“La Espeja: das Fest der 1000 Wünsche” – lautet der Titel meines neuesten Buches. Auf 212 Seiten erzähle ich vom Schicksal einer jungen Frau, die mit einer besonderen Begabung geboren wurde: in ihren Blicken und in ihrem Wesen erkennt der Betrachter sich selbst. Es ist diese Begabung, die sie aus Sicht der Dorfbewohner zu einer Auserwählten macht, einer Espeja, die dazu erzogen wird, als Erwachsene das Dorf anzuführen und vor allem, was die Gemeinschaft zerstören könnte, zu bewahren. Denn es sind die Frauen, die in Alvaría den Ton angeben.

Die Geschichte spielt in einem spanischen Bergdorf, dessen Bewohner, die vor Hunderten von Jahren nach Spanien einwanderten, sich gegen die Außenwelt abschirmen. Vor allem gegen die Alemannes, die sich mehr und mehr in der Umgebung niederlassen, hegen sie ein tiefes Misstrauen. Umgekehrt halten die deutschen Einwanderer sie für Spinner, die nicht in der Gegenwart angekommen sind.

Doch Leandra de Luna, die Espeja, verfolgt ein Makel: Sie wurde von einer Valencianerin geboren, einer “Zugewanderten”, die die Gemeinschaft nie als eine der ihren anerkannte. Und je älter sie wird, desto mehr begehrt sie dagegen auf, eine “Auserwählte” sein zu sollen, wünscht sie sich ein Leben, das sie als normal empfindet.

An ihrem 18. Geburtstag flieht Leandra nach Valencia, wo sie einen Job in einer Marketingagentur findet und ihrer großen Liebe begegnet. Fünf Jahre später muss sie dann einen Auftrag annehmen, der sie in ihr Dorf zurückführt. Und nur wenige Tage nach ihrer Ankunft, die für viel Unruhe im Dorf sorgte, ist sie verschwunden.

Was ist Leandra de Luna geschehen? Kommissar Neron reist aus Valencia an, um zu ermitteln. Während seiner Befragungen muss er, der Skeptiker, sich immer wieder mit dem Mythos auseinandersetzen, der Leandra zur Auserwählten erhob. Doch mehr noch, er kommt nicht umhin zu erkennen, dass er selbst tiefer in die Geschichte verstrickt ist, als ihm lieb sein kann.

Erzählt wird die Geschichte aus zwei Perspektiven, die einander kapitelweise abwechseln. Leandra erzählt unmittelbar und aus der Ich-Perspektive, was geschah, und taucht immer wieder in ihre eigenen Bilderwelt und in ihre Erinnerungen ein. Kommissar Neron versucht, das Geschehen in Befragungen zu ermitteln, die aus der Perspektive der allwissenden Erzählerin wiedergegeben werden.

Wie so oft hatte ich auch bei diesem Buch das Problem, ein Genre angeben zu müssen, zu dem Aufbau und Inhalt passen. Ich habe mich für die Angabe “Mystery Krimi” entschieden. Doch würde ich die Erzählung nicht als typischen Krimi bezeichnen, auch wenn sie dem formal entspricht.

Aber am besten entscheidet Ihr selbst! Viel Spaß mit der Leseprobe wünsche ich! Und falls Ihr dann weiterlesen wollt, könnt Ihr das Taschenbuch oder E-Book hier kaufen

Prolog

Es ist die immer gleiche Geschichte. Sie führt uns nicht weiter, führt uns bestenfalls im Kreis herum und zurück zu uns selbst. Und doch ist es die einzigartige Geschichte der Leandra de Luna, die zur Welt kam, wie wir alle es einst taten: nackt, blutverschmiert, besudelt und eben darin so unendlich rein. Eifrig erkämpfte sie sich ihren Weg zum Licht, nicht wissend, was sie da draußen erwarten würde.

Ob sie den Aufschrei, das Erschrecken, aber auch die atemlose Bewunderung spürte? Ob sie ahnte, dass sie von nun an den Weg der Unterweisung würde beschreiten müssen – so lange und so demütigend, bis sie bereit wäre, das Schicksal anzunehmen, das der Mythos ihr zugedacht hatte? Ihre wissenden Augen erzählen uns nichts davon.

Auch ihre Mutter, Maria de Luna, die Valencianerin, wie die Bewohner des alten Bergdorfes sie weiterhin störrisch nannten, wusste nicht, welch törichten Fehler sie beging, als sie das Kind in die Höhe hielt und das noch blicklose Schauen der kleinen Erdenbürgerin in den einzigen unverhüllten Spiegel fiel. Dachte nicht, dass man ihr die Tochter nehmen würde, noch bevor sie „Mama“ zu sagen gelernt hätte.

Erst als sich die Augen der um das Wöchnerinnenbett versammelten Frauen und Männer triumphierend gen Himmel wandten, erinnerte sie, was Alfonso ihr über den Mythos erzählt hatte. Doch zu spät.

„Jesus“, flüsterte die Alte bereits, die sich ihre Schwiegermutter hieß, „Herr im Himmel, es ist beschlossen, das Kind hat in den Spiegel geblickt …“

Ihre triumphierenden Augen wandten sich in die Runde und wie auf Geheiß knieten die Anwesenden nieder, falteten die Hände zum Gebet.

„Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass …“, flehte Maria de Luna, doch das Raunen schwoll an, teilte die Zeit unerbittlich in ein Davor und ein Danach und selbst der geliebte Alfonso brauchte einen Moment, um sich zu fassen.

Zärtlich nahm er ihr sodann das Kind aus dem Arm und übergab es dem Ritual folgend der Großmutter, auf dass sie es aufziehen und unterweisen würde.

Denn Leandra de Luna, die sich gerade erst in einem zähen Kampf einer Welt genähert hatte, von der man annehmen sollte, dass sie sie mit Liebe und Zuneigung empfangen würde, gehörte vom Tag ihrer Geburt nicht sich selbst oder ihren Eltern, sondern einzig ihrer Bestimmung.

Weil sie war, was kein Gott mehr zu ändern vermochte: eine Espeja, eine, in deren Augen man sich selbst erkannte. Eine Anführerin, die viele Prüfungen überstehen und viele Tode sterben musste, bevor man sie wie eine Heilige verehren durfte. Behaftet mit dem Makel, von einer Unwillkommenen geboren zu sein, und daher auf Schritt und Tritt bewacht von den 1000 Augen aus Alvaría, jenem geheimnisumwobenen Gebirgsdorf, in dem das Leben auch im 21. Jahrhundert nicht den Gesetzen der Welt, sondern dem ewigen Raunen seiner Bewohner folgt.

 

 

Kapitel 11: Das Unwetter zieht auf

Unsere Blicke prallten aufeinander, als kämpften sie darum, wer von uns als Erste die Augen senken würde. Sie trug wie stets ein schwarzes Kleid, hatte einen Kamm ins noch immer dichte, aber deutlich ergraute Haar gesteckt. Ich ahnte, dass sie so verunsichert war wie ich selbst, wusste doch keine von uns, wie sie die Situation meistern sollte.

„Ist sie das?“, fragte Isandro, der meine Nervosität bemerkte, und reichte mir einen Becher mit Prosecco.

„Ja“, sagte ich und nippte daran, stellte den Becher aber schnell wieder ab. „Ich kann jetzt keinen Alkohol trinken, Isandro, ich muss einen klaren Kopf behalten.“

„Kein Problem“, erwiderte er, griff nach dem Becher und stürzte den Inhalt in einem Zug die Kehle hinab.  

„Dann ist deine Großmutter die alte Frau, von der ich dir erzählt habe“, erklärte er und sah mich misstrauisch an. „Aber das hast du dir sicher schon gedacht?“

Die Kälte in seiner Stimme ließ mich frösteln. Ich begriff, dass es ein Fehler gewesen war, seine Gegenwart in Alvaría auch nur eine Sekunde lang zu dulden. Ich hätte ihn zwingen müssen, nach Hause zu fahren, statt noch hinzunehmen, dass er an der österlichen Prozession teilnahm.

Denn eines war mir klar gewesen: Der Mythos würde ihn während des Spektakels umarmen, würde ihn verschlingen, ohne dass Isandro eine Chance hatte, es zu bemerken.

Schließlich war Isandro der Mann, den ich liebte, für den ich zu gern auf all das, was das Schicksal mir zugedacht hatte, verzichtete. Er oder Alvaría lautete die Wahl. Und der Mythos war nicht gewohnt, zu verlieren. Doch so sehr ich Isandro auch gebeten hatte, bei mir zu bleiben, er war seinem Entschluss gefolgt.

                                                                  

„So etwas habe ich noch nicht gesehen“, erzählte er dann schaudernd nach seiner Rückkehr und deutete auf seine nackten Unterarme, „sieh nur, ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.“

„Ich kann es mir vorstellen“, sagte ich, „hab ja oft genug daran teilgenommen.“

„Vorneweg ging der Padre, gefolgt von sechs alten Männern, die statt eines Pasos einen leeren Sarg trugen. Und das Kreuz wurde nicht von einer Jesus-Figur, sondern von der Jungfrau Maria geschleppt, um deren Hals noch dazu eine echte Dornenkrone drapiert war“, berichtete er weiter, ohne auf meinen Einwand zu achten.

„Sie lief barfuß und ihre Füße bluteten, also wirklich meine ich. Dahinter folgten mehrere Männer mit nacktem Oberkörper, die sich geißelten – und auch das war nicht gespielt. Blieb einer stehen, stießen die mit Kapuzen maskierten Männer und Frauen ihn weiter voran, so hart, dass einige hinfielen. Keiner sprach ein Wort, es gab kein Trommeln, keine Musik, alle zogen stumm und mit versteinerten Gesichtern an mir und den anderen Zuschauern vorbei.

Dann war da diese alte Frau – irgendwie hat sie mich an dich erinnert. Schön, stolz, besonders, aber im Gegensatz zu dir mit einer harten Linie um den Mund, die sie unsympathisch machte. Sie schaute mich so hasserfüllt an, dass ich am liebsten weggelaufen wäre. Zeigte mit dem Finger auf mich, als hätte ich Jesus höchstpersönlich verraten. Der Aufzug stockte sogar kurz, ich hatte richtig Schiss, sie würden sich auf mich stürzen und mich in den Sarg werfen. Aber zum Glück kam dann der Padre und forderte sie auf, weiterzugehen.

Vielleicht meinten sie aber auch gar nicht mich, denn neben mir stand noch so ein Typ im Ledermantel, der wohl auch nur zu Besuch in der Gegend ist. Jedenfalls zog der mich dann weg, sonst hätte ich da  noch Wurzeln geschlagen. Ich war echt wie gelähmt, als ob die alte Hexe mich paralysiert hätte“, schloss er erschöpft.

„Du Armer“, sagte ich und versuchte, ihn zu küssen, doch er wich mir aus. „Was war das für ein Typ, wo ist er geblieben?“, fragte ich nach.

„Ich weiß nicht. Wir sind gemeinsam ein Stück die Bergstraße runtergelaufen. Dann war da so eine Villa mit Papageien davor. Da hat er sich verabschiedet und gemeint, er wolle noch jemand besuchen.“

Es war klar, dass er von Margrits Haus sprach, niemand anders in der Region besaß Papageien. Ob der Fremde jener Verehrer war, der sich nach langer Zeit wieder gemeldet hatte? Ob es derselbe Mann war, den ich im Zug getroffen hatte? Ich würde sie später unbedingt danach fragen müssen. Jetzt galt es, zu verhindern, dass Isandro tiefer in die Geschichte hineingezogen wurde, dass er erneut Fragen stellte, auf die ich ihm nicht antworten durfte.

Dabei wusste ich doch längst, dass ich vergeblich hoffte, ihn heraushalten, ihn und unsere Liebe von Bilderwelt und meiner Vergangenheit, die sie unauflöslich verschloss, freihalten zu können. Großmutter hatte mich ja wieder und wieder davor gewarnt.

 

„Die Kraft einer Espeja überträgt sich auf alle, die sie liebt“, hatte sie mir erklärt, damals in jenen Kindertagen, als ich noch an ihren Lippen hing, mich für eine Auserwählte hielt, die sich durch Härte und Disziplin ihrer Begabung als würdig erweisen musste.

„Deshalb ist es so wichtig, dass du sorgsam darauf achtest, mit wem du dich einlässt. Alle Bilder, die du siehst, alle Schicksale, von denen du erfährst, vereinen sich zu einem Schattenreich, in dem es keine Materie und keine Konturen mehr gibt, aber auch kein Vergessen. Der Spiegel strahlt nur zurück, was in ihn hineinfällt, hinter der hellen Oberfläche herrscht eine dunkle Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die den Unwissenden zerstört, mag er dich auch noch so sehr lieben.“

Wie sehr mich ihre Worte berührt hatten. Wohl auch, weil ich spürte, dass sie nicht einfach nur ihr Wissen mit mir teilte, sondern ihre eigene leidvolle Erfahrung. Vielleicht nahm ich sie deshalb so lange vor mir selbst in Schutz, liebte ich sie mit meinem kleinen arglosen Kinderherzen: Weil ich ahnte, dass sie mich aufrichtig vor einem Schicksal bewahren wollte, das sie selbst durchlitten hatte.

 

„Warum hast du mich nur allein hingehen lassen?“, fragte Isandro vorwurfsvoll in meine Erinnerung hinein.

„Aber du wolltest doch unbedingt. Ich hatte dich gewarnt.“

„Ja“, rief er hitzig, „ja, ich wollte! Weil ich es satt habe, dass du mich ausschließt aus deinem Leben, deiner Vergangenheit! Weil ich wissen will, wer du wirklich bist, wovor du davonläufst. Ist das so schlimm? Bin ich denn immer noch ein Fremder für dich, mit dem du Tisch und Bett teilst, nicht aber …“

„Nicht aber was? Alles, was ich heute bin und geben kann, teile ich mit dir, Isandro. Bitte verstehe doch, dass ich dich nur schützen will. Ich kann dir dazu nicht mehr sagen, dir nichts über meine Vergangenheit erzählen. Es würde alles nur schlimmer machen, dich mit hinunterziehen. Du hast es heute selbst gespürt. Es hat dich verändert. Das macht mir Angst.“

„Dann lass mich endlich teilhaben und hilf mir verdammt noch mal, zu verstehen, was gerade mit uns geschieht!“

Wie sehr ich mich nach seiner Umarmung sehnte, wie bereitwillig ich mich der Täuschung hingab, eine lieblose körperliche Vereinigung könnte die Kränkung heilen. Doch schon der Versuch entzweite uns weiter und ich wusste: Alles, was nunmehr geschah, lag außerhalb unseres kleinen persönlichen Wollens. Es wiederholte sich, was sich wiederholen sollte, Jahr für Jahr, Tag um Tag, Stunde um Stunde, Ostern auf Ostern. Ich konnte es hinauszögern, aber nicht mehr verhindern.

Isandro stand schon wieder an der Bar, als ich aus meinen düsteren Gedanken auftauchte, und verbrüderte sich demonstrativ mit jedem, der in seine Nähe kam, bot Schnaps an, schwankte bereits, bevor die anderen ihre Teller leer gegessen hatten und wir zum eigentlichen Zweck des Festes übergingen, der Verteilung der Wunschkarten.

Ich beschloss, die Sache voranzutreiben, denn das Unwetter, das sich seit Tagen hinter dem Monte Alvaran sammelte und auf einen günstigen Moment wartete, die Gipfel zu passieren und sich über Alvaría zu entladen, würde uns in wenigen Stunden erreichen.

Es regnet immer an Ostern in Alvaría und alle Bewohner freuen sich auf den Moment, in dem die ersten prasselnden Tropfen das Schauspiel einleiten. Schlimm war es nur, wenn dem Regen ein langes, hitzig und trocken zürnendes Gewitter voranging, vor dem wir uns zitternd in unseren Häusern verbargen – über Stunden, zuweilen auch über Tage und Nächte.

Doch was immer die Natur uns brachte, wir akzeptierten es. Denn trotz der Anpassung an die katholischen Rituale feierten wir an Ostern noch stets ein Fest der Vereinigung von Himmel und Erde, verehrten wir die Geisteswesen, die die Natur und uns, die wir einst Teil von ihr gewesen waren, beseelten.

Und so würde auch in diesem Jahr der Regen die Erde sättigen und segnen, sie reinwaschen von allem, was wir Menschen, die sie fürsorglich ertrug, ihr angetan hatten. Die Vermählung würde uns Hoffnung spenden und am Ende würden wir aus unseren Häusern treten, die frische Luft einatmen und den Frühling willkommen heißen, der mit dem neuen Vollmond begann und der uns nichts anderes verkündete als den erneuten Triumph des Lichtes über die Finsternis, mochte der Akt selbst auch zahlreiche Opfer gefordert haben.

Denn was wir Menschen als Naturkatastrophe bezeichnen, bedroht allein uns und unsere Zivilisation. Der Natur ist diese Art von Unheil gleichgültig. Für die Natur ist weder ein Beben noch ein Orkan noch ein Unwetter eine Katastrophe. Nur wir, die wir Schutz vor all dem  suchen, von dem wir uns getrennt, aus dem wir uns herausgelöst  haben, erleben solche Ereignisse als furchteinflößend zerstörerisch.

Isandros Atem roch nach dem Bier, das er eben mit einem der Deutschen getrunken hatte. Ich drückte ihm die weißen Karteikarten in die Hand und bat ihn, sie an die Alemannes zu verteilen. Immerhin sprach auch er gut Deutsch, da sein Geschäft in Valencia von zahlreichen Touristen aufgesucht wurde.

Ich selbst griff nach den roten Karten und atmete tief durch. Wo sollte ich beginnen? Am besten wäre es wohl, wenn ich das Schwierigste sofort hinter mich brachte. Entschlossen ging ich zu dem Tisch, an dem Großmutter, Sandra und Paco sowie deren Eltern Platz genommen hatten. Ich war nur froh, dass ich die Regeln der Wunschaktion, die jetzt folgen sollte, bereits in der Einladung erklärt hatte, so konnte ich die Gespräche und Begegnungen mit jedem Einzelnen von ihnen kurz halten.

„Guten Tag, Señora“, sprach ich Großmutter höflich und distanziert an, wie sie es mich gelehrt hatte.

„Darf ich Sie bitten, diese Karte zu nehmen und einen Wunsch darauf zu schreiben? Etwas, wobei Sie Hilfe benötigen, beispielsweise. Die Regeln sind Ihnen ja gewiss bekannt?“

Großmutters Augen verengten sich, ich war mir nicht sicher, ob es Hass war, der in ihr aufstieg, oder ob sie sich ein Weinen verkniff. Statt mir zu antworten, begann sie, mit harten Fingern rhythmisch auf den Tisch zu trommeln. Alle starrten mich an.

Natürlich wusste ich, dass sie nicht schreiben kann. Dass sie zu stolz sein würde, jemanden um Hilfe zu bitten. Natürlich wusste ich, dass sie mir nicht verzeihen konnte. Umso mehr genoss ich es nun, lächelnd eine Karte und einen Stift vor ihr auf den Tisch zu legen, bevor ich mich Paco zuwandte. Wie sicher ich mir war, dass sie keine Macht mehr über mich hatte. Zu sicher.

„Paco, wie schön, dich zu sehen. Schreibst du mir deinen Wunsch auf?“, sprach ich den Freund an. Doch auch Paco antwortete mir nicht, denn Sandra stichelte sofort los.

„Schreibst du mir deinen Wunsch auf?“, äffte sie mich nach. „Natürlich schreibt der liebe Paco einen Wunsch auf“, fuhr sie fort, „aber ob er der lieben Leandra gefallen wird?“

Paco schaute mich verlegen an und griff nach der Karteikarte. Er tat mir leid, deshalb verzichtete ich darauf, Sandra zu antworten, legte allen eine Karte hin und ging zum nächsten Tisch, an dem sich Pepe und ein paar weitere alte Männer eingefunden hatten.

Pepe musterte mich kurz, blickte dann zu Großmutter hinüber, als erwartete er eine Anweisung von ihr. Ich folgte seinem Blick und sah, dass sie die Karteikarte zerknüllte, sie auf den Boden warf, aufstand und sich in ihrer stolzen, aufrechten Haltung der Menge zuwandte.

„Macht doch, was ihr wollt“, rief sie in die Runde. „Aber ich werde an diesem unwürdigen Spektakel nicht länger teilnehmen! Denkt daran, was ich für euch erlitten habe“, rief sie und deutete mit einer theatralischen Geste auf sich selbst.

„Auch ich habe meinen Sohn für euch gegeben. Hab sein Balg aufgezogen und unterwiesen. Und wie hat sie es mir gedankt? Padre Lopez haben wir zu Grabe getragen ihretwegen. Weggelaufen ist sie und hat damit den Fluch auf uns alle ausgedehnt. Wie viel Unglück darf sie noch über uns und das Dorf bringen?“

Isandro, der gerade Walter eine Karte überreichen wollte, schaute zu uns herüber. Sein Blick ließ mich schaudern, es lag keine Liebe darin, keine Sorge, nur Zorn. Einige Alemannes kicherten nervös, verstanden nicht, was sich gerade abspielte. Nur Walter, der als Einziger von ihnen die Geschichte kannte, erfasste Isandro nun am Arm und redete heftig auf ihn ein. Vermutlich wollte er ihn überzeugen, dass es besser wäre, die Sache zu beenden. Aber Isandro schüttelte seine Hand ab und verteilte weiter stumm Karteikarten.

Ich tat es ihm nach, während Großmutter sich auf den Heimweg machte und Sandra mit Paco knutschte, als müsste sie der ganzen Welt beweisen, dass es nur eine Frau geben konnte, sollte und durfte, die er wirklich liebte.

Erst als alle Karten verteilt waren, genehmigte ich mir einen Drink an der Bar und gab dem Bandleader einen Wink, dass sie eine sanfte Hintergrundmusik anstimmen sollten. Lange würden meine Nerven nicht mehr mitspielen. Aber so kurz vor der Zielgeraden wollte ich nicht aufgeben.

Der erste Schluck der dunklen Flüssigkeit, die der Barkeeper mir gereicht hatte, brannte angenehm warm in der Kehle. Ich folgte seiner Schwärze bis in jene Nacht, in der Paco und ich vergeblich auf die Stille gewartet hatten. Statt des erhofften Schweigens war das jämmerliche Maunzen der jungen Kätzchen zu hören gewesen, die Pepe in einem mit Brunnenwasser gefüllten Eimer ersäufte.

Eines nach dem anderen hatte er aus dem Käfig genommen und versenkt, wie es schon immer seine Aufgabe gewesen war.

Entsetzt hatten wir uns die Ohren zugehalten und uns in der alten Scheune neben der Kirche versteckt. Es war die einzige Nacht, in der wir zuließen, dass unsere tastende Neugier unser Wissen besiegte, nicht füreinander geschaffen zu sein. Es folgte der Morgen, an dem wir verstanden hatten, dass wir keine Kinder mehr waren, voneinander lassen mussten.

Eine heftige Übelkeit brachte mich zurück in die Gegenwart, rasch lief ich zum Klohäuschen hinter der Kirche und erbrach mich, während das Bildnis eines gepeinigten Sohnes mir von der Tür her mitleidig zulächelte.

Ich spülte mir den Mund aus, ließ kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen und gönnte mir einen Moment, um zu verschnaufen, bevor ich die Tür wieder öffnete. Souverän, gefestigt und auf dem besten Weg, eben jene Anführerin zu sein, zu der sie mich in den langen Jahren vergeblich hatten erziehen wollen.

Als ich auf den Festplatz zurückkehrte, hatte die Stimmung sich gewandelt. Alles wirkte friedlich, die wenigen jungen Paare tanzten eng aneinandergeschmiegt, die Älteren unterhielten sich, so gut es ihnen auf ihre karge Art eben möglich war, einige Alemannes holten sich die letzten schon angekokelten Fleischstücke vom Grill.

Isandro überreichte mir die ausgefüllten Wunschkarten, die er wieder eingesammelt hatte. Ich war überrascht, es hatten doch bedeutend mehr mitgemacht als erwartet. Prüfend blickte ich zum Monte Alvaran hinüber, um abschätzen zu können, wie viel Zeit wir noch hatten.

Fast blieb mein Herz stehen, als ich den Mann erblickte, der mit in die Höhe gestreckten Armen auf dem Gipfel stand. Träumte ich? Sah ich Gespenster? Ich schloss die Augen, atmete durch, zählte bis zehn, blickte erneut zum Berg. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, der Mann – sofern es ihn je gegeben hatte – war hinter den ersten Gewitterwolken verschwunden, die den Berg nun passierten. Ich musste mich beeilen, damit wir wenigstens die Wunschaktion noch beenden konnten. 

Ich stellte mich an das Podest und schaltete das Mikrofon ein. Walter warf mir einen letzten verzweifelten Blick zu, bevor er sich demonstrativ auf den Heimweg machte. Von seinem leeren Platz drang ein kalter Windhauch zu mir herüber. Vergeblich hielt ich nach Isandro Ausschau. Es gab kein Zurück. Ich musste beenden, was ich begonnen hatte. Ich musste die Wünsche der Dorfbewohner und der Alemannes verlesen.

 

Kapitel 12: Von Eidechsen und Adlern

Der alte Brunnen stand wie ein überflüssiges Relikt aus vergessenen Zeiten auf dem Dorfplatz, aus der Ferne waren nur das Blöken von Schafen und ein hämmerndes Geräusch zu hören. Neron war froh, dass sich von den Dorfbewohnern niemand blicken ließ, sodass er sich umsehen konnte, ohne lästige Fragen beantworten zu müssen.

Mehrere Male näherte er sich dem Brunnen mal von dieser, mal von jener Seite, umkreiste ihn, ging in die Hocke, aber vergeblich, es gab keinen Hinweis darauf, dass sich hier eine Bluttat abgespielt haben könnte. Wie auch, dachte er, es war ja nicht einmal klar, ob Sandras Beobachtungen aus der Osternacht überhaupt etwas mit Leandras Verschwinden zu tun hatten. Und falls es Spuren gegeben haben sollte, das Unwetter hätte sie fortgespült.

Und doch hatte er Witterung aufgenommen wie ein alter Spürhund, der sein Herrchen zielstrebig auf die richtige Fährte führt. Einmal mehr musste er sich selbst widerstrebend eingestehen, dass es nur in Ausnahmefällen knallharte Fakten oder Indizien waren, die ihn voranbrachten. Viel häufiger waren es eine Ahnung, seine Intuition oder auch Kommissar Zufall, die ihm halfen, einen Fall aufzuklären.

Manchmal kam es ihm sogar vor, als würde nicht er selbst entscheiden, ob ein Fall zu lösen war oder nicht, sondern ein … nein, kein Gott, dachte er zornig. Kein Gott, der es zulässt, dass es immer wieder die Besten trifft, während der Abschaum ungeschoren davonkommt.

Es war eher so, als ob ein Fall gelöst werden wollte, von sich aus, auch wenn das mindestens genauso absurd klang, wie die Annahme, dass eine höhere Macht unsere Geschicke lenkte. Als würde sich ein zartes durchsichtiges Tuch über sein inneres Auge legen, in das eine unsichtbare Hand nach und nach ein klar erkennbares Muster webte.

Dumm nur, dass ihm das nichts nützte. Und dass er mit niemandem darüber sprechen konnte, denn seine Kollegen hätten nur Spott und Häme für ihn übrig, würde er sie fragen, ob es ihnen zuweilen ähnlich erging. Nur Maria hatte sofort verstanden, was er meinte.

 

„Was soll falsch daran sein?“, hatte sie ihn gefragt, als er ihr erzählte, wie sehr er an seinem Verstand zweifelte, wenn ihm solche Gedanken durch den Kopf gingen.

„Du kennst doch den alten Ausspruch, der vermeintlich von Sokrates stammt: Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

„Naja, das ist aber doch etwas anderes.“

„Vielleicht. Aber ist auch die Betonung des Satzes überliefert? Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass er es auch so gesagt haben könnte: Ich weiß, dass ICH nichts weiß? Dass all unser Wissen vielleicht aus ganz anderen Quellen stammt, als wir es glauben wollen?

Alle Weisheitslehren und Philosophien sind doch voll solcher Gedanken, erzählen vom Ich und vom Selbst, vom Erschrecken, wenn wir bemerken, dass wir mehr die Gedachten sind als die Denkenden.

Erst mit Descartes hat dieser Zweifel ein Ende gefunden. Ich denke, also bin ich. Damit war die Einheit von Gedanke und Person begründet. Obwohl er selbst ja noch nicht einmal behauptet hat, dass es die Person ist, die denkt, weil es auch ein Etwas sein könnte, dessen Gedanken wir in uns aufnehmen.“

„Und du meinst nun, dieses Etwas hilft mir, einen Fall zu lösen?“, hatte er spöttisch zurückgefragt.

„Ach, schon gut, ich weiß ja, dass DU davon nichts wissen willst,“ hatte sie zurückgespottet. „Also wirst du wohl weiter an dir und deinem Verstand zweifeln müssen.“ 

Natürlich hatte er das nicht akzeptieren können. Hatte angefangen, Listen anzulegen, um sich selbst auf die Schliche zu kommen. Und sie schließlich dem Feuer übergeben, denn es führte ja zu nichts. Alles, was er wusste, war eben, dass ihn sein Gespür nicht täuschte und dass seine Aufklärungsrate überdurchschnittlich hoch war.

Und so musste er auch hier, am Brunnen von Alvaría, jedem Verdacht nachgehen, so unsinnig er erschien. Er konnte förmlich riechen, dass etwas Grausames geschehen war, auch wenn das dazugehörige Bild noch im Schatten lag. Lediglich eine Spur am oberen Rand des Brunnens bestätigte ihm, dass der Holzdeckel, der den Brunnen abdeckte, tatsächlich bewegt worden war, nicht mehr an derselben Stelle auflag, an der er sich wohl über Jahre befunden hatte. Die Beobachtung bestätigte, was Sandra ihm erzählt hatte.

Seine Augen suchten einen Griff oder eine Einkerbung, an der sich der Deckel leichter anheben ließe, doch er fand nichts. Aus dem Kofferraum seines Toyota entnahm er die alten Arbeitshandschuhe, die er nach dem letzten Reifenwechsel noch nass darin verstaut hatte. Sie fühlten sich hart an, aber wenigstens würden sie verhindern, dass Splitter vom dem schon morschen Holz in seine Finger eindrangen.

Doch so sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, den Deckel anzuheben. Sollte er den Padre um Hilfe bitten? Er warf einen skeptischen Blick zur verschlossenen Kirche hinüber und zog sein Handy aus der Tasche, um den Padre anzurufen, als ihm jemand von hinten auf die Schulter tippte.

Blitzschnell fuhr er herum und sah direkt in die hellblauen Augen eines Mittsechzigers, der sich ihm unbemerkt genähert hatte.

„Oh, Entschuldigung“, sagte der Mann mit hartem Akzent, „ich wollte Sie nicht erschrecken. Sie sind der Kommissar aus der Stadt, oder?“, fügte er hinzu und stellte sich Neron dann als Walter Wernig vor. „Ich dachte, Sie könnten vielleicht Hilfe gebrauchen?“

„Der verdammte Deckel ist zu schwer für mich allein“, sagte Neron.

„Na dann mal los“, antwortete Wernig und gemeinsam hoben sie den Deckel an, sodass Neron einen Blick hinunter in das dunkle Brunnenloch werfen konnte. Der faulige Geruch, der ihm entgegenschlug, drehte ihm fast den Magen um, hielt ihn jedoch nicht davon ab, das Innere so genau wie möglich zu inspizieren.

Wasser konnte er darin nicht entdecken, aber an der Innenseite des Schachtes waren mit Eisenstiften befestigte Klammern angebracht, ähnlich einem Klettersteig im Gebirge. Wenn er sich nicht täuschte, musste erst vor Kurzem jemand hinuntergestiegen sein, denn obwohl die Klammern vor Schmutz starrten, zeigten sich Abriebspuren daran. Ob er ebenfalls hinuntersteigen und nach einer Spur suchen sollte?

„Das würde ich nicht tun“, sagte Walter Wernig.

„Was würden Sie nicht tun?“, fragte Neron überrascht zurück.

„Einfach so runtersteigen, ohne Schutzausrüstung. Da unten ist kein Wasser mehr, das Grundwasser ist stark gesunken in den letzten Jahren. Und der Brunnen darf ohnehin nicht mehr genutzt werden, weil er ohne offizielle Baugenehmigung errichtet wurde.

Aber das Wichtigste ist, Sie kriegen sehr wahrscheinlich keine Luft da unten. Also jedenfalls nicht lange. Ich weiß natürlich nicht genau, wie es unten aussieht, also wie der Sauerstoffgehalt ist. Aber ich würde es an Ihrer Stelle nicht darauf anlegen.“

Entgeistert starrte Neron ihn an.

„Sie meinen, man könnte da unten ersticken?“

„Womöglich“, antwortete Wernig. „Sie wären nicht der Erste.“

„Nicht der Erste?“, fragte er panisch zurück, aber Wernig winkte ab.

„Nicht, was Sie denken“, sagte er.

„Aber wieso?“

„Erkläre ich Ihnen gern bei einem Bier“, sagte Wernig.

„Und wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen mit einem Messgerät aus. Wenn Ihnen das zu kompliziert ist, können Sie natürlich auch einfach ein Grablicht runterlassen. So haben es die Menschen früher gemacht, wenn sie herausfinden wollten, ob der Sauerstoff für eine Reparatur ausreicht oder nicht“, fügte er grinsend hinzu. „Bevor wir Ingenieure uns ein paar bessere Methoden ausdachten.“

Neron antwortete nicht, es war ihm peinlich, dass er von solchen Dingen nichts verstand. Umso dankbarer war er, dass Wernig zufällig vorbeigekommen war. Oder war es erneut kein Zufall? Der Mann war ihm sympathisch, aber was hieß das schon. Die meisten Mörder und Verbrecher verstehen sich darauf, ihre Absichten hinter einem charmanten Lächeln zu tarnen.

„Die Einladung nehme ich gern an“, sagte er und leuchtete mit der Taschenlampe aus dem Kofferraum in den Brunnenschacht. Der Lichtstrahl war gerade stark genug, dass er am Boden ein paar Pflanzen entdecken konnte. Außerdem schien sich etwas in der Größe eines Nagetiers darin zu bewegen.

Von einem menschlichen Körper fehlte zu seiner Erleichterung dagegen jede Spur. Er musste also nicht selbst hinuntersteigen und den Rest sollte die Spurensicherung übernehmen. Sofern seine Vorgesetzten ihm denn glauben und noch Leute schicken würden, denn eigentlich hatte man ihm bereits signalisiert, dass es an der Zeit wäre, die Akte zu schließen.

„Würden Sie mir noch einmal helfen?“, fragte er Wernig und deutete auf den Brunnendeckel.

„Nicht, dass die Leute noch angerannt kommen und uns davonjagen“, sagte er und zeigte mit dem Kopf in Richtung der Häuserreihe, von der einige Dorfbewohner mit in die Hüften gestemmten Armen argwöhnisch zu ihnen hinübersahen.

Komisch, dachte er, dass man diese Leute nie sieht, wenn man bewusst hinschaut. Aber kaum dreht man sich weg, versammeln sie sich wie aus dem Nichts.

„Hunde, die bellen, beißen nicht“, antwortete Wernig, half ihm aber sogleich, den Deckel wieder anzuheben und über den Brunnenschacht zu legen. Schnaufend und hoch rot im Gesicht standen sie einander dann gegenüber.

„Wie war das mit einem Bier?“, fragte Neron.

„Gerne“, antwortete Wernig, „mein Wagen steht dort drüben. Fahren Sie einfach hinter mir her, hier im Dorf gibt es ja nichts.“

Neron tat, wie ihm geheißen, und die beiden Männer fuhren die flimmernde Bergstraße hinauf. Auf halber Strecke passierten sie Margrits Haus und Neron spürte das Verlangen, einfach anzuhalten, ihr guten Tag zu sagen, einen Drink mit ihr zu nehmen und für den Moment zu vergessen, weshalb er vor Ort war. Aber so einfach war sein Leben nicht, noch nicht. Ob er jemals wieder diese Leichtigkeit verspüren würde, wie sie Maria in seinen Alltag gebracht hatte? Er zweifelte daran.

Walter Wernigs Haus war deutlich kleiner und bescheidener als Margrits Villa und lag versteckt hinter einer hohen Hecke an einer stark abfallenden Schlucht. Ganz offensichtlich hatte sich hier jemand bewusst von der Menschheit zurückgezogen.

Neron ahnte, dass er seit langem der einzige Besucher in dieser Eremiten-Klause sein musste, in der leere Flaschen, benutztes Geschirr und jede Menge angesammelter Kuriositäten sich auf drei kleine Zimmer verteilten.

Doch hinter dem Haus befand sich eine aufgeräumte Terrasse, von der man direkt in die Schlucht hinunter und auf die gegenüberliegende Bergwand schauen konnte. Kein Ort, um Besuch zu empfangen, dachte Neron, aber sicher einer, um sich ungestört zu fühlen. Wernig räumte ein paar deutsche Zeitschriften von der gepolsterten Sitzbank und bat ihn, Platz zu nehmen, während er zwei gut gekühlte San Miguel aus der Küche holte.

„Glas?“, fragte er.

„Nein, danke“, entgegnete Neron.

„Na dann, prost!“

Die beiden Männer setzten gleichzeitig an und tranken in kleinen Schlucken von der kühlen Flüssigkeit. Neron spürte, wie die Anspannung langsam von ihm abfiel, nahm sich aber dennoch vor, auf der Hut zu bleiben.

„Wie weit sind Sie denn mittlerweile in Ihren Ermittlungen?“, unterbrach Wernig abrupt ihr Schweigen.

Neron stellte die Flasche ab und zerrieb das Kondenswasser, das sich außen daran gesammelt hatte, in den Handflächen.

„Um ehrlich zu sein, nicht besonders weit“, antwortete er.

„Alles deutet darauf hin, dass es auf dem Fest der 1000 Wünsche zu einem Streit oder zu einer Eskalation gekommen ist. Aber niemand von denen, die ich bisher befragt habe, war bis zum Schluss dabei. Wie sieht es denn mit Ihnen aus“, fragte er dann, „haben Sie an dem Fest teilgenommen?“

Wernig nickte und nahm einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche, die er dann mit einer heftigen Bewegung auf dem mit einem Mosaik verzierten Beistelltisch absetzte.

„Auch noch eines?“, fragte er und stand auf. Neron verneinte und wartete geduldig, bis Wernig mit einer neuen Flasche zurückkehrte.

Aus den Bäumen auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht erhob sich majestätisch ein Schlangenadler, dessen Flügelspannweite Neron auf knapp zwei Meter schätzte. Fasziniert schaute er zu, wie der Vogel sekundenlang über einer Stelle kreiste, sich dann zielstrebig abwärts fallen ließ, seine Beute schnappte und elegant wieder in die Lüfte aufstieg.

„Wenn es doch so einfach wäre, nicht wahr?“, sagte Wernig. „Einfach einen Verdächtigen umkreisen, im richtigen Moment zuschnappen und ihn wie im Flug aus dem Verkehr ziehen.“

Neron nickte. Der Mann verstand, was in ihm vorging. Oder wich er ihm nur geschickt aus?

„Waren Sie nun auf dem Fest oder nicht?“, hakte er nach.

„Ja“, sagte Wernig, „war ich. Wenn man es denn Fest nennen will. Statt einer Mordsstimmung schien eher Mordlust in der Luft zu liegen.“

„Wie äußerte sich das?“, fragte Neron.

„Na, es gab dauernd Streit und theatralische Auftritte. Jeder, der Augen im Kopf hatte und ein Herz im Leib, konnte spüren, dass die Leute nicht gekommen waren, um zu feiern.

Das habe ich auch diesem Typen gesagt, der behauptete, Leandras Freund zu sein. Schnapp dir Leandra und hau mit ihr ab, habe ich ihm gesagt, spiel nicht weiter mit. Du wirst es sonst später bereuen. Aber der hat mich behandelt, als wäre ich der Irre. Dabei … man musste nur in seine Augen schauen. Betrunken noch dazu.“

„Und was ist dann geschehen?“, fragte Neron erregt.

„Weiß ich nicht. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und bin gegangen.“

„Sie sind gegangen? Einfach so?“

Wernig zuckte mit den Achseln. „Sie kannten Leandra nicht persönlich, oder?“, fragte er.

„Wieso kannten?“

„Okay, sagen wir kennen. Ich jedenfalls kenne sie von klein auf. Ich lebe hier ja schon seit gut drei Jahrzehnten. Daher wusste ich: Sie zieht das durch, egal, was ich ihr sage. Ich hätte auf Knien vor ihr rutschen können. Denn in einem gleicht sie ihrer Großmutter zu tausend Prozent: in ihrem Starrsinn. Deshalb bin ich gegangen. Ich wollte das nicht weiter miterleben müssen.“

Neron lehnte sich ermattet zurück. „Was vermuten Sie, was dann geschehen ist?“

„Woher soll ich das wissen“, murmelte Wernig.

„Paco erzählte, dass es mit den Wunschkarten zusammenhing. Da standen wohl nicht solche Wünsche drauf, wie Leandra es sich gedacht hatte. Sondern Beschimpfungen und unflätige Bemerkungen.“

„Möglich ist das“, seufzte Wernig.

„Ich meine, was hat die Kleine sich denn dabei gedacht? Hat sie wirklich geglaubt, sie kann einfach zurückkehren und Leute, die seit Jahrzehnten miteinander verfeindet sind, durch so eine Aktion versöhnen? Garantiert nicht“, fuhr er fort und redete sich in Rage, „wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, sie hat sich selbst etwas vorgemacht. Ich glaube, sie wollte zurückkehren, auch wenn sie sich das nicht eingestanden hat.

Weil Alvaría nun mal mehr ist als ihr Heimatdorf. Es ist ihr Habitat, ihr natürlicher Lebensraum. Sie ist nicht dazu geboren, sich wie eine Eidechse in der Unterwelt zu verkriechen, sie ist der Adler, die Herrscherin der Lüfte, deren Augen schauen, was niemand sonst zu sehen bekommt.

Das sucht man sich nicht aus. Und das legt man auch nicht so einfach ab. Und wissen Sie was, wenn wir schon mal dabei sind: Ich glaube, auch ihr Freund hat das spätestens an diesem Abend verstanden. Deshalb war er so wütend auf sie. Er wusste, dass sie letztlich gar nicht anders konnte, als irgendwann zurückzukehren, ihn zu verlassen. Deshalb hat er meine Warnung in den Wind geschlagen und …“

Erschöpft ließ auch er sich in seinem Gartenstuhl zurückfallen.

 „Also Sie meinen, Leandra wollte gar nicht wieder nach Valencia?“, fragte Neron.

„Nein, das kann man so nicht sagen. Sehen Sie“, führte er aus, „wenn Sie die Leute hier verstehen wollen, müssen Sie sich davon lösen, an Ursache und Wirkung zu glauben. Oder daran, dass etwas nach menschengemachten Plänen verläuft. Die Dinge hier ereignen sich nicht auf diese Weise.

Leandras Bestimmung war und ist es, eine Espeja zu sein. So wie schon ihre Großmutter es war, eine bemerkenswerte Frau übrigens, auch wenn es schwer ist, sie zu verstehen. Ich weiß nicht, was die beiden entzweit hat. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie Leandra als Kind war, wie sehr sie ihre Großmutter liebte, an deren Lippen sie hing, trotz aller Strenge und Härte, mit der sie das Kind zu formen versuchte.

Und ganz sicher konnte das Leben in Valencia nichts gegen die in ihr angelegte Sehnsucht bewirken, in ihr natürliches Habitat zurückzukehren. Wenn Sie also nach ihr suchen, dann fahnden Sie nicht nach einem Mörder oder Entführer. Fragen Sie sich, was sie dazu bewogen haben mag, nicht wieder nach Valencia zurückzufahren. Fragen Sie, wer oder was sie so schwer enttäuscht hat, dass sie nicht mehr umkehren konnte.“

„Sie meinen so etwas wie Verrat?“

„So etwas. Ja. Ostern eben. Die uralte Geschichte. Der Freund, der dir in den Rücken fällt, dich für einen Silbertaler verrät. Die Geliebte, die dich verhöhnt. Der Mensch, der dir am nächsten steht und sich aus Feigheit mit dem Mob gegen dich verbündet.

Der unbändige Schmerz, schuldig zu sein, fehlbar, korrupt, von Geburt an, den niemand von uns erträgt, der uns dazu bringt, alles, was rein ist, vernichten zu wollen.“

„Das klingt jetzt aber sehr …“

„Moralisch?“

Die beiden Männer lachten.

„Ich hole uns noch eines“, sagte Wernig und ging in die Küche.

Neron widersprach nicht, versuchte das Chaos in seinem Kopf zu ordnen. Sagte Wernig die Wahrheit oder belog er ihn, um ihn auf eine falsche Fährte zu lenken?

Warum sollte Leandra, die sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, eine Espeja zu sein, plötzlich zurückkehren wollen? Und warum versteckte sie sich dann, statt ihrem Wunsch einfach nachzugeben? Die Leute würden sie doch wohl mit Kusshand empfangen, sollte sie ihre Meinung zwischenzeitlich geändert haben.

Wernig stellte eine Flasche Bier vor ihm ab, aber Neron wusste, es war Zeit, sich zu verabschieden. Er musste raus aus dem Gedankensumpf, musste allein sein. Und es war endlich an der Zeit, diesen Isandro zu finden und zu befragen, bevor man ihm den Fall entziehen und ganz zu den Akten legen würde.

War er der Verräter? Hatte er etwas getan, weshalb Leandra nicht nach Valencia zurückkehren wollte? Hatte er, wie Wernig es nannte, sich mit dem Mob gegen sie verbündet?

Innerlich aufgewühlt verabschiedete er sich von Wernig, versprach, ihn auf dem Laufenden zu halten, sollte sich etwas Neues ergeben und fuhr dann in wirre Gedanken versunken die Bergstraße hinunter. Wieso versteckte sich ein deutscher Ingenieur hier oben in den Bergen? Wie kam es, dass ein wissenschaftlich gebildeter Mensch an vorsintflutliche Mythen glaubte? Welche Beziehung verband ihn mit Leandras Großmutter?

Vor Margrits Haus parkten ihr Cabriolet und ein schwarzer Audi, sie schien also Besuch zu haben. Zu seinem Erstaunen versetzte ihm der Gedanke, es könne sich um den Besuch eines Mannes handeln, einen Stich. Was geht dich das an, schalt er sich, gab Vollgas und überholte waghalsig einen Trecker, der langsam vor sich hintuckernd die rechte Spur blockierte.