Der Auftrag

„Leandra!“

Jetzt nur nicht umdrehen. Ihre Stimme klingt gehetzt, verbirgt eine Nuance. Ich höre sofort, dass sie etwas von mir will, was mir nicht gefallen wird. Aber soll ich etwa vor meiner Chefin davonrennen, als wäre ich eine Diebin? Durchatmen, so tun, als wüsste ich von nichts. Noch nicht.

„Was gibt es Marta? Ich bin eigentlich schon weg, hab seit einer halben Stunde Feierabend.“

„Weiß ich doch“, beschwichtigt sie mich und pustet sich eine Locke aus der Stirn, „schreib dir einfach morgen eine Stunde mehr auf, ja? Ich will dich nur kurz was fragen. Kommst du eben mit in mein Büro?“

Ach, Marta. Natürlich gehe ich mit. Wer könnte dir eine Bitte ausschlagen? Marta öffnet mit einem kräftigen Druck die klemmende Tür zu ihrem Büro und lässt mir dann den Vortritt.

„Irgendwann suchen wir uns was Besseres“, meint sie, „man wird ja bescheuert in dieser Bruchbude, in der nichts funktioniert. Aber im Moment ist die Auftragslage eben, wie sie ist“, fügt sie bedrückt hinzu und lässt sich in ihren Schreibtischstuhl fallen, dass die alten Holzdielen knarzen.

Angespannt bleibe ich im Türrahmen des hellen Altbauzimmers stehen, von dessen hohen Decken Tag für Tag der Stuck in kleinen Staubkörnern zu Boden rieselt. Wir hatten es erst bemerkt, als wir uns die Reinigungsfrau nicht mehr leisten konnten. Und nun? Werde ich die Nächste sein? Wird sie mir kündigen, weil ich die Jüngste und als Letzte ins Team gekommen bin? Wird bald nur noch der Kaffeefleck an der Wand an mich und mein ungeschicktes Benehmen erinnern?

„Setz dich doch bitte. Tee oder Saft?“ Sie schaltet den alten Ventilator ein, der sich stotternd in Bewegung setzt, aber schon nach wenigen Umdrehungen seufzend wieder aufgibt.

„Nein danke. Was gibt es denn?“

Ich beiße mir auf die Lippen, immer diese Ungeduld. Sobald ich ahne, dass etwas nicht in Ordnung ist, muss ich der Sache nachgehen, direkt, ohne Umwege. Einfach fragen und eine ebenso einfache und klare Antwort erhalten.

Aber so sind die Menschen nicht. Nie sagen sie ehrlich, was Sache ist. Was sie denken, fühlen, was sie wirklich von mir wollen. Dabei ist es hier in Valencia schon deutlich besser als … als dort, wo ich zuvor lebte. Die Valencianer sind freundlich, sanft, behutsam. Sie lachen über sich selbst und nehmen andere ernst. Wie verwirrend mir das anfangs erschien.

„Es ist, also ich habe hier eine Anfrage hereinbekommen, einen Auftrag, der, hm, ein wenig schwierig scheint. Schwierig, aber auch sehr rentabel“ antwortet Marta, während sie die Mahnschreiben auf ihrem Schreibtisch unter einem hübschen mallorquinischen Fächer verbirgt. „Und ich dachte mir, dass du bestimmt die Richtige dafür bist. Du stammst doch aus Alvaría, oder?“

Ich zucke zusammen. Schon der Name des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin, lässt tausend Bilder in mir aufflammen, tausend Wunden brennen, aber auch tausend verlorene Hoffnungen aufblühen.

Alvaría heißt der Ort, den es für mich nicht mehr geben darf, weil ich seine Feindseligkeit nur würgend überlebte. Alvaría heißt das Flugloch vor meinen Erinnerungen, das ich sorgfältig verschloss, aus Angst, jemand könnte mir dorthin folgen und mich durch einen aufgeregten Bienenschwarm jagen.

Aber Alvaría ist auch ein Name, schön und weich, wie die Haut meiner Mutter es gewesen sein musste, bevor sie starb und mich allein mit einem Vermächtnis zurückließ, für oder gegen das man sich nicht frei entscheiden kann.

„Leandra? Ist alles okay?“, ruft mich Marta aus meinen Gedanken zurück.

„Ja, schon gut. Könnte ich vielleicht doch ein Glas Wasser haben? Und könnten wir kurz das Fenster öffnen?“

„Na klar“. Marta steht auf, reicht mir ein Glas Mineralwasser, zieht die einst in Türkis strahlenden Jalousien hoch und bleibt dann am geöffneten Fenster stehen. Mit dem hereinströmenden Licht öffnet sich auch Bilderwelt und ich sehe, wie ich Marta hinausstoße, höre ihren Schrei, das klatschende Aufschlagen ihres Leibes. Nicht hinschauen, nicht daran glauben! Ich kann nichts verhindern, ich darf nichts verhindern. Nicht so.

Ich senke den Blick und konzentriere mich auf die Worte, um die Bilder zu vertreiben. Alvaría, so erklärt sie mir, ist mittlerweile als Standort für den neuen grünen Tourismus entdeckt worden. Der Bürgermeister habe Pläne, von denen die gesamte Region profitieren werde. Das Problem seien nur die Einwohner, die sich weigerten, dem zuzustimmen. Da sie aber zugleich den Gemeinderat stellten, könne er ohne ihre Einwilligung nichts unternehmen. Nicht einmal ein Restaurant oder einen Supermarkt gebe es im Ort und die letzte Kneipe habe schon vor mehreren Jahren ihre Türen geschlossen.

„Du kennst ja die alten Sturköpfe“, ereifert sich Marta, „bloß nichts verändern, bloß nichts Neues wagen. Alles soll so bleiben, wie es ist. Dabei ist schon heute kaum noch was von dem alten Dorf und der Population übrig. Die Jungen ziehen wie du nach Valencia oder gehen nach Madrid, um Karriere zu machen. Die wenigen, die geblieben sind, ziehen weiter ihre Schafe in den Bergen groß oder kämpfen mit der Dürre, um ihr ein paar Bohnen und Wein abzutrotzen. Und die leeren Häuser werden nach und nach von den Alemannes aufgekauft, nur bringt es der Gemeinde leider auch nichts, weil sie dort komplett unter sich leben und keine Gelegenheit haben, ihr Geld im Ort auszugeben.“

Meine Kehle fühlt sich staubtrocken an, hastig greife ich zum Wasserglas, doch die zitternden Hände verschütten den Inhalt auf meinen Seidenschal. Marta tupft mit einem Taschentuch vorsichtig die Flüssigkeit auf – wie lieb sie ist, wie fürsorglich. Ich kann ihr nicht dankbar genug dafür sein, dass sie mich kleines unsicheres Schaf unter ihre Fittiche genommen und mir in ihrer Agentur eine Chance gegeben hat. Ohne sie wäre ich ewig in mir selbst gefangen geblieben.

„Dann hat sich tatsächlich nichts verändert“, sage ich. „So war es schon damals, als ich wegging.“

Marta lacht mich aus.  

„Damals“, erwidert sie, „das hört sich ja an, als wärest du schon wer weiß wie alt mit deinen 23 Jahren.“

„Naja, gut, aber es ist immerhin schon fünf Jahre her, dass ich das Dorf verlassen habe.“ Und ich möchte nie, nie, nie wieder dorthin zurück, füge ich innerlich an.

„Wie war es denn damals?“, fragt Marta sorgenvoll, da ihr schwant, dass mir der Gedanke widerstrebt, mich auf den Weg nach Alvaría zu machen.

„Wie du es beschrieben hast. Die Alten, die ihre Traditionen pflegen. Die beten, obwohl sie nicht glauben, auf Ritualen beharren, die sie nicht verstehen. Für die alles, was Spaß macht, Sünde ist. Die Jungen, die entweder innerlich zugrunde gehen oder so bald wie möglich weglaufen. Und die“, ich zögerte, „nun die Alemannes.

Niemand will etwas mit ihnen zu tun haben und sie halten sich fern von den Dorfbewohnern. Sie glauben, sie wären ausgewandert. Dabei leben sie nur verkümmerte Träume an einem Ort, der ihnen fremd erscheint. Sie haben ihr Land niemals wirklich verlassen, sind niemals angekommen. Sie kapseln sich ab, sprechen nur das Nötigste mit den Bewohnern, fahren zum Einkaufen in die Stadt, kommen halb um vor sentimentalen Erinnerungen und erzählen ihren Verwandten am Telefon mit trauriger Stimme, was für ein wunderbares Leben sie jetzt führen. Beide Gruppen sind einander spinnefeind und pflegen ihre Vorurteile.“

„Klingt nicht berauschend“, erwidert Marta grinsend. „Aber genau dieses Problem müssen wir lösen. Der Bürgermeister sucht nach Ideen, wie er das Dorf einen und erneuern kann. Sodass die Alten sich nicht mehr gegen Touristen und weitere Fremde verschließen und die Alemannes sich besser integrieren. Deshalb ist es so wichtig, dass jemand den Job übernimmt, der mit der Mentalität der Leute dort vertraut ist. Und he, es wäre ja nicht für immer.“

„Auf keinen Fall“, entfährt es mir, „nein Marta, tut mir leid. Ich kann nicht dorthin zurück. Und es wäre auch sinnlos, die Leute … sie …“

„Die Leute?“, fragt Marta in mein Verstummen hinein.

Sie hassen mich, füge ich in Gedanken hinzu. Doch es klingt falsch. Nein, das ist es nicht, sie hassen mich nicht. Sie fürchten mich. Absurd. Niemals würde ich es Marta erklären können, ohne mich dem Verdacht auszusetzen, nicht ganz bei Trost zu sein.

Aber ich will nicht wieder die Verrückte sein, nicht die andere, nicht die, vor der man zurückweicht. Ich will Leandra sein, nicht la Espeja. Ich will in Valencia sein, nirgendwo sonst auf der Welt. Nur hier ist alles leicht und hell und unbeschwert. Vielleicht, weil Mutter von hier kam. Vielleicht, weil Isandro hier geboren ist, der mich so sehr liebt, wie ich es mir niemals hatte vorstellen können, geliebt zu werden. Ganz sicher, weil man hier versteht, was meine Besonderheit ist, aber keinen Fluch darin sieht, sondern eine Gabe.

Ich müsste komplett irrsinnig sein, all das gegen die Rückkehr an einen Ort einzutauschen, der noch stets die Macht hat, mich zu vernichten.

„Ich kann wirklich nicht weg, Marta, Isandro hat Geburtstag, wir planen eine Party und an Ostern wollen wir verreisen, es ist alles schon besprochen, du hast doch selbst meinen Urlaubsantrag unterschrieben und …“

Ich stocke, sehe die Tränen, die sie zurückhält.

„Gut“, sagt sie, „dann muss ich das akzeptieren.“

„Ist es so schlimm?“

„Schlimmer. Noch ein, zwei Monate können wir überbrücken, dann weiß ich auch nicht weiter.“

Jetzt nur nicht nachgeben.

„Für wie lange wäre es denn?“, höre ich mich fragen. „Und was genau soll ich tun?“

Eine einzige unbedachte Äußerung, schon hellt sich Martas Gesicht blitzartig auf. Sie ist eben doch eine Gewinnerin, trotz all der Niederlagen, die wir in den vergangenen Monaten hinnehmen mussten.

„Es ist so“, hastet sie voran, „der Bürgermeister plant ein Fest an Ostern, ein Fest für die Einwohner und für die Alemannes. Eines, bei dem alle zusammenkommen, um sich zu verbrüdern. Wir müssen dem Ganzen nur einen besonderen Charakter geben, damit auch wirklich alle teilnehmen. Du weißt ja, Ostern, das bedeutet dort oben normalerweise, eine finstere Prozession durch die Berge zu veranstalten, ein Lamm zu schlachten und in die Kirche zu gehen. Während die Alemannes schon vormittags Bier trinken und bunt bemalte Eier verschlingen.“

Marta schaut mich an und ich erkenne im Glanz ihrer Augen eine Idee, für die sie selbst noch keinen Namen hat. „Ein Fest der 1000 Wünsche“, flüstert Bilderwelt.

„Wow, das klingt ja schon mal super“, freut sich Marta. „Ich wusste, du packst das!“ Sie schließt das Fenster, ohne zu ahnen, dass auch sie bereits Teil von Bilderwelt ist. Ich werde sehr achtsam sein müssen. „Wann könntest du denn fahren?“, fragt sie und sieht mich hoffnungsvoll an.

„Bald“, entgegne ich, denn plötzlich ist mir klar, wie sinnlos es ist, sich zu widersetzen. Ich muss die Erinnerung bezwingen, statt sie weiter zu verdrängen. Das bin ich Marta ebenso schuldig wie Isandro. Vor allem aber mir selbst.

„Schon Montag, wenn du willst. Ich muss nur noch mit Isandro sprechen“, jetzt kämpfe ich mit den Tränen. „Aber je schneller ich es hinter mich bringe, desto besser“, sage ich und klopfe auf den Tisch, wie wir es immer tun, wenn eine Sache beschlossen ist. Was auch immer „die Sache“ sein wird.

 

„Tausend Dank, Leandra!“, sagt Marta und umarmt mich. „Ich sende Dir nachher noch alle Unterlagen zu, die ich bereits erhalten habe. Außerdem werde ich den Bürgermeister kontaktieren, damit sie dir eine Unterkunft stellen und dich vom Bahnhof abholen. Aus irgendeinem Grund wohnt er selbst nicht in Alvaría, aber er wird schon wissen, wo und wie er dich gut unterbringt. Kannst du dich um das Bahnticket kümmern und die Kosten vorschießen?“, fragt sie schließlich errötend.

„Kein Problem“, sage ich, „es ist ja nur eine kurze Fahrt.“ Auch wenn es mir damals, als ich die Strecke mit vereistem Herzen in Richtung Valencia fuhr, so vorkam, als wäre ich auf dem Weg in ein noch unentdecktes Universum. Eines, in dem die Menschen lebendig wirken, statt verfluchten Untoten gleich durchs Dorf zu schleichen.