Kapitel 11: Das Unwetter zieht auf

 

Unsere Blicke prallten aufeinander, als kämpften sie darum, wer als Erste die Augen senken würde.

„Ist sie das?“, fragte Isandro, der meine Unruhe bemerkte, und reichte mir einen Becher mit Prosecco.

„Ja“, sagte ich und nippte daran, stellte den Becher aber schnell wieder ab. „Ich kann jetzt keinen Alkohol trinken, Isandro, ich muss einen klaren Kopf behalten.“

„Kein Problem“, erwiderte er, griff nach dem Becher und stürzte den Inhalt in einem Zug die Kehle hinab.

„Dann ist deine Großmutter die alte Frau, von der ich dir erzählt habe“, erklärte er und sah mich misstrauisch an. „Aber das hast du dir sicher schon gedacht?“

Erneut spürte ich, dass etwas mit ihm geschehen sein musste, seit er am Vortag gegen meinen Wunsch an der Prozession teilgenommen hatte.

„Ostern ohne Prozession, das geht gar nicht“, hatte er mich fröhlich zu überzeugen versucht, ihn zu begleiten. Doch ich hatte nicht nachgegeben und als er zurückkam, war von seinem Frohsinn nichts mehr zu bemerken.

„So etwas habe ich noch nicht gesehen“, erzählte er, „schau nur, ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.“

„Ich kann es mir vorstellen“, sagte ich, „hab ja oft genug daran teilgenommen.“

„Vorneweg ging der Padre, gefolgt von sechs alten Männern, die statt eines Pasos einen leeren Sarg trugen. Und das Kreuz wurde nicht von einer Jesus-Figur, sondern von der Jungfrau Maria geschleppt, die noch dazu eine echte Dornenkrone um den Hals drapiert hatte“, erzählte er weiter, ohne auf meinen Einwand zu achten.

„Sie lief barfuß und ihre Füße bluteten, also wirklich meine ich. Dahinter folgten mehrere Männer mit nacktem Oberkörper, die sich geißelten – und auch das war nicht gespielt. Blieb einer stehen, stießen die mit Kapuzen maskierten Männer und Frauen ihn weiter voran, so hart, dass einige hinfielen. Keiner sprach ein Wort, es gab kein Trommeln, keine Musik, alle zogen stumm und mit versteinerten Gesichtern an mir und den anderen, Zuschauern vorbei.

Dann war da diese alte Frau – irgendwie hat sie mich an dich erinnert. Schön, stolz, besonders – aber mit einer harten Linie um den Mund, die sie unsympathisch machte. Sie schaute mich so hasserfüllt an, dass ich am liebsten weggelaufen wäre. Zeigte mit dem Finger auf mich, als hätte ich Jesus höchstpersönlich verraten. Der Aufzug stockte sogar kurz, ich hatte richtig Schiss, sie würden sich auf mich stürzen und mich in den Sarg werfen. Aber zum Glück kam dann der Padre und forderte sie auf, weiterzugehen.

Vielleicht meinten sie aber auch gar nicht mich, denn neben mir stand noch so ein Typ im Ledermantel, der wohl auch nur zu Besuch in der Gegend ist. Jedenfalls zog der mich dann weg, sonst hätte ich da wohl Wurzeln geschlagen. Ich war echt wie gelähmt, als ob die alte Hexe mich paralysiert hätte“, schloss er erschöpft.

„Du Armer“, sagte ich und versuchte ihn zu küssen, aber er wich aus. „Was war das für ein Typ, wo ist er geblieben?“, nahm ich seine Erzählung wieder auf.

„Ich weiß nicht. Wir sind gemeinsam ein Stück die Bergstraße hinabgelaufen. Dann war da so eine Villa mit Papageien davor. Da hat er sich verabschiedet und gemeint, er wolle noch jemand besuchen.“

Es war klar, dass er von Margrits Haus sprach, niemand anders in der Region besaß Papageien. Ob der Fremde jener Verehrer war, der sich nach langer Zeit wieder gemeldet hatte? Ob es derselbe Mann war, den ich im Zug getroffen hatte? Ich würde sie später unbedingt danach fragen müssen. Jetzt galt es, zu verhindern, dass Isandro tiefer in die Geschichte hineingezogen wurde, dass er erneut Fragen stellte, auf die ich ihm nicht antworten durfte.

Dabei hätte ich längst wissen müssen, dass ich vergeblich hoffte, ihn heraushalten, ihn und unsere Liebe von Bilderwelt freihalten zu können. Großmutter hatte mich ja selbst wieder und wieder davor gewarnt.

„Die Kraft einer Espeja überträgt sich auf alle, die sie liebt“, hatte sie mir erklärt, damals in jenen Kindertagen, als ich noch an ihren Lippen hing, mich für eine Auserwählte hielt, die sich ihre Begabung eben durch Härte und Disziplin erkaufen musste.

„Deshalb ist es so wichtig, dass du genau darauf achtest, mit wem du dich einlässt. Alle Bilder, die du siehst, alle Schicksale, von denen du erfährst, vereinen sich zu einem Schattenreich, in dem es keine Materie und keine Konturen mehr gibt. Der Spiegel strahlt nur zurück, was in ihn hineinfällt, hinter der hellen Oberfläche ist es dunkel und einsam.“

Wie sehr mich ihre Worte berührt hatten – wohl auch, weil das Kind spürte, dass sie nicht einfach nur ihr Wissen mit mir teilte, sondern ihre eigene leidvolle Erfahrung. Vielleicht nahm ich sie deshalb so lange in Schutz, liebte ich sie mit meinem kleinen arglosen Herzen, weil ich ahnte, dass sie mich aufrichtig vor einem Schicksal bewahren wollte, das sie selbst durchlitten hatte.

 

„Warum hast du mich nur allein hingehen lassen?“, fragte Isandro vorwurfsvoll.

„Aber du wolltest doch unbedingt. Ich hatte dich gewarnt.“

„Ja“, rief er hitzig, „ja, ich wollte! Weil ich es satt habe, dass du mich ausschließt aus deinem Leben, deinen Erinnerungen! Weil ich wissen will, wer du wirklich bist, wovor du davonläufst. Ist das so schlimm? Bin ich denn immer noch ein Fremder für dich, mit dem du Tisch und Bett teilst, nicht aber …“

„Nicht aber was? Alles, was ich heute bin und geben kann, teile ich mir dir, Isandro. Bitte versteh doch, dass ich dich nur schützen will. Ich kann dir dazu nicht mehr sagen, dir nichts über meine Vergangenheit erzählen. Es würde alles nur schlimmer machen, dich mit hinabziehen. Du hast es heute selbst gespürt. Es hat dich verändert. Das macht mir Angst.“

„Dann lass mich endlich teilhaben und hilf mir verdammt noch mal zu verstehen, was gerade mit uns geschieht!“

Wie sehr ich mich nach seiner Umarmung sehnte, wie bereitwillig ich mich der Täuschung hingab, eine lieblose Vereinigung könnte die Kränkung heilen. Doch schon der Versuch entzweite uns weiter und ich wusste: Alles, was nunmehr geschah, lag außerhalb unseres kleinen persönlichen Wollens. Es wiederholte sich, was sich wiederholen sollte, Jahr für Jahr, Tag um Tag, Stunde um Stunde, Ostern auf Ostern. Ich konnte es hinauszögern, aber nicht mehr verhindern.

 

Isandro stand schon wieder an der Bar, als ich aus meinen düsteren Gedanken auftauchte, und verbrüderte sich demonstrativ mit jedem, der in seine Nähe kam, bot Schnaps an, schwankte bereits, bevor die anderen ihre Teller geleert hatten und wir zum eigentlichen Zweck des Festes übergingen, der Verteilung der Wunschkarten. Ich beschloss, die Sache voranzutreiben, denn das Unwetter, das sich seit Tagen hinter dem Monte Alvaran sammelte und auf einen günstigen Moment wartete, auch über Alvaría hereinzubrechen, sollte laut Wetterbericht in wenigen Stunden seinen Höhepunkt erreichen.

Es regnete immer an Ostern in Alvaría und alle Bewohner freuten sich auf den Moment, in dem die ersten prasselnden Tropfen das Schauspiel einleiteten. Schlimm war es nur, wenn dem Regen ein langes, von der Hitze ausgetrocknetes Gewitter voranging, vor dem wir uns zitternd in unseren Häusern verbargen – über Stunden, zuweilen auch über Tage und Nächte.

Doch was immer die Natur uns brachte – wir akzeptierten es. Denn trotz der Anpassung an die katholischen Rituale feierten wir an Ostern noch stets ein Fest der Vereinigung von Himmel und Erde, Regen und Staub, Blitz und Donner, Mensch und Natur.

Und so würde auch in diesem Jahr der Regen die Erde sättigen und segnen, sie reinwaschen von allem, was wir Menschen, die sie fürsorglich ertrug, ihr angetan hatten. Die Vermählung würde uns Hoffnung spenden und am Ende würden wir aus unseren Häusern treten, die frische Luft einatmen und den Frühling willkommen heißen, der uns nichts anderes verkündete als den erneuten Triumph des Lichtes über die Finsternis, mochte es auch zahlreiche Opfer gefordert haben.

Denn was wir Menschen als Naturkatastrophe bezeichnen, bedroht allein uns und unsere Zivilisation, der Natur ist diese Art von Unheil gleichgültig. Für die Natur ist weder ein Beben noch ein Orkan noch ein Unwetter eine Katastrophe. Nur wir, die wir Schutz davor suchen, erleben solche Ereignisse als zerstörerisch und furchteinflößend.

 

Isandros Atem roch nach Bier, das er eben mit einem der Deutschen getrunken hatte. Ich drückte ihm die weißen Karteikarten in die Hand und bat ihn, sie an die Alemannes zu verteilen, immerhin sprach auch er gut Deutsch, da sein Geschäft in Valencia von zahlreichen Touristen aufgesucht wurde.

Ich selbst griff nach den roten Karten und atmete tief durch. Wo sollte ich beginnen? Am besten wäre es wohl, wenn ich das Schwierigste sofort hinter mich brachte. Entschlossen ging ich zu dem Tisch, an dem Großmutter, Sandra und Paco sowie deren Mütter Platz genommen hatten. Ich war nur froh, dass ich die Regeln der Wunschaktion, die jetzt folgen sollte, bereits in der Einladung erklärt hatte, so konnte ich die Gespräche und Begegnungen mit jedem Einzelnen von ihnen kurz halten.

„Guten Tag, Señora“, sprach ich Großmutter höflich und distanziert an, wie sie es mich gelehrt hatte. „Darf ich Sie bitten, diese Karte zu nehmen und einen Wunsch darauf zu schreiben? Etwas, wobei Sie Hilfe benötigen, beispielsweise. Die Regeln sind Ihnen ja gewiss bekannt?“

Großmutters Augen verengten sich, ich war mir nicht sicher, ob es der Hass war, der in ihr aufstieg, oder ob sie sich ein Weinen verkniff. Statt mir zu antworten, begann sie, mit harten Fingern rhythmisch auf den Tisch zu trommeln. Alle starrten mich an.

Natürlich wusste ich, dass sie nicht schreiben kann. Dass sie zu stolz sein würde, jemanden um Hilfe zu bitten. Natürlich wusste ich, dass sie mir nicht verzeihen konnte. Umso mehr genoss ich es nun, lächelnd eine Karte und einen Stift vor ihr auf den Tisch zu legen, bevor ich mich Paco zuwandte. Wie sicher ich mir war, dass sie keine Macht mehr über mich hatte. Zu sicher.

„Paco, wie schön, dich zu sehen. Schreibst du mir deinen Wunsch auf?“, sprach ich den Freund an. Doch auch Paco antwortete mir nicht, denn Sandra stichelte sofort los.

„Schreibst du mir deinen Wunsch auf?“, äffte sie mich nach. „Natürlich schreibt der liebe Paco einen Wunsch auf“, fuhr sie fort, „aber ob er der lieben Leandra gefallen wird?“

Paco schaute mich verlegen an und griff nach der Karteikarte. Er tat mir leid, deshalb verbat ich mir eine Antwort, legte allen eine Karte hin und ging zum nächsten Tisch, an dem sich Pepe und ein paar weitere alte Männer eingefunden hatten.

Pepe musterte mich kurz, blickte dann zu Großmutter hinüber, als erwartete er eine Anweisung von ihr. Ich folgte seinem Blick und sah, dass sie die Karteikarte zerknüllte, sie auf den Boden warf und sich in ihrer stolzen, aufrechten Haltung der Menge zuwandte.

„Macht doch, was ihr wollt“, rief sie in die Runde. „Aber ich werde an diesem unwürdigen Spektakel nicht länger teilnehmen! Denkt daran, was ich für euch erlitten habe“ rief sie und deutete mit einer theatralischen Geste auf sich selbst.

„Auch ich habe meinen Sohn für euch gegeben. Hab das Balg aufgezogen und unterwiesen. Und wie hat sie es mir gedankt? Padre Lopez haben wir zu Grabe getragen, ihretwegen. Weggelaufen ist sie und hat damit den Fluch auf uns alle ausgedehnt. Wie viel Unglück darf sie noch über uns und das Dorf bringen?“

Isandro, der gerade Walter eine Karte überreichen wollte, schaute zu mir herüber. Sein Blick ließ mich schaudern, es lag keine Liebe darin, keine Sorge, nur Zorn. Einige Alemannes kicherten nervös, verstanden nicht, was sich gerade abspielte. Nur Walter, der als Einziger von ihnen die Geschichte kannte, griff Isandro nun bei der Hand und redete heftig auf ihn ein. Vermutlich wollte er ihn überzeugen, dass es besser wäre, die Sache zu beenden. Aber Isandro schüttelte seine Hand ab und verteilte weiter stumm seine Karteikarten.

Ich tat es ihm nach, während Großmutter sich auf den Heimweg machte und Sandra mit Paco knutschte, als wollte sie der ganzen Welt beweisen, dass es nur eine Frau geben konnte, sollte und durfte, die er wirklich liebte.

Erst als alle Karten verteilt waren, genehmigte ich mir einen Drink an der Bar und gab dem Bandleader einen Wink, dass sie eine sanfte Hintergrundmusik anstimmen sollten. Lange würden meine Nerven nicht mehr mitspielen. Aber so kurz vor der Zielgeraden wollte ich nicht aufgeben.

Der erste Schluck der dunklen Flüssigkeit, die der Barkeeper mir gereicht hatte, brannte angenehm warm in der Kehle. Ich folgte seiner Schwärze bis in jene Nacht, in der Paco und ich vergeblich auf die Stille gewartet hatten. Statt des erhofften Schweigens war das jämmerliche Maunzen der jungen Kätzchen zu hören gewesen, die Pepe in einem mit Brunnenwasser gefüllten Eimer ersäufte.

Eines nach dem anderen hatte er aus dem Käfig genommen und versenkt – wie es schon immer seine Aufgabe gewesen war. Entsetzt hatten wir uns die Ohren zugehalten und uns im alten Schuppen neben der Kirche versteckt. Es war die einzige Nacht, in der wir zuließen, dass unsere tastende Neugier unser Wissen besiegte, nicht füreinander geschaffen zu sein. Es folgte der Morgen, an dem wir verstanden hatten, dass wir keine Kinder mehr waren, voneinander lassen mussten.

 

Eine heftige Übelkeit brachte mich zurück, rasch lief ich zum Klohäuschen hinter der Kirche und erbrach mich, während das Bildnis eines gepeinigten Sohnes mir von der Tür her mitleidig zulächelte. Ich ließ kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen und gönnte mir einen Moment, um zu verschnaufen, bevor ich die Tür wieder öffnete. Souverän, gefestigt und auf dem besten Weg, eben jene Unnahbare zu sein, zu der sie mich in den langen Jahren vergeblich hatten erziehen wollen.

Doch als ich auf den Festplatz zurückkehrte, hatte die Stimmung sich erneut gewandelt. Alles wirkte friedlich, die wenigen jungen Paare tanzten eng aneinandergeschmiegt, die Älteren unterhielten sich, so gut es ihnen auf ihre karge Art eben möglich war, einige Alemannes holten sich die letzten schon angekokelten Fleischstücke vom Grill. Isandro überreichte mir die Wunschkarten, die er bereits wieder eingesammelt hatte. Ich war überrascht, es hatten doch bedeutend mehr mitgemacht als erwartet. Prüfend blickte ich zum Monte Alvaran hinüber, um abschätzen zu können, wie viel Zeit wir noch hatten.

Fast blieb mein Herz stehen, als ich den Mann erblickte, der mit in die Höhe gestreckten Armen auf dem Gipfel stand. Träumte ich? Sah ich Gespenster? Ich schloss die Augen, atmete durch, zählte bis zehn, blickte erneut zum Berg. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, der Mann – sofern es ihn je gegeben hatte – war hinter den ersten Gewitterwolken verschwunden, die den Berg nun passierten. Ich musste mich beeilen, damit wir wenigstens die Wunschaktion noch beenden konnten.  

Als ich mich an das Podest stellte und das Mikrofon einschaltete, warf mir Walter einen letzten verzweifelten Blick zu, bevor er sich demonstrativ auf den Heimweg machte. Von seinem leeren Platz drang ein kühler Windhauch zu mir herüber. Vergeblich hielt ich nach Isandro Ausschau. Es gab kein Zurück. Ich musste beenden, was ich begonnen hatte. Ich musste die Wünsche der Dorfbewohner verlesen.