Übersetzungen von Kristaps Grasis. Herausgegeben vom Verlag hochroth, Riga 2013.

Was zeichnet die Dichtung eines Landes, einer Sprache aus? Gibt es Gemeinsamkeiten, ein verbindliches Thema? Als Rezensentin muss ich mich vielleicht gerade vor verallgemeinernden Aussagen hüten, die letztlich nur zeigen, was ich wahrgenommen, welchen Gedichten und Geschichten ich besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Die Lektüre dieses kleinen, aber vielseitigen Gedichtbandes mit Werken zeitgenössischer Dichter und Dichterinnen aus Lettland bestätigt mir das einmal mehr. Denn es ist schwierig, Dichtung zu interpretieren, die so eng an die Sprache und Geschichte eines Landes geknüpft ist, dem man sich so nahe fühlt und von dem man doch so wenig weiß. Ich hoffe also, den Gedichten, die ich Euch hier in Auszügen vorstelle, nicht zu sehr meine eigene Sichtweise und Interpretation übergestülpt zu haben.

Jenseits von Folklore und Sängerstreit: Lettlands zeitgenössische Dichtung

Der Sammelband „Junge Dichtung aus Lettland“ vereint auf 42 Seiten 17 Gedichte und lyrische Kurztexte von 7 lettischen Autoren und Autorinnen, die zudem in Kurzbiographien vorgestellt werden. Der jüngste von ihnen ist 1988 geboren, die älteste 1975.  

Die Gedichte kreisen um Persönliches, Intimes, um Liebe und Freundschaft, um Vergangenes und Zukünftiges. Um Allerweltsthemen also, wie alle Dichtung sie beschreibt. Und eben das macht dieses Büchlein so besonders, denn es sind keine Allerweltsgedichte. Sondern kleine funkelnde Mosaiksteine, aus denen ein Bild von einem Land entsteht, das sich jenseits von Sängerstreit und Jani-Folklore seit gut drei Jahrzehnten in einer schwierigen Auseinandersetzung befindet;  im Ringen, sich als moderner Staat und EU-Mitglied neu zu erfinden und dabei das ganz Eigene, das Sprache und Kultur auszeichnet, zu bewahren.

Lettland hat 1990 seine Unabhängigkeit von der ehemaligen UdSSR erfochten und verkündet, 2004 trat das Land der Europäischen Union bei. In den Gedichten scheint diese Zeit der Neuorientierung – obwohl nicht explizit thematisiert – durch. In der Auseinandersetzung mit den Traditionen, in denen Töchter „zwar nicht verachtet“, wohl aber irgendwie schwer unterzubringen scheinen. In der unbestimmten Wahrnehmung, dass sich da etwas in der Schwebe befindet. Im Hin und Her der Verse zwischen einer als magisch empfundenen Wirklichkeit, die zugleich so hart, so real, so unerbittlich sein kann.  

Und vielleicht ist da noch etwas, was diese Dichtung eint: Man ruft hier nicht, dass das Private das Politische sei. Man empfindet es.

Durchzechte Nächte und das Schweben zwischen gestern und morgen

So schildert das Gedicht „Freunde/Draugi“ von Arvis Viguls (geb. 1987) das Ende einer durchzechten und durchrauchten Nacht. Es ist zugleich das Ende der Jugend, das in der ungewissen Frage, ob es ein Leben danach gibt, angedeutet wird. Schon kündigt sich nämlich ein anderer Morgen an, der die Freunde aus der engen Küche herausführen wird in ein „verschneites Smolensk“, in das es einst die Kaufleute der Hanse zog.

Das Gedicht zeichnet sich durch einen beständigen Wechsel des Subjektes aus. Es erzählt von den im Titel erwähnten Freunden, von Gegenständen und Metaphern, die ihr Erleben beschreiben, den Zwängen, in die sie gestellt sind und ihren Erinnerungen an einstige Feuerrituale und hält auf diese Weise das Geschehen in der Schwebe. Man weiß nie so genau, ob hier jemand handelt oder gehandelt wird. Noch halten die Freunde fest an ihrer Jugend, ihrer Freundschaft, an der letzten Zigarette, doch irgendwann wird einer „am Zug“ sein, wird einer das Schachspiel, auf dessen Brett sich das Leben ereignet, gewinnen müssen.

Auch in seinem Gedicht „Aus der Ferne/No Tāluma“ zeichnet Viguls eine Welt, in der Menschen sich in einer Wirklichkeit „auflösen“, der irgendetwas Magisches entgegensteht, das eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Im Gedicht erinnert sich das lyrische Ich daran, wie es als Schüler Anfang der 1990er Jahre in einen dunklen Raum gebracht wurde.

Der Schüler hat vermutlich starkes Fieber, womöglich liegt er im Sterben, doch er schickt sich Gedanken in die Zukunft, schießt einen Pfeil ab, der seinen Adressaten wie ein Zettel, der heimlich unter der Bank weitergereicht wird, damit die Lehrerin es nicht sieht, achtzehn Jahre später schließlich erreicht. Das alles ereignet sich in einer Dimension, in der sogar der brummende Motor des Moskwitsch, in dem der Schüler transportiert wird, vom Fieber übermannt scheint.

 

Neue Frauen (und Männer) prägen das Land

Doch nicht nur die Wahrnehmung von Wirklichkeit befindet sich in einigen Gedichten dieses Bandes in der Schwebe. Auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern muss neu erfunden werden.

Von frierenden Jacketts und glücklichem Laub

In Ingmāra Balodes (geb. 1981) Gedicht „zum trotz/par spīti“ erzählt das vermutlich weibliche lyrische Ich von einem Moment, da es auf einem Balkon steht und einem Jackett hinterherschaut, das lange “unter den Füßen gefroren” hat.

Das lyrische Ich schaut ihm hinterher, ein wenig neidisch, fern vom geschäftigen Leben der Stadt, aber vielleicht auch froh, nicht in eine Welt zu müssen, in der alles „bis zum Rand voll Salz“ ist. Sein Blick schweift zum „glücklichen Laub“ durch das die Sonne scheint, und es erkennt, dass „mein Gesicht“ schon immer „über deinem Gesicht“ wohnte.

Mir drängte sich beim Lesen das Bild einer jungen Frau auf, die daheim bleibt, während ihr Mann zur Arbeit geht, die ihn einerseits für das „ausgefallene Leben“ beneidet, die aber andererseits das „glückliche Laub“ nicht verlassen möchte. Dass sie in dieser klaren Rollenaufteilung (?) nicht die Unterlegene ist, drückt sich in der Position der Gesichter aus – ihres über seinem.

Der Titel des Gedichts „zum trotz“ scheint dieser Deutung zunächst zu widersprechen. Doch die einleitende Zeile „trotz der krümel des neides …“ verleihen diesem „Trotz“ eine andere Bedeutung. Was bleibt, ist eine tief empfundene Ambivalenz und ein Rollenverständnis, das zwischen Neid und dem Gefühl der Überlegenheit schwankt.

Vom Unglück der Frauen und ihrem schwach ausgeprägten Neid

Ganz anders dann der Tonfall in Inga Gailes (geb. 1976) Gedicht „Das Glück der Frauen“, in dem ein weibliches lyrisches Ich tatsächlich vom großen Unglück der Frauen erzählt:  Frauen erscheinen hier als Töchter, die man zwar nicht „verachtet“, von denen man aber auch nicht so recht weiß, was man mit ihnen anfangen soll. Schlimmstenfalls kommt ein Soldat vorbei und fragt, was sie zum Tausch anzubieten haben und dann beginnt der Kreislauf, in dem die Frauen als die ewig Unterlegenen erscheinen, von vorn, wenn nämlich erneut eine Tochter geboren wird.

Der „Neid der Frauen“, so beschreibt es das lyrische Ich, ist geringer als ihre Furcht und ihr Lebenswille. Sie selbst aber möchte Mensch bleiben, will nicht der „Eimer zum Durstlöschen“ sein, „wenn er zurückkehrt gegen Morgen“. Das Ideal scheint ein Geschlecht des Menschen, dem durch „sieben Jahre Glück“ eine neue Haut wächst. Ein Märchen gewiss, aber vielleicht eines, das erreichbar scheint, wenn man nur nicht länger auf das „Glück der Frauen“ vertraut.

Spannend finde ich, dass beide Gedichte den „Neid der Frauen“ erwähnen. Während Balodes diesem Neid etwas gegenüberstellt, was stärker ist, erscheint er bei Gailes als eine Regung, die noch viel zu gering ausgeprägt ist.

 

Überwindung von Furcht und traditionellem Rollenbild: das furchtlose Mädchen als Dichterin der Zukunft

Deutlich selbstbewusster und berufen, das Glück aller herbeizuführen, erweist sich dann das Mädchen in einem anderen Gedicht von Inga Gailes, das ohne Titel aufgenommen ist.

Das Gedicht handelt von einer Lesung, zu der ein Engel, ein Politiker und zwei „Erzletten“ erscheinen. Vor allem aber ist da dieses Mädchen, das wohl für die Dichterin steht, das selbstbewusst sein Lied anstimmt, das Bilder voller Lebendigkeit zeichnet, von Licht und Freude, von einem Sein, zu dem es die Zuhörer ermutigen möchte. In seinen Zeilen liegt ein großes und schönes Versprechen: „durch eure Lippen will ich sagen, wie die Furcht vergeht.“

Verzweiflung, die keinen Trost sucht

Besonders berührt hat mich Artis Ostups (1988) Neunzeiler mit dem Titel „Requiem/Rekviēms“.

Das lyrische Ich spricht darin zu einem Du, dem es schildert, was eben erst geschehen scheint: Es war Mitternacht, ein Fenster öffnete sich, das Du konnte endlich „frei fließen“ und lebte doch nur fünf Sekunden, „bis der Schnee dich fortwischte“.

Das Fenster, aus dem das Du verschwand, gehört vermutlich zu einem Krankenhaus, denn der Weg führte  zwar nicht ins „Ausland“, aber immerhin in den „Januar auf der Aristīda Briāna iela“, einer Straße am Rande des Zentrums von Riga, an der sich eine Klinik befindet.

Das Gedicht berührt, weil es keine Gnade kennt, nicht mit dem lyrischen Ich und nicht mit dem Leser, denn da war nichts Gutes an diesem Tod, kein Schmetterling erschien und kein Engel, stattdessen sind da „eine winzige, maulfaule Insel“, „alte dreckige Stiefel“. Die dialogische Form deutet an, dass das lyrisch Ich dennoch auf irgendeine Art noch eine Nähe zu diesem Wesen spürt, dem nur fünf Sekunden beschieden waren, und lässt dessen Verzweiflung ohne jede Melodramatik spürbar werden.

 

Liebevolle Gestaltung und ein engagierter Verlag

Neben den bereits genannten Dichtern und Dichterinnen enthält der Band Werke von Anna Auziņa (1975), Iveta Ratinīka (1978) und Kārlis Vērdiňš (1979).

Herausgeber ist der 2008 von Marco Beckendorf gegründete Independent-Verlag hochroth. Wie andere Bücher dieses Verlags ist der Gedichtband in einem schwarzen Pappeinband gehalten, von dem sich das Titelblatt farblich abhebt.

Die Bücher werden handgefertigt und nummeriert, ich halte Exemplar 83 in Händen und habe das Gefühl, dass sich hier wirklich jemand mit viel Liebe der Herausgabe kostbarer Kleinode widmet. Der Preis ist mit 8 € moderat. Einziger Nachteil bei diesem Exemplar: Die Zeilen sind auf den geraden Buchseiten teilweise abgeschnitten, sodass gelegentlich einzelne Buchstaben oder Satzzeichen am Zeilenende fehlen. Kann passieren, ist auch nicht wirklich dramatisch, aber sollte vor Auslieferung vielleicht dann doch jemandem auffallen.

Insgesamt kann ich die Lektüre allen, deren Herz für moderne Lyrik schlägt, nur empfehlen. Bestellen könnt ihr es direkt über die Website des Verlages oder über eine Buchhandlung vor Ort.

 Titel und Bestelldaten:

Junge Dichtung aus Lettland.

Zweisprachiges Lesebuch Deutsch/Lettisch. Aus dem Lettischen übertragen von Kristaps Grasis. Verlag hochroth: 2013.

ISBN: 978-3-902871-29-9