des geistigen Universums und verkehren damit alles, was einmal gut und köstlich war, in sein Gegenteil. Wir fokussieren uns auf die Sinne, alles muss extrem sein, süß, sauer, scharf, sexy, obszön, laut, knallig bunt, oder nach ätherischen Ölen duften, bis einem speiübel wird. Dabei sind es nicht die Sinne allein, über die wir wahrnehmen, wir erfassen doch alle Eindrücke mit dem ganzen Leib.“

Mertens nippte an seinem Weinglas. „Entschuldigen Sie“, sagte er dann, „aber bei diesem Thema geht es manchmal mit mir durch. Ich hatte früher selbst einen Feinkostladen, wissen Sie, und … Ach, was rede ich“, unterbrach er sich selbst, „diese alten Geschichten interessieren Sie nicht. Was genau führte Sie in die Ausstellung?“

„Ich habe eine große Vorliebe für lettische Maler“, sagte Alexander. „Und ich interessiere mich für die Geschichte des Sehens, dafür wie sich unsere Art zu sehen, verändert hat – und da kommt mir die Ausstellung natürlich gerade recht.“

„Ein spannendes Thema“, sagte Mertens und seine bisher so müden Augen nahmen einen deutlich helleren, wachen Ausdruck an. „Und haben Sie bereits Antworten gefunden?“

Alexander ignorierte den leichten Spott, den er wahrzunehmen glaubte. „Ja, nein, ach, es ist kompliziert“, stammelte er und sie lachten.

„Wenn es zu kompliziert ist, dann gehen Sie am besten zum Einfachsten zurück“, sagte Mertens. „Wussten Sie, dass es Maden gibt, die ohne Augen sehen können?“

Alexander verzog das Gesicht, denn alles, was nach Würmern und Verfall aussah, hatte in ihm stets einen großen Ekel ausgelöst. Mertens lachte erneut.

„Ja“, fuhr er unerbittlich fort, „sie haben da so kleine Nervenzellen gefunden, mit denen die Tierchen Licht wahrnehmen und sich orientieren. Sie graben sich sozusagen nicht nur durch unseren Abfall, sie graben sich auch durch eine Welt voller Licht. Ist das nicht faszinierend?“

Alexander fand das überhaupt nicht, erneut hätte er zu gern das Thema gewechselt. „Naja“, sagte er, „dass Sehen mit dem Einfall von Licht zu tun hat, ist ja nun keine Neuigkeit, mir geht es mehr um andere Fragen, also zum Beispiel darum, warum Blicke ‚berühren‘ können, wie wir es so oft sagen und doch nicht glauben wollen.“

„Sie mögen keine Maden“, Mertens grinste. „Noch einen Pfälzer stattdessen?“, fragte er dann, aber Alexander lehnte zu Mertens‘ Enttäuschung ab.

„Wann waren Sie das letzte Mal im Urlaub?“, fragte Mertens dann unvermittelt. Alexander stutzte und dachte an das verlängerte Wochenende, das er mit Finnya in Cuxhaven verbracht hatte.

„Im Juli“, sagte er, „also für ein paar Tage.“

„Schildern Sie mir ein Erlebnis, an das Sie sich erinnern.“

„Ach, da war so vieles. Das Übliche halt, das Meer, der Strand, die Pferdewagen, das Wellenbad, der Kurpark … worauf wollen Sie hinaus?“

„Waren Sie allein oder mit jemandem zusammen?“

„Mit einer Bekannten“, antwortete Alexander brav.

„Gut“, sagte Mertens. „Sie sitzen mit Ihrer Bekannten am Strand und die Sonne geht auf oder unter. Typisches Erlebnis, nehme ich an. Wenn Sie sich die Szene jetzt in Erinnerung rufen, was sehen Sie?“

„Ich sehe uns im Sand sitzen, wir haben eine Decke dabei. Finnya öffnet eine kleine Flasche Sekt und wir schauen gemeinsam aufs Meer, das sich langsam rot färbt.“

„Sie sehen sich und Finnya? Oder sehen Sie das Meer und den Sonnenuntergang?“

„Ich sehe mich und Finnya und das Meer und die …“ Alexander hielt inne und schaute ihn überrascht an. Warum war ihm das zuvor noch nie aufgefallen? Wie konnte er sich selbst sehen? Wie war es möglich, dass er die Szene aus einer übergeordneten Perspektive als Erinnerung abgespeichert hatte?

„Ich sehe, Sie verstehen“, sagte Mertens und genoss sichtlich nicht nur den letzten Schluck Wein.

Alexander starrte ihn entgeistert an. Wieso begriff der alte Mann augenblicklich, was er selbst noch nicht einmal ansatzweise verstanden hatte?

Sie schwiegen einen Moment, die Nähe zwischen ihnen nahm etwas Bedrohliches an, weshalb Alexander nach dem Brillenetui griff. Doch dann legte er es neben das Weinglas, anstatt die Brille aufzusetzen.

„Vielleicht können wir das alles nicht begreifen“, sagte Mertens dann ernst, „weil wir uns betrachten, als würden wir in einem Vakuum oder in einem Labor leben. Als wären wir Körper in einem Raum, in dem wir nichts bewegen, wenn wir uns bewegen.

Haben Sie schon mal einem alten Tai-Chi-Meister zugeschaut? Er bewegt sich, als wäre er von einer Wolke umhüllt. Er ist eingebettet in seine Umgebung, sein Körper endet nicht auf der Oberfläche der Haut. Er bewegt sich in einer Welt, mit der er sich zutiefst verbunden fühlt.

Er beobachtet das Licht nicht und er dechiffriert auch nicht den Einfall von Licht, er bewegt sich darin, erkennt darin. So wie wir alle, und zwar mit dem ganzen Leib. Unsere Augen sind lediglich Werkzeuge, um zu fokussieren. Das eigentliche Bild aber ist unscharf und wir ‚sehen‘ es mit dem ganzen Leib. Denken Sie auch an Tidemanis – an die Einbettung der Nacktheit.  Oder denken Sie an die Werke des Expressionismus, an Franz Marcs blaue Pferde.“

„Oder an den Sack Reis, der in China umfällt?“ Sie lachten wieder.

„Ja, vielleicht sogar an den“, sagte Mertens. „Und vergessen Sie zu guter Letzt nicht den kleinen Prinzen, den kennen Sie doch?“

„Sie meinen die Geschichte von Saint-Exupéry?“

„Genau die meine ich“, sagte Mertens. „‘Man sieht nur mit dem Herzen gut.‘ Die ganze Welt kennt und liebt dieses Zitat. Aber wer vermag daran zu glauben und danach zu handeln? Dabei wissen wir doch auch: Was wir nicht im Herzen tragen, das erinnern wir nicht. Und was wir nicht aus vollem Herzen tun, das ist es nicht wert, erinnert zu werden.“

„Das ist wahr“, erwiderte Alexander. Er war verwirrt, hätte gern länger und intensiver mit Mertens gesprochen, aber gleichzeitig löste ihr Gespräch eine tiefe Müdigkeit in ihm aus. Das alles waren Gedanken, so alt und einsam, wie er sie lange nicht mehr gehört hatte.

Mertens war ein Mensch, der darüber nachdachte, dass wir in die Schöpfung eingebunden sind, in ein Medium gebettet, das uns spüren lehrt, dass es einen Verweis auf irgendeinen Gott enthielt, und der literarische Märchen für wahr hielt. Das war absurd. Oder nicht? Wie auch immer, in seiner Welt gab es solche Ideen nicht  mehr. Und sie führten ja auch zu nichts.

Die Welt, in der er, Alexander, lebte, war vielleicht nicht mystisch, verbarg keine Geheimnisse, die es zu entdecken galt, aber sie war sauber, geordnet und zweckmäßig. Alles, was er und seinesgleichen taten, erfüllte einen Sinn, erfolgte fokussiert und zielgerichtet.

Man aß keinen Honig, um die Süße des Geistes zu schmecken, sondern weil er gesünder war als Industriezucker. Man hielt Diät, erwies sich als diszipliniert, erfüllte ein Soll, das Apps berechneten, weil die für optimale Werte sorgten. Sogar Sex hatte man in der Absicht, die eigene psychische Gesundheit zu erhalten.

Menschen wie er taten Dinge nicht, weil sie gut, schön, angenehm waren oder einen Gottesverweis enthielten. Alles, was sie taten, war einer Zielsetzung unterstellt.

Sie joggten, um gesund zu bleiben, sie ließen den Nachwuchs Klavier spielen, damit er gut in Mathe würde, und die Schwangeren hörten Mozart und aßen Fisch, um kluge Kinder zu gebären. Sie kannten kein Ruhen im Selbstzweck oder ein Streben nach Erkenntnis, das über die irdischen Bedürfnisse hinausging.

Der Gedanke an die Mozart hörenden Schwangeren beunruhigte Alexander, weshalb er Mertens bat, kurz auf sein Handy sehen zu dürfen. Sieben WhatsApp-Nachrichten von Finnya warteten darauf, gelesen zu werden. Stattdessen rief er sie lieber an.

„Was ist los, Finnya?“

„Wo steckst du denn?“, fragte sie, „ich dachte, wir wollten uns heute sehen.“

„Ich hab dir doch eine Nachricht geschickt, ich bin in der Kunsthalle, ich hatte einfach spontan Lust darauf, entschuldige.“

Vermutlich ahnte sie, dass dies nur die halbe Wahrheit war, aber sie akzeptierte sie für den Moment, denn es gab Wichtigeres zu vermelden.

„Die Präsidentin hat Tarik zu sich ins Büro rufen lassen“, erklärte sie. „Ich weiß nicht warum, was sie besprochen haben, aber ich habe ein verdammt schlechtes Gefühl. Er wirkt wie ausgewechselt, so als plante er irgendwas, was ihn sehr froh stimmt. Ich habe Angst, Alexander.“ 

Wie Finnya konnte Alexander sich nicht denken, was die Präsidentin mit Tarik zu besprechen hätte. Sie hatte recht, die Vorstellung an sich hatte etwas Beunruhigendes, aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. 

„Vielleicht wollte sie ihn einfach aushorchen, wollte ihn zu unseren Studien befragen? Oder vielleicht hatte sie einfach Lust, ihn kennenzulernen. Du weißt doch, wie Maggy ist, niemand versteht ihre Launen wirklich.“

„Kann sein“, stimmte Finnya zu. „Aber Alexander, da ist noch etwas, … etwas, was ich unbedingt mit dir persönlich besprechen muss.“

Er schluckte und es tat fast weh, so eng zog sich die Schlinge um seinen Hals. Er wollte es nicht hören, wollte es nicht wahrhaben.

„Ich weiß schon, Finnya“, sagte er. „Ich weiß schon.“

Sie schwieg einen Moment. „Bist du böse auf mich?“

„Böse? Nein. Es macht mir Angst. Ich will diese Verantwortung nicht. Nicht in dieser Welt.“

„Aber wir haben nur diese Welt, Alexander.“

Mertens zeigte auf seine Armbanduhr und bedeutete ihm, dass er gehen wollte. 

„Ich bin gerade mitten in einem Gespräch, Finnya“, beschloss er das Telefonat. „Lass uns ein anderes Mal weiterreden.“

„Ein anderes Mal? Heißt das, du kommst heute nicht mehr zu mir?“

„Ja, Finnya, das heißt es. Mach es gut, ich melde mich.“

Alexander beendete das Gespräch und stellte das Smartphone, das NEOWORLDS ihm für die berufliche und private Nutzung zur Verfügung gestellt hatte, aus.

Mertens wollte sich verabschieden und Alexander sagte ihm, wie sehr er das Gespräch genossen hatte, außerdem bat er ihn, die Rechnung übernehmen zu dürfen. Mertens ließ ihm die Freude und fragte, ob er sich einmal revanchieren dürfe. Ob er ihn vielleicht mal zu Hause besuchen  wolle, er habe einige interessante Kunstobjekte aus Lettland, die er ihm gern zeigen würde.

„Nichts Teures, natürlich“, sagte er, „aber auch die baltische Volkskunst lässt sich ja sehen.“

Alexander sagte zu und sie verabredeten, dass er ihn gleich am kommenden Tag in seiner Wohnung am Bahnhof besuchen würde. Er fürchtete sich davor, aber es gab ihm wenigstens einen Grund, sich von Finnya fernzuhalten, ohne das Wochenende allein in seiner Wohnung zu verbringen. Er brauchte einfach Zeit, um die Situation zu bewerten.

Sie verabschiedeten sich herzlich und während Mertens langsam zu Fuß in Richtung Bahnhof ging, holte Alexander seinen Saab aus der Tiefgarage und brauste damit zu seinem Appartement in der Überseestadt.

Kaum angekommen fiel ihm ein, dass er eine Vereinbarung unterschrieben hatte, sein Firmen-Smartphone niemals auszuschalten.

„Keine Sorge,“ hatte Jan gesagt, „wir werden dich nicht ständig anrufen oder dir Nachrichten schicken. Aber wir müssen ganz sicher sein, dass du in dringenden Fällen sofort zu erreichen bist.“ Er hatte sich zwar nicht vorstellen können, was für Fälle das sein sollten, aber dennoch eingewilligt.

Für einen Moment erwog er, das Gerät dennoch ausgeschaltet zu lassen, aber er hatte bereits Ärger genug am Hals. Er wollte seinen Job nicht aufs Spiel setzen, nicht jetzt, da sie so kurz vor dem Durchbruch standen, und nicht in diesem Moment, da Finnya schwanger war. Denn auch, wenn er das Kind nicht wollte, auch wenn er versuchen würde, es ihr auszureden, er war für sie verantwortlich.

Und wer weiß, vielleicht würde es Finnya ja auch gelingen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, vielleicht würde sich alles zum Guten wenden und all seine Ängste waren nur Schimären einer dunklen Vergangenheit, die ihn nicht aus der Umklammerung ließ. Wie auch immer, er konnte sie nicht einfach im Stich lassen, schließlich war sie nicht allein verantwortlich für ihren Zustand.

Er öffnete das Fenster und schaute in die Dämmerung, die vom Schein zahlreicher Lichter erhellt wurde. Eine friedliche Stimmung lag über dem Viertel, nur vom Bahnhof drang entfernt laute Musik herüber. Mit dem ganzen Leib schauen, dachte er, wie sollte das gehen?

Im Halbdunkel setzte er sich aufs Bett und rief sich weitere Szenen aus dem gemeinsamen Kurzurlaub mit Finnya ins Gedächtnis. Und tatsächlich: Alles, was er erinnerte, sah er, als ob er in oder über der Szene schweben würde, zuweilen kam es ihm vor, als würde er von den Objekten, die er doch eigentlich betrachtete, zu sich zurückschauen. Wie konnte das sein? Wie konnte sein Hirn mehr abspeichern, als er mit Augen wahrzunehmen imstande gewesen war?

Betrog ihn sein Hirn etwa, ergänzte es, was er aus seiner Perspektive gar nicht hatte wahrnehmen können, schuf es ein Traumbild aus seiner Erinnerung? Oder konnte er sich tatsächlich nur sicher an das erinnern, was er mit dem Herzen geschaut hatte?

Er ahnte, dass diese Erklärung zu kurz griff. Wie hatte Mertens gesagt? Wir beobachten das Licht nicht, wir wühlen uns hindurch. Die einen wie die Meister, die anderen wie die Maden. Alexander stand auf. Was für ein hanebüchener Unsinn, dachte er verärgert. Aber wenn etwas daran war? Wenn es erklären würde, warum Finnya …

Alexander schaltete das Handy wieder ein und erschrak. Die Präsidentin hatte bereits mehrfach versucht, ihn zu erreichen, und ihm eine unmissverständliche Sprachnachricht hinterlassen. Er sollte sich noch heute um 20:00 Uhr bei ihr zu Hause zu einem kleinen Meeting einfinden. Höchste Dringlichkeitsstufe, kein Widerspruch möglich.

„Zu Befehl, Frau Kommandantin“, dachte er verärgert. Seine Smart-Watch zeigte an, dass es bereits 18:45 war. Er musste sich beeilen, wenn er noch pünktlich zum Abendessen bei Maggy erscheinen wollte. Folgsam ging er zum Kleiderschrank und nahm sich ein paar frische Anziehsachen heraus.

 

Kapitel 14: Abendessen bei der Präsidentin

Alexander hatte gemeint, aus Maggys Sprachnachricht Unmut heraushören zu können. Doch beim Empfang in ihrer Schwachhausener Villa verspürte er davon nichts. Sie begrüßte ihn warm und beschwingt, hatte offensichtlich mit anderen geladenen Gästen schon einen Aperitif genossen.

„Alex, wie schön, dass du kommen konntest“, sagte sie, als hätte er tatsächlich die freie Wahl gehabt. „Finnya musste leider absagen, sie fühlt sich nicht gut, aber das weißt du ja sicher schon.“

Sie ließ ihm, ganz die höfliche Gastgeberin, von ihrer Hausperle, einem kleinen Roboter mit Kulleraugen, den Mantel abnehmen, fasste ihn beim Arm und zog ihn ungeduldig ins Esszimmer, wo die Herren Liu und Sheng, die Leiter der zukünftigen Filiale in Dalian, Mr. Sandman, ein Vertreter aus den USA, sowie Marvin, Jan und Maggys Tochter Mathilda bereits am Esstisch Platz genommen hatten. Der Platz neben Mathilda war noch frei und Maggy bedeutete ihm, dass er für ihn bestimmt war.

Alexander hatte kaum seinen Platz eingenommen und ein kurzes Hallo mit Maggys hübscher Tochter ausgetauscht, als die pompösen Flügeltüren mit einem Ruck aufgerissen wurden und das Personal einer Catering-Agentur, die Maggy extra ihnen zu Ehren engagiert hatte, Teller mit einer dampfenden Suppe hereintrug.

Natürlich war es nicht irgendein Catering, das sie engagiert hatte, sondern ein junges Start-up, dessen Personal sich bunt und originell kleiden durfte, um nur ja den Eindruck eines hippen Events zu erzeugen, an dem teilzunehmen für alle eine Freude und in keinem Fall harte Arbeit bedeutete.

Die Herren Cheng und Liu hatten bereits die ersten Löffel Suppe zum Mund geführt, als Maggy aufstand, ihr Glas erhob und sie alle noch einmal willkommen hieß.

„Und ganz besonders freue ich mich natürlich“, sagte sie schließlich, „dass auch du, Alexander, heute wieder Zeit für NEOWORLDS gefunden hast.“

Marvin lachte, Jan stieß ihm den Ellbogen leicht in die Seite, aber alle hatten den unausgesprochenen Vorwurf verstanden. Auch Alexander, der jedoch versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, indem er nur „danke für die Einladung“ antwortete.

Eine große Anspannung lag im Raum, während die kleine Gruppe ihre Schwalbennester löffelte, deren eigentliche Hauptzutat allerdings durch eine stark gesalzene Tofu-Mischung ersetzt worden war. Während sie diese mit mehr oder weniger Begeisterung vom Teller in den Mund hievten, führte die Präsidentin das Gespräch auf allerlei Belanglosigkeiten, darunter ihr Faible für offene Wohnküchen, dem sie in ihrer Villa aber leider nicht nachkommen konnte, ohne allzu sehr in die Substanz eingreifen zu müssen. Weshalb sie schon des Längeren überlege zu verkaufen und sich etwas Moderneres zu suchen.

Von der Kücheneinrichtung ging es dann weiter zu den Trends in der Nahrungsmittelbranche und Maggy berichtete belustigt von ihren ersten Versuchen, gegrillte Insekten zuzubereiten.

„Als Köchin bin ich leider gar nicht zu gebrauchen“, schloss sie augenzwinkernd ihren ausgedehnten Monolog, „wogegen Mathilda einfach alles gelingt, was sie zubereitet. Sogar das Bremer Knipp schmeckt mir, wenn sie es anbrät.“

Mathilda errötete, sie war es nicht gewohnt, dass ihre Mutter sie vor anderen lobte. Normalerweise stand die ehrgeizige Präsidentin ihrer Tochter, die alles ein bisschen, aber nichts richtig konnte, eher kritisch gegenüber und brachte das auch unverhohlen zum Ausdruck. Mathilda war klar, dass eine Absicht dahinter lag, und es war ihr mehr als peinlich, so unvorbereitet in den Mittelpunkt des Gesprächs gezogen zu werden.

„Und eine so hübsche Köchin noch dazu“, sagte Mr. Sandman und schaute in Alexanders Richtung. Dem wurde Minute um Minute unwohler, das Geplänkel ging ihm ebenso auf die Nerven wie der leichte Moschus-Geruch, der von seiner Tischnachbarin zu ihm drang und der sich mit dem blumigen Bukett des Weißweins, den man soeben eingeschenkt hatte, vermischte, sodass er ihm auf der Zunge brannte. Er fragte sich, warum jemand, dessen Mutter eine halbe Million Euro netto im Jahr verdiente, sich kein besseres Parfüm leisten konnte.

Als würde sie seine Unruhe spüren, berührte Mathilda ihn nun sanft am Arm. „Noch etwas Suppe?“, fragte sie.

„Nein danke“, antwortete er, worauf eine Mitarbeiterin des Servicepersonals sich ihm näherte, als wäre sie auf dem Weg zur Tanzfläche irgendeines Dorffestes, und das benutzte Geschirr durch neues ersetzte.

 

Auf die Suppe folgte das Kaviarbrot, auf das Kaviarbrot die Hauptspeise, irgendwas mit Lamm, absolut koscher, wie Maggy versicherte, und nach Art der Spieße aus Xinjiang, was sie, wie sie nun kundtat, bestellt hatte, um den Herren Liu und Sheng eine Freude zu machen.

Die beiden Herren blickten etwas verunsichert drein, schließlich lag Dalian etwa 3.700 Kilometer von Xinjiang entfernt, aber sie fügten sich einmal mehr in ihr Schicksal, es in Europa mit Menschen zu tun zu haben, die sich nicht vorstellen konnten, dass sich auch Chinesen, die aus unterschiedlichen Regionen stammten, mindestens so sehr voneinander unterschieden wie Menschen aus Dänemark oder Portugal.

Sie sahen einander resigniert an, da sie als gute Parteimitglieder aber wussten, dass es wichtiger war, gemeinsame Ziele zu verfolgen, statt partikulare Interessen zu vertreten oder auf Individualität zu beharren, unterdrückten sie in stummer Übereinkunft den Impuls, für Aufklärung zu sorgen.

Mr. Sandman griff beherzt zu, Marvin und Jan wurden eigene Tellerspeisen gereicht, da sie sich vegetarisch ernährten. Alexander hatte versucht, den an ihn gerichteten Zusatz „absolut koscher“ zu überhören, auch wenn es ihn ärgerte, einmal mehr in eine Ecke gestellt zu werden, in die er nicht gehörte. Zwar versuchte er, den Verzehr von Schweinefleisch zu vermeiden, aber eigentlich nur deshalb, weil er es nicht mochte. Ob eine Speise koscher zubereitet wurde oder ob es Milch zum Lamm gab, war ihm völlig egal. Aber sicher hatte sie es nur gut gemeint, versuchte er sich zu beruhigen.

Mathilda dagegen schien sehr an den jüdischen Speisevorschriften interessiert und fing an, ihn neugierig auszufragen, was es damit auf sich habe. Als er zugeben musste, dass er davon nichts verstand, blickte sie etwas enttäuscht, verzog ihren Mund aber dennoch zu einem gezwungenen Lächeln.

„Entschuldige Alexander“, sagte sie. „Maggy hat mir erzählt, dass du, ähm …“

Erstaunlich, wie schwierig es in diesem Land noch immer ist, das Wort „Jude“ auszusprechen, dachte Alexander. Einen Moment genoss er es, sie zappeln zu lassen. „Schon gut,“ sagte er dann, „ja, ich bin Deutscher jüdischen Glaubens“, ein breites Grinsen unterstrich die korrekte Bezeichnung, „aber ich bin es in etwa so, wie du Christin bist. Nicht mehr und nicht weniger. Oder gibt es bei euch an jedem Freitag Fisch?“

Mathilda verneinte brav und Alexander nahm sich vor, höflicher und charmanter zu sein. Sandman hatte recht, Mathilda war eine bildhübsche junge Frau, der die Männer sicher reichlich Avancen machten, dachte er. Doch merkte man ihr an, dass sie unter dem Regime einer dominanten Mutter aufgewachsen war, sich eine eigene Meinung oder Interessen nicht erlauben durfte. Mathilda war geboren und erzogen, hübsch und zuvorkommend zu sein, zu repräsentieren, was ihre Mutter erreicht hatte, wenn sie ihr schon nicht das Wasser reichen und einmal in deren Fußstapfen treten konnte.

Dabei war sie weder übertrieben teuer gekleidet noch mit Schmuck behängt. Ihre blonden Locken umspielten ein ebenmäßiges Gesicht mit hohen Wangenknochen und heller, einwandfreier Haut. Die blauen Augen wirkten wach und konnten strahlen wie Himmelssterne. Ihr gut geformten Brüste lagen sicher verborgen in Körbchen, die er auf die Größe 85B schätzte, aber er war nicht besonders erfahren in solchen Dingen.

Rein optisch gab es nichts an ihr auszusetzen. Dennoch sprang nicht der Funke eines Reizes von ihr auf ihn über, so sehr sie sich auch zu bemühen schien, sein Interesse zu wecken. Sollte das etwa der Grund für die Einladung gewesen sein? Wollte Maggy ihn verkuppeln? Ihm fiel auf, wie oft sie in seiner Gegenwart schon von ihrer Tochter gesprochen, wie sie sie gelobt und angepriesen hatte.

Das fehlte mir gerade noch, dachte er, als die immer noch tänzelnden Cateringleute die in kleine kristallene Gläser gefüllte Fruchtmousse hereintrugen. Der leichte Duft nach Mirabelle erinnerte ihn an Finnya, die auf seinen Wunsch niemals ein anderes Parfüm auflegte, wenn sie sich trafen, weil er den Geruch ihrer Haut mit einem Tupfer Mirabelle daran so wahnsinnig liebte.

Endlich waren die fünf Gänge geschafft und Margarethe York bat ihre Gäste in den Salon. Kaum hatten die sich pappsatt erhoben, machten sich die Catering-Mitarbeiter ans Werk, um ihre Spuren zu verwischen. Ja, ein wenig      empfand er es so, aber immerhin war es angenehm, sich um nichts selbst kümmern zu müssen. Und endlich, endlich kam Maggy zur Sache.

„Wir haben dich um dieses Treffen gebeten, Alexander, um ein dringendes Problem zu erörtern. Denn es gibt eine Entwicklung, die es erforderlich macht, dass wir die Markteinführung der Neogaze Empathy beschleunigen und korrigieren müssen.“

„Was für eine Entwicklung denn?“, fragte er und Maggy sah ihn missbilligend an.

„Ich habe den Eindruck, dass du nicht mehr ganz so engagiert bei der Sache bist, wie du es anfänglich warst. Dir entgehen wichtige Neuigkeiten, die du längst wissen könntest und wissen müsstest. Du bist wohl ein wenig zu sehr in Finnyas Tagesgeschäfte verwickelt worden“, sagte sie.

„Was verständlich ist, denn Finnya ist eine tolle Frau. Allerdings haben andere Mütter auch schöne Töchter“, sie blickte zu Mathilda, die nervös an ihrer Satinbluse herumnestelte, „aber das ist jetzt nicht unser Thema. Es geht um den Peacemaker Illuminated, der derzeit in den USA entwickelt wird. Du wirst doch schon davon gehört haben?“

Sie hatte ihn kalt erwischt. Er erinnerte sich an die geheimen Unterlagen, die Marvin ihm gebracht hatte und die er dringlichst hatte lesen sollen, damit sie wieder unter Verschluss gebracht werden konnten.

Marvin war damit gerade in einem Moment in sein Büro gekommen, da er mit Finnya zu einem kleinen Bummel an der Schlachte verabredet gewesen war. Alexander hatte es schlichtweg vergessen und als er am nächsten Tag wieder ins Büro zurückkehrte, waren die Unterlagen bereits verschwunden. Er hätte aber schwerlich danach fragen und zugeben können, dass er sie noch nicht gelesen hatte.

„Alles klar, Alexander, ich werde es dir kurz erklären“, sprach Jan in das betretene Schweigen hinein.

„Der Peacemaker Illuminated entspricht fast 1:1 unserem Prototypen der Neogaze Empathy. Hinzu kommt, dass sie uns in dessen Erprobung bereits um Längen voraus sind, weil die Gesetze in Deutschland nun mal kein günstiges Umfeld für unsere Forschungen darstellen.“

„Und in dieser Situation  macht es uns große Sorgen, dass du die Entwicklung der Empathy verzögerst, dass du, statt sie voranzutreiben, eigene Studien betreibst, deren Ergebnisse du nicht vollständig mit uns teilst. Noch dazu zögerst du wichtige Untersuchungen hinaus.“

„Aber ich … ja welche denn?“, fragte Alexander nervös.

„Ich sage mal so: Die Probandin hat braune Augen und ist unfähig eine Spule zu bewegen. Und es wäre dringend an der Zeit, dass wir herausfinden, warum nicht. Aber das scheinst du um alles in der Welt vermeiden zu wollen.“

Herr Liu gab ein leicht schmatzendes Geräusch von sich. Es war nicht klar, ob es sich um ein nachträgliches Lob für das köstliche Essen handelte oder ob er nach Luft schnappte.

Mr. Sandman mischte sich ein. „Aber hast du nicht gesagt, dass ihr im Prinzip auch ohne Alex weitermachen könntet? Dass ihr seine Ergebnisse bereits ausgewertet und den Prototypen entsprechend angepasst habt?“

„Richtig, Arnie“, bestätigte die Präsidentin, „im Prinzip könnten wir ohne ihn weiterarbeiten. Aber ich bin keine Prinzipienreiterin. Ich möchte ihn als Mitarbeiter nicht verlieren. Er ist und bleibt“, sie sah mit einem bedauernden Lächeln zu Marvin hinüber, denn sie wusste, dass ihm diese Aussage nicht gefallen würde, „unser ge-nialstes Pferd im Stall. Trotz seiner momentanen Abwesenheit.“

Mit einem leicht verkniffenen Lächeln wandte sie sich wieder Alexander zu. „Deine Studien sind hervorragend, die Ergebnisse deiner Experimente, die du uns bisher allerdings vorenthalten hast, haben einen unschätzbaren Wert. Ich bin sicher, du wolltest nur ein wenig abwarten, bevor du uns darüber vollständig in Kenntnis setzt. Wir haben aber keine Zeit mehr, abzuwarten, Alexander. Deshalb haben wir uns die Freiheit genommen, deine Ergebnisse auch ohne deine Zustimmung bereits in die Weiterentwicklung der eNeogaze einzubeziehen. Und voilà, es hat sich gelohnt.“

Sie machte eine kleine Geste in Jans Richtung, der daraufhin per Fernbedienung den Beamer betätigte, der an der Wand installiert war. Auf dem Bild, das aufleuchtete, waren mintgrüne Kontaktlinsen zu sehen, Alexander konnte nicht erkennen, wodurch sie sich von ihren Vorgängern unterschieden, die er tags zuvor seinem Publikum präsentiert hatte.

„Darf ich vorstellen“, sagte Maggy, „unser   neuestes Modell. Leicht wie eine Feder, aber mit der Kraft, Blicke und Gedanken zielsicher durch virtuelle Welten zu steuern.

Und das Beste: Du kannst der eNeogaze einfach stumm diktieren, wie du deine Umgebung gern hättest. Über den integrierten Aktivsensor können bei Bedarf zudem Daten von außen eingespeist werden. Die perfekte Technologie, um sich eine eigene oder eine gelenkte virtuelle Realität zu schaffen.

Die Illusion ist so hervorragend, dass die Probanden, mit denen wir sie getestet haben, sie tatsächlich nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden konnten. Mit dem einen kleinen Nachteil, dass sie sich dessen immer noch bewusst sind und dass die Wirkung nachlässt, sobald sie die Kontaktlinsen wieder herausnehmen.

Der nächste Schritt wäre also, ein Implantat herzustellen. Und genau darum handelt es sich beim Peacemaker Illuminated. Der nämlich wurde nicht von einem deutschen Entertainment-Unternehmen entwickelt, wie es NEOWORLDS nun mal ist, sondern in Zusammenarbeit einer amerikanischen Privatuniversität mit dem chinesischen Militär.

Du kannst dir vorstellen, was das bedeutet, Alexander. Was bei uns oder in den USA unvorstellbar wäre, nämlich eine Zwangsimplantation zu Testzwecken, ist in China kein Problem.“

Alexander wusste nicht, was er sagen sollte. Zu viele Informationen prasselten auf ihn ein, die er erst einmal sortieren musste. Maggy füllte Sektgläser und reichte sie herum. Herr Liu und Herr Sheng lehnten dankbar ab, sie vertrugen keinen Alkohol. Maggy bot ihnen Mineralwasser an. Erneut breitete sich dann ein peinliches Schweigen im Raum aus.

„Ein Engel geht durch den Raum“, sagte Ma-thilda in ihrem naiven Kindertonfall, nicht bemerkend, dass ihre Äußerung so gar nicht zur Stimmungslage aller anderen Anwesenden passen wollte.

„Halt doch den Mund, Mathilda“, sagte Maggy und wandte sich dann wieder Alexander zu.

„Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden. Für NEOWORLDS und auch für dich, Alexander, ist dies eine bedrohliche Entwicklung. Sollte der Peacemaker als Erster auf den Markt kommen, hätte das gravierende Wettbewerbsnachteile für uns und das würde das geplante Joint Venture bedrohen.

Darüber hinaus würde die Technologie als Entwicklung des Militärs gewertet und wir hätten keine Chance mehr, sie an Schulen und Universitäten unterzubringen, um sie im selben gemächlichen Tempo weiterzuentwickeln, das wir uns bisher geleistet haben.

Wir müssen die Neogaze Empathy jetzt perfektionieren. Und wir brauchen dafür Versuche am Menschen, auch mit Implantaten. Darüber hinaus müssen wir wissen, ob sie bei Menschen wie Finnya eine ähnliche Illusion erwecken kann wie bei allen anderen, oder ob ihre ungewöhnliche Art zu schauen, sie zum … zum Widerpart für unsere großen Ziele werden lässt.“

„Implantate, dafür sehe ich derzeit keine Möglichkeit, Maggy“, sagte Alexander so ruhig wie möglich, dem bei dem Gedanken, an Finnya die erforderlichen Experimente durchzuführen, schwindelig wurde.

„Natürlich nicht, Alexander“, entgegnet die Präsidentin kühl. „Aber“, fuhr sie scheinbar sinnierend fort, „stell dir einfach mal vor, einem lieben Menschen würde Gewalt angetan. Nehmen wir Finnya zum Beispiel.

Mal angenommen, die Jugendlichen, die sie betreut, würden ihr etwas antun. Und du könntest es verhindern, indem du ein paar Probanden dazu bewegst, sich unsere eNeogaze als Implantat einpflanzen und sich therapieren zu lassen. Anschließend hätten sie dann die Möglichkeit, sich eine eigene virtuelle Realität zu gestalten. Wäre das nicht viel mehr wert als irgendwelche Einwände der üblichen Bedenkenträger?“

Das Schwindelgefühl verstärkte sich, er beugte sich nach vorn, um seinen Nacken zu entspannen, und stellte mit zitternder Hand das Sektglas auf den kleinen Nierentisch, der sich neben seinem Sessel befand.

Als er den Kopf wieder hob, blickten ihn sieben Augenpaare gespannt an. Sie schienen auf seine Reaktion zu lauern und er wusste, dass Maggy Finnya nicht ohne Grund erwähnt hatte.

 

Sie war kein Beispiel, sie war gemeint und würde in Gefahr sein, sollte er sich weigern, illegale Experimente mit nicht genehmigten Implantaten durchzuführen. Alexander blieb die Luft weg. Da war es wieder, sein Schicksal des ewigen Juden, er durfte einfach niemanden lieben, denn alle, denen er zu nahekam, waren von Vertreibung und Tod bedroht. Er würde sich beugen oder sich sofort von Finnya trennen müssen. Ach was, er musste sich auf jeden Fall von ihr lossagen, denn was immer er tat oder entschied, brachte sie in Gefahr.

Das Gespräch wurde beendet, indem die Präsidentin ihm zwei Tage Bedenkzeit einräumte. Zwei Tage, dann wollte sie das weitere Vorgehen mit ihm besprechen, das letztlich darauf hinauslaufen würde, dass er sich einverstanden erklärte, an den Jugendlichen Experimente mit den neuen Implantaten und an Finnya zur Elektrifizierung ihrer Augen durchzuführen.

„Es sei denn, du hast noch eine bessere Idee,“ beendete sie ihre Ansprache, bevor sie ihn bat, die Runde zu verlassen, da sie mit den Anwesenden noch über eine bevorstehende Reise nach Dalian sprechen wollte.

„Das würde sicher nur langweilig für dich, Alexander“, sagte sie. „Aber vielleicht magst du ja mit Mathilda noch ein wenig durch unseren kleinen Garten spazieren und wir nehmen dann später gemeinsam noch einen Abschlussdrink?“

Mathilda, die sich ohnehin bereits gelangweilt hatte, stand erfreut auf. „Hast du Lust, Alexander?“ Sie wartete seine Antwort nicht ab. „Wir haben hier einen uralten Baumbestand“, schwärmte sie und packte ihn resolut, wie es niemand von ihr erwartete hätte am Arm, „der gerade im Herbst wunderbar anzusehen ist.“

Alexander verspürte nicht das geringste Quäntchen Lust, ihr zu folgen, wollte sie aber auch nicht kränken. Sie war lieb und nett, zudem hatte Maggy ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass seine Anwesenheit beim folgenden Gespräch nicht erwünscht war. Also tat er ihr den Gefallen und sie betraten gemeinsam das parkähnliche Anwesen, als das sich Maggys „kleiner Garten“ erwies.

Mathilda hatte nicht übertrieben, der Park war eine Sensation, die man in einer privaten Anlage kaum erwartet hätte. Hinter hohen Mauern verborgen hatten die Gärtner ein Paradies angelegt, in dem Bäume und Beete, Gräser und Skulpturen Ruhe und Geborgenheit verströmten.

Mathilda führte ihn zu einem kleinen Schuppen, in dem früher ihre Kaninchen überwintert hatten, und er fragte sich, wie alt sie wohl eigentlich war. Nach all dem, was er gehört hatte, musste sie mindestens Mitte zwanzig sein, aber sie wirkte nicht so. Oder spielte auch sie ein Spiel mit ihm, das er nicht durchschaute?

Sie setzten sich auf eine Bank mit Blick auf einen kleinen Teich, auf dem Seerosen schwammen und in dem sich orangefarbene Koi aufgeregt hin und her bewegten. Mathilda zog zwei kleine Flaschen Vodka, die sie aus der Hausbar stibitzt hatte, aus der Hosentasche und reichte ihm eine davon.

Er dachte an den ersten schönen Sommertag, den er mit Finnya in der Botanika verbracht hatte, wo es ebenfalls einen künstlich angelegten Teich mit riesigen Kois gab. Finnya hatte ihn aufgefordert, seine Hand ins Wasser zu halten, aber er hatte sich vor den gierig auf- und zuschnappenden Fischmäulern geekelt. Sie hatte ihn ausgelacht und einen Feigling genannt und keine Ruhe gegeben, bis er die Hand ins Wasser hielt und zumindest die dicken Bäuche der Fische berührte.

Jetzt ergriff Mathilda seine Hand, versprach, seine Lebenslinie zu lesen, aber er entzog sie ihr rasch wieder. Traurig schaute sie ihn an. „Ich kann doch nichts dafür, Alexander“, sagte sie. „Und sie selbst ja auch nicht.“

„Du meinst deine Mutter?“, fragte er, aber sie schien ihn kaum noch wahrzunehmen, folgte jetzt einem eigenen Gesprächsplan, in dem er nur als Zuhörer vorkam.

„Weißt du, dass ihr Vater, also mein Großvater, Hilfsarbeiter auf der AG Weser war? Dass meine Großmutter putzen ging, damit sie die Kinder irgendwie durchbringen konnten? Du denkst vielleicht, Maggy ist in Reichtum aufgewachsen, hätte Eliteschulen besucht und so. Pustekuchen. Sie stammt aus ganz ärmlichen Verhältnissen und das hat man sie auch immer spüren lassen.

Sie musste so hart sein, um sich nach oben zu arbeiten, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Die Kerle aushalten, die Herabstufung durch ihre feinen Ehefrauen. Sie hat so viel geopfert für NEOWORLDS, weißt du. Aber sie hat es geschafft. Oder kennst du eine Frau in vergleichbarer Position? Und noch dazu eine ohne Mann, aber mit Kind?“

Er kannte einige, wenn auch nicht persönlich, aber er wollte Mathilda den Glauben nicht nehmen, dass ihre Mutter die große Ausnahme darstellte.

Tatsächlich schienen Frauen nur in die Führungsetagen aufzusteigen, wenn sie über sehr gute Beziehungen verfügten oder aber über gar keine. Wenn sie ganz auf sich allein gestellt und bereit waren, alles zu akzeptieren, was sie nur eine Stufe höherbrachte.

„Und du Mathilda, wie sieht dein Lebensplan aus? Willst du auch einmal Karriere machen?“

„Ich? Nein, ich tauge zu nichts. Ich bin nicht wie sie. Ich bin einfach nur da, mich zieht es nirgendwo hin. Ich kann ein bisschen Klavier spielen und singen, manchmal schreibe ich Gedichte über Blumen, die ich auf meinem Instagram-Account veröffentliche. Und natürlich erhalte ich dafür ganz viele Likes, denn alle mögen mich. Aber wohl nur, weil ich ihre Tochter bin. Nicht, weil ich Mathilda bin.“

Sie tat ihm leid, absurderweise gerade deshalb, weil sie in ihrem ganzen Leben noch niemals mit echten Problemen konfrontiert gewesen war. Sie kannte Gewalt und Hass nur aus der Zeitung und Armut nur aus den Erzählungen ihrer Mutter, war immer wohlbehütet und abgeschirmt aufgewachsen, hatte nie für etwas kämpfen oder auf ein Ziel hinarbeiten müssen.

Sie hatte sich keiner Herausforderung stellen und niemals etwas entbehren müssen. Die einzige Schwierigkeit, mit der sie kämpfte, war der ständige Vergleich mit ihrer Mutter. Ihr Leben musste ihr daran gemessen ebenso leer wie sinnlos erscheinen.

Alexander wusste nicht, wie er sie sonst trösten sollte, deshalb küsste er sie auf die Wange, ohne darüber nachzudenken, wohin dies führen könnte. Doch Mathilda griff nach ihm wie der Ertrinkende nach dem berüchtigten Strohhalm.

Noch während sie ihn heftig und verlangend auf den Mund zurückküsste, setzte sie sich rittlings auf seinen Schoß, begann ihn zu streicheln und sein Glied zu berühren, das sich in der engen Hose, die er trug, schmerzlich versteifte.

 

Als er den Moschus-Duft einatmete, musste er die Luft anhalten und bekam einen Hustenanfall. Aber Mathilda lachte nur, zog ihn zum alten Kaninchenstall und bewies ihm, kaum dass sie ihm die Hose geöffnet hatte, dass es doch etwas gab, was sie wirklich gut konnte.

So entschlossen, fast schon routiniert ging sie vor, dass er nicht wusste, ob ihre Trauer und Wehmut zuvor gespielt gewesen waren. War dies ihre Art, mit Männern anzubandeln? Oder hatte sie den Auftrag erhalten, ihn zu verführen? Er wusste es nicht, aber er fühlte sich ein wenig beschmutzt und missbraucht, als sie sich, gleich nachdem sie gemeinsam gekommen waren, erhob und ihm nahelegte, jetzt besser zu gehen.

Was immer ihr Plan gewesen war, sie hatte ihm bewiesen, dass sie die Macht hatte, seine Pläne zu durchkreuzen. Und schlimmer noch, sie hatte ihm gezeigt, dass auf seine Vorsätze so wenig Verlass war wie auf seine Treue und sein Verantwortungsgefühl. Er war einfach ein hemmungsloser Egoist. Ein weiterer Grund, der dafür sprach, dass er sich von Finnya trennen musste. Sofort. Er war ihrer Liebe einfach nicht würdig. Aber zuvor musste er noch etwas anderes erledigen. Alexander nahm einen kräftigen Schluck aus der Vodka-Flasche.

„Alles klar, Mathilda“, sagte er. Er zog seine Hose hoch, klopfte Erde und allerlei Gestrüpp von seinen Kleidern, leerte die noch halbvolle zweite Flasche Vodka in einem Zug aus und stapfte dann wild entschlossen zum Haupteingang der Villa zurück. Da er dort keine Klingel fand,  hämmerte er mit starken wilden Bewegungen an die dunkle schwere Holztür. Nichts geschah.

„Maggy, mach die Tür auf!“, schrie er, doch niemand im Haus rührte sich. Die Festtagsbeleuchtung war erloschen, die Gäste und auch das Personal längst verschwunden. Aber der Alkohol benebelte sein Hirn und täuschte ihm einen Mut vor, den er niemals besessen hatte.

„Verdammt, mach die Tür auf, ich kündige, verstehst du? Ich kündige diesen verdammten Scheißjob, ihr könnt die Welt ohne mich beglücken!“

Alles blieb still, auch Mathilda war längst durch einen Seiteneingang im Inneren der ansonsten unzugänglichen Villa, die sich nun von ihrer dunklen, unerbittlichen Seite präsentierte, verschwunden.

Aus der Ferne erklang ein Martinshorn, das ihn gemahnte, besser zu verschwinden, wollte er nicht am nächsten Tag einen peinlichen Bericht über sich in der Zeitung lesen. Schließlich war Dr. Margarethe York nicht irgendwer; sie zu belästigen, stellte schon einen erheblichen Frevel dar.

Alexander kam zu sich und machte sich zu Fuß auf den Heimweg, nicht ohne mit einer gewissen Befriedigung zu registrieren, dass zahlreiche Bürger erschreckt die Straßenseite wechselten, wenn er ihnen im Dunkeln entgegengetorkelte und so tat, als würde er im nächsten Moment zu Boden stürzen.

Als er sich daheim endlich unter die Dusche stellte, verfasste Mathilda bereits ein Gedicht, das ihr mehrere Hunderte Likes auf Instagram einbringen würde. Sie hatte eine faulende Pfingstrose als Illustration ihrer Zeilen gewählt. Unterdessen studierte Margarethe York sorgenvoll die Geschäftsbücher. Sie würde einmal mehr kämpfen müssen, um nicht schon morgen durch eine jüngere Konkurrentin ersetzt zu werden. Sie war müde. Aber immer noch kampfbereit.

Vor dem Schlafengehen checkte Alexander sein Handy und die Social-Media-Accounts. Keine Nachricht von Finnya, aber Mathilda hatte sie beide auf Instagram markiert. Entsetzt las er die Zeilen, die sie kurz zuvor hochgeladen und mit zahlreichen wirren Hashtags versehen hatte.

 

Für A.

Eins sein, ein Samen sein, zusammen eins im Samen sein,

verderbt sein, zusammen einsamen und einmal eins sein,

Blume, Duft und Vodka,

dein Samen küsst mein Gesicht,

wird zum Staubkorn für mein Gedicht,

Schmerz, wenn ich dich gehen heiße,

du folgst

dem einsamen Duft meines Willens.

Du ich

ich Du

einst einmal eins,

zur höllischen Freiheit verdammt,

einsam zwei zu sein.

 

Ob Finnya wissen würde, wer gemeint war? Natürlich würde sie das. Aber es war ohnehin zu spät, zu ihr zurückzukehren. Er hatte ihre Liebe verspielt, seinen Job gekündigt, sie betrogen. Was sollte sie von einem Verräter wie ihm noch zu erwarten haben?

Der Gedanke an Finnya war ernüchternd, aber nüchtern ließ sich seine momentane Situation nicht ertragen, weshalb er sich einen Tequila genehmigte. Beim dritten Glas dämmerte es ihm trotz der schweren Alkoholwolke, in die er bereits gehüllt war, was er getan hatte.

Er machte sich keine Illusionen, sich damit herausreden zu können, dass er betrunken gewesen war. Sein Job bei NEOWORLDS war Geschichte, was bedeutete, dass er wieder von vorn anfangen musste. Und natürlich würde es nach einem solchen Spektakel keine höhere Anstellung mehr für ihn geben, jedenfalls nicht in einem deutschen Unternehmen. Nach dem fünften Glas hatte sein Körper endlich Erbarmen und schickte ihn in einen unruhigen Schlaf.

 

Kapitel 15: Zu Besuch bei Mertens

Alexander erwachte am nächsten Morgen mit einem Kater, wie ihn nur Tequila-Trinker kennen. Er wusste, er würde für mindestens drei Tage damit zu kämpfen haben, aber es war ihm egal. Kopfschmerztabletten oder Aspirin vertrug er nicht, außerdem empfand er es nur als gerecht, dass er nach einem solchen Besäufnis leiden musste. Der körperliche Schmerz gab ihm zudem wenigstens einen Grund zu jammern, wogegen er seine Seelenpein lieber verdrängte. 

Nach einer kalten Dusche, viel Kaffee und einem kurzen Spaziergang an der Weser war er schließlich wieder klar genug, um sein Versprechen einzuhalten und Mertens zu besuchen. Er wählte, obwohl ihn schon der Gedanke an Alkohol ekelte, eine gute Flasche Weißwein aus der Bar und machte sich auf den Weg zur Straßenbahn, denn aufgrund des Restalkohols im Blut schien es ihm besser, das Auto stehen zu lassen.

Die Linie 10, mit der er zum Bahnhof fuhr, roch wie jedes Wochenende nach Bier, Schnaps, schwarzem Tabak und Erbrochenem. Hinter ihm unterhielt sich ein Junkie per Smartphone lautstark mit einem Kumpel über die dumme Tante vom Jobcenter, die ihm schon wieder was von seinem Hartz 4 abgezogen hatte, weil er zu irgendeinem Termin nicht erschienen war.

„Dabei darf die das gar nicht“, nörgelte er ins Telefon. Sein Gesprächspartner antwortete in aufgeregter Tonlage, Alexander versuchte, nicht zuzuhören. Der Junkie sprach noch ein paar Mal ein bekräftigendes „genau, Alter!“ ins Smartphone und beendete dann das Gespräch mit einem zufriedenen: „Man sieht sich.“

Am Bahnhof war es wegen des Freimarkts noch voller als sonst und er musste sich auf den knapp bemessenen Bahnsteigen zwischen der Menschenmenge hindurchquetschen. Der Geruch von gebrannten Mandeln lag in der Luft, von der Bürgerweide drang laute Musik herüber, Kinder naschten an bunter Zuckerwatte und schleppten riesige Teddys mit sich herum, die sie an einer der Losbuden gewonnen hatten. Ein kleines Mädchen weinte, weil sein Luftballon davongeflogen war, die übrigen Jahrmarktbesucher bemerkten es nicht, sie waren in bester und bereits leicht angetrunkener Feierlaune.

Alexander spürte, wie schon der Geruch nach Alkohol ihm wieder zusetzte, und er hätte sich gern einen Moment ausgeruht, aber die wenigen Bänke waren von älteren Trinkern besetzt, die lallend darüber Auskunft gaben, was sie derzeit gerade beschäftigte oder empörte.

Ein paar Jugendliche versuchten Selfies mit den angetrunkenen Obdachlosen zu machen, was diese zu wüsten Beschimpfungen veranlasste. Die anderen Fahrgäste, die hier auf einen Bus oder auf eine Straßenbahn warteten, taten so, als würden sie die Penner gar nicht bemerken. Wie sie auch die Dealer und Taschendiebe nicht sehen wollten, die die Herumstehenden daraufhin checkten, ob sie einen guten Kunden oder ein gutes Opfer abgeben würden.

Dabei waren gerade die Jüngsten unter ihnen, die sogenannten unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge, von denen eine Handvoll die Bürger in Angst und Schrecken versetzte, leichter zu erkennen und zu bemerken als das Gelbe vom Ei.

Sie trugen Laufschuhe in knalligen Farben, enge Jeans und Sweatshirts, hatten die Hände in den Taschen vergraben, blickten mürrisch drein und waren immer in kleinen Gruppen unterwegs. Jedem, der sie auf- und ablaufen sah, musste klar sein, dass sie weder eine Reise antreten wollten noch auf jemanden oder etwas warteten. Ausgenommen andere Reisende, die sie unverhohlen musterten, um ihnen schließlich Handys oder Portemonnaies abzunehmen. Nur die Sicherheitsbeamten schienen die Jugendlichen nicht zu bemerken.

Ich werde nie verstehen, warum es einer Stadt mit einer halben Million Einwohnern nicht möglich ist, diese dreißig bis fünfzig Jugendlichen in den Griff zu bekommen, dachte Alexander. Warum sie wie Finnyas Jugendliche erst Gewalttäter werden mussten, bevor man sich ihrer intensiver annahm. Und selbst dann kamen sie oft in Unterkünfte, aus denen sie nachts bequem türmen konnten, sodass sich unter den nächtlichen Antänzern in der Diskomeile schon 13-jährige Kinder befanden.

Auch vor Mertens Laden hatte sich wieder eine Gruppe Jugendlicher eingefunden, die ihn skeptisch musterte, als er sich ihnen näherte. Schon von weitem konnte er sehen, dass jemand eine neue Parole an die Scheiben gesprüht hatte. „Deutschland verrecke“ – so sahen die Reaktionen auf einen alten Mann aus, der sich in seiner Angst verrannt und der falschen Bürgervereinigung angeschlossen hatte.

„Haste mal‘n Euro“, fragte ihn einer der Jugendlichen, die sich auf dem Vorplatz zum Laden niedergelassen hatten. Er antwortete nicht, setzte aber den bösen Blick auf, den er sich antrainiert hatte, um klar und deutlich zu signalisieren: Komm mir besser nicht zu nah.

„Blöder Spießer“, knurrte der junge Mann und zeigte ihm einen Stinkefinger, aber zum Glück hatte Alexander bereits geklingelt und Mertens, der einen kurzen Blick durch den neuen Türspion geworfen hatte, ließ ihn ein. Er begrüßte ihn freundlich, aber kurz und nicht, ohne sich zu vergewissern, dass niemand sonst ihm folgte. Wie ein Gefangener, dachte Alexander, während er hinter Mertens die schmale Treppe zu dessen Wohnung hinaufstieg.

Im dunklen Wohnzimmer, in dem ein teures, aber sichtlich verschlissenes Ledersofa zu viel Platz einnahm, war schon lange nicht mehr gelüftet worden. Auf dem Couchtisch stand ein Teller mit einem undefinierbaren Speiserest, daneben lag die Fernsehzeitschrift, in der die wichtigsten Sendungen, die Mertens auf keinen Fall verpassen wollte, fein säuberlich markiert waren.

Überhaupt gab er sich alle Mühe, seine Rituale zu pflegen, sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig, denn Abend für Abend hörte er Irmgard zu sich sprechen, die ihn aufforderte, nicht aufzugeben, die ihn anflehte, ihre Pläne zu verwirklichen, durchzuhalten, bis er die Stadt endlich verlassen und irgendwo ans Meer ziehen konnte.

Alexander bedauerte, dass er sich auf den Besuch eingelassen hatte. Was wollte er bei Mertens, ausgerechnet jetzt, da er selbst nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Was gingen ihn dessen Probleme an, die er nicht lösen konnte? Warum musste er sich die Geschichten aus einer unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit anhören, die er vermutlich für ihn bereithielt? Und wo war überhaupt seine Frau?

Mertens bot ihm einen Platz auf dem alten, schon sichtlich mitgenommenen Ledersofa an. Er übergab ihm sein Präsent, die Weinflasche, aber Mertens wollte sie nicht annehmen.

„Aber nein“, sagte er, „ich bin Ihnen doch noch etwas schuldig.“ Er holte einen Cognac und zwei Gläser aus dem Mahagoni-Schrank und Alexander fühlte Übelkeit in sich aufsteigen.

„Seien Sie mir nicht böse, Herr Mertens, aber ich hatte gestern einen Schluck zu viel. Deshalb möchte ich heute lieber mal pausieren.“

„Nichts für ungut“, antwortete er, „wäre wohl besser, ich würde mir das auch mal wieder vornehmen. Aber seitdem Irmgard …“, er verstummte, wischte sich eine Träne aus dem Auge.

„Ist sie noch immer im Krankenhaus?“, fragte Alexander, einem kleinen Funken Hoffnung folgend.

Mertens schüttelte stumm den Kopf und zeigte auf eine Fotografie, um deren Rahmen ein  Trauerflor gebunden war. Auf dem Tischchen, auf dem es platziert war, lagen einige wenige Kondolenzkarten, neben dem Bilderrahmen stand eine Vase mit einer roten Rose darin.

  Alexander schaute weg. Er wollte ihrem Bild keinen Zutritt zu seiner Erinnerung gewähren. Es gab schon genug, was er in den dunklen Kammern seines Herzens bewahren musste.

„Das tut mir leid“, sagte er, „ich wusste nicht … soll ich ein anderes Mal wiederkommen?“

„Nein, nein, bitte bleiben Sie.“ Mertens goss sich einen Cognac ein und für ihn ein Glas Mineralwasser. Der Rand des Glases war leicht verschmiert, aber Alexander tat so, als würde er es nicht bemerken. Seine Blicke wanderten zu dem großen Bücherregal an der Wand, in dem die Gesamtausgabe eines Dichters in schönen hellen Leineneinbänden und mit Golddruck verzierte sauber aufgereiht stand.

„Rainis“, sagte Mertens, „ein lettischer Dichter und Gelehrter. Schon mal gehört?“

„Gehört schon“, erwiderte Alexander, „aber nie gelesen. Ein Teil meiner Vorfahren stammt aus Riga. Deshalb auch mein Interesse für lettische Künstler. Ich spreche allerdings nicht Lettisch und bin auch noch nie dort gewesen. Und Sie, was verbindet Sie mit Lettland?“

Mertens starrte ihn an. „Dascha’n Ding“, sagte er überrascht im schönsten bremischen Akzent, der ihm sonst kaum anzumerken war, „meine Eltern stammen auch aus Riga. Sie sind damals vor den Russen geflohen und haben hier in Bremen eine neue Heimat gefunden. Und was hat Ihre Familie hierher verschlagen? Vielleicht gibt es sogar Überschneidungen, vielleicht kannte man sich?“

Bevor Alexander antworten konnte, stand er auf und begann in einer der Schubladen einer antiken Kommode zu kramen. Er wollte dem jungen Mann doch noch ein paar Kostbarkeiten zeigen, die er von seinen Eltern geerbt hatte.

„Meine Eltern wurden beide in Deutschland geboren,“ antwortete Alexander unterdessen möglichst knapp. Er schwankte zwischen Mitleid, das ihn bleiben hieß, und einem heftigen Impuls, der immer schwerer auf ihm lastenden Stickigkeit des Raumes zu entkommen.

„Meine Großeltern waren Rigenser und meine Großmutter konnte ebenfalls fliehen. Allerdings nicht vor den Russen, sondern aus dem Ghetto. Sie war schwanger und fand Unterschlupf bei Verwandten auf einem Bauernhof in der Nähe von Detmold, aber Großmutter starb kurz darauf. Großvater wurde, soweit wir wissen, nach Salaspils gebracht und ist dort … ist dort verstorben.“

Mertens, der gerade fand, wonach er gesucht hatte, wandte sich ruckartig zu ihm um. „Salaspils, ausgerechnet“, sagte er. „Es ist alles ein großer Mist“, murmelte er, „so ein verdammter Mist“, fluchte er schon lauter, nahm sein Cognacglas und leerte es.

„Dann war es wohl kein Zufall, dass wir uns in der Kunsthalle getroffen haben und sofort ins Gespräch gekommen sind. Hat wohl der da oben“, er machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Himmel, von dem durch das Fenster ein winziges Stück zu sehen war, „die Fäden gezogen.“

Alexander dachte, dass es wohl eher daran lag, dass man einander in einem „Dorf mit Straßenbahn“, wie die Bremer ihre Stadt betitelten, nur schwer aus dem Weg gehen konnte, wenn man ähnliche Interessen hatte. Aber er behielt den Einwand für sich.

Mertens zeigte Alexander, was er aus der Schublade hervorgekramt hatte. „Sehen Sie nur“, sagte er und legte einen schweren Ring vor ihm auf den Tisch, der aus mehreren Strängen Silber wie Flechtwerk geformt war.

„Wie sich eins ins andere fügt“, sagte er und schaute ihn traurig an. „Das gehört leider auch dazu“, flüsterte er zitternd und legte eine vergilbte Fotografie auf den Tisch.

Alexander spürte ein hartes Stechen an der Schläfe. Ein solcher Zufall war sogar für Bremen zu viel – auch wenn hier jeder jeden „um drei Ecken“ kannte. Auf dem Bild sah man im Hintergrund eine der Baracken von Salaspils, vor denen eine Reihe jüdischer Insassen in abgetragener Kleidung zum „Appell“ angetreten waren. Im Vordergrund stand einer der uniformierten Lagerwächter, der mit ernstem, unerbittlichem Gesichtsausdruck und gen Himmel gerichtetem Blick einer schweren Aufgabe entgegenzusehen schien. Er schob das Bild von sich, wollte aufstehen und gehen.

Vergessen war der Gedanke, dass dieser Mann ihm etwas Wichtiges mitzuteilen haben könnte. Er hatte seine Pflicht erfüllt und ihm einen Besuch abgestattet. Mehr konnte und wollte er nicht für ihn tun. Er tat ihm leid, gewiss, aber so wie es aussah, hatten schon seine Eltern auf der falschen Seite gestanden. Vielleicht stimmte es doch, was die Jugendlichen erzählten, und er war einfach ein alter, dummer, unbelehrbarer Nazi?

Doch es war Mertens, der ihn nun misstrauisch ansah. „Sagen Sie mal“, fragte er ihn und versuchte seine müden Schultern nach oben zu strecken, „woher wissen Sie das eigentlich?“

Alexander war sich nicht sicher, wovon er sprach. „Woher weiß ich was?“, fragte er zurück, „was mit meinen Großeltern geschah?“

„Nein, das mit Irmgard, dass sie im Krankenhaus war. Sie haben doch eben gefragt, ob Irmgard noch im Krankenhaus ist.“

„Aus der Zeitung“, log er souverän. „Es wurde ja in allen Medien über Sie und den Überfall berichtet. Und Sie sind ja auch sonst nicht ganz unbekannt in Bremen.“

Alexander überwand seinen Ekel und nahm einen kleinen Schluck Wasser aus dem verschmierten Glas, denn die Übelkeit stieg ihm langsam die Kehle hoch.

„Ach so. Sie meinen wegen des Interviews? Meine Güte, was kann ich dafür, wenn die meine Aussagen so verzerren. Wie oft wollte ich das richtigstellen. Aber wer interessiert sich dafür, was ein alter Mann zu sagen hat? Eine brauchbare Geschichte wurde aus mir erst, als man mich zum Nazi erklären konnte.

Wie oft habe ich die Polizei und die Behörden zuvor um Hilfe gebeten. Wie oft wurde ich abgewimmelt. Und dann war da eben dieser Journalist vom BFB und bot mir Hilfe an. Was hätten Sie getan? Ich habe mich mein Leben lang nicht für Politik interessiert.

Ich habe das da“, er zeigte auf die Fotografie, „doch nicht gewollt, ich war ja noch nicht einmal geboren. Hab immer jedem die Butter aufs Brot gegönnt. Immer gespendet, immer andere unterstützt. Auch mal einen Zettel unter den Tisch fallen lassen, wenn jemand anschreiben lassen musste. Und jetzt bin ich nichts als ein Nazi?“

„Ich weiß nicht, wer und was Sie sind, Herr Mertens. Sie sind ein Kaufmann und Kunstliebhaber, Sie sind belesen und interessiert an Geistesgeschichte, aber was besagt das schon? Irgendein Zufall hat gewollt, dass wir uns treffen, wir haben eine Gemeinsamkeit festgestellt, die uns zugleich wieder voneinander trennt. Mehr weiß ich nicht.“

Er stand auf. Sein Smartphone vermeldete den Eingang neuer Nachrichten und er verschluckte den Nachsatz „und ich will es auch gar nicht wissen“, den er eigentlich noch hatte aussprechen wollen, um für Klarheit zu sorgen.

Er schaute aufs Handy, eine neue Nachricht von Finnya blinkte auf.

„Entschuldigung“, sagte er, drehte sich leicht zur Seite und öffnete den Messenger. Alexander traute seinen Augen nicht, dachte an einen schlechten Scherz, als er Finnyas Nachricht erblickte.

 Tarik hält uns gefangen. Du sollst herkommen, sofort!

Alexander verstand nicht, es ergab keinen Sinn. Mertens sah ihn besorgt an. „Ist etwas passiert?“, fragte er. Alexander reichte ihm das Handy.

„Ist das von Ihrer Freundin?“, fragte Mertens. Und bohrte, als Alexander bejahte, nach. „Und Tarik ist doch einer von diesen Jungs, oder?“ Alexander schüttelte erneut zustimmend den Kopf.

„Aus der Zeitung, soso“ sagte Mertens. „Sie kamen mir aber gleich so bekannt vor“, stellte er fest. 

„Es tut mir leid, Herr Mertens“, haspelte Alexander, „aber ich muss sofort los.“

Mertens sah ihn erschrocken an. „Was wollen die von Ihnen? Und was wollen Sie tun?“

„Ich weiß es nicht, aber sie wollen offensichtlich, dass ich herkomme. Ich muss sofort zu Finnya, mein Gott …“

Mertens stand auf. „Ich werde Sie begleiten“, sagte er. „Kommen Sie.“

„Ich kann Sie nicht mitnehmen“, lehnte Alexander ab. „Die bringen Sie noch um.“

„Unsinn“, schimpfte er. „Und wenn schon. Ohne Irmgard bin ich sowieso wie tot.“

Alexander wollte weiterhin ablehnen, doch dann fiel ihm ein, dass er mit der Straßenbahn gekommen war. „Haben Sie ein Auto?“, fragte er. „Trauen Sie sich zu, noch zu fahren?“

Ohne zu antworten zog Mertens ihn aus der Wohnung. Durch einen seitlich am Haus befindlichen Gang gelangten sie zum Parkplatz unter der Hochstraße. Mertens schob ihn auf den Beifahrersitz seines alten Mercedes, nahm hinter dem Steuer Platz und steckte den Schlüssel ins Zündschloss.

„Also, wohin?“, fragte er in der knappen bremischen Art. Alexander hatte keine Ahnung. Er hatte bereits versucht, Finnya zu erreichen, aber sie antwortete nicht. Zu Jugend in Not sagte er dann aufs Geratewohl und präzisierte, da Mertens ihn verständnislos ansah: „Nach Walle, in die Elisabethstraße, wo die Wohngemeinschaft untergebracht ist.“

Mertens raste los und passierte bei Gelb die Kreuzung, an der sich das Kino befand, aus der Alexander während seiner ersten Übernachtung in Bremen die heiteren jungen Leute hatte kommen sehen, die sich später in eine Horde Gaffer verwandelten. Mit Finnya hatte er zum ersten Mal so etwas wie Heiterkeit erleben dürfen. Und augenblicklich wurde er dafür bestraft.

Warum sonst saß  er jetzt in einem alten Mercedes und betete, dass kein Polizeiwagen sie stoppen würde? Seine Gedanken flogen hin und her, konnten sich nirgendwo anlehnen, aber er litt wie ein gefangenes Tier, das im engen Käfig gegen Gitterstäbe schlägt, wütete gegen all den menschlichen Abschaum auf der Welt, der ihn immer wieder zum Kämpfen zwang.

Es waren Sadisten gewesen, die Großvater im Lager hatten verdursten und verhungern lassen, um empirisch belegen zu können, wie lange ein Mensch ohne Nahrung auskommt. Die minutiös festhielten, wie ein ausgehungerter, erschöpfter Körper zugrunde ging, welche Funktionen als Erstes ausfielen, wie lange er Schmerzen empfand und wann eine rettende Ohnmacht einsetzte.

Es waren Sadisten gewesen, die, ohne zu helfen, zugesehen hatten, wie seine Großmutter nach der Flucht ihr Kind entband und dabei fast verblutete. Sogar die entfernte Verwandte, die sich ihrer und ihrem Kind annahm, hatte nicht ohne Eigennutz gehandelt, denn sie brauchte dringend eine billige Arbeitskraft auf dem Hof und sehnte sich nach einem Baby, das sie selbst kurz zuvor verloren hatte.

Als seine Großmutter starb, war ihr kleines Mädchen, seine Mutter Elena, gerade ein halbes Jahr alt. Nur durch einen Zufall erfuhr sie, die in dem Glauben aufgewachsen war, dass ihre    Eltern katholische Westfalen wären, später, wer sie wirklich war und wohin sie einmal gehört hatte.

Sie hatte den alten Koffer entdeckt, die Fotos von ihrem Vater, die Uhr, deren feines Räderwerk längst stillstand, hatte nachgefragt, sich unnachgiebig gezeigt, die Wahrheit herausfinden wollen. Irgendwie hatte sie es wohl schon immer gespürt. Sie rekonstruierte die Geschichte ihrer Familie, fand Verwandte, die überlebt hatten, nahm sich bewusst einen Juden zum Mann, obwohl sie im katholischen Teil Westfalens sozialisiert worden war. 

Elena war nach außen stets kompromisslos gewesen, unsentimental und kämpferisch. Niemand hatte ahnen können, welch düstere und verzweifelte Stimmungen sich zuweilen in ihrer Seele zusammenbrauten, wie groß ihre Sehnsucht nach einer Welt war, in der sie nicht mehr kämpfen musste.

Und wenn dies hier auf Erden nicht möglich war, dann musste es eben ein Drüben geben, einen Himmel und eine sie umarmende Ewigkeit, in die sie sich so oft heimlich hinüberwünschte. Bis sie Andrej kennenlernte, seinen Vater, und bis er, Alexander, zur Welt kam, und sie sich ein klein wenig aussöhnen konnte mit dem Leben unter Menschen, deren Verhalten sie nicht verstand, deren verbissenes Schweigen sie so gedemütigt hatte, wie sie ihre bissigen Bemerkungen verletzten.

Denn natürlich gönnte man ihr nicht einmal dieses kleine bisschen Glück. Man zischte und neidete es ihr, schimpfte sie undankbar gegenüber den vermeintlichen Eltern, die sie unter großer Gefahr großgezogen hatten. Sein Vater, der zu seiner geliebten Elena aufs Land gezogen war, hielt es nicht länger aus, sie so leiden zu sehen, forderte sie auf, mit ihm nach Israel auszuwandern. Sie konnte sich das nicht vorstellen. Sie hielten durch, bis er, ihr einziger Sohn, alt genug war, um allein zurechtzukommen.

Doch als der große Tag gekommen war, fand man sie wie schlafend nebeneinander im Ehebett. Das Haus wurde verkauft, um ihre Schulden zu tilgen. Ihm blieben der Koffer, die Fotos, die Uhr und die saubere Niederschrift seiner Mutter, die ihren Stammbaum so weit als möglich zurückverfolgt hatte. Einen Stammbaum, der entwurzelt und vernichtet worden war.

Wenn er nicht gewesen wäre, vielleicht hätte sie sich entschließen können, Deutschland zu verlassen. Aber er hatte nicht gewollt, hatte sich geweigert, mitzugehen. Er glaubte nicht an einen Gott oder Jahwe, er kannte Israel nicht, er wollte in seiner Heimat bleiben, studieren, Karriere machen, ein gewöhnliches, unauffälliges Leben als Deutscher führen. Es war alles seine Schuld,  auch, dass er jetzt hier war, auch, dass er Finnya in eine solche Situation gebracht hatte.

Mertens bremste abrupt, bog dann scharf in die Elisabethstraße ein und hielt vor dem Mehrfamilienhaus, in dem die von Finnya betreute Wohngemeinschaft untergekommen war. Alexander schaute Mertens in die Augen, der nickte ihm zu, er drückte den Klingelknopf.

Lea erschien am Fenster, kurz darauf sprang der Summer an. Die beiden Männer zwängten sich an Kinderwagen und auf dem Boden verstreuten Prospekten vorbei, stiegen zwei Stockwerke durch ein dunkles Treppenhaus hinauf, in dem es nach Kohlsuppe und Urin roch. Lea öffnete ihnen die Tür.

„Was will der denn hier?“, fragte sie, als sie Mertens erblickte.

Dann griff sie nach ihrer Jacke, schnappte sich den Haustürschlüssel und schlug die Wohnungstür zu.

„Sie sind nicht hier“, sagte sie. „Sie sind bei NEOWORLDS. Fahren wir?“

Alexander hätte sie gern geohrfeigt. Aber er hielt sich zurück und zu dritt fuhren sie nun zum Firmensitz in der Überseestadt. Alexander fiel ein, dass sich an seinem Smartphone eine Notfalltaste befand, die er jetzt heimlich betätigte. Maggy und die Security würden einen Warnhinweis erhalten, dass bei NEOWORLDS etwas nicht in Ordnung war, und hoffentlich das Schlimmste verhindern.

Doch er wurde enttäuscht. Als sie ankamen, waren weder Polizei noch Security noch die Präsidentin vor Ort. Das Gebäude lag verlassen da, wie es sich für einen Sonntag gehörte. Nervös sondierten seine Augen das Gelände, aber er konnte nichts Auffälliges entdecken. Er blickte zu Mertens, dem die Angst ins Gesicht geschrieben stand. Der alte Mann zitterte, gab sich aber wacker Mühe, mit ihnen Schritt zu halten.

Erstaunlich zielsicher führte Lea sie zu jenem Saal, in dem sie vor Kurzem noch die Delegation empfangen hatten. Er lag in einem Bereich, der für Publikum zugänglich war, sodass sie keine Sicherheitsschranke passieren mussten. Dass die Türen nicht verschlossen waren, war dennoch seltsam.