Biene bloggt

Krieg in der Ukraine: neue Weltordnung oder altes Chaos?

 

Ich weine selten. Und wenn ich es tue, dann bekommen das nur wenige Menschen mit. Ich breche diese Regel heute, wenn ich schreibe: Ich weine darüber, was den Menschen in der Ukraine gerade geschieht. Ich weine um sie, auch wenn ich es mir verbieten möchte, weil ich es als obszön empfinde, das, was sie gerade erleben müssen, mit meiner Traurigkeit gleichzusetzen. Und ich weine um die Menschen in Russland, die gegen den Krieg aufbegehren und verhaftet werden; um die Soldaten, die zum Töten ihrer Brüder und Schwestern entsendet werden.

 

Ich bewundere den Mut jener, die für ihre Freiheit kämpfen, die, obwohl sie sich in Sicherheit wiegen könnten, sogar zurück in ihr Land gehen, um sich den Kriegstreibern entgegenzustellen. Ich bewundere jene russischen Soldaten, von denen es heißt, dass sie sich kampflos ergeben haben. Und ich hoffe, dass sich ein paar kluge russische Generäle finden werden, für die Tyrannenmord die beste Option darstellt.

 

Gleichzeitig beobachte ich skeptisch, mit welchen Deutungen und in welch geschlossener Sprache und Weltsicht dieser Krieg medial dargestellt wird. Wie aggressiv und herablassend man sich gegenüber Menschen verhält, die dieser Eindeutigkeit nicht zustimmen. Wie einig man sich ist, dass sofort “nachgerüstet” werden muss. Und immer wieder ist da jetzt von einer neuen Weltordnung die Rede, die angeblich von Russland herbeigeführt wird. Als wäre Krieg nicht schon immer das bevorzugte Mittel gewesen, die Welt neu zu „ordnen“.

 

Eine solche Neuordnung kommt aber nicht von ungefähr, auch wenn das eigentliche Verbrechen oder das, was sichtbar und fassbar daran ist, über Nacht hereinzubrechen scheint. Möglicherweise hat die neue Weltordnung vor bald drei Jahrzehnten begonnen, als wir anfingen, uns Router ins Wohnzimmer zu stellen, deren strauchelnde Versuche, eine Verbindung zur Abwesenheit herzustellen, klanglich an eine Mischung aus Sirene und dem heimlichen Abhören des „Feindsenders“ erinnerten. Was mit harmlosen Chats begann, hat sich zu einem parallelen Imperium entwickelt, aus dessen Dauerbeschallung es kein Entkommen mehr gibt. Damit es sich weiter entwickeln kann, muss die konkrete Welt, muss das Alte weichen.

 

Was wird in der Welt der Dinge folgen? Die Truppen sind in Bewegung und werden neu ausgerüstet und stationiert,die Budgets für immer mehr Waffen werden aufgestockt. Wer von „Aufrüstung“ spricht, muss erleben, dass man ihm empört über den Mund fährt. Sollen wir den Opfern unsere Solidarität verweigern? Natürlich nicht. Nur Egoisten denken in einer solchen Situation zuerst an sich selbst. Aber müssen wir deshalb verschweigen, dass sich auch Waffenhändler und Börsianer die Hände reiben?

 

Das alles aber gehört zur alten Ordnung, ebenso wie die Nutzung von Gas und Erdöl, der Kahlschlag der Wälder, wie er in den Despoten-Ländern noch üblich ist.

 

Zur neuen Ordnung wird es gehören, einen radikalen Umbruch zu vollziehen. Bargeld muss abgeschafft werden, damit die Bösen es nicht mehr verschieben können. Digitale Identitäten müssen her, damit die Flüchtlinge nicht in Schwierigkeiten geraten, wenn sie als Vertriebene keine Papiere zur Hand haben. Gasleitungen müssen abgeklemmt werden, damit der grüne Wandel vorangetrieben werden kann. Ein Grundeinkommen wird die übelsten sozialen Härten abschwächen. Investitionen in Bildung und Gesundheit sorgen dafür, dass sich alle mitgenommen fühlen. Und dass sie von klein auf lernen, wo die Guten stehen und wer die Bösen sind. Es wird die beste Welt sein, in der Menschen je lebten.  

 

Ich habe mich immer geweigert, zu glauben, dass es irgendwo da draußen eine Gruppe von Menschen gibt, die eine solche „Verschwörung zum Besten aller“ plant. Weil ich es für vernünftiger halte, nicht daran zu glauben, auch wenn es mir zuweilen schwerfällt. Weil ich mich nicht von Menschen instrumentalisieren lassen will, die selbst von einer gewaltsamen Neuordnung träumen. Und weil sich solche Pläne, auch wenn es sie gibt oder gäbe, nicht mal eben eins zu eins umsetzen ließen.

 

Natürlich gibt es immer auch die zynischen Kriegsgewinnler, denen es egal ist, wie viele Menschen sterben müssen oder was sie mit ihrer Ordnung der Welt bewirken. Es gibt Menschen, denen es Freude bereitet, andere zu quälen und zu schinden. Es gibt Tyrannen wie Putin, dessen aufgedunsenes Gesicht und die viel zu großen Anzüge vielleicht darauf deuten, dass es starke Medikamente sind, die ihn dazu bringen, an seine eigenen Wahnvorstellungen zu glauben.

 

Aber Sorge bereiten mir eben immer auch die, die von ihren eigenen guten Absichten so überzeugt sind, dass sie keine Distanz mehr dazu einnehmen können. Menschen, die in Abläufen denken, in beschwichtigenden Formeln, denen zufolge der Zweck die Mittel heilige und Späne fallen, wo gehobelt wird. Menschen, die in sentimentalen Reden eine Weltgemeinschaft beschwören, in deren Dienst sie sich vermeintlich stellen, und die doch nur die Gemeinschaft der sogenannten Eliten meinen.

 

Vielleicht hat weder die alte noch die neue Ordnung ihren Namen verdient. Vielleicht  offenbaren sie sich als Übergänge zu immer neuem Chaos, das jene entfachen, die davon profitieren, Nachbarn gegeneinander aufzuhetzen. Finanziell, moralisch, ideologisch.

 

Ich weine, wenn ich sehe, was in der Ukraine gerade geschieht. Ich möchte flammende Reden gegen den Krieg schreiben, in der naiven Hoffnung, etwas zu bewirken. Ich möchte mich auf eine Seite schlagen können, möchte Eindeutigkeit. Aber ich kann nur versuchen, mich nicht von einer Deutung vereinnahmen zu lassen, die in mir den Verdacht auslöst, dass sie einmal mehr das Leid der Menschen instrumentalisieren wird, um eigene Zielsetzungen voranzubringen.

 

Vielleicht ist es nur mein eigenes Chaos, das aus diesen Zeilen spricht. Dann bitte ich um Entschuldigung. Vielleicht bin ich aber auch einfach schon zu alt, um zu glauben, dass die Neuordnung der Welt jemals zu irgendetwas anderem geführt hat als zu Krieg und Chaos und dem Aufstieg einer neuen Gruppe von Ordnungskräften, die davon profitiert.

1 Kommentar

  1. Hanni Krug

    Deine tiefe Demut für das Menschliche
    und deinen Mut, das Unmenschliche zu beschreiben, berührt mich zutiefst.

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