Brisenstimmung

Biene bloggt

Kategorie: Biene bloggt (Seite 2 von 2)

Der Tod ist kein Anfang des Sterbenden

Vielleicht ist der unfaßbare Augenblick, in dem wir vom Leben zum Tod übergehen, unsere arme Ewigkeit.“

Arthur Schnitzler: „Sterben“

Gedanken über das Sterben und die Unterscheidung von Tod und Todeszeitpunkt anlässlich der Bielefelder Tagung zum Thema: Über die Wichtigkeit, tot zu sein –  die Tote-Spender-Regel und die Ethik der Transplantationsmedizin.

(erste Veröffentlichung 09/2013)

 

Wann ist der Mensch tot genug?

Nun tagen sie wieder. Und fragen: Wann ist ein Mensch tot? Oder besser: Wann ist er tot genug, damit man ihm die Organe entnehmen darf? Vom Hirntod wird die Rede sein und vom Herztod. Und von einem Todeszeitpunkt, der als Moment der Irreversibilität, der Unumkehrbarkeit, definiert ist.

Denn die eigentliche Frage, das Problem, vor das sich der Mediziner gestellt sieht, lautet ja nicht: Ist der Mensch, dem wir Organe entnehmen wollen, tot? Sondern: Ist es sicher, dass keine Chance besteht, sein Sterben noch einmal umzukehren?

Daran bemisst sich die Bestimmung des Todeszeitpunktes im Zusammenhang mit Organtransplantationen. Umso verblüffender, dass das Sterben selbst in dieser Debatte nicht vorkommt.

 

Der Tod ist eine Metapher, Sterben ein konkretes Ereignis

Dabei ist doch das Sterben das einzig konkrete Geschehen, das wir erfassen und begreifen können. Der Tod ist eine Metapher, ein Skelett, ein Sensenmann, ein Risiko, etwas, was sich von A nach B schieben lässt, gerade dorthin, wo man es benötigt.

Sah man den Tod ursprünglich erst, nachdem der Sterbende den letzten Atem ausgehaucht hatte, wurde er in Zeiten der Pest wurde vom konkreten Todesfall zu einer Erwartung. Überall versuchte und meinte man ihn zu sehen, bevor er eingetreten war. Überallhin breitete er sich aus, nicht nur in die schwarzen Beulen; er war im Wasser, im Essen, in der Luft, im verdächtigen Treiben der weisen wie der unwissenden Frauen. Wurde von einem konkret sichtbaren Tod am Ende des Sterbens zu einem erwarteten Tod, der sich ankündigte, lange bevor jemand gestorben war.

Die Angst lehrte Menschen, eine Bedrohung zu sehen, selbst dann, wenn sie nicht eintraf. Wie sonst sollte man sich in Zeiten wild um sich greifender Epidemien auch anders davor schützen? Der Tod trat vor das Ende des Sterbens, besetzte dessen Stelle als ein erwartetes Ereignis.

Der Tod ist kein Zeitpunkt, Sterben kein abrupter Stillstand

Die Pest ging, die Vorverlegung des Todeszeitpunktes blieb. Heute ist der Tod bereits viel weiter ins Leben hineingerückt. Wir begegnen ihm in einem statistischen Risiko oder einer ausgefeilten Diagnostik. Und eben im Begriff der Irreversibilität. Doch der Tod ist „ein Ende des Sterbens “ und nicht ein Moment der Unumkehrbarkeit.

Wer einmal einen Sterbenden begleitet hat, der weiß, wovon ich spreche. Mit dem letzten Ausatmen ist das Sterben noch lange nicht beendet. Der Leichnam fällt nicht von einem Augenblick zum anderen in die Totenstarre.

Ich habe schon einige Tote zu Grabe getragen, doch im Januar dieses Jahres saß ich zum ersten Mal zusammen mit Verwandten am Bett einer Sterbenden. Stunde um Stunde, bis an die Grenzen unserer Erschöpfung. Ich hielt sie im Arm, in genau jenem Moment, da sie sich ein letztes Mal aufbäumte, wehrte; sprach ein paar Worte, die aus mir herausbrachen.

Sie atmete ein letztes Mal aus und wir wussten, dass es vorbei war. Ja, wir wussten es. Aber wir sahen es nicht. Wagten kaum, uns zu rühren. Glaubten, sie würde jeden Moment wieder erwachen. Sahen sie weiter leben. Obwohl wir doch wussten. Oder zu wissen glaubten. Denn es ist unsere Ferne zum Sterben, die es uns erlaubt, zu meinen, dass der Tod unmittelbar mit dem letzten Atemzug einsetzt. Doch der Moment der Irreversibilität, der Unumkehrbarkeit, ist noch nicht der Moment, in dem das Sterben ein Ende nimmt. Sterben ist ein Erleiden, das über den Tod von Herz und Hirn hinausgeht.

 

Sterben und sterben lassen brauchen Zeit

Und auch für uns, die Hinterbliebenen, war es wichtig, dass wir über den Moment der Unumkehrbarkeit hinaus von der Sterbenden Abschied nehmen konnten. Ohne diese zäh vergehenden Stunden nach dem letzten Ausatmen hätte ich es nicht verkraftet, den geliebten Menschen beim Sterben bis an die imaginäre Grenze zu begleiten. Ohne die Stunden, in denen tröpfelnd Gewissheit einsetzte, in denen wir Anwesende gemeinsam erlebten, wie die Lebenskräfte langsam entwichen, in denen wir immer wieder letzte Worte suchten, den Leichnam noch einmal berührten, der Toten irgendetwas mit auf den Weg geben wollten. In denen dann nach und nach die ersten Zeichen der Totenstarre einsetzen.

Dann geht alles seinen Gang. Der Totenschein wird ausgestellt. Der Leichnam wird abtransportiert. Und doch: Noch immer spürte ich Angst, es könnte zu früh sein, fürchtete, die Verstorbene könnte auf irgendeine Weise noch etwas davon mitbekommen. Schämte mich, sie in dieser Dunkelheit allein zu lassen. Wünschte mir, ich hätte die Kraft, sie zu waschen, zu kleiden, aufzubahren und drei Tage und Nächte bei ihr auszuharren.

 

Die Bestimmung des Todeszeitpunktes unterbricht das Sterben

Nein, das Sterben ist keine Metapher, es ist das einzig wirklich konkrete Geschehen an diesem Vorgang, der für die einen das Ende, für die anderen einen Übergang bezeichnet. Schließe ich einen Menschen, der stirbt, an eine Maschine an, dann unterbreche ich diesen Vorgang. Ich verhindere, dass er sein Sterben erleiden kann. Pumpe weiter, damit eben jene untrüglichen Zeichen des Gestorbenseins nicht frühzeitig eintreten können.

Aus sachlich-medizinischer Sicht ist dies einfach eine Notwendigkeit. Aus meiner Sicht und meiner Erfahrung, aus dem, was ich gesehen, erlebt und verstanden habe, ist es ein Akt, der das Sterben unterbricht. Ich habe keine Ahnung, ob und was dies für einen Sterbenden bedeutet. Ich war noch nie in seiner Situation. Ich bin überzeugt davon, dass die willkürliche Festlegung eines Todeszeitpunktes das Sterben in ein ebenso willkürliches Vorher und Nachher unterteilt und ich wünsche mir, dass wir darüber sprechen.

 

Wichtige Nachsätze

Wer sich in diesem Moment in einer verzweifelten Situation befindet, für sich selbst oder andere auf eine Organspende hofft, wird mir diese Zeilen vielleicht um die Ohren hauen wollen. Das ist verständlich. Ich bin Mutter. Stelle ich mir vor, mein Kind wäre in einer solchen Situation, nun, ich weiß nicht, was ich täte. Sehr wahrscheinlich würde ich es retten wollen, um jeden Preis.

Und doch bin ich der Meinung, dass wir uns schmerzhaften Wahrheiten nicht verschließen dürfen, auch wenn sie den Ablauf stören, wenn sie uns beunruhigen. Wenn sie ein Zögern in unser Handeln bringen, in unseren dringlichen Wunsch, zu helfen.

Wir leben in einer Zeit, in der es viele solcher Dilemmata auszuhalten gilt. Für mich ist es wichtig, eine Haltung zu gewinnen, auch wenn ich anschließend einen anderen Weg wähle. Ich schreibe also diese Zeilen nicht, um irgendjemandem zu sagen, was er tun soll. Wer wäre ich auch, mir so etwas herauszunehmen. Aus meinen Ausführungen lässt sich kein Handlungsimperativ ableiten. Ich weiß keine Lösung und keinen Rat für ein Dilemma von vielen, die wir selbst geschaffen haben.

Das Einzige, worum ich bitten kann, ist, die Begrifflichkeiten so sauber zu halten wie das chirurgische Besteck. Den Tod nicht zu verwechseln mit einem irreversiblen Moment. Und den Todeszeitpunkt nicht zu definieren, ohne zu bedenken, was mit ihm einhergeht: das Sterben. So gesehen bin ich mittlerweile schon froh, über eine veränderte Fragestellung, die anfänglich das blanke Entsetzen in mir auslöste. Die nicht mehr lautet: Wann ist der Mensch tot? Sondern: Wann ist der Mensch tot genug?

 

„Der Tod ist ein End der Lebendigen, ein Anfang der Sterbenden“ diese neue Botschaft überbrachte E. Rosario in seiner „Ars Bene Moriendi. Das ist: Kunst wol zu sterben“. Eine der vielen Schriften der Neuzeit, in denen die Verschiebung der Grenzen zwischen Leben und Tod meiner Ansicht nach deutlich zum Ausdruck kommt. Der Tod wurde sichtbar, b e v o r ein Mensch gestorben war.

In der Publikation „Die Angst vor dem Dunkel des Brunnens“ habe ich mich ausführlich mit dieser Thematik befasst. 

„Jetzt hat man seine Zukunft gesichert. Ich werde Negerprinzessin.“

Zum Bemühen um sprachliche Korrektheit in Kinderbüchern und speziell in Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“

(erste Veröffentlichung 08/2013)

 

Nein, ich will das Unwort „Neger“ nicht verteidigen. Aber in der Debatte um Pippi Langstrumpf und ihre literarischen Gefährten vermisse ich den Bezug zu dem, was Literatur auszeichnet. Astrid Lindgren schrieb weder Geschichten aus Kolonialherrensicht noch beugte sie sich gönnerhaft zu den jungen Lesern herab, um ihnen die Welt und deren korrekte Begrifflichkeit zu erläutern.

Astrid Lindgren hat Weltliteratur geschaffen. Weltliteratur für Kinder. Das ist etwas anderes, als pädagogisch wertvoll zu texten. Da werden keine Inhalte transportiert. Da darf gelogen werden, dass sich die Balken biegen. Mit dem Ziel zu unterhalten. Und mit dem Ziel, zu entlarven. Denn eine Welt, in der weiße und schwarze Kinder sich ihrer unterschiedlichen Hautfarben bewusst sind, in der sich Nord- und Südseebewohner als „ganz anders“ erkennen und neugierig aufeinander zugehen dürfen, ist eine erlogene Welt.

Weiterlesen

Offener Brief an meine geheimen Mitleser bei der NSA und anderenorts

Randnotizen zum Symbolic Fallout einer unerträglichen Debatte*

(erstmals veröffentlicht 08/2013)

 

„Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu verhalten, als kennte er mich.“

Robert Walser

 

Liebe NSA,

wie Du sicher weißt, bin ich gerade aus dem Urlaub zurück, daher hast Du eine Weile wenig von mir gehört. Bevor wir nach Dänemark aufbrachen, war ich noch in großer Sorge über all das, was ich von dir erfahren musste, obwohl ich und viele andere sich das ja längst hätten denken können.

Doch Westjütland ist immer noch ein sagenumwobenes Plätzchen (und damit meine ich sicher nicht die Bunkerüberreste aus dem zweiten Weltkrieg), ein Landstrich, in dem ich mich in meine Kindheit zurückversetzt fühle, in eine Zeit, in der meine Mutter sagte: „Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand“, wenn wir Kinder versuchten, mithilfe einer Tasse die elterlichen Gespräche abzuhören.

 

An unserem Urlaubsort erwartete mich ein großer Garten, in dem ein ungeheuer geschäftiges Treiben herrschte: Ameisen und zahlreiche mir unbekannte Insektenarten lebten in friedlicher Koexistenz, waren Tag und Nacht damit beschäftigt, Aufgaben zu erfüllen, von denen ich nichts verstand. Unterm Dach hatten Spatzen ihre Nester gebaut, die fleißigen Spatzeneltern schleppten Unmengen an Nahrung herbei, um ihre schreienden Jungen zu füttern, bis diese endlich flügge waren.

Ja, dieses geschäftige Treiben erinnerte mich irgendwie an Dich und doch beruhigte es mich auch. Während also alle um mich herum unermüdlich rackerten und ackerten, wurde ich immer ruhiger und untätiger. Der tägliche Tanz mit der wilden Schönen, der Nordsee, gehörte zu den wichtigsten Aufgaben im Urlaubsleben. Und abends, mit einem Glas Rotwein und einem guten Buch auf der Terrasse sitzend, dachte ich dann nur noch: Ach NSA, wer bist Du schon. Was weißt denn Du.

 

Alles im Fluss, kein Datenstrom kann mich erfassen

Fern von meinem Arbeitszimmer, mitten im Leben, das auf die einfachsten Tätigkeiten beschränkt ist, ohne eilige Aufträge, ohne Toaster und Waschmaschine kamst Du mir so klein vor. Eine Fußnote. Ein Wirrkopf, der glaubt, er könne mich erfassen. Aber weißt Du: Ich bin kein Datenbündel, keine Ansammlung aus Informationen. Ich lasse mir von Dir keine Identität unterschieben. Alles, was Du über mich zu wissen glaubst, ist das Ergebnis Deiner Interpretation.

Seit der Erfindung des Buchdrucks ist der Mensch kein unbeschriebenes Blatt mehr, sondern ein Roman, ein Gedicht, ein Werk, Du kannst mich lesen und deuten, aber Du kannst mich nicht wissen. Und weißt Du was: Mit meinen fast 50 Jahren 55 Jahren nehme ich mir sogar heraus, heute nicht mehr dieselbe zu sein wie gestern. Tut mir leid für Dich, es gibt keinen Datenstrom, der Dir verrät, wie ich pulsiere.

 

Spionieren können wir auch ohne Dich

Nebenbei bemerkt, so pfeifen es die Spatzen von den Dächern, bist Du ja auch nicht der einzige umtriebige Spion in meiner Onlinewelt. Dass soziale Netzwerke und Suchmaschinen gern wissen wollen, was ihre Nutzer interessiert und wonach es sie gelüstet, ist doch jedem klar. Aber auch der Buch- oder der Weinhändler verfolgen mich mittlerweile.

Ich nutze einige Programme, die mich vor dieser Art der Neugier schützen sollen und so sehe ich jedes Mal, wenn ich eine Webseite besuche, welche und vor allem wie viele Tracker mir folgen wollen, wessen Langzeitcookies ich akzeptieren soll. Nicht nur mein Arbeitgeber kann protokollieren, was ich nach dem Einloggen tue, ob ich mir zuerst meine Gehaltsabrechnung oder zuerst die neuen Aufträge anschaue. Jeder kann das und viele nutzen es, auch jene, die sich über Deine Art der Spionage entrüsten.

Denn zunächst einmal, das wurde mir klar, sind es wir, die Nutzer, die längst akzeptiert haben, dass sie von jedermann ausspioniert werden. Zu ihrem Nutzen natürlich. Die es normal finden, jemanden zu googeln. Die glauben, eine Person zu kennen, weil sie mit ihr „kommunizieren“.

Darum schert sich wohl auch kaum einer darum, dass Du es tust. Zumal sich eh keiner den Umfang Deines emsigen Treibens vorstellen kann. Lauscher an der Wand sieht seine eigene Schand.

 

Über Menschen kann man imaginieren, nicht informieren

Nun ist es eine Sache, Daten zu sammeln und eine andere, einen Menschen zu (er-)kennen. Was kann ich über einen Menschen wissen, über dessen Daten ich verfüge? Ich denke an die Zeit zurück, in der ich ein wenig Ahnenforschung betrieben habe. In Bremen ist das relativ einfach möglich, da seit dem 20. August 1811 Napoleons Zivilstandsregister angelegt werden musste, in dem  “Geburten, Aufgebote (Proklamationen), Heiraten und Sterbefälle zu beurkunden waren. Sie wurden auch nach der Befreiung Bremens 1813 beibehalten“.

Es war mir also möglich, noch knapp 200 Jahre später festzustellen, wer uneheliche Kinder in die Welt gesetzt hatte, wer konvertiert war, wer einmal im Jahr den Wohnort wechselte und dergleichen mehr. Mithilfe dieser und anderer Quellen gewann ich ein ganz neues Bild von meiner Familie und meinen Vorfahren, nur: Das meiste blieb doch Interpretation und Imagination. Ich konnte mir plötzlich vorstellen, warum Urgroßmutter X so verbittert auf die uneheliche Geburt ihres Enkelkindes reagiert hatte, nämlich weil sie am eigenen Leib erfahren haben musste, wie es war, als ledige Mutter im damaligen Preußen. Ich konnte mir also vieles zusammenreimen, aber wissen kann ich es bis heute nicht.

 

Manchmal bin ich ein Nervenbündel, niemals aber ein Datenbündel

Siehst Du, liebe NSA, und nun sehe ich Dich vor mir, mit deinen Idijotabyte an Informationen und Deinen Versuchen, mich oder eine andere Person zu deuten. Und ich kann Dir nur sagen: Das nehme ich Dir wirklich übel. Dass Du den Leuten einreden willst, du könntest das. Im Grunde verhältst Du Dich wie ein Techniker, der einen Roboter bastelt und behauptet, der sei ein Mensch. Möglich ist dies erst, nachdem er definiert hat, was menschlich ist. Und nachdem er eine größere Gruppe von Menschen davon überzeugen konnte, dass seine Definition die richtige sei.

Nach wie vor hoffe ich, dass es auch morgen noch ausreichend viele Menschen geben wird, die wissen, dass eine Definition eine Definition ist, mehr nicht. Die sich nicht für Roboter halten,  auch wenn sich argumentativ eines Tages gewiss nichts mehr dagegen einwenden lässt. Und die nicht so strunzdoof sind, dass sie glauben, KI wäre intelligenter als sie.

Und ebenso hoffe ich eben, dass sich bei aller notwendigen Empörung noch Menschen finden werden, die wissen: Du kannst dich abstrampeln, so sehr Du willst, liebe NSA, Du wirst mein Wesen nicht erfassen. Weil ich ein Mensch bin, kein Roboter; vielleicht manchmal, wenn ich nicht gerade den dänischen Ameisen zusehe, ein Nervenbündel, niemals aber ein Datenbündel.

 

Du erfasst mich nicht, du definierst mich

Liebe NSA, ich würde Dich auf Facebook gern zu meiner Freundesliste hinzufügen. Aber leider habe ich neulich gerade eine Abmahnung erhalten, weil ich bei mir persönlich unbekannten Personen angeklopft hatte. Verkehrte Welt: Facebook erlaubt Dir, bei mir mitzulesen, solange wir uns nicht kennen. Will ich es Dir aber selbst erlauben, erhalte ich eine Sperre. Also musst Du weiter im Geheimen mitlesen und wie man merkt, gibst Du Dir ja nicht einmal mehr Mühe, dies zu vertuschen. Stehst gleich vor der Tür, wenn Naturforscher in deine Lebensräume eindringen wollen. Nun gut, ich setze schon mal den Kaffee auf.

Vielleicht können wir uns dann mal wirklich kennenlernen. Und darüber sprechen, was du mit deinen Informationen auf Dauer tatsächlich anfangen kannst und willst. Um es noch einmal mit dem Zivilstandsregister zu vergleichen: Es dauerte nach dessen Einführung über ein Jahrhundert, bis das nationalsozialistische Regime jedermann zwang, eine Ahnentafel anzulegen. Manch ein Kind überlebte, weil ein christlicher Pfarrer ihm nachträglich eine gefälschte Taufurkunde ausstellte. Aber selbst, wenn die Vorfahren bereits vor mehreren Generationen konvertiert waren: Das Instrument der Bürokratie, das Zivilstandsregister, sorgte unter den Barbaren dafür, dass nicht vergessen werden konnte, wer „von Haus aus“ als Jude zu gelten hatte.

Du bist sicher klug genug, um zu verstehen, was ich damit sagen will. Du erfasst nicht, wer ich bin, sondern Du definierst es. Und auch das nehme ich Dir übel. Aber ich nehme es Dir nicht ab. In diesem Sinne: Lies doch, was Du willst. Aber tue niemals so, als kenntest Du mich.

Liebe Grüße

Deine unverstandene Informationsquelle

 

 

Zum Hintergrund:

Diesen Beitrag veröffentlichte ich erstmals im August 2013 als Reaktion auf den Abhörskandal durch die NSA.

Was die NSA kann und was sie mit den Daten vermutlich anfängt, darüber schrieb u. a. Gero von Randow in der ZEIT (20.07.2013) unter dem Titel “Blick ins große Datensieb”. 

 

* Als „symbolic fallout“ bezeichnet Marshall McLuhan jene Auswirkungen, die eine Technik als Metaphernspender auf die Selbstwahrnehmung hat.

 

Kein Bild sagt mehr als tausend Worte

(Erste Veröffentlichung 08/2013)

Ein Bekannter postet ein Video auf Facebook. Ich sehe: Während eines Fußballspiels rollt der Ball ins Aus. Der Balljunge schnappt sich den Ball, hält ihn fest, ein Spieler will den Ball zurück. Der Balljunge rückt ihn nicht raus, wirft sich zu Boden, umklammert den Ball. Ich traue meinen Augen nicht. Ist das ein Balljunge oder ein verrückter Fan, der seine Trophäe für sich behalten will? Dann kommt es noch schlimmer: Der Spieler tritt dem am Boden liegenden Jungen in die Magengegend, der lässt den begehrten Ball daraufhin los und der Spieler trottet zurück aufs Spielfeld.

Arschloch!

Sorry, aber ja, das war meine erste Reaktion. Das hätte es dann auch sein können. Doch irgendwie scheint mir die ganze Situation so absurd. Warum umklammerte der Junge den Ball? Was war da eigentlich los?

Weiterlesen

6 Textertipps, die ich nicht mehr hören kann

Nebst einer Anrufung des mündigen Lesers.

„So lernen Sie besser schreiben.“ Oder: „10 Tipps, die Ihre Texte verbessern.“ Oder irgendwas mit einer Zahl, Tipps und besser, einfacher, werbewirksamer. Es kommt der Moment, da verstehst du: Du musst diesem Link im Newsletter nicht folgen. Du weißt eh, was drinsteht.

Wolf Schneiders Lebenswerk als Zehnpunkteprogramm. Der kleine Katechismus des Schreibens, der dazu führt, dass alles irgendwie gleich klingt. Verständlich. Kurz. Kein Passiv, kein man. Bildchen rein, Grafiken rein, Füllwörter raus.

Alles richtig, aber: Schreiben ist doch kein Textetöpfern nach Anweisung. Schreiben ist auch nicht die Kunst, Wortketten von gleichförmiger Länge zu basteln. Im Schreiben bilden wir Klänge ab. Die bestenfalls auch noch was bedeuten. Texte, wie ich sie schätze, haben eine Stimme, einen Tonfall. Der, noch einmal bestenfalls,  perfekt zu den Inhalten passt. Den der Leser, der aufmerksame Leser, innerlich hört. Und den er verändert, indem er ihm seine Stimme, seine Lesart beifügt.

Weiterlesen

Wird meine Mudda Chef?

 

Erste Veröffentlichung: 15.08.2013

 

„Meine Mudda wird Chef“, leuchtet es mir heute in weißen Lettern von einem Plakat entgegen. Ich bleibe einen Moment stehen, um es genauer zu betrachten.

Ich gebe zu, das Wahlplakat der Grünen (Seite mittlerweile entfernt) bringt mich im ersten Moment zum Lachen. Ein fröhlicher Dreikäsehoch freut sich über die Zukunftschancen seiner Mutter und damit über seine eigenen. Die Botschaft ist klar, es sollen auch die sozial schlechter Gestellten in diesem Land eine Chance haben.

Das Bild ist emotionalisierend, die Verbindung zu den bekannten Deine-Mudda-Witzen verkehrt deren Pointe ins Gegenteil. Die Mutter ist nicht die verachtenswerte Asoziale, über die man herrlich battlen kann, sondern eine gut gebildete, sauber gekleidete, vermutlich wunderbar duftende junge Frau, die Familie und Beruf meisterhaft unter einen Hut bekommt. So die Vision.

Das merkt man auch ihrem Kind an. Fröhlich, frech, gut gekleidet, gut genährt, ohne all diese Anzeichen, die man Kindern sonst ansieht, die sich in Gegenden bewegen, in denen statt der Chefin die vermeintlichen Vorbilder für Mudda-Witze wohnen, wie sie uns gewisse Fernsehformate („Formate“? naja) so gern vor Augen führen.

Und schon habe ich andere Bilder im Kopf. Bilder von Kindern, mit fahler Haut, dunklen Ringen unter den Augen und glanzlosen Augen. Bilder von Kindern, die ohne Frühstück in die Schule gehen oder es sich selbst zubereiten müssen, auch wenn Mutti und/oder Vati zu Hause sind. Verlassene Kinder, kleine tapfere Kämpfer, die von niemandem wärmende Unterstützung bekommen. Die von anderen Mitschülern als „Kik-Schlampen“ bezeichnet werden. Die niemand zum Kindergeburtstag einlädt.

Ganz sicher keine Bilder von wohlbehüteten Kindern – gleich ob aus armen oder reichen Familien – die sich schon auf ihren zukünftigen Chefsessel freuen.*

Mit gemischten Gefühlen gehe ich weiter. Habe ich eine wunderbare Zukunftsvision gesehen oder ist diese Darstellung purer Hohn? Ich weiß es nicht. Ich hoffe wie immer das Beste.

====================

Über das Plakat und die Herkunft der Mudda-Witze fand ich einen Beitrag von Michael König in der Süddeutschen, den ich hier gern verlinke

 

* Ich möchte hier nicht an einem Klischee mitbasteln, wonach arme Kinder vernachlässigt und reiche Kinder sorglos und behütet sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Neuere Beiträge »

© 2019 Brisenstimmung

Theme von Anders NorénHoch ↑