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Biene bloggt

Kategorie: Biene liest (Seite 1 von 2)

Buchbesprechung: Rūdolfs Blaumanis: Im Schatten des Todes. Novelle.

 

Herausgegeben von Rolf Füllmann. Verlag hochroth: 2014.

14 Fischer und zwei Pferde befinden sich auf dem Eis in der Bucht von Riga. Die Männer werfen ihre Netze aus und bemerken erst zu spät, dass sich die Scholle, auf der sie stehen, vom Ufer gelöst hat und aufs offene Meer zutreibt. Einer versucht noch ans Ufer zu kommen, ertrinkt aber in dem eiskalten Wasser.

Die übrigen Männer finden sich in kleinen Gruppen zusammen, beratschlagen, was zu tun ist, erzählen sich von ähnlichen Vorfällen, die mehr oder weniger gut ausgegangen sind. Bis einem einfällt, dass in der Region schon einmal eine Gruppe von Menschen „verschollen“ ist.

Alle schwiegen und wagten nicht, einander anzusehen, denn in großem Unglück schämt sich der Mensch ebensosehr, wie in großer Schmach“, kommentiert der Erzähler, der uns von diesem Ereignis berichtet. Ein knapper Kommentar, der dennoch von einer tiefen Menschenkenntnis zeugt, die sich in rationalen Erwägungen nicht erschöpft. Schließlich – warum sollten wir uns schämen, wenn wir unschuldig in Gefahr geraten?

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Buchvorstellung: Junge Dichtung aus Lettland. Zweisprachiges Lesebuch (Deutsch/Lettisch).

Übersetzungen von Kristaps Grasis. Herausgegeben vom Verlag hochroth, Riga 2013.

Was zeichnet die Dichtung eines Landes, einer Sprache aus? Gibt es Gemeinsamkeiten, ein verbindliches Thema? Als Rezensentin muss ich mich vielleicht gerade vor verallgemeinernden Aussagen hüten, die letztlich nur zeigen, was ich wahrgenommen, welchen Gedichten und Geschichten ich besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Die Lektüre dieses kleinen, aber vielseitigen Gedichtbandes mit Werken zeitgenössischer Dichter und Dichterinnen aus Lettland bestätigt mir das einmal mehr. Denn es ist schwierig, Dichtung zu interpretieren, die so eng an die Sprache und Geschichte eines Landes geknüpft ist, dem man sich so nahe fühlt und von dem man doch so wenig weiß. Ich hoffe also, den Gedichten, die ich Euch hier in Auszügen vorstelle, nicht zu sehr meine eigene Sichtweise und Interpretation übergestülpt zu haben.

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Rezension: Toni Garber: Lifeline Games 1. Kindle E-Book: 2019.

 

Das Buch wurde mir im Rahmen einer Leserunde auf LovelyBooks vom Autor kostenlos zur Verfügung gestellt.

In diesem Jugendbuch, das laut Cover für Leser ab 12 Jahren geeignet ist, werden überwiegend zwei Handlungsstränge verknüpft: Da ist zum einen der Protagonist Simon, 13 Jahre alt. Simon ist seit einem Autounfall, bei dem sein Vater ums Leben kam, auf einen Rollstuhl angewiesen. Zwischen ihm und seiner Mutter besteht ein besonders inniges Verhältnis.

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Die Banalität des Bösen oder: Heute schon deinen Traumurlaub geplant?

 

Kaum eine Schrift über die Täter des Nationalsozialismus hat mich so berührt wie Hannah Arendts Bericht über den Eichmann-Prozess in Jerusalem, dem sie den Untertitel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ gab.

Arendt beschreibt Eichmann als einen „administrativen Massenmörder“, dessen Handlungen aus purer Gedankenlosigkeit und dem Wunsch resultieren, innerhalb einer industriellen und automatisierten Tötungsmaschinerie „gute Arbeit“ abzuliefern und Karriere zu machen.

 

Die Sprache der Gedankenlosigkeit: Superlative und erhebende Phrasen

Seine Sprache und damit auch seine Gedanken beschränkten sich auf „erhebende Phrasen“, Klischees, Redensarten und die Verwendung von Superlativen für Worte, die keinen haben – in „keinster Weise“. Letztlich führte ihn dieses leere Gerede auch zur Flucht in eine Amtssprache, hinter der er sich verstecken konnte, die ihn von jeglicher Mittäterschaft freisprach. „Wenn ich es nicht tue, tut es eben ein anderer“, lautete wohl sein Credo.

An diese „Banalität des Bösen“ musste ich im Dezember 2019 denken, als mir online die Anzeige eines Reiseveranstalters auffiel. Diese forderte dazu auf, für eine Besichtigung des Museums und der Lager von Auschwitz jetzt „Ihre Traumreise“ zu planen, und zwar zum besten Preis-Leistungs-Verhältnis.

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Lese- und Medienliste zum Roman Objektiv von Sabine Walther

In meinem neuen Roman „Objektiv – Nutze die Zeit, bevor sie dich benutzen“ versucht der Protagonist, Alexander Weinberg, eine sogenannte Empathie-Brille zu entwickeln. Mithilfe dieser Brille sollen Gaffer und Gewalttäter therapiert werden, sodass sie Empathie mit den Opfern empfinden. In dieser Lese- und Medienliste habe ich Euch Literatur und Videos zusammengestellt, die Einblick in die Hintergründe der verschiedenen Themenbereiche des Romans geben.

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Rezension. Alexander Grau: Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität. München, Claudius-Verlag, 2019.

Politischer Kitsch hat Hochkonjunktur“, so lautet die einleitende These des Philosophen Alexander Grau in seinem 2019 erschienenen Essay. Kitsch definiert er darin als eine „Lüge“, da dieser „behauptet, etwas zu sein, was er nicht ist. Und er gibt vor, einen Wert zu haben, der ihm nicht zukommt.“ Damit ist natürlich nicht die kleine Engelsfigur gemeint, die vor Herzchen drapiert den Wohnzimmeraltar verschönert. Grau spricht vom politischen Kitsch, der sich als reflektierte Meinung, als Kampf gegen das Böse, Ungerechte oder auch als Ultima Ratio ausgibt.

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Rezension: Nina Pfeffer Câmara und George Pfeffer: Daddy. Weltbürger wider Willen.

Es ist der 3. Juli 1910 als George Pfeffer als Sohn einer jüdischen Mutter in Breslau geboren wird. Wenige Jahre vor dem ersten und zu wenige Jahre vor dem zweiten Weltkrieg und der kaum sagbaren Barbarei des deutschen Nationalsozialismus.

118 Jahre später erzählt uns seine Tochter, Nina Pfeffer Câmara, die Geschichte ihres Daddys. Kurz und knapp, atmosphärisch dicht, im beständigen Wechsel zwischen der Sicht der Tochter auf den sterbenden Vater und dessen schriftlich festgehaltenen Erinnerungen.

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Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess. Rezension …

… nebst einem kleinen gewagten Rundumschlag in Sachen Gesundheitspolitik.

Erst nannten wir es Christentum, dann Demokratie. Heute nennen wir es METHODE. Immer absolute Wahrheit, immer das reine Gute, immer das zwingende Bedürfnis, die ganze Welt damit zu beglücken. Alles Religion. Weshalb sollte sich ein Ungläubiger wie Sie für eine Spielart des immer gleichen Irrtums stark machen?“

Mit diesen Gedanken konfrontiert die Protagonistin Mia Holl aus Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“ ihren Widersacher, Heinrich Kramer, der die Provokation erkennt, aber dennoch verspricht, Milde walten zu lassen. Wie überhaupt fast alle in diesem Buch so unfassbar bemüht sind, das Gute, das Richtige, das Verständige zu tun, auch wenn es letztlich dazu führt, dass Unschuldige sterben und sich Fortschritt, Aufklärung und Mitleid in eine düstere Triade verwandeln, der sich das Individuum zu beugen hat. Denn wo alle einer Methode folgen, die einzig und allein das Richtige vorgibt, da wird jeder Fehler, jeder Ausbruchsversuch aus dem Rationalen zur Ketzerei.

Gesundheit ist das höchste Gut der METHODE in Juli Zehs Roman. Gibt es aber nicht auch ein Recht auf Krankheit? Darf sich der Einzelne der ihm per Gesetz verordneten Gesundheit entziehen? Müssen wir alle auf ewig gesund, glücklich und ausgeglichen sein, wenn man uns die Möglichkeiten dazu an die Hand gibt?

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Michael Kastner (Hrsg.): Digitalisierung und psychische Gefährdung. Balancen zwischen Chancen und Risiken. Tagungsband, Maori GmbH 2017.

„Digitalisierung und psychische Gefährdung“ lautete das Thema einer Tagung, die 2015 anlässlich des 30jährigen Bestehens des Institutes für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin stattfand. In den gleichnamigen Tagungsband, den ich euch in dieser Rezension vorstelle, wurden acht Beiträge aufgenommen, die das Thema aus unterschiedlicher Perspektive beleuchten.

 

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Timo Daum – Die Künstliche Intelligenz des Kapitals. Nautilus Flugschrift 2019. Rezension.

 „Wenn heute von Künstlicher Intelligenz die Rede ist, dann in den allermeisten Fällen von einem Teilbereich, der sich mit maschinellem Lernen überschreiben lässt. Mit Patrick Langley könnte man diese auf spezialisierte Aufgaben trainierten kognitiven Systeme als ‚gelehrte Idioten‘ (idiots savants) bezeichnen, die zwar eine besondere Begabung in einem bestimmten Feld aufweisen, außerhalb desselben aber zu nichts zu gebrauchen sind. Auch maschinelles Lernen ist ein trügerischer Begriff, seine Mechanismen haben nicht mit selbstreflexivem Denken zu tun […]“.

„Wir sollten die Begriffe lieber vermeiden und stattdessen von Software mit Trainingsdaten-Analyse sprechen […]“. „Außerdem schlage ich vor, dass wir die Frage, ob oder wie ‚intelligent‘ ein Algorithmus oder eine Maschine sind, ebenfalls vermeiden und stattdessen fragen, welche Aufgaben sie wie genau lösen. Wir sollten auch fragen: Wem gehören sie, welche Ziele verfolgen ihre Herren, und was macht das mit uns?“ „Wir sollten uns nicht vor der Superintelligenz fürchten, sondern vor schlecht programmierter KI. Vor KI, die privaten Firmen gehört, deren Diener ist und nicht in erster Linie dazu da uns zu nutzen“ (S. 165f).

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