I.1 Intention der Brüder Grimm

Dass die Brüder Grimm sich nicht in „Spinnstuben, dämmrigen Küchenwinkeln und Kohlenmeilern“ herumgetrieben haben, um verschollenen Märchenresten auf die Schliche zu kommen, sondern dass sie im Gegenteil sogar die alte Dorothea Viehmann dazu bewegten, zu ihnen ins Schreibstüberl anzureisen, bezweifelt heute niemand mehr.

Schon den Grimms selbst – wie auch ihren Zeitgenossen – war klar, dass sich Formen der mündlichen Rede und des mündlichen Erzählens nicht verschriftlichen lassen. So stellten sie ihre Sammlung auch nicht unter den Begriff der Folklore, sondern unter den der Mythologie – einer Tradition, um die sie als eine, die verloren gegangen schien, trauerten.

Was sie sammelten, waren „Überbleibsel“, denen sie nunmehr eine feste Form geben wollte. Da das Vergangene bereits als verblasst erschien, nicht mehr aus sich selbst heraus lebte, wollten sie es in ihren Geschichten verstärken, um damit einen Beitrag zum Erhalt historischer Formen zu leisten.

Die Sammlung war jedoch von Anfang an begleitet von politischen, pädagogischen und philologischen Interessen. Zudem galt das Interesse der Grimms nicht der eigentlichen Erzählsituation, nicht dem Vergleich von mündlicher und schriftlicher Erzählweise, sondern einem Phantom, das sie in den Erzählungen ihrer „Informanden“ aufspüren wollten: dem angenommenen Urtyp des Märchens; an dessen Form wollten sie sich herantasten und doch gleichzeitig alles so getreu wie möglich überliefern.

Gaben beide Brüder also unverblümt zu, dass ihnen daran gelegen war, die Eigentümlichkeiten, das Charakteristische der Form herauszuarbeiten, so muss man ihnen wohl auch glauben, dass sie der Meinung waren, durch ihre eigene Blickrichtung und Schwerpunktsetzung, die zu zahlreichen formalen und stilistischen Änderungen des Erzählten führte, nicht wesentlich etwas am Märchen als Ausdruck mündlicher Erzählkunst verändert zu haben.

Besonders Wilhelm sieht sich zum poetischen Schreiben aus sich selbst heraus getrieben, aber auch als von einer höheren Gewalt berufen. Dass er der Überlieferung gegenüber dabei selbst des Öfteren als höhere Gewalt auftrat, zeigen auch Äußerungen, wie sie z.B. von den Kollegen der Grimms überliefert sind. Kritisierte Brentano an der ersten Ausgabe der Märchen noch die kunstlose, „liederlich treue“ Erzählweise, so konnte Arnim dem zweiten Band bereits mit folgenden Worten Bewunderung zollen:

Du hast glücklich gesammelt, hast manchmal recht glücklich nachgeholfen, was Du dem Jacob freilich nicht sagst, aber Du hättest es noch öfter tun sollen, und mancher Märchenschluß wäre mehr befriedigend ausgefallen.“[1]

Die Grimms sahen sich also als Überlieferer einer aussterbenden Form, der sie eine Gesetzmäßigkeit unterstellten, die sie dort, wo sie in den gesammelten Erzählungen nicht zum Ausdruck kam, durch Überformungen herzustellen suchten.

Dabei kam es ihnen lt. Nissen darauf an, die „bedeutenden Eigentümlichkeiten des Originals“ auch in scheinbaren Nebendingen durchblicken zu lassen und infolgedessen auch „ein wenig Zwang“ in Kauf zu nehmen.[2] Die Grimms sammelten also nicht Volkspoesie, sondern brachten ihre Vorstellungen davon zu Papier, was eine solche sein sollte.

Titel: Zur Mündlichkeit Grimm'scher Märchen

[1] Arnim, zit. nach Nissen, W.: Die Brüder Grimm und ihre Märchen.

[2] ebd.