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Die Banalität des Bösen oder: Heute schon deinen Traumurlaub geplant?

 

Kaum eine Schrift über die Täter des Nationalsozialismus hat mich so berührt wie Hannah Arendts Bericht über den Eichmann-Prozess in Jerusalem, dem sie den Untertitel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ gab.

Arendt beschreibt Eichmann als einen „administrativen Massenmörder“, dessen Handlungen aus purer Gedankenlosigkeit und dem Wunsch resultieren, innerhalb einer industriellen und automatisierten Tötungsmaschinerie „gute Arbeit“ abzuliefern und Karriere zu machen.

 

Die Sprache der Gedankenlosigkeit: Superlative und erhebende Phrasen

Seine Sprache und damit auch seine Gedanken beschränkten sich auf „erhebende Phrasen“, Klischees, Redensarten und die Verwendung von Superlativen für Worte, die keinen haben – in „keinster Weise“. Letztlich führte ihn dieses leere Gerede auch zur Flucht in eine Amtssprache, hinter der er sich verstecken konnte, die ihn von jeglicher Mittäterschaft freisprach. „Wenn ich es nicht tue, tut es eben ein anderer“, lautete wohl sein Credo.

An diese „Banalität des Bösen“ musste ich im Dezember 2019 denken, als mir online die Anzeige eines Reiseveranstalters auffiel. Diese forderte dazu auf, für eine Besichtigung des Museums und der Lager von Auschwitz jetzt „Ihre Traumreise“ zu planen, und zwar zum besten Preis-Leistungs-Verhältnis.

Das Angebot des Bösen: „Plane jetzt deine Traumreise“

Es gab verschiedene Optionen, sich die Tour zusammenzustellen, unter anderem konnte man sich für einen „garantierten Rücktransport“ entscheiden. Auf den Fotos seht ihr einige dieser Anzeigen. Ich habe den Anbieter allerdings absichtlich unkenntlich gemacht. Es geht mir nicht darum, hier jemanden vorzuführen. Ich weiß, dass man diese Reise mittlerweile sogar online bewerten kann und dass sich in diesen Bewertungen mindestens ebenso viel Gedankenlosigkeit zeigt wie in der Anzeigenkampagne selbst.

Einfach auf sich beruhen lassen mochte ich die Sache aber auch nicht, deshalb schrieb ich den Veranstalter über das Kontaktformular an und fragte nach, was man sich dabei denke. Ich bat um eine Zusage, dass solche Anzeigen in Zukunft nicht mehr geschaltet werden.

Neun Tage später erhielt ich eine E-Mail von einer Mitarbeiterin, die mir mitteilte, sie habe die Nachricht an ihre „engagierten Manager und die Abteilung weitergeleitet, die sich sehr ernsthaft mit diesem Thema befassen werden.“ Außerdem wolle sie mich informieren, sofern es „in Bezug auf diese oder neuere Informationen ein Update gibt“.

​Da aber keine weiteren Informationen eingingen, recherchierte ich in der uns allen bekannten Suchmaschine nach neueren Anzeigen des Unternehmens und stieß dabei auf einen Merkur-Artikel aus dem Jahr 2018, in dem diese geschmacklose Werbung bereits thematisiert worden war, sowohl für Touren nach Auschwitz als auch nach Dachau. Eine Antwort der Manager hatten auch die Journalisten damals nicht erhalten, einem Artikel-Update konnte man aber entnehmen, dass das Unternehmen seine Wortwahl etwas angepasst habe.

Dieses “Anpassung” hat aber wohl nicht lange angehalten – so musste auch ich es erfahren. Zunächst  wurde die Wortwahl in den Ads deutlich neutraler gehalten. Doch heute, am Gedenktag der Befreiung von Auschwitz, heißt es schon wieder: „Museum Auschwitz-Birkenau | Machen Sie Ihre Reise perfekt‎“.

 

Wir Saubermänner und die schleichende Gewöhnung an das Böse

Die Banalität des Bösen kommt nicht mit einem großen Knall daher, macht sich nicht selbst die Finger schmutzig, sondern hält sich in Form einer schleichenden Gewöhnung am Leben, die wir achselzuckend hinnehmen, um wie Eichmann zu sagen:  „Was soll ich als kleiner Mann mir Gedanken darüber machen?“

Es ist diese Gewöhnung, der wir tagtäglich etwas entgegensetzen müssen. Unsentimental und ohne das erhebende Gefühl, selbst frei von Schuld zu sein, aber auch ohne in „zur Schau getragene und reichlich publizierte Schuldgefühle“ zu flüchten.

Denn: „Sich schuldig zu fühlen, wenn man absolut nichts getan hat, und es in die Welt zu proklamieren, ist weiter kein Kunststück, erzeugt allenthalben ‚erhebende Gefühle‘ und wird gern gesehen.“ (Arendt, a.a.O., S. 299). Dieselben erhebenden Gefühle, wie sie einen Eichmann auszeichnen.

Sühne ist weder laut noch erhaben noch sentimental. Sie erkennt die Gegenwart eines anderen an und weiß nicht auf jede Frage eine Antwort. Sie beharrt vielleicht nur auf einer einzigen verzweifelten Tugend, die da lautet: Ich will mich nicht daran gewöhnen, auch wenn ich mich außerstande sehe, etwas dagegen zu tun.

Nicht an die Seifenmetaphern eines Saubermannes Höcke und an dessen sentimental „erhebendes“ Geschwätz. Nicht an gedankenlose Behauptungen, wir würden uns heute wieder in einer Situation befinden, die 1933 gleiche, die letztlich das Geschehen damals verharmlosen. Und ganz gewiss nicht an die Gedankenlosigkeit, innerhalb einer totalen Automatisierung von Abläufen einen möglichst guten Job zu machen.

 

 

 

 

1 Kommentar

  1. Petra Ruth Gröger

    28/01/2020 at 04:59

    Danke Sabine – unerhört, wie da subtil ein furchtbares Geschehen zur ‚Sensation des Sehenswerten‘ vermarktet und als ‚Traumreise‘ angeboten wird. Hierbei geschieht genau das: Gewöhnung an das Böse; aus der Vergasung von Menschen wird eine Traumreise gemacht.
    Dahinter steckt ein perfider Geist, was öffentlicher Ahndung bedarf. Petra Ruth

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