Steil ansteigend schlängelte sich die Landstraße den Berg hinauf zu den einzeln gelegenen Häusern der Alemannes. Wer sich hierher verirrt hatte, kannte entweder den wahren Reiz der abwechslungsreichen Landschaft Kastiliens nicht oder suchte bewusst die Einsamkeit und Abgeschiedenheit einer von Mensch und Natur verlassenen Region. Kein Wunder, dass sich die merkwürdigen Bewohner von Alvaría einst in dieser Einöde verschanzt hatten, dachte Neron, auch wenn es ein hartes Stück Arbeit gewesen sein musste, einen Teil des Hochplateaus fruchtbar zu machen, damit sich wenigsten Schafe weiden und ein wenig Landwirtschaft betreiben ließ.

Erst etwa 700 Meter hinter der Abfahrt nach Alvaría wandelte sich das Panorama und Neron wurde die ersten Villen und künstlich angelegten Fincas gewahr, die ehrgeizige Immobilienunternehmen dem Berg vor vielen Jahren abgetrotzt hatten. Wurzelwerk und Gestrüpp waren dem Boden mühsam entrissen und durch blühende Hanggärten ersetzt worden, die zu bewässern ein Vermögen kosten und eine ausgeklügelte Infrastruktur erfordern mussten.

Kostbares Wasser, das den alten Fincas der bedeutend ärmeren Bauern fehlte, dachte Neron missmutig, der wie so viele Spanier zwar anerkannte, dass die Touristen viel Geld ins Land brachten, gleichzeitig aber dazu beitrugen, dass das Wohnen in den großen Städten immer teurer wurde und die ländlichen Regionen mehr und mehr ihren ursprünglichen Charakter verloren.

Auch Margrit Reimann hatte sich in dieser kargen Region niedergelassen und sofern Nerons Informationen stimmten, lebte die reiche und als exzentrisch geltende Dame ganz allein in einer riesigen Villa mit Swimmingpool. Das teure Cabrio und die große Voliere vor dem Haus bestätigten, dass die Villa Reimann von jemandem bewohnt wurde, der es nicht nötig hatte, mit seinem Einkommen zu haushalten.

Kein Grund, ihr mit Vorbehalten zu begegnen, nahm Neron sich vor. Reimann stand ganz oben auf Padre Tohias Liste und er hoffte, von ihr endlich etwas über den Verlauf des Festes und vor allem über Leandras Verschwinden zu erfahren.

Die Sonne stand direkt über dem Haus, als er seinen alten klapperigen Wagen neben dem Cabrio parkte. Laut krächzend und wild hin und her flatternd kündigten zwei Papageien seine Ankunft an, sodass ihm die hübsche Mittfünfzigern entgegenkam, noch bevor er sich dem Haus einen Schritt genähert hatte.

Die atemberaubende Aussicht von der nach Norden ausgerichteten Terrasse, auf die sie ihn dann führte, der frisch gepresste und gut gekühlte Saft, den sie ihm servierte, und ihre angenehme Ausstrahlung hellten seine Stimmung rasch auf. Sie sprach Spanisch mit starkem Akzent, aber fließend, fast fehlerfrei und auf einem Niveau, das den meisten Ausländern, die sich außerhalb der Metropolen in ihren Minikolonien niedergelassen hatten, versagt blieb.

Und sie verströmte jenen gelassenen Charme, der reifere Frauen auszeichnet, die sich nicht allein auf ihre Schönheit, sondern vor allem auf ihren Charakter, ihre Klugheit und ihren Stil verließen. Es tat gut mit einem so kultivierten Menschen zu sprechen und es würde ihm sicher helfen, sein Nervenkostüm zu glätten, das ihn bereits dazu verleitet hatte, in einer aufgewirbelten Staubwolke einen fallenden Körper zu vermuten.

Neron wollte soeben mit einem leichten Geplänkel beginnen, die schöne Aussicht loben und nach den Papageien fragen, als Margrit ihm ruhig, aber bestimmt zuvorkam.

„Sie sind wegen Leandra hier“, kam sie direkt zur Sache, „haben Sie schon eine Spur?“

„Eine Spur?“, fragte Neron ebenso direkt zurück, angenehm überrascht, dass er sich den üblichen Smalltalk vorweg sparen konnte, „eine Spur wohin denn? Haben Sie einen Verdacht?“

Energisch schlug sein Gegenüber mit einem Fächer nach einer Fliege, die den hellen Korbtisch zu erobern versuchte.

„Ich bitte Sie“, sagte sie dann, „spielen Sie keine Spielchen mit mir. Jeder im Dorf und in der Region weiß, warum Sie hier sind und dass Leandra verschwunden ist. Und selbst wenn man es mir nicht erzählt hätte – Leandra wäre nie einfach so nach Valencia zurückgefahren, ohne sich von mir zu verabschieden. Sie ist wie eine Tochter für mich.“

„Das heißt, Sie hatten auch Kontakt zu ihr, bevor sie nach Alvaría zurückkam?“, fragte Neron.

„Nein, das war leider nicht möglich“, antwortete Margrit Reimann und errötete, denn ihr war klar, dass der Kommissar alles, was sie sagte, was sie ihm erzählen musste, nur missverstehen konnte. Wie sollte sie ihm die ganze verfahrene Geschichte erklären? Er würde sie für verrückt halten, wenn sie von dem alten Mythos berichtete, von magischen Begebenheiten und Exorzismen, von einem Padre, der durch die Gedankenkraft einer 18-Jährigen starb, von der Notwendigkeit, alle Erinnerung an das Vergangene zu verschließen.

Neron wartete höflich auf eine ausführlichere Antwort, doch da Margrit schwieg, bohrte er weiter nach.

„Aber Sie haben gewiss an dem Fest teilgenommen, das Leandra organisierte? Bisher weiß ich nur, dass sie dort zum letzten Mal gesehen wurde. Niemand kann mir sagen, wie es endete und wohin sie dann verschwand.“

Seine Gesprächspartnerin fächelte sich intensiv Luft zu und Neron wünschte, es wäre auch Männern erlaubt, einen Fächer zu benutzen. Doch nicht einmal seinen Blazer mochte er ausziehen, denn er spürte, dass sich bereits Flecken unter den nassgeschwitzten Achseln gebildet hatten. Der April war schon jetzt deutlich zu heiß und es stand zu befürchten, dass auch dieser Sommer wieder eine grässliche Dürreperiode nach sich ziehen würde.

„Nein“, entgegnete Margrit Reimann, „da kann ich Ihnen leider auch nicht weiterhelfen. Ich habe Leandra das letzte Mal vor dem Fest gesehen, als diese Irren aus dem Dorf sie bedrohten. Wir sind dann zu mir gefahren und ich habe ihr bei einigen Vorbereitungen geholfen. An dem Fest selbst habe ich aber nicht teilgenommen, aus … aus Gründen.“

„Was soll das heißen, sie wurde bedroht“, fragte Neron nach, „von wem und wie?“

„Naja, bedroht“, relativierte Margrit ihre Aussage, „also sie kamen auf uns zu. Die Dorfbewohner. Erst war es nur der alte Pepe, dann wurden es mehr und mehr, sodass wir abgehauen sind. Aber wenn sie die Gestalten bereits kennen, wissen Sie warum.“

Neron dachte an Leandras Großmutter und die anderen Dorfbewohner, denen er bereits begegnet war, und nickte zustimmend.

„Sie wirken seltsam steif und resigniert“, sagte er, „fast als würden sie auf etwas warten, was ihre Lebensgeister weckt. Man denkt unwillkürlich an alte Zombiefilme. Ich hoffe nur, dass sie sich nicht von Blut ernähren,“ fügte er dann lachend hinzu und nippte etwas vorsichtiger an dem roten Saft, den sie ihm hingestellt hatte.

„Nein, nicht von Blut“, entgegnete Margrit ernster, als ihm lieb sein konnte.

„Sie warten auf die Rückkehr der Espeja, damit sie sterben können“, sagte sie dann so unvermittelt, dass Neron sich fragte, ob ihn seine Menschenkenntnis getäuscht hatte. Es klang nicht nach einer logischen Erklärung.

„Aber die Espeja war doch Leandra, wenn ich mich nicht täusche“, sagte er. „Und sie war zurückgekehrt. Müssten sie Ihrer Theorie zufolge dann nicht alle zufrieden ins Grab gesunken sein?“

Margrit verzog die Mundwinkel zu einem müden Grinsen.

„Ja, spotten Sie nur“, sagte sie. „Ich wollte das alles auch nicht verstehen.“

„Dann erzählen Sie mir bitte so davon, dass ich es verstehen kann“, sagte Neron, der verzweifelt registrierte, dass er den Fall nicht aufklären würde, ohne sich die ganze verquere Geschichte dieses elendigen Ortes und seiner Bewohner angehört zu haben. Und dabei wusste er doch, dass es in solchen Fällen auf jede Stunde, jede Minute ankam. Fand er sie nur einen Moment zu spät, konnte sie soeben den letzten Atemzug ausgehaucht haben. Wie oft er sich schon schaudernd dieser Verantwortung bewusst geworden war.

„Ach was“, sagte Margrit und holte eine Flasche tiefroten Kräuterlikörs aus dem Kühlschrank. „Für Sie auch?“ Neron schüttelte den Kopf.

„Ich will Sie nicht langweilen“, fuhr sie dann fort, nachdem sie das Glas bis oben hin mit Eiswürfeln gefüllt hatte, die nun klirrend aneinanderstießen, „aber Sie müssen wissen, dass im Dorf niemand mehr gestorben ist, seit Leandra nach Valencia ging. Nicht eine müde Maus. Und das, obwohl sie alle sehnsüchtig darauf zu warten scheinen, bis zum Rand ihres Herzens lebensüberdrüssig sind.

Niemand ist gestorben und niemand wird jemals sterben, solange nicht die alte Espeja zurückgekehrt oder eine neue Espeja geboren ist. Aber woher sollte die kommen? Die Jungen ziehen ja alle fort und von außen lässt man niemanden herein. Davon abgesehen, muss es von selbst geschehen, man kann nicht einfach einen Spiegel neben dem Bett einer Wöchnerin aufstellen und sie zwingen, ihr Kind  hineinschauen zu lassen.

Und so sitzen sie und warten und warten und sitzen – und eben das ist das Gespenstische, verstehen Sie? Denn natürlich ist es nur ein Mythos, ein Aberglaube. Aber einer, der sich über die Jahrhunderte so tief in ihren Köpfen und Herzen verankert hat, dass er wahr wurde, bis in Fleisch und Gebein. Alles, was in Alvaría geschieht, geschieht, weil sie daran glauben. Man begreift es nicht mit einem aufs Rationale getrimmten Verstand. Nichts ist wahr daran und doch bewahrheitet es sich jeden Tag aufs Neue.  

Wie damals, als Leandra geboren wurde. Die alte de Luna hat ihre Mutter von Anfang an gehasst, wollte keine aus der Stadt bei sich aufnehmen. Aber Alfonso bat und bettelte, bis sie nachgab. Wäre er doch besser mit ihr fortgegangen! Es kam, was kommen musste, eine neue Espeja wurde geboren. Von einer valencianischen Mutter – was für ein Frevel! Und noch dazu von einer Frau, die sich als schwach erwies, die nicht die erforderliche Härte aufbrachte, um ihre Tochter zu unterweisen. Wie sie sie dafür verschmähten, wie sie sie schließlich aus dem Dorf jagten …“

Neron hatte Schwierigkeiten, ihr zu folgen, doch an diesem Punkt ließ ihn sein stets wacher Verstand sofort aufhorchen. „Sie jagten sie aus dem Dorf? Ich dachte, sie wäre noch im Wöchnerinnenbett gestorben?“

„Und haben Sie etwa eine Sterbeurkunde gesehen?“, fragte Margrit. „Natürlich nicht. Nein, sie jagten sie fort, wie sie es mit allen tun, die sich dem Dorf nähern, ohne sich den Ritualen zu unterwerfen.“

„Und ihr Vater, Alfonso?“, fragte Neron, der sich, Schweißflecken hin oder her, die Jacke vom Leib zerrte.

„Hätten Sie doch gleich etwas gesagt“, kommentierte Margrit sein Bemühen und betätigte einen Schalter, um den Ventilator anzuwerfen, der sachte surrend für eine leichte Abkühlung sorgte.  

„Ja, Alfonso. Was sollte er schon groß tun? Er war ja selbst der Sohn einer Espeja und hatte gelernt, zu gehorchen. Also schwieg er und soff sich den Verstand weg, versuchte nur, so gut es eben ging, die kleine Leandra zu beschützen. Aber lange ging das natürlich nicht gut, dann musste auch er das Weite suchen.“

Neron legte die Hand an die Stirn und stieß einen tiefen Seufzer aus, was Margrit als Aufforderung verstand, ihm nun doch einen Likör einzuschenken.

„Trinken Sie“, forderte sie ihn auf, „anders erträgt man das alles hier nicht.“

„Okay“, sagte er, nachdem er sich die Stirn an dem Glas gekühlt hatte, „also noch mal zum Mitschreiben: Auch Leandras Großmutter, Valeria de Luna, war eine Espeja. Und Leandras Mutter“, er vermied es, den Namen Maria auszusprechen, „wurde aus dem Dorf vertrieben. Ihr Vater blieb, fing an zu trinken und verschwand dann ebenfalls. Niemand ist hier je gestorben und niemand wird sterben, sofern Leandra nicht zurückkehrt.“

Er sah sie so verzweifelt an, dass Margrit kichern musste.

„So ist es“, bestätigte sie dann müde.

„Und wusste Leandra, dass ihre Eltern noch leben?“, fragte er.

„Nein.“

„Aber woher wissen Sie das alles und warum haben Sie es ihr nicht erzählt?“, hakte er unerbittlich nach.

Erneut errötete sie.

„Wir waren Freundinnen“, sagte sie dann, „Maria und ich. Sie war eine wundervolle, lebensfrohe Frau, sanft, weich, gütig. Aber sie machten ihr das Leben zur Hölle und deuteten an, Leandra könnte etwas zustoßen, wenn sie das Dorf nicht verließe. Sie ist dann nach Valencia gegangen und hielt sich dort versteckt. Ich glaube, sie hat später auch noch mal geheiratet. Ich habe aber nicht nach ihr gesucht, denn ich hatte mich … ich hatte mit Alfonso …“

„Sie hatten ein Verhältnis mit Leandras Vater?“

„Naja, Verhältnis. Wir waren beide einsam und haben uns ein paar Mal getroffen. Irgendwann ist es dann geschehen, oder wir haben es zugelassen, wie man es nimmt. Aber wer kann schon ohne Trost leben? Jedenfalls habe ich mich geschämt und keinen weiteren Kontakt zu Maria gesucht. Und ich habe Leandra nichts davon erzählt, weil ich fürchtete, dass es ihr das Herz zerreißen würde, zu wissen, dass ihre Eltern noch lebten, sie allein zurückgelassen hatten.

Es ist schlimm, wenn jemand stirbt. Eine nicht endende Qual aber ist es, wenn wir nicht wissen, was mit jemandem, den wir lieben, geschehen ist. Denken Sie an die Eltern, deren Kinder vermisst gemeldet und nie wieder aufgefunden wurden. Ich wollte es Leandra ersparen, ein Leben in ständiger irreführender und schmerzender Hoffnung zu führen.“

Neron verstand, wovon sie sprach, hatte er doch selbst schon oft mit Menschen zu tun gehabt, die sich nicht damit abfinden konnten, dass ihre Angehörigen verschwunden waren und nie zurückkehren würden. Der Tod war eine unumstößliche Wahrheit. Aber nur dort, wo es keine solche Wahrheit gab, wurde das Leben unerträglich.

Margrit hatte intuitiv richtig gehandelt. Und doch, etwas an ihrer Erzählung beunruhigte ihn stärker als er zugeben mochte. Reiß dich zusammen, rief er sich selbst zur Ordnung. Es gibt über sechs Millionen Spanierinnen, die Maria heißen. Jede vierte, rechnete er flink im Kopf aus. Und nichts deutete darauf hin, dass es sich um sie handelte, um seine Maria, es wäre absurd, auch nur im Entferntesten an eine Verbindung zu glauben. Ob ihm Margrit etwas in den Saft gemischt hatte? Oder hätte er den Likör nicht annehmen dürfen? Es war einfach zu heiß, um zu trinken.

Oder lag es daran, dass seine Maria ihm niemals etwas über ihre Vorgeschichte erzählt hatte? Dass sie vor ihm gestanden hatte mit diesem sanften Lächeln, aber stets den Finger auf den Mund gelegt hatte, wenn er sie nach ihrer Vergangenheit fragte? Er wusste nicht, woher sie gekommen war, wo und wie sie gelebt hatte, bevor sie einander das Ja-Wort gaben, hatte hoch und heilig versprechen müssen, sie niemals danach zu fragen. Noch auf dem Sterbebett hatte sie gefordert, dass er keine Nachforschungen anstellen würde.

Jetzt aber musste er sich Klarheit verschaffen, auch wenn es höchst unwahrscheinlich schien, dass sie, das geschichtslose Wesen, die Frau ohne Vergangenheit, Leandras Mutter gewesen sein sollte.

„Haben Sie ein Bild von Maria de Luna?“, fragte er Margrit. „Oder kennen Sie ihren Mädchennamen?“

„Leider nicht“, sagte sie und blickte ihn aus ihren klugen Augen neugierig an. Hatte sie ihn auf eine Fährte gebracht?

„Gut“, sagte Neron und beschloss, die Sache erste einmal auf sich beruhen zu lassen.

„Señora Reimann, Sie sind die Person, die Leandra am nächsten stand. Was vermuten Sie, was geschehen ist? Was soll ich Ihrer Meinung nach tun, wo nach ihr suchen?“

„Wenn ich es selbst nur wüsste“, stammelte Margrit mit Tränen in den Augen. „Aber“, fuhr sie dann lebhafter fort, „ich glaube nicht, dass sie tot oder in Lebensgefahr ist. Ich meine, es ist mehr als wahrscheinlich, dass das Pack ihr zugesetzt hat, dass sie sie verängstigt und ihr gedroht haben. Möglich auch, dass sie sie irgendwo festhalten. Aber sie würden sie niemals selbst töten. Man tötet keine Espeja, ohne Schuld auf sich zu laden.“

Neron unterbrach sie. „Ich muss Sie das jetzt einmal fragen, verzeihen Sie“, sagte er verlegen, „aber glauben Sie jetzt eigentlich an diese Geschichten oder nicht?“

Margrit lachte. „Glauben. Es ist völlig egal, woran wir glauben“, sagte sie.

„Wissen Sie, Kommissar Neron, mein verstorbener Mann war ein angesehener Banker, einer, der wirklich was von diesem Geschäft verstand. Als ich ihn kennenlernte, studierte ich Ökonomie und war fest davon überzeugt, dass sich die Welt nur durch wissenschaftliche Verfahren verstehen und ordnen lässt. Wie die meisten Studenten war ich voller Geringschätzung gegenüber jenen, die kein Logikseminar besucht hatten, keine Statistik zu lesen verstanden und ein Argument nicht von einer Meinung unterscheiden konnten.

Und ich ging davon aus, dass auch all die anderen Gebildeten da draußen ein klares logisches Faktenwissen schätzen. Bis ich Jan heiratete und damit in die sogenannte höhere Gesellschaft aufgenommen wurde. Wir führten ein offenes Haus, die Leute kamen und gingen –  Finanzmanager, Politiker, Wissenschaftler, Prominente. Es war eine wunderbare Zeit. Aber eben auch eine Zeit, in der ich begriff, dass die Welt voller Lügner und Heuchler ist.

Da war dieser Schweizer Geschäftsführer einer börsennotierten Bankenkette, der sich vor jeder wichtigen Transaktion ein persönliches Horoskop erstellen ließ. Oder der Herr Professor, bekennender Skeptiker und Transhumanist, der Rat bei buddhistischen Mönchen suchte, wenn er ein physikalisches Problem nicht lösen konnte. Die Ministerin, die regelmäßig ein Medium aufsuchte, um die Verstorbenen nach ihrer Meinung zu befragen. Die Künstlerin, die bei jeder Gelegenheit mit Konfuzius-Zitaten um sich warf, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen waren.

All diese aufgeklärten Menschen, die sich öffentlich verächtlich über den Aberglauben der kleinen Leute äußern … und es gibt so viele davon wie Sterne am Himmelszelt … fast alle hatten sie einen Spleen oder einen Hang zu Geheimwissenschaften. Da hätte eine Espeja wirklich viel zu tun, um eine solche Gesellschaft zu spiegeln.

Aber wissen Sie was? Sie lagen oft sogar richtig mit ihren Entscheidungen, die sie sich von ihren Medien und Wahrsagerinnen, von Engeln, Mönchen, Astrologen und Channeling-Experten holten! Also bitte,“ schloss sie ihre impulsiv vorgetragene Rede, „lassen Sie sich nicht dazu verleiten, Menschen nach ihrem Glauben oder ihrem Bildungsgrad zu beurteilen. Was zählt, ist der Charakter, die Erfahrung, das Ansinnen, integer zu handeln. Was wahr und richtig ist, äußert sich nicht in einer Theorie oder im Experiment, sondern in dem, was uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Woran wir glauben, weil wir es zu sehen gelernt haben. Und um all das ist es in Alvaría so gut oder so schlecht bestellt wie im Rest der großen weiten Welt.“

Neron lehnte sich zurück und genoss den letzten Schluck Likör, dessen kräftigen Farbton die Eiswürfel zu einem zarten Rosa schmolzen. Er fühlte sich wohl in Margrits Gegenwart, auch wenn es nicht leicht war, ihren holpernden Gedankenketten zu folgen. Wie schön es wäre, einfach bei ihr zu bleiben. Die Aussicht zu genießen, im Pool zu baden, gemeinsam zu speisen. Freude zu empfinden. Wann hatte er das letzte Mal gespürt, dass er noch zu den Lebendigen gehörte? Dass er ein Mann war? Und doch, er wusste, dass er sich jetzt nicht gehenlassen durfte, seine Pflicht erfüllen musste.

„Vielen Dank, Señora Reimann“, verabschiedete er sich und reichte ihr der deutschen Sitte folgend die Hand, „ich hoffe sehr, dass wir Leandra bald finden werden und dass sich Ihre Ahnung bewahrheitet, dass sie … dass sie noch am Leben ist. Und vielleicht darf ich …“, er stockte, die Hitze machte ihm erneut zu schaffen und er zog sich rasch den Blazer über.

„Aber natürlich, wann immer Sie wollen“, erwiderte sie souverän.

Neron stieg in den überhitzten Wagen und kurbelte die Seitenfenster herunter, damit der Fahrtwind ihn angenehm kühlen würde.

„Leandra“, krächzten Lucio und Lucinde ihm fröhlich hinterher, doch war er längst außer Hörweite und in Gedanken damit beschäftigt, alles, was Señora Reimann ihm erzählt hatte, neu zu sortieren. Vielleicht konnte ihm Leandras Großmutter ein Bild der sagenhaften Maria de Luna zeigen?