Heute machte mich meine Tochter auf einen Begriff aufmerksam, der bisher an mir vorbeigegangen war: Cancel Culture. Der Begriff umschreibt, dass eine Person, die sich politisch unkorrekt verhalten oder geäußert hat, in der Öffentlichkeit nicht mehr stattfinden soll. Dies geschieht über ein öffentliches Anprangern, meist in den Social Media, über Boykott-Aufrufe, indem die Person nicht mehr zu Veranstaltungen eingeladen wird und dergleichen mehr.

Ursprünglich galt Cancel Culture als Instrument der Machtlosen, also derer, die aufgrund einer persönlichen Eigenschaft diskriminiert werden – weil sie schwul oder dunkelhäutig sind beispielsweise. Mittlerweile hat die Sache aber Ausmaße angenommen, die selbst einem Machtmissbrauch gleichkommen, wenn nämlich eine Vorverurteilung ohne Überprüfung stattfindet und bestimmte Gruppen darüber entscheiden wollen, wer was wie formulieren und welche Meinung vertreten darf.

Komplett absurd wird es, wenn Personen für einen „Fehltritt“, den sie irgendwann in der Vergangenheit einmal begangen haben, gecancelt werden sollen – als Beispiel lässt sich hier der kanadische Premier Justin Trudeau benennen. Diesem wurde 2019 Rassismus vorgeworfen, weil er sich 2001 im Karneval als Aladdin verkleidet und das Gesicht geschwärzt hatte. Welch denkwürdiger Zufall, dass dies ausgerechnet im Wahlkampf geschah.

Cancel Culture schadet mehr, als dass sie hilft

Cancel Culture, so beschreibt es der Kulturwissenschaftler Kevin Clarke, hilft dabei denen, um die es gehen sollte, wenig bis gar nicht. Sie dient lediglich der Rufschädigung einzelner Personen und führt dazu, dass nicht mehr ernsthaft und in der erforderlichen Breite über die zugrundeliegenden Phänomene gesprochen wird. Sie führt dazu, dass sich Menschen „politisch korrekt“ äußern, tatsächlich aber ganz anderen Überzeugungen anhängen, weshalb Probleme nicht gelöst, sondern nur verdeckt werden.

Und so polarisiert sich die Gesellschaft weiter, während sich gleichzeitig auch die Opfer von Diskriminierung selbst untereinander immer weiter aufsplitten und bekämpfen. Dahinter, so heißt es im erwähnten Artikel weiter, verberge sich letztlich eine „autoritäre Sehnsucht nach einfachen Antworten“ und danach, reguliert zu werden, gesagt zu bekommen „wie es geht, sich richtig zu verhalten“.

Dieses Umschlagen in autoritäre und regressive Verhaltensweisen zeigt sich auch auf der Gegenseite. Denn manch einer, der „gecancelt“ werden sollte, weiß sich dies zunutze zu machen, indem er all jene für sich einnimmt, die auf Alltagsdiskriminierung ohnehin (bestenfalls) nur mit einem Schulterzucken antworten. So entstehen Märtyrer oder Idole autoritärer und menschenverachtender Bewegungen, die keinen Ruf mehr zu verlieren haben, die sich im Gegenteil für jeden Tabubruch feiern lassen. Der derzeit amtierende Präsident der USA ist nur das bekannteste Beispiel dafür.

Während also Cancel Culture als Instrument jener Machtlosen, die sich gegen ihre Diskriminierung wehren, durchaus richtig und nachvollziehbar sein kann, verliert sie jegliche Legitimation, wenn sich Menschen, die ohnehin die Macht und die Stimmengewalt im Lande haben, diese Vorgehensweise zu eigen machen. Dazu gehören aus meiner Sicht insbesondere Medien mit hoher Reichweite. Ihre Aufgabe kann und darf es nicht sein, von der Kanzel zu predigen und rufschädigende Bezeichnungen zu verwenden, um Personen und deren Äußerungen einzuordnen.

Eine seriöse und (aus)gewogene Berichterstattung braucht keine Cancel Culture. In Medien mit hoher Reichweite richtet sie ohnehin mehr Schaden an, als dass sie irgendjemandem nutzt. Wer Kritikern immer wieder einimpfen möchte, was sie zu glauben und zu sagen haben, wer ständig mit Begriffen wie Faschist, Nazi, Aluhutträger oder Rassist hantiert, trägt dazu bei, dass es den so Bezeichneten irgendwann gleichgültig wird, was man ihnen vorhält. Tatsächlich engagiert er sich dann nicht für die Schwachen, Ohnmächtigen, Diskriminierten, sondern erkauft sich Klicks und Abos auf deren Rücken.