Nachrichtensendung, Talkshow, Dokumentation: Wo immer öffentlich und publikumswirksam debattiert wird, da ertönt es: das falsche Signal. Nicht als Störsignal in der Übertragung der Sendung, sondern im Sendungsbewusstsein. Die Steuerpläne der Bundesregierung, Rabattschlachten im Marketing, Gerichtsurteile, Betreuungsgeld, Studiengebühren oder diplomatische Zurückhaltung: alles falsche Signale. Ganz besonders beliebt im Moment (2014): die Rentenreform. Das falscheste aller Signale.

Beispiele seht ihr hier:

 

 

Was ist eigentlich ein falsches Signal?

Stellt sich die Frage: Kann ein Signal falsch sein? Ein Signal ist Botschaft und Überbringer dieser Botschaft zugleich. Licht oder Schall sind Botenstoffe für Signale. Anders als der symbolische Gehalt einer Nachricht wird das Signal also nicht nebenbei übertragen, es ist mit der Aussage verschmolzen.

Wir erkennen die Botschaft, die es uns übermittelt, weil wird die Signale zu deuten gelernt haben. Es kann also sein, dass ein Signal zur falschen Zeit erfolgt. Dann ist die Fußgängerampel grün, obwohl die Autos noch fahren. Es kann auch sein, dass eine Botschaft gar nicht ankommt. Dann ist das Signal oder der Empfang gestört, nicht aber das Signal falsch.

 

Kritiker im Expertenmodus

„Das Medium ist die Botschaft“, lehrte uns Marshall McLuhan einst. Trotzdem sind wir es nach wie vor gewohnt, Inhalt und Form voneinander zu trennen. Wird eine Diskussion im Fernsehen übertragen, ist nicht die Sprache, sondern das Bild Medium. Neil Postman hat bereits in den 1980er Jahren beschrieben, wie dies die Inhalte verändert.

Denn in Talkshows beispielsweise geht es nicht darum, sich intensiv und argumentativ mit den Ideen und Vorhaben des anderen zu befassen. Im Zentrum steht der Schlagabtausch und der Versuch, sich selbst möglichst gut in Szene zu setzen.

Das Bild ist das sprachliche Zeichen des Fernsehens. Dieses In-Szene-Setzen ist quasi der Botenstoff, der der Botschaft selbst Raum gibt, auch wenn sie sprachlich übermittelt wird. Der Satz „Sie senden das falsche Signal“, ist zwar genau genommen Murks, signalisiert aber den Expertenmodus. Er beweist analytischen Verstand, die Fähigkeit zur Metapher, zeitgemäßes Denken.

Er negiert die Pläne des anderen, ohne – und das scheint mir hier entscheidend –  sagen zu müssen, was daran eigentlich falsch ist. Der Angesprochene gerät in eine Pattsituation. Argumentiert er inhaltlich, bringt das keinen Gewinn, da es ja nicht um die Botschaft, sondern um das Signal geht. Es bleibt ihm somit nur, zu behaupten, dass er sehr wohl das richtige Signal sende,  dass es überhaupt an der Zeit sei, neue Signale zu senden und zu setzen.

Worum ging es noch mal? Ach ja. Eine Reform, ein Schwangerschaftsabbruch, ein Betreuungsgeld oder eine Preisverleihung. Was und wer auch immer da falsche Signale setzt, seine Kritiker scheinen zu faul, sich damit auseinanderzusetzen. Nur so kann ich mir erklären, warum eine Phrase wie „das falsche Signal“ nun Jahr um Jahr durch die Medien surrt.

Über 3 Millionen Einträge zum Suchwort „falsches Signal“ listete mir die Suchmaschine 2014, als ich die erste Version dieses Beitrags online stellte. Mittlerweile sind es mehr als 7 Millionen Einträge. Darunter solch absurde Aussagen wie: „Eine künstliche Verkürzung der Wochenarbeitszeit ist das falsche Signal für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland.“

Eine künstliche Verkürzung? Was bitteschön ist denn eine unkünstliche Verkürzung?

Ein Signal für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland? Ja verstehen die denn überhaupt die Signale?

Politiker, Journalisten, Talkshowgäste aller Länder vereinigt Euch und hört mir bitte zu. Wenn Ihr Euch öffentlich zu falschen oder richtigen Signalen äußert, dann seid Euch doch bitte bewusst: Ihr selbst seid das Signal und die Botschaft. Die sollte klar und stark und aussagekräftig sein. Oder darf ruhig auch mal ein bisschen kompliziert formuliert sein, ich verstehe das schon. Aber bitte lasst die Rede von den falschen Signalen. Ich hör die Botschaft wohl, allein mir fehlt die Bereitwilligkeit, sie ein weiteres Mal zu glauben. Oder anders gesagt: Ich pfeife auf falsche Signale.