Vor einiger Zeit habe ich euch hier im Blog meine Lesart des genannten Buches vorgestellt. Zur selben Zeit bat ich die Autorin Gerda Greschke-Begemann um ihre Meinung, da ich weiß, dass sie viele Aspekte, die darin angesprochen werden, besser beurteilen kann als ich. Gerda hat mir ihr Fazit als Kommentar zukommen lassen – aber ich finde ihn viel zu gut, um nur als „Nachsatz“ unter meinem Beitrag zu erscheinen, denn es handelt sich um eine eigenständige Rezension aus der Feder einer erfahrenen Schreiberin und Leserin, die ich daher nun dankbar als Gastbeitrag an dieser Stelle veröffentliche.

 

Die Künstliche Intelligenz des Kapitals von Timo Daum

(Ein Gastbeitrag von Gerda Greschke-Begemann)

Der studierte Physiker und Hochschullehrer Timo Daum hat sich als Experte für Digitale Ökonomie einen Namen gemacht. Im vorliegenden Buch (erschienen 2019 bei Edition Nautilus in Hamburg) beschreibt er nicht nur ausführlich die Entwicklung der künstlichen Intelligenz ab den 60er Jahren bis heute, sondern denkt konsequent weiter. Das von ihm vorausgesehene Szenario fußt auf bereits vorhandenen, solide recherchierten Fakten bestehender Entwicklungen.

Das kann dem Leser gelegentlich schon Angst machen. Die Ausweitung der Anwendungsbereiche scheint sich so exponentiell rasant zu beschleunigen, dass sie der Laie in seinem Alltag kaum noch nachvollziehen kann. Timo Daum zeigt deutlich die Tiefe, in der die künstliche Intelligenz (basierend auf maschinellem Lernen) bereits alle Lebensbereiche durchdrungen hat und in welcher Weise unsere Datenspuren schon gesammelt und zur Kapitalisierung durch wenige große Digitalkonzerne genutzt werden.

Dabei sieht der Autor eine Auswertung von Daten als durchaus sinnvoll an. Sie ermöglicht es nicht nur, eintönige oder schwere menschliche Arbeit zu erleichtern oder zu ersetzen, sondern sie ist auch Voraussetzung für dringend erforderliche Innovationen, beispielsweise bei der Organisation unserer Mobilität. Weil aber durch Rückkoppelungsprozesse unsere Nutzerdaten dazu dienen, der digitalen Ökonomie immer weitere „Rohstoffe“ kostenlos zur Verfügung zu stellen, fragt Daum, wem denn eigentlich die gesammelten Daten gehören, wer sie zu welchem Zweck verwerten darf. Denn sogar die Verbesserung der Datennutzungs-Schnittstellen geschieht durch den Konsumenten (Beispiel: Beta-Versionen von Software).


Schließlich stellt Timo Daum die unbequeme Frage, wie eine digitale Gesellschaft die kapitalistische Verwertung der von ihr selbst bereitgestellten Daten aufheben könnte. Zu Recht bezeichnet er die gegenwärtige Ökonomie als digitalen Kapitalismus, ihm stellt er die Ideen eines Datenkommunismus gegenüber. Diese Utopie könnte nach radikaler Änderung der Verwertungslogik sogar machbar werden: Durch Wissens- und Datenbanken, die jederzeit öffentlich bleiben und nicht privatisiert werden dürfen. Die also nicht renditebestimmt sind, sondern kollektiven, freien Zugriff auf Wissen für jeden erlauben.

Ich meine, dass eine Sozialisierung von digital „geraubten“ Daten eine gute Utopie ist, wenn diese anonymisiert verfügbar sind und damit eine gesellschaftliche Entwicklung ohne Profitzwang ermöglichen.


Fazit: Timo Daums Buch informiert nicht nur gründlich, sondern zeigt auch Perspektiven auf. Äußerst lesenswert.