Oder: Gibt es nichts Wichteres, worüber wir streiten sollten?

Eines der Gerüchte, das sich so hartnäckig verbreitet wie das Corona-Virus selbst, lautet, Bill Gates wolle die Menschheit zwangsweise impfen und zugleich mit einem Chip ausstatten. Die Medien werden nicht müde, diese sogenannten Fake-News zu dementieren. Ein solches Dementi lautet dann beispielsweise, dass es keine Pläne gebe, „eine mögliche Technologie zur Digitalisierung von Impfungen bei Corona einzusetzen“

Wie wir im Folgenden sehen werden, ist dies richtig, verkennt aber, welche Hintergründe hier noch eine Rolle spielen. Denn: Es sollen zwar keine Technologien zur Digitalisierung der Impfung einsetzt werden. Pläne, Impfungen zu nutzen, um Menschen weltweit mit einer digitalen Identität auszustatten, gibt es jedoch durchaus. Nur wird die zugrundeliegende Technologie eben kein Chip sein.

 

Bill Gates und der eingeimpfte Mikrochip: Wie das Gerücht entstand und worauf es verweist

Das Gerücht vom Impf-Chip, den Gates uns als Bonusmaterial einer Zwangsimpfung implantieren will, kursiert nicht erst seit dem Ausbruch von Covid-19, hat durch die Pandemie aber neuen Auftrieb erhalten. Es nährt sich aus verschiedenen Komponenten, die ich im Folgenden so kurz wie möglich, aber so lang wie erforderlich darstellen möchte.

 

Komponente 1: ID2020 und der Plan, digitale Identitäten zu vergeben

Das Unternehmen Microsoft ist Gründungsmitglied von ID2020, einer Allianz, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Menschheit bis 2030 weltweit mit digitalen Identitäten auszustatten, die in Blockchains abgelegt werden. Es handelt sich um einen Zusammenschluss von Unternehmen und NGOs. Der erste ID2020-Gipfel fand 2016 im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York statt.

Sinn und Zweck einer solchen digitalen Identität ist es der Allianz zufolge, Menschen, die nicht (mehr) über Ausweispapiere verfügen und die deshalb vielfältige Nachteile erfahren, zu einem besseren Leben zu verhelfen. Im Fokus stehen hier beispielsweise Flüchtlinge, Obdachlose oder Einwohner von Ländern wie Bangladesch, in denen eine Ausweiserstellung nicht üblich ist.  Ihnen soll die digitale Identität zu mehr Teilhabe verhelfen – z.B. an Bildung, Gesundheit, Krediten, Online-Diensten.

Aus Sicht von ID2020 ist eine solche digitale ID daher ein Menschenrecht, auf das ein jeder von uns Anspruch hat. Die Entwicklung als Open-Source und die Garantie, dass nur der Einzelne selbst entscheide, wer seine Daten einsehen dürfe, sollen zudem vermitteln, dass es sich um ein sicheres System handle.

Eine solche digitale Identität fungiert demnach nicht allein als elektronischer Ersatz für fehlende Ausweispapiere. In ihr werden alle zentralen Informationen zusammengefasst, beispielsweise Impfungen, die ein Mensch erhalten, Krankheiten, die er durchgemacht hat, der Erwerb des Führerscheins und mehr. Sie funktioniert, indem Menschen, Produkte, Apps und Services/Dienste über Blockchains, Cloudprovider und Organisationen miteinander interagieren.

In Zusammenarbeit mit den Unternehmen Accenture und Avanade entwickelte Microsoft hierfür bereits einen Prototypen in Microsoft Azure (Cloud-Plattform). 2018 trat Microsoft der Allianz ID2020 offiziell als Gründungsmitglied bei und spendete neben dem Wissen und den bereits entwickelten Technologien eine Million Dollar.

Schaut man sich an, wer sonst noch so an ID2020 mitwirkt, klingt die Zielsetzung zwar weiterhin ehrenhaft, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier auch massive andere Interessen im Spiel sind.

Von Banken und Kreditunternehmen beispielsweise, die gern genau wissen möchten, wem sie ihr Geld ausleihen. Aber auch von Gesundheitsorganisationen, die den Zugang zu Krankenhäusern, Ärzten, Medizin und natürlich zu Impfungen regeln. Oder von Staaten, die wissen wollen, wen sie ins Land lassen.

Wie weit es dagegen um die Freiwilligkeit der Herausgabe von Informationen bestellt ist, lassen wir an dieser Stelle einmal offen. Wer sich intensiver mit dem Thema digitale Identität befassen möchte, dem sei ein entsprechender Heise-Artikel empfohlen.

Fazit 1: Microsoft ist Teil der Allianz ID2020, die an der weltweiten Vergabe digitaler Identitäten und an der Entwicklung der dafür benötigten Technologien arbeitet. Dieser Prozess soll bis 2030 abgeschlossen sein.

 

Komponente 2: Gavi und die Impfaktion in Bangladesch

Neben Microsoft und anderen Akteuren ist auch die von Gates gegründete Impfallianz Gavi Mitglied von ID2020.

Und obwohl reichweitenstarke Medien ständig vermitteln, dass man verschiedene Projekte, an denen Gates und sein Netzwerk beteiligt sind, nicht miteinander verknüpfen dürfe, scheinen diese selbst damit kein Problem zu haben.

Anders kann ich es mir nicht erklären, dass Gavi und ID2020 im Verbund mit weiteren Akteuren wie dem ebenfalls ID2020 angehörenden Unternehmen Simprints 2019 eine Impfaktion in Bangladesch durchführten, in deren Zusammenhang den geimpften Säuglingen zeitgleich eine digitale Identität zugewiesen wurde. Allerdings nicht per Mikrochip, sondern über einen biometrischen Fingerabdruck, der sich per Smartphone auslesen lässt.

In den Pressemitteilungen wurde die verwendete Technologie als „tragbare digitale Identität“ bezeichnet. Was dazu führte, dass – teilweise in bewusst verfälschender Absicht – die Mär vom Chip neu aufgelegt wurde, die die um Gates gruppierten Akteure den Säuglingen eingesetzt hätten.

So jedenfalls erklärt es The New Humanitarian, ein journalistisches Netzwerk, das sich der Aufklärung von Desinformation und der Verbreitung unparteiischer Nachrichten verschrieben hat. (Man muss allerdings fairerweise  dazusagen, dass zu den Hauptförderern von The New Humanitarian ebenfalls die Gates-Foundation gehört.)

Fazit 2: Die von Microsoft mitgegründete Allianz ID2020 und die von der Gates-Stiftung gegründete Impfallianz Gavi, die ebenfalls Mitglied von ID2020 ist, beschränken sich nicht auf die Vergabe digitaler Identitäten und nicht auf Impfungen in Entwicklungsländern, sondern verknüpften beides miteinander. Die Akteure selbst sprachen zudem davon, dass die Impfung die Möglichkeit biete, als Plattform für die Einführung digitaler Identitäten zu dienen.

With the opportunity for immunization to serve as a platform for digital identity, the program harnesses existing birth registration and vaccination operations to provide newborns with a portable and persistent biometrically-linked digital identity. The program will also explore and assess several leading infant biometric technologies to offer a persistent digital identity from birth, unlocking a potential global public good.“ (Hervorhebungen durch mich, S.W.)

Es sind also nicht die Verschwörungstheoretiker, die diesen Zusammenhang konstruiert haben. Ein solcher Zusammenhang existiert, allerdings nicht über einen Chip und nicht begrenzt auf die Person Bill Gates.

 

Komponente 3: Der Bezug zu Covid-19

Dass sich die Mär von der Zwangsimpfung in Verbindung mit Covid-19 erneut rasch verbreitete, auch dafür gibt es Gründe, die auf realen Tatsachen und nicht auf Gedankenspielen basieren.

Denn Gavi – also jene Impfallianz, die mit ID2020 gemeinsam agierte –  ist wesentlich an der Impfstoffentwicklung und Bekämpfung von Covid-19 beteiligt. Im Verbund mit diversen anderen Organisationen, die allesamt in einem Zusammenhang mit der Gates-Stiftung stehen, wie die Kabarettsendung Die Anstalt unlängst herausarbeitete.

Doch nicht nur zwischen Gavi und der Covid-19-Bekämpfung besteht eine Verbindung. Eine Äußerung von Bill Gates, die er auf Reddit schriftlich tätigte, deutet daraufhin, dass es durchaus auch Verknüpfungen zwischen der Tätigkeit von ID2020 und der Bekämpfung von Covid-19 gibt. So ließ Gates durchblicken, dass es künftig vielleicht digitale Zertifikate geben könne, die anzeigen, wer getestet oder geimpft wurde, ID2020 gehört zudem zu jenen Organisationen, die die Entwicklung solcher Zertifikate forcierten.

Zunächst aber muss ein Impfstoff überhaupt erst einmal gefunden werden. Schon auf dem im Oktober 2019 abgehaltenen Event 201, auf dem das Szenario einer zu erwartenden Pandemie debattiert wurde und zu dem die Johns Hopkins School of Public Health, das Weltwirtschaftsforum sowie die Gates-Stiftung eingeladen hatten, wurde darauf hingewiesen, dass man es sich in einem solchen Fall nicht erlauben könne, auf die klassische Weise zu agieren und Jahre in die Entwicklung eines neuen Impfstoffes zu investieren.

Und wieder ist es Bill Gates, der dieses Thema aufgreift, indem er öffentlich zur Eile drängt.

Ein Teil der Impfstoffe (mRNA-Impfstoffe), an denen derzeit im rasanten Tempo gearbeitet wird, basiert jedoch auf noch unerforschten und nicht unumstrittenen Verfahren.

Fazit 3: Sowohl ID2020 als auch Gavi und weitere Organisationen aus dem Netzwerk der Gates-Foundation haben ein Interesse daran, Covid-19 mit ihren Aufgaben und Zwecken zu verknüpfen und tun dies selbstverständlich auch. Wenngleich es sich also um unterschiedliche Projekte handelt, besteht aufgrund der Akteure und der gemeinsamen Vorhaben eine Durchlässigkeit zwischen ihnen.

So wahr es demnach ist, dass Gates und Partner keine Zwangsimpfung mit Implantierung eines Chips planen, so unzulänglich ist es, zu behaupten, „Verschwörer im Netz“ hätten „Forschungen, die nichts miteinander zu tun haben“ verrührt.

Statt aber über genau diese Zusammenhänge zu berichten und einer breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit zu geben, sich selbst ein Bild zu machen, scheint es einfacher, eine Gegenverschwörung der vermeintlich Aufgeklärten anzuzetteln. Und so streiten wir darüber, ob Gates nun zwangsimpfen und Chips implantieren will oder nicht – anstatt uns mit den tatsächlichen Hintergründen zu befassen.

Mit dem traurigen Resultat, dass sich die wirklichen Schmier- und Schreihälse unter den „Covidioten“ dieser Themen bedienen können, als gäbe es keine Gegenöffentlichkeit. Und mit der ebenso traurigen Auswirkung, dass all jene, die weder dem Narrativ vom Philanthropen Gates noch dem von der großen Weltverschwörung anhängen, sich von den “Mainstream-Medien” abwenden und in einer Sackgasse falscher Informationen landen.