Der Brunnen öffnet sich

 

Die Snacks aus dem Discounter waren ungenießbar und der billige Fusel, den er an der Señora vorbeigeschmuggelt hatte, machte es auch nicht besser, weshalb Neron die Reste seiner erbärmlichen Mahlzeit in der Toilette entsorgte. Doch nicht nur seine Geschmacksnerven waren in Aufruhr, auch seine Gedanken befanden sich auf einer wilden Schlittenfahrt, die er längst nicht mehr steuern konnte, rasten hin und her auf der Suche nach einem Punkt, an dem sich alles, was er bisher über Leandra und ihr Verschwinden erfahren hatte, logisch verbinden ließe.

Instinktiv war er davon ausgegangen, dass Leandra einem Verbrechen zum Opfer gefallen war. Was aber, wenn er sich täuschte? Wenn Margrit Reimann Recht hatte und Leandras Leben nicht wirklich in Gefahr war – wer sollte sie dann aus welchen Gründen gefangen halten? Und bestand nicht auch die Möglichkeit, dass sie freiwillig verschwunden war, dass sie nicht gefunden werden wollte?

Nur warum? Es gab keinen Grund, zu verschwinden, es sei denn, etwas hätte sie zutiefst in Angst und Schrecken versetzt. Ihr Leben in Valencia war unauffällig gewesen. Sie hatte einen Job, einen festen Freund, eine schicke Wohnung in der Innenstadt. Neron schauderte bei dem Gedanken, dass sie knapp 200 Meter von ihm entfernt lebte. Gut möglich, dass sie einander mehrfach beim Einkaufen über den Weg gelaufen waren.

Als vermisst gemeldet hatte sie ihre Chefin, Marta Rodriguez. Sie war es auch gewesen, die Druck gemacht hatte, als man ihr entgegnete, dass dies allenfalls ein Fall für die Vermisstenstelle wäre, nicht aber für die Mordkommission. In drastischen Worten hatte sie ihre Befürchtungen geschildert, sodass man sich entschloss, Neron auf den Fall anzusetzen. Wohl auch, um mich eine Zeitlang los zu sein, mutmaßte er, denn er wusste, dass er bei seinen Kollegen unbeliebt war.

Und plötzlich fiel es ihm auf. Was war eigentlich mit ihrem Freund? Warum hatte der sich nicht gemeldet, warum hatte ihn niemand befragt? Hastig blätterte er in seinen Unterlagen. Isandro Alvarez, 29 Jahre alt, Inhaber eines Textilgeschäftes. Derzeit auf Geschäftsreise, hatte er sich notiert. Hatte in einem kurzen Handy-Telefonat angegeben, seine Freundin sei verreist und habe sicher noch einige Tage drangehängt, um Zeit mit ihrer Familie und ihren Bekannten zu verbringen. Man solle sich keine Sorgen machen.

Dann war die Verbindung abgerissen und niemand hatte es für notwendig gehalten, seine Angaben zu überprüfen. Eine dieser Schlampereien, für die seine Dienststelle bekannt war und weswegen er immer wieder in Konflikt mit seinen Kollegen geriet, ärgerte sich Neron.

Hatte er sonst noch etwas übersehen? Auf einem leeren Blatt Papier zeichnete er Leandra in die Mitte und gruppierte die Personen, die ihr nahestanden, um sie herum. Marta, Magrit und Valeria de Luna erschienen ihm seltsam, es gab aber keinen Anhaltspunkt, dass Leandra ihretwegen verschwunden sein könnte.

Neben den Namen von Isandro setzte er ein dickes Fragezeichen. Er würde unbedingt überprüfen müssen, ob sich der junge Mann tatsächlich auf Geschäftsreise befand.

Auch Padre Tohias würde er dringend noch einmal befragen müssen. Er hielt es für mehr als unwahrscheinlich, dass der Padre nicht mitbekommen haben wollte, wie das Fest verlaufen, ob etwas Außergewöhnliches vorgefallen war. DRUCK MACHEN schrieb er in dicken Lettern neben den Namen des Pfarrers.

Und was war mit dem Bürgermeister? Warum hatte der sich auf dem Fest nicht blicken lassen? Doch gab es keine Verbindung zwischen ihm und Leandra, die über das Geschäftliche hinausging. Und er würde wohl niemanden verschwinden lassen, nur um eine Rechnung nicht bezahlen zu müssen.

Dann war da noch diese Sandra, von der es hieß, sie sei eifersüchtig auf Leandra gewesen und es sei zum Streit gekommen. Ein altes Ehepaar, das sich besonders abfällig über Leandra geäußert haben sollte. Einer von den Alemannes namens Walter, der mal verliebt in sie gewesen war. Und ein ominöser Fremder, der immer mal wieder irgendwo aufgetaucht war, von dem aber niemand sagen konnte, was er in Alvaría zu suchen hatte und in welcher Beziehung er zu Leandra stand.

Doch all das führte ihn nicht weiter, so wenig wie die sinnlose Befragung von Menschen, die ihm über Leandras Verbleib nichts sagen konnten oder nichts sagen wollten. Nicht das Hin- und Herhasten seiner Gedanken und schon gar nicht die Suche nach einem Motiv, das in irgendeiner obskuren Vorgeschichte lag.

Es schmerzte, sich eingestehen zu müssen, dass er nach drei Tagen der Suche noch nicht einen winzigen Anhaltspunkt gefunden hatte. Dass er mittlerweile selbst in einen Sog geriet, in dem ein altes Ritual ihm vorgaukelte, die Wirklichkeit erklären zu können. Es schmerzte, an diesem elendigen Ort immer wieder an Maria erinnert zu werden, ohne die Sache aufklären zu können.

Je schneller er aus diesem engen Zimmer heraus und zurück nach Valencia kommen würde, desto besser. Also nicht nachlassen, schalt er sich, sondern nachdenken, prüfen, schlussfolgern.

Dabei war ihm klar, dass alle Verbindungen, die er bisher zu sehen in der Lage war, einzig in seinem Hirn existierten, dass er auf der Basis dessen ermittelte, was er nicht wusste. Die große Unbekannte, die Variable X tauchte in seinen Annahmen noch gar nicht auf.

Ein Triebtäter oder Mörder beispielsweise, der sie in seine Gewalt gebracht haben konnte. Ein Autounfall, der sie an einer steilen und uneinsichtigen Stelle im Gebirge von der Fahrbahn abgebracht hatte, sodass das Auto die Böschung hinabrollte und irgendwo unentdeckt zum Erliegen gekommen war. Würde er es genehmigt bekommen, die Umgebung absuchen zu lassen? Ihn fröstelte schon bei dem Gedanken an den bürokratischen Aufwand und an das Gespött seiner Kollegen.

Sollte er also einfach aufgeben und sie ihrem Schicksal überlassen? Die Versuchung war groß. Aber noch hatte er nicht alle Spuren verfolgt. Entschlossen griff er zum Diensthandy und gab Anweisung, Isandros Alibi zu überprüfen. Unterdessen würde er sich diese Sandra vorknöpfen, die an einer Tankstelle in der Nähe arbeitete. Das traf sich gut, musste er doch ohnehin den Tank füllen. Und wer weiß, vielleicht gab es dort ja etwas halbwegs Schmackhaftes zu essen, motivierte er sich, um die inneren Zweifel, die all seine Überlegungen begleiteten, zu übertönen.

 

Die Tankstelle befand sich auf halber Strecke nach Alvaría, im Inneren des Ladengeschäftes gab es eine kleine Ecke mit Stehtischen, in der Snacks und Getränke konsumiert werden konnten. Neron bestellte sich einen starken Kaffee und einen großen Chefsalat. Er hatte Glück, die junge Frau, die ihn bediente, trug ein Namenschild, das sie als Sandra Maria de Luz auswies.

Vom Stehtisch aus beobachtete er diskret ihr Verhalten, an dem nichts Auffälliges zu erkennen war. Wie alle jungen Leute nutzte sie jeden freien Moment, um auf ihr Handy zu schauen. Ab und an sah sie hoch und warf ihm einen freundlichen Blick zu. Er wartete, bis der Laden sich geleert hatte und sie ihn auffordern würde, ebenfalls zu gehen, da sie gleich schließen würden. Tatsächlich kam sie nun zu ihm herüber.

„Tut mir leid, Señor, wir schließen. Darf es noch etwas zum Mitnehmen sein?“

Neron bedankte sich und zog dann seinen Dienstausweis aus der Tasche.

„Wegen Leandra?“, fragte sie, noch bevor er erklären konnte, was er von ihr wollte. Er nickte.

„Einen Moment.“

Sie schloss die Ladentür ab und ließ die Rollläden vor den großen Fenstern und eine angestaubte Jalousie vor der Ladentür herunter. Neron hatte nicht den Eindruck, dass dies zur üblichen Prozedur gehörte, mit der sie den Feierabend einleitete, denn ihre Bewegungen wirkten wenig routiniert. Als wollte sie sichergehen, dass niemand ihr Gespräch verfolgen könnte.

Oder verschloss sie ihm gerade jeden Fluchtweg? Vorsichtig sah er sich um, prüfte, ob sich vielleicht eine Tür zu einem Hinterzimmer öffnen könnte, hinter der sich weitere Personen verbargen. Aber da war nichts, nur der kleine Aufenthaltsraum, in den sie ihn nun bat.

„Was habe ich damit zu tun?“, ging sie sofort zum Angriff über, kaum dass er sich auf das kleine Sofa gesetzt hatte, und zündete sich eine Zigarette an.

„Was glauben Sie denn, warum ich hier bin?“, fragte er beiläufig zurück und schob ihr den überfüllten Aschenbecher hinüber.

„Keine Ahnung“, sagte sie. „Aber alle im Dorf wissen doch, dass Leandra verschwunden ist und dass Sie nach ihr suchen.“

Neron schwieg, er ahnte, dass sie zu jenen Personen gehörte, die die Stille nicht ertrugen und daher umso mehr reden würde, je weniger er fragte.

„Sie denken doch nicht, dass ich was damit zu tun habe? Weil wir uns gestritten haben?“

„Möglich wäre das“, entgegnete Neron ruhig.

„Aber erzählen Sie doch mal – Sie waren ja beim Fest der 1000 Wünsche, oder? Was genau ist zwischen Ihnen und Leandra vorgefallen – und wie endete das Fest?“

„Was soll schon vorgefallen sein“, sagte sie und drückte die Zigarette mit angeekelter Miene im Aschenbecher aus, „das, was immer vorfällt, wenn Leandra in Pacos Nähe kommt.“  

„Und Paco ist Ihr Freund?“, fragte Neron.

„Mein Mann“, antwortete sie. „Er müsste eigentlich auch schon hier sein, er holt mich abends immer ab. Jedenfalls hat sie wieder mal versucht, sich an ihn ranzuschmeißen. Dabei will er gar nichts von ihr. Er mag sie, sie waren als Kinder befreundet. Und sie hat ja diese Art … allen macht sie schöne Augen. Bringt sie dazu, sie beschützen zu wollen, mit ihren rührseligen Geschichten. Das war schon damals so. Die Jungs waren alle in sie verknallt. Aber sie hatte es auf Paco abgesehen. Auch noch, als wir schon zusammen waren. Und immer musste sich alles um sie drehen. Immer wollte sie etwas Besonderes sein.

Auch auf diesem blöden Fest. Ich wollte eigentlich gar nicht hin, aber Paco natürlich. Und wie sie ihm dann diese bescheuerte Karteikarte gegeben hat, wie sie ihn angehimmelt hat. ‚Schreib mir deinen Wunsch auf, Paco.‘ Da bin ich kurz ausgerastet. Hab ihr gesagt, was ich denke.“

„Und das wäre?“, fragte Neron.

Sie griff erneut zu ihrer Zigarettenpackung, zog eine Zigarette heraus, spielte kurz damit und legte sie dann vor sich auf den Tisch. Ganz offensichtlich fiel es ihr schwer, die richtigen Worte zu finden.

„Na das, was alle denken“, erwiderte sie dann. „Sie tut immer so, als wäre sie eine Heilige. Aber eigentlich bringt sie nur alles durcheinander. So hat sie es auch mit Paco gemacht. Immer schön den Kopf verdreht, bis er für niemand sonst mehr Augen hatte. Und ihn dann abgewiesen. Man kann nicht mit einer Heiligen konkurrieren, wissen Sie?“, stieß sie dann hervor und stopfte die Zigarette wütend in die Packung zurück, sodass sie zerbrach.

Neron nickte zustimmend. Erneut stieg Marias Bild in ihm auf. Auch sie hatte sich immer wieder den Zorn der Leute zugezogen, die sich von ihrer sanften, introvertierten Art provoziert fühlten. Es war nicht nur ihre Schönheit, die Männer wie Frauen dazu brachte, ihr hinterherzuschauen. Es verbarg sich etwas in ihrem Wesen und in ihren Augen, das die Leute aufblicken ließ.

Wie oft hatte er die neugierigen Blicke fremder Menschen registriert, wenn sie gemeinsam ein Lokal betraten oder durch die Innenstadt von Valencia flanierten. Manchmal war es ihm fast schon peinlich gewesen und ja, auch er kannte diese brennende Eifersucht, die Sorge, ihr eines Tages nicht mehr genug zu sein, von ihr, die sich vor den Avancen anderer Männer kaum retten konnte, verlassen zu werden.

Aber da war auch dieser Hass, der ihr entgegenschlug. Diese Ablehnung wildfremder Menschen, die sich daran ergötzten, alles, was schön und gut und unschuldig war, in den Dreck zu stoßen.

„Aber war das ihre Schuld?“, hörte er sich fragen und wusste selbst nicht mehr, ob er von Leandra oder von Maria sprach, weshalb er sich am liebsten die Zunge abgebissen hätte. Er musste seine persönlichen Gefühle aus diesem Fall heraushalten.

Bevor sie antworten konnte, klopfte es an die Ladentür und Sandra öffnete, um ihren Ehemann Paco hereinzulassen.

„Kommissar Neron, wegen Leandra“, stellte sie ihn knapp vor. „Er will wissen, was auf dem Fest passiert ist und wohin sie verschwunden ist.“

„Hast du …“, fragte Paco unsicher.

„Ja, habe ich“, antwortete sie.

„Es war nur ein kurzer Streit, eine kleine Eifersuchtsszene“, beteuerte Paco. „Nichts von Bedeutung. Und komplett überflüssig, schließlich war ihr Freund ja auch anwesend. Aber Sandra ist eben manchmal …“

„Ihr Freund war anwesend?“, fragte Neron, der das Gespräch schon müde hatte abhaken wollen, nun aber hellwach wurde.

„Ja“, sagte Paco, „so ein Schnösel aus der Stadt. Isandro. Aber sie schien glücklich mit ihm zu sein. Jedenfalls ließ er sie keinen Moment aus den Augen. Wie Sandra, nur auf die männliche Tour. Keine Ahnung, was dann noch passierte, wir sind dann abgehauen.“

Neron versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn diese Information beunruhigte. Paco zuckte mit den Achseln. „Können wir?“, fragte er dann Sandra und hielt ihr ihre Jacke hin.

Neron platzte der Kragen. Was glaubte dieser Kerl, wer er war? „Wer hier was kann, entscheide immer noch ich!“, brüllte er. „Und Sie können sich jetzt mal setzen und meine Fragen beantworten!“

„Sie können mich mal“, antwortete Paco und baute sich in einer Drohgebärde vor ihm auf, „Sie haben hier gar nichts zu melden!“ Es war Sandra, die Neron zu Hilfe kam, und Paco bat, sich zu beruhigen.

„Ich glaube, Ihnen ist nicht klar, worum es geht“, setzte Neron neu an, bemüht, seine Emotionen in den Griff zu bekommen.

„Es ist möglich, dass hier ein furchtbares Verbrechen geschehen ist. Es ist möglich, dass Leandra gerade irgendwo da draußen gequält wird. Dass sie einen Unfall hatte und Hilfe braucht. Alles ist möglich und Sie spielen den coolen Macker? Kommen Sie schon, wer soll das glauben? Sie liebten doch das Mädchen, es kann Ihnen nicht egal sein, was mit ihr geschehen ist, verdammt, denken Sie nach!“

Paco und Sandra wechselten einen langen Blick, dann nickte Sandra ermutigend und Paco erzählte kleinlaut, woran er sich erinnerte.

„Es ist, also die haben … die haben eben anders reagiert, als Leandra sich das gedacht hatte.“

„Was meinen Sie?“, herrschte Neron ihn ungeduldig an. „Sprechen Sie Klartext, Junge!“

„Nun diese Wunschkarten und das ganze Drumherum. Die Leute haben Sachen aufgeschrieben, an die sie nicht gedacht hatte. Beleidigungen. Schimpfwörter. Nichts, was man ernst nehmen müsste, aber eben auch nichts, was man gern hören möchte, vor allem als Frau.“

„Zum Beispiel?“

„Na so Zeugs halt. Ich wünsche mir eine Stunde mit dir allein – das war noch das Netteste. Zieh dich aus! Verschwinde! So was halt.“

 „Und wie hat sie darauf reagiert?“

„Sie hat das vorgelesen. Am Anfang haben noch alle gelacht. Aber nach und nach … die Stimmung war nicht auszuhalten. Deshalb sind wir gegangen.“

„Und ihr Freund, wie hat der reagiert?“

„Hat erst mitgelacht. Aber der hatte schon so viel getrunken. Es sah aus, als würde er sie am liebsten da wegzerren. Als ob er auf sie wütend wäre, nicht auf die Leute.“

„Und Sie haben Leandra trotzdem allein gelassen mit der Meute?“

Paco schaute betreten zu Boden. „Ja,“ flüsterte er. „Es tut mir so unendlich leid. Sie war meinem Herzen eine Schwester. Ich hatte versprochen, sie zu beschützen, immer. Aber …“ Er blickte hilfesuchend zu Sandra.

„Es war meine Entscheidung“, sagte sie und hob stolz den Kopf. „Ich wollte es wissen an dem Abend. Sie oder ich. Er konnte nichts dafür.“

Neron atmete tief durch und sah die beiden prüfend an. Sie hatten sich verantwortungslos verhalten, so viel war klar. Hatten sich einfach aus der Affäre gezogen, Leandra im Stich gelassen. Aber waren sie deshalb an dem, was später geschehen sein mochte, schuldig?

„Und was ist dann passiert?“, fragte er. „Sie müssen doch irgendetwas darüber wissen. Es gibt immer einen, der den Mund nicht halten kann.“

„Ich weiß es wirklich nicht“, antwortete Paco. „Wir sind noch nach Cuenca gefahren und haben die Nacht durchgemacht. Wir sind auch nicht zur Ostermesse, wir hatten was Besseres vor“, sagte er und griff nach Sandras Hand, die lächelte, als würde sie sich an einen der schönsten Momente ihres Lebens erinnern. Sie hatte in dieser Nacht einen Sieg errungen, um den sie lange hatte kämpfen müssen. Neron gönnte ihn ihr und konnte seinen Zorn doch kaum zügeln.

„Also Sie wissen nicht, ob man ihr etwas angetan hat oder wie sich das Ganze aufgelöst hat?“, fragte er noch einmal eindringlich nach.

„Leider nein.“

„War irgendetwas im Dorf anschließend anders? Bitte versuchen Sie sich zu erinnern, an jedes Detail!“

Paco schüttelte den Kopf, aber Sandra entzog ihm plötzlich aufgeregt die Hand.

„Der Brunnen“, sagte sie und schaute an den beiden vorbei, als würde sie in einer verborgenen Tiefe des Raumes auf eine Leinwand blicken. Die beiden Männer sahen sie fragend an.

„Der Brunnen war abgedeckt“, sagte sie. „Und Pepe war da – und einige andere. Weißt du denn nicht mehr?“, wandte sie sich an Paco. „Als wir morgens zurückkamen. Es dämmerte schon und wir wunderten uns, warum die da standen und in den Brunnen starrten. Als würden sie etwas suchen. Aber die sind eh alle plemplem hier“, fügte sie dann hinzu, „deshalb haben wir uns nicht weiter darum gekümmert.“

Neron schloss die Augen. Es war kein guter Hinweis, den sie ihm da gab. Aber es war ein Hinweis, dem er nachgehen konnte. Wie auch der Information, dass Isandro dabei gewesen war. Trotz der sich verdichtenden Gewissheit, dass etwas Entsetzliches geschehen sein musste, fühlte er daher so etwas wie Dankbarkeit. Nichts war schwerer zu ertragen als das ewige Stochern im Ungewissen.

„Gut“, sagte er. „Vielen Dank für das Gespräch. Ich entlasse Sie jetzt in Ihren wohlverdienten Feierabend. Bitte sprechen Sie zu niemandem darüber, was Sie mir erzählt haben. Sie würden meine Ermittlungen behindern. Und Sie könnten sich selbst in Gefahr bringen.“

Paco grinste ihn frech an. Wer von den Scheintoten sollte es wohl mit mir aufnehmen, fragte seine vor Selbstbewusstsein strotzende Körperhaltung.

„Vertrauen Sie der Erfahrung eines alten Mannes“, sagte er und ließ die beiden allein. Kurz überlegte er, ob er sofort zum Brunnen fahren sollte. Aber es war längst dunkel geworden und ihrer Aussage zufolge, würde er Leandra dort ohnehin nicht mehr finden. Zudem hatten die Arbeiter den Festplatz bereits geräumt und gereinigt, was die Chance erheblich verringerte, Spuren zu entdecken, die ihn weiterführten.

Morgen ist auch noch ein Tag, dachte er resigniert. Einer, den er am liebsten überginge, denn er war sich sicher, dass er ihm einmal mehr die hässlichste Fratze der menschlichen Existenz offenbaren würde.