Biene bloggt

Die Arbeit am Manuskript – ein Absatz, fünf Überarbeitungen und immer noch nicht fertig …

 

Schreiben ist ein Prozess, der niemals endet. Es gibt Autoren, denen möchten wir die Augen küssen vor Dankbarkeit für ihre Romane, Erzählungen, Gedichte. Und dennoch bin ich mir sicher: Sie selbst kennen die eine Passage im Buch, die ihnen komplett misslungen ist. Sie sehen den Fehler, der sich eingeschlichen hat, die Formulierung, die unstimmig ist. Und sie ärgern sich darüber.

Und das ist gut so, denn aus unseren Fehlern lernen wir. Idealerweise spornen sie uns an, es beim nächsten Buch besser zu machen. Dem Wunsch, endlich fertig zu werden, zu widerstehen, keine Nachlässigkeit zu dulden.

Nur einen Absatz habe ich für euch aus meinem aktuellen Schreibprojekt herausgesucht, um einmal zu demonstrieren, wie ich als Autorin meine Texte lese, ändere, idealerweise verbessere oder, wenn es schiefgeht, verschlimmbessere. Falls ihr also Lust habt, mal einen kleinen Einblick in meinen Schreibprozess zu erhalten – bitte hier entlang.

 

Schritt 1: spontane Notizen

Alveria, das war eine Zeit, bevor ich zu leben begann, ich hatte längst damit abgeschlossen. Es war ein Ort, den es für mich nicht mehr geben durfte, und eine Erinnerung, die ich verdrängen musste, um sie zu überleben. Alveria, das war nicht ich, sondern die pure Angst, etwas könne mich doch noch zurück in den Brunnen stoßen.“

Das ist die erste Fassung, eines Absatzes, den ich spontan niederschrieb. Während ich das tat, gefiel er mir ganz gut. Doch dann hieß es, genauer hinzusehen und das Ganze noch einmal (einmal, hahaha) zu überarbeiten. Was war falsch an dem Absatz? Ganz einfach:

  • den Ort Alveria gibt es tatsächlich, nämlich auf Sizilien. Ich wollte aber einen Namen, den es zumindest als Ortsnamen real nicht gibt. Gleichzeitig war ich nicht gewillt, auf den Klang zu verzichten. Ich liebe das weiche V in Verbindung mit l und a. Die Lösung bestand schließlich darin, zwei Vokale auszutauschen, aus Alveria wurde Alvaría.

 

  • „Alveria, das war eine Zeit“ … ne, keine Zeit, das geht schon zu sehr ins Abstrakte. Zunächst einmal ist es ein Ort.

 

  • „… war“? Wieso „war“, ich schreibe diesen Handlungsstrang doch in der Gegenwart!

 

  • „… bevor ich zu leben begann … damit abgeschlossen“. Was für eine unlogische Satzfolge! Womit hatte ich abgeschlossen, damit, mit dem Leben zu beginnen?

 

  • „eine Erinnerung überleben“ – das ist möglich. Aber eigentlich möchte ich es drastischer, konkreter aussagen. Die Erinnerung ist schon schlimm genug, aber was damals geschah, war doch das eigentlich Bedrohliche.

 

  • „Alveria, das war nicht ich …“ Natürlich nicht. Blödsinn.

 

  • „… etwas könne mich stoßen …“ Nein, „etwas“ ist zu vage. Es sind schon Personen, die da im Hintergrund lauern. Das Bild mit dem Brunnen gefällt mir dagegen, weil ich weiß, wie die Geschichte weitergeht. Aber kann der Leser/die Leserin zu diesem Zeitpunkt schon etwas damit anfangen?

 

Schritt 2: streichen, neu zusammensetzen, konkreter werden

Aus all diesen Überlegungen ging dann die zweite Fassung hervor:

„Alvaría heißt der Ort, den es für mich nicht mehr geben darf, weil ich seine Feindseligkeit nur würgend überlebte. Alvaría heißt der Wust an Erinnerungen, die ich verweigere, weil sie die Angst nähren, jemand könne mich doch noch zurück in den Brunnen stoßen.“

Wie ihr seht, ist die zweite Fassung schon deutlich kürzer. Außerdem ist es nicht mehr allein die Erinnerung, die der Figur zu schaffen macht, sondern da ist etwas geschehen, was sie nur knapp und würgend überlebte.

Trotzdem gefällt mir noch nicht alles. Beispielsweise der Begriff „Wust“ – klingt komplett ungeordnet. Dabei ist meiner Protagonistin sehr klar, woran sie sich nicht erinnern will. Und kann man einen Wust verweigern, kann ein Wust Angst nähren? Mir drängt sich zum „nähren“ sofort die klangliche Assoziation „Wurst“ auf – und das wäre doch eine unfreiwillige Komik. Also noch einmal schauen, wie sich das Bild verändern lässt.

Zur Hilfe kamen mir nun meine vorangehenden Namensrecherchen. Denn „alvaria“ ist Plural des lateinischen Nomens „alvarium“, was übersetzt „Bienenkorb“ bedeutet. Der Gedanke, dass mein Dorf einem Bienenstock gleicht, hatte mir gefallen. Warum also nicht mit der Bedeutung des Namens spielen? Und so entstand die nächste Fassung:

 

Schritt 3: Bilder und Begriffe zusammenbringen

„Alvaría heißt der Ort, den es für mich nicht mehr geben darf, weil ich seine Feindseligkeit nur würgend überlebte. Alvaría heißt das Flugloch in meinen Erinnerungen, das ich sorgfältig verschloss, aus Angst, jemand könne mir dorthin folgen und mich doch noch zurück in den Brunnen stoßen.“

Das „Flugloch“ ist Ein- oder Ausflugstelle des Bienenstocks. Als Metapher bezeichnet es hier den Einlass zu den Erinnerungen meiner Hauptfigur an ihre Heimat – aus der sie geflohen ist. Ich bin mir unsicher, ob der Begriff sofort verstanden wird, lasse ihn aber erst einmal stehen, denn mir gefällt das Bild.

Dafür stehe ich jetzt vor einem neuen Problem: Bienenstock und Brunnen fangen zwar beide mit B an. Darüber hinaus haben sie aber nicht viel gemein. Bisschen dick aufgetragen also, oder?

Und natürlich befindet sich das Flugloch nicht in den Erinnerungen, sondern davor, sonst würde es ja keinen Sinn machen, es zu verschließen. Also noch einmal ran.

 

Schritt 4 und 5: hobeln und schmirgeln

In der vierten Fassung gebe ich mein schönes Brunnenbild mit viel Ach und Weh endlich auf, damit die Metapher stimmt. Vielleicht kann ich es späterverwenden. Außerdem passe ich noch einige sprachliche Feinheiten an, ersetze den falschen Konjunktiv 1 durch den erforderlichen K2 („könne“ wird zu „könnte“) und füge schließlich noch ein „erneut“ ein, damit klar ist, dass meiner Protagonistin etwas in der Art schon mal passiert ist.

Fertig? Keine Ahnung. Aber jetzt brauche ich erst einmal Distanz. Mal sehen, ob der Absatz in einigen Wochen, wenn ich ihn noch einmal lese, so stehen bleiben darf. Oder ob ich zur ersten Version zurückkehre. 😊

Aktuell liest er sich jedenfalls so:

„Alvaría ist ein Ort, den es für mich nicht mehr geben darf, weil ich seine Feindseligkeit nur würgend überlebte. Alvaría heißt das Flugloch vor meinen Erinnerungen, das ich sorgfältig verschloss, aus Angst, jemand könnte mir dorthin folgen und mich erneut durch einen aufgeregten Bienenschwarm jagen.“

Was meint ihr, hat sich die Mühe gelohnt oder hätte ich bei der ersten Version bleiben sollen? Der Einfachheit halber hier noch einmal der Vergleich:

 

1. Fassung

5. Fassung

„Alveria, das war eine Zeit, bevor ich zu leben begann, ich hatte längst damit abgeschlossen. Es war ein Ort, den es für mich nicht mehr geben durfte, und eine Erinnerung, die ich verdrängen musste, um sie zu überleben. Alveria, das war nicht ich, sondern die pure Angst, etwas könne mich doch noch zurück in den Brunnen stoßen.“

 

„Alvaría ist ein Ort, den es für mich nicht mehr geben darf, weil ich seine Feindseligkeit nur würgend überlebte. Alvaría heißt das Flugloch vor meinen Erinnerungen, das ich sorgfältig verschloss, aus Angst, jemand könnte mir dorthin folgen und mich erneut durch einen aufgeregten Bienenschwarm jagen.“

 

 

BTW: Meine Blogbeiträge überarbeite ich nicht in dieser Weise. Ich würde sonst nie fertig – und es sind ja noch 18 Kapitel zu schreiben. Das erste Kapitel des zweiten Handlungsstranges (ich schreibe das Buch aus zwei einander abwechselnden Erzählperspektiven) folgt dann am Samstag, ihr werdet es über den Menüpunkt “La Espeja” aufrufen können.

1 Kommentar

  1. Claus Wilcke

    Hi!
    Als (derzeit) wissenschaftlicher Autor, der es an seiner Hochschule wieder und wieder erlebt, dass kein Text jemals vor Abgabe – und auch nur ganz selten danach – veröffentlicht wird, um ihn zu diskutieren, finde ich diesen Blogpost mutig und beispielhaft. Denn wenn man sich so exponiert, kommen natürlich gleich die Besserwisser. Und da sind sie auch schon:
    Die Metapher des Fluglochs der Erinnerungen ist reichhaltig aber tatsächlich schwer verständlich (nach Erläuterung fiel mir wieder ein, dass ich das im Bezug auf die Imkerei schon kannte, ich hätte es aber in Bezug auf menschliche Erinnerungen nicht als Bild mir verständlich machen können – ich dachte zunächst an Fledermäuse bzw. das ‘Uhlenloch’ in der Scheune). Dann ist die Metapher auch deswegen schwierig, weil ich als Leser letztlich nicht weiß, bzw. erst durch langes Nachdenken abwägen könnte, ob die Autorin sich jetzt _vor_ dem Bienenstock befindlich sieht oder _im_ Bienenstock. Das kommt auch daher, dass ich den Begriff “Bienenschwarm” mit (draußen) fliegenden Bienen verbinde und nicht mit Bienen im Stock, die dann dort, indoors sozusagen, ja eher “Volk” genannt werden (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Bienenstock).
    Viele Worte zu einem kurzen Absatz.
    Ich bin letztlich hier gelandet wegen der guten Rezension von Ludwik Fleck und den wissenschaftlichen Tatsachen – vielen Dank dafür!
    Beste Grüße, keep on writing ~
    Claus Wilcke

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