Von Eidechsen und Adlern

Der alte Brunnen stand wie ein überflüssiges Relikt aus vergessenen Zeiten auf dem Dorfplatz, aus der Ferne waren nur das Blöken von Schafen und ein hämmerndes Geräusch zu hören. Neron war froh, dass sich von den Dorfbewohnern niemand blicken ließ, sodass er sich umsehen konnte, ohne lästige Fragen beantworten zu müssen.

Mehrere Male näherte er sich dem Brunnen mal von dieser, mal von jener Seite, umkreiste ihn, ging in die Hocke, aber vergeblich, es gab keinen Hinweis darauf, dass sich hier eine Bluttat abgespielt haben könnte. Wie auch, dachte er, es war ja nicht einmal klar, ob Sandras Beobachtungen aus der Osternacht überhaupt etwas mit Leandras Verschwinden zu tun hatten. Und falls es Spuren gegeben haben sollte, das Unwetter hätte sie fortgespült.

Und doch hatte er Witterung aufgenommen wie ein alter Spürhund, der sein Herrchen zielstrebig auf die richtige Fährte führt. Einmal mehr musste er sich widerstrebend eingestehen, dass es nur in Ausnahmefällen knallharte Fakten oder Indizien waren, die ihn voranbrachten. Viel häufiger waren es seine Ahnung, sein Gespür oder auch Kommissar Zufall, die ihm halfen, einen Fall aufzuklären.

Manchmal kam es ihm sogar vor, als würde nicht die Faktenlage entscheiden, ob ein Fall zu lösen war oder nicht, sondern ein … nein, kein Gott, dachte er zornig. Kein Gott, der es zulässt, dass es immer wieder die Besten trifft, während der Abschaum ungeschoren davonkommt.

Es war eher so, als ob ein Fall gelöst werden wollte – von sich aus, auch wenn das mindestens genauso absurd klang, wie die Annahme, dass eine höhere Macht unsere Geschicke lenkte. Als würde sich ein zartes unsichtbares Tuch weben, das sich über sein inneres Auge legte, auf dem sich nach und nach ein Muster oder ein Motiv abzeichnete.

Dumm nur, dass ihm das nichts nützte. Und dass er mit niemandem darüber sprechen konnte, denn seine Kollegen hätten nur Spott und Hohn für ihn übrig, würde er sie fragen, ob es ihnen ähnlich erginge. Nur Maria hatte sofort verstanden, was er meinte.

„Was soll falsch daran sein?“, hatte sie ihn gefragt, als er ihr erzählte, wie sehr er an seinem Verstand zweifelte, wenn ihm solche Gedanken durch den Kopf gingen. „Du kennst doch den alten Ausspruch, der vermeintlich von Sokrates stammt: Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

„Naja, das ist aber doch etwas anderes.“

„Vielleicht. Aber ist auch die Betonung des Satzes überliefert? Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass er es auch so gesagt haben könnte: Ich weiß, dass ICH nichts weiß? Dass all unser Wissen vielleicht aus ganz anderen Quellen stammt, als wir es glauben wollen?

Alle Weisheitslehren und Philosophien sind doch voll solcher Gedanken, erzählen vom Ich und vom Selbst, vom Erschrecken, wenn wir bemerken, dass wir mehr die Gedachten sind als die Denkenden. Erst mit Descartes hat dieser Zweifel ein Ende gefunden. Ich denke, also bin ich. Damit war die Einheit von Gedanke und Person begründet. Obwohl er selbst ja noch nicht einmal behauptet hat, dass es die Person ist, die denkt, weil es auch ein Etwas sein könnte, dessen Gedanken wir in uns aufnehmen.“

„Und du meinst nun, dieses Etwas hilft mir, einen Fall zu lösen?“, hatte er spöttisch zurückgefragt.

„Ach, schon gut, ich weiß ja, dass DU davon nichts wissen willst,“ hatte sie zurückgespottet. „Also wirst du wohl weiter an dir und deinem Verstand zweifeln müssen.“ 

Natürlich hatte er das nicht akzeptieren können. Hatte angefangen, Listen anzulegen, um sich selbst auf die Schliche zu kommen. Und sie schließlich dem Feuer übergeben, denn es führte ja zu nichts. Alles, was er wusste, war eben, dass ihn sein Gespür nicht täuschte und seine Aufklärungsrate überdurchschnittlich hoch war.

Und so musste er auch hier, am Brunnen von Alvaría, jedem Verdacht nachgehen, so unsinnig er auch erschien. Er konnte förmlich riechen, dass hier etwas Grausames geschehen war, auch wenn das dazugehörige Bild noch im Schatten lag. Lediglich eine Spur am oberen Rand des Brunnens bestätigte ihm, dass der Holzdeckel, der den Brunnen abdeckte, nicht mehr an derselben Stelle auflag, an der er sich wohl über Jahre befunden hatte. Weshalb hatten die Männer ihn abgenommen? Wurde der Brunnen überhaupt noch benutzt?

Seine Augen suchten einen Griff oder eine Einkerbung, an der sich der Deckel leichter anheben ließe, doch er fand nichts. Aus dem Kofferraum seines Toyota entnahm er die alten Arbeitshandschuhe, die er nach dem letzten Reifenwechsel noch nass darin verstaut hatte. Sie fühlten sich hart und ausgetrocknet an, aber wenigstens würden sie verhindern, dass Splitter vom dem schon morschen Holz in seine Finger eindrangen.

Doch so sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, den Deckel anzuheben. Sollte er den Padre um Hilfe bitten? Er warf einen skeptischen Blick zur verschlossenen Kirche hinüber und zog sein Handy aus der Tasche, um den Padre anzurufen, als ihm jemand von hinten auf die Schulter tippte.

Blitzschnell fuhr er herum und sah direkt in die hellblauen Augen eines Mittsechzigers, der sich ihm unbemerkt genähert hatte.

„Oh, Entschuldigung“, sagte der Mann mit hartem Akzent, „ich wollte Sie nicht erschrecken. Sie sind der Kommissar aus der Stadt, oder?“, fügte er hinzu und stellte sich Neron dann als Walter Wernig vor. „Ich dachte, Sie könnten vielleicht Hilfe gebrauchen?“

„Der verdammte Deckel ist zu schwer für mich allein“, sagte Neron.

„Na dann mal los“, antwortete Wernig und gemeinsam hoben sie den Deckel an, sodass Neron einen Blick hinab in das dunkle Brunnenloch werfen konnte. Der faulige Geruch, der ihm entgegenschlug, drehte ihm fast den Magen um, hielt ihn jedoch nicht davon ab, das Innere so genau wie möglich zu inspizieren.

Wasser konnte er darin nicht entdecken, aber an der Innenseite des Schachtes waren mit Eisenstiften befestigte Klammern angebracht, ähnlich einem Klettersteig im Gebirge. Wenn er sich nicht täuschte, musste erst vor Kurzem jemand daran hinabgestiegen sein, denn obwohl die Klammern vor Schmutz starrten, zeigten sich Abriebspuren daran. Ob er ebenfalls hinabsteigen und nach einer Spur suchen sollte?

„Das würde ich nicht tun“, sagte Walter Wernig.

„Was würden Sie nicht tun?“, fragte Neron überrascht zurück.

„Einfach so hinuntersteigen, ohne Schutzausrüstung. Da unten ist kein Wasser mehr, das Grundwasser ist stark gesunken in den letzten Jahren. Und der Brunnen darf ohnehin nicht mehr genutzt werden, weil er ohne offizielle Baugenehmigung errichtet wurde. Aber das Wichtigste ist, Sie kriegen keine Luft da unten. Also jedenfalls nicht lange. Ich weiß natürlich nicht genau, wie es da jetzt aussieht, also wie der Sauerstoffgehalt ist. Aber ich würde es an Ihrer Stelle nicht darauf anlegen.“

Entgeistert starrte Neron ihn an. „Sie meinen, man könnte da unten ersticken?“

„Ja sicher“, antwortete Wernig. „Sie wären nicht der Erste.“

„Nicht der Erste?“, fragte er panisch zurück, aber Wernig winkte ab.

„Nicht, was Sie denken“, sagte er.

„Aber wieso?“

„Erkläre ich Ihnen gern bei einem Bier“, sagte Wernig. „Und wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen mit einem Messgerät aus. Wenn Ihnen das zu kompliziert ist, können Sie natürlich auch einfach ein Grablicht hinunterlassen – so haben es die Menschen früher gemacht, wenn sie herausfinden wollten, ob der Sauerstoff für eine Reparatur ausreicht oder nicht“, fügte er grinsend hinzu. „Bevor wir Ingenieure uns ein paar bessere Methoden ausdachten.“

Neron antwortete nicht, es war ihm peinlich, dass er von solchen Dingen nichts verstand. Umso dankbarer war er, dass Wernig zufällig vorbeigekommen war. Oder war es erneut kein Zufall? Der Mann war ihm sympathisch, aber was hieß das schon. Die meisten Mörder und Verbrecher verstehen sich darauf, ihre Absichten hinter einem charmanten Lächeln zu tarnen.

„Die Einladung nehme ich gern an“, sagte er und leuchtete mit der Taschenlampe aus dem Kofferraum in den Brunnen hinab. Der Lichtstrahl war gerade stark genug, dass er ein paar Pflanzen entdecken konnte, außerdem schien sich etwas in der Größe eines Nagetiers darin zu bewegen. Von einem menschlichen Körper fehlte zu seiner Erleichterung dagegen jede Spur. Er musste also nicht selbst hinabsteigen – und den Rest sollte die Spurensicherung übernehmen. Sofern seine Vorgesetzten ihm denn glauben und noch Leute schicken würden, denn eigentlich hatte man ihm bereits signalisiert, dass es an der Zeit wäre, die Akte zu schließen.

„Würden Sie mir noch einmal helfen?“, fragte er Wernig und deutete auf den Brunnendeckel. „Nicht, dass die Leute noch angerannt kommen und uns davonjagen“, sagte er und zeigte mit dem Kopf in Richtung der Häuserreihe, von der einige Dorfbewohner mit in die Hüften gestemmten Armen nun argwöhnisch zu ihnen hinübersahen. Komisch, dachte er, dass man diese Leute nie sieht, wenn man bewusst hinschaut. Aber kaum dreht man sich weg, versammeln sie sich wie aus dem Nichts kommende Gestalten.

„Hunde, die bellen, beißen nicht“, antwortete Wernig, half ihm aber sogleich, den Deckel wieder anzuheben und über den Brunnenschacht zu legen. Schnaufend und hoch rot im Gesicht standen sie einander dann gegenüber.

„Wie war das mit einem Bier?“, fragte Neron.

„Gerne“, antwortete Wernig, „mein Wagen steht dort drüben. Fahren Sie einfach hinter mir her, hier im Dorf gibt es ja nichts.“

Neron tat, wie ihm geheißen, und die beiden Männer fuhren die flimmernde Bergstraße hinauf. Auf halber Strecke passierten sie Margrits Haus und Neron spürte das Verlangen, einfach anzuhalten, ihr guten Tag zu sagen, einen Drink mit ihr zu nehmen und für den Moment zu vergessen, weshalb er vor Ort war. Aber so einfach war sein Leben nicht, noch nicht. Ob er jemals wieder diese Leichtigkeit verspüren würde, wie sie Maria in sein Leben gebracht hatte? Er zweifelte daran.

Walter Wernigs Haus war deutlich kleiner und bescheidener als Margrits Villa und lag versteckt hinter einer hohen Hecke an einer stark abfallenden Schlucht. Ganz offensichtlich hatte sich hier jemand bewusst von der Menschheit zurückgezogen. Neron ahnte, dass er seit langem der einzige Besucher in dieser Eremiten-Behausung sein musste, in der leere Flaschen, benutztes Geschirr und jede Menge Werkzeug sich auf drei kleine Zimmer verteilten.

Doch hinter dem Haus befand sich eine aufgeräumte Terrasse, von der man direkt in die Schlucht hinab und auf die gegenüberliegende Bergwand schauen konnte. Kein Ort, um Besuch zu empfangen, dachte Neron, aber sicher einer, um sich ungestört zu fühlen. Wernig räumte ein paar deutsche Zeitschriften von der gepolsterten Sitzbank und bat ihn, Platz zu nehmen, während er zwei gut gekühlte San Miguel aus der Küche holte.

„Glas?“, fragte er.

„Nein danke“, entgegnete Neron.

„Na dann, prost!“

Die beiden Männer setzten gleichzeitig an und tranken in kleinen Schlucken von der kühlen Flüssigkeit. Neron spürte, wie die Anspannung langsam von ihm abfiel, nahm sich aber dennoch vor, auf der Hut zu bleiben.

„Wie weit sind Sie denn mittlerweile in Ihren Ermittlungen?“, unterbrach Wernig abrupt ihr Schweigen.

Neron stellte die Flasche ab und zerrieb das Kondenswasser, das sich außen daran gesammelt hatte, in den Handflächen.

„Um ehrlich zu sein, nicht besonders weit“, antwortete er. „Alles deutet darauf hin, dass es auf dem Fest der 1000 Wünsche zu einem Streit oder zu einer Eskalation gekommen ist. Aber niemand von denen, die ich bisher befragt habe, war bis zum Schluss dabei. Wie sieht es denn mit Ihnen aus“, fragte er, „haben Sie an dem Fest teilgenommen?“

Wernig nickte und nahm einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche, die er dann mit einer heftigen Bewegung auf dem mit einem Mosaik verzierten Beistelltisch absetzte.

„Auch noch eines?“, fragte er und stand auf. Neron verneinte und wartete geduldig, bis Wernig mit einer neuen Flasche zurückkehrte. Aus den Bäumen auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht erhob sich majestätisch ein Schlangenadler, dessen Flügelspanne Neron auf knapp zwei Meter schätzte. Fasziniert schaute er zu, wie der Vogel sekundenlang über einer Stelle kreiste, sich dann zielstrebig herabfallen ließ, seine Beute schnappte und elegant wieder in die Lüfte aufstieg.

„Wenn es doch so einfach wäre, nicht wahr?“, sagte Wernig. „Einfach einen Verdächtigen umkreisen, im richtigen Moment zuschnappen und ihn wie im Flug aus dem Verkehr ziehen.“

Neron nickte. Der Mann verstand, was in ihm vorging. Oder wich er ihm nur geschickt aus?

„Waren Sie nun auf dem Fest oder nicht?“, hakte er nach.

„Ja“, sagte Wernig, „war ich. „Wenn man es denn Fest nennen will. Statt einer Mordsstimmung schien eher Mordlust in der Luft zu liegen.“

„Wie äußerte sich das?“, fragte Neron.

„Na es gab dauernd Streit und so einen theatralischen Auftritt von der alten de Luna. Jeder der Augen im Kopf hatte und ein Herz im Leib konnte spüren, dass die Leute nicht gekommen waren, um zu feiern. Das habe ich auch diesem Typen gesagt, der behauptete Leandras Freund zu sein. Hau ab, habe ich ihm gesagt, spiel nicht weiter mit. Du wirst es sonst später bereuen. Aber der hat mich behandelt, als wäre ich der Irre. Dabei – man musste nur in seine Augen schauen. Betrunken noch dazu.“

„Und was ist dann geschehen?“, fragte Neron erregt.

„Weiß ich nicht. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und bin gegangen.“

„Sie sind gegangen? Einfach so?“

Wernig zuckte mit den Achseln.

„Sie kannten Leandra nicht persönlich, oder?“

„Wieso kannten?“

„Okay, sagen wir kennen. Ich jedenfalls kenne sie von klein auf. Ich lebe hier ja schon seit gut drei Jahrzehnten. Daher wusste ich: Sie zieht das durch, egal, was ich ihr sage. Ich hätte auf Knien vor ihr rutschen können. Denn in einem gleicht sie ihrer Großmutter zu tausend Prozent: in ihrem Starrsinn. Deshalb bin ich gegangen. Ich wollte das nicht weiter miterleben müssen.“

Neron lehnte sich ermattet zurück. „Was vermuten Sie, was dann geschehen ist?“

„Woher soll ich das wissen“, murmelte Wernig.

„Paco erzählte, dass es mit den Wunschkarten zusammenhing. Da standen wohl nicht solche Wünsche drauf, wie Leandra es sich gedacht hatte. Sondern Beschimpfungen und unflätige Bemerkungen.“

„Möglich ist das“, seufzte Wernig.

„Ich meine, was hat die Kleine sich denn dabei gedacht? Hat sie wirklich geglaubt, sie kann einfach so zurückkehren und Leute, die seit Jahrzehnten miteinander verfeindet sind, durch so eine Aktion versöhnen? Garantiert nicht“, fuhr er fort und redete sich in Rage, „wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, sie hat sich selbst etwas vorgemacht. Ich glaube, sie wollte zurückkehren, auch wenn sie sich das nicht eingestanden hat.

Weil Alvaría nun mal mehr ist als ihr Heimatdorf. Es ihr Lebenselixier, ihre Aufgabe, ihr Habitat. Sie ist nicht dazu geboren, sich wie eine Eidechse in der Unterwelt zu verkriechen, sie ist der Adler, die Herrscherin der Lüfte, deren Augen schauen, was niemand sonst zu sehen bekommt. Das sucht man sich nicht aus. Und das legt man auch nicht so einfach ab. Und wissen Sie was, wenn wir schon mal dabei sind: Ich glaube, auch ihr Freund hat das spätestens an diesem Abend verstanden. Deshalb war er so wütend auf sie. Deshalb hat er meine Warnung in den Wind geschlagen und …“

Erschöpft ließ auch er sich in seinem Gartenstuhl zurückfallen.

 „Also Sie meinen, Leandra wollte gar nicht zurück nach Valencia?“, fragte Neron.

„Nein, das kann man so nicht sagen. Sehen Sie“, führte er aus, „wenn Sie die Leute hier verstehen wollen, müssen Sie sich davon lösen, an Ursache und Wirkung zu glauben. Oder daran, dass etwas nach menschengemachten Plänen verläuft. Die Dinge hier ereignen sich nicht auf diese Weise.

Leandras Bestimmung war und ist es, eine Espeja zu sein. So wie schon ihre Großmutter es war. Ich weiß nicht, was die beiden entzweit hat. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie sie als Kind war, wie sehr sie ihre Großmutter liebte, an deren Lippen hing, trotz allem, was die Alte ihr angetan hat.

Und ganz sicher konnte das Leben in Valencia nichts gegen die in ihr angelegte Sehnsucht bewirken, in ihr natürliches Habitat zurückzukehren. Wenn Sie also nach ihr suchen, dann fahnden sie nicht nach einem Mörder oder Entführer. Fragen Sie sich, was sie dazu bewogen haben mag, nicht wieder nach Valencia zurückzufahren. Fragen Sie, wer oder was sie so schwer enttäuscht hat, dass sie nicht mehr umkehren konnte.“

„Sie meinen so etwas wie Verrat?“

„So etwas. Ja. Ostern eben. Die uralte Geschichte. Der Freund, der dir in den Rücken fällt. Die Geliebte, die dich verhöhnt. Der Mensch, der dir am nächsten steht und sich mit dem Mob gegen dich verbündet. Der unbändige Schmerz, schuldig zu sein, fehlbar, korrupt, von Geburt an, den niemand von uns erträgt, der uns dazu bringt, alles, was rein ist, vernichten und in den Dreck treten zu wollen.

„Das klingt jetzt aber sehr …“

„Unlogisch?“

Die beiden Männer lachten.

„Ich hole uns noch eines“, sagte Wernig und ging in die Küche. Neron widersprach nicht, versuchte das Chaos in seinem Kopf zu sortieren. Sagte Wernig die Wahrheit oder belog er ihn, um ihn auf eine falsche Fährte zu lenken? Warum sollte Leandra, die sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, eine Espeja zu sein, plötzlich zurückkehren wollen? Und warum versteckte sie sich dann, statt ihrem Wunsch einfach nachzugeben? Die Leute würden sie doch wohl mit Kusshand empfangen, sollte sie ihre Meinung zwischenzeitlich geändert haben?

Wernig stellte eine Flasche Bier vor ihm ab, aber Neron wusste, es war Zeit, sich zu verabschieden. Er musste raus aus dem Gedankensumpf, musste allein sein, um alles neu zu ordnen und zu sichten. Und es war endlich an der Zeit, diesen Isandro zu finden und zu befragen, bevor man ihm den Fall entziehen und ganz zu den Akten legen würde. War er der Verräter? Hatte er etwas getan, weshalb Leandra nicht nach Valencia zurückkehren wollte? Hatte er, wie Wernig es nannte, Leandra in den Schmutz getreten, sich mit dem Mob gegen sie verbündet?

Innerlich aufgewühlt verabschiedete er sich von Wernig, versprach, ihn auf dem Laufenden zu halten, sollte sich etwas Neues ergeben und fuhr dann in wirre Gedanken versunken die Bergstraße hinab. Wieso versteckte sich ein Ingenieur hier oben in den Bergen? Wie kam es, dass ein wissenschaftlich gebildeter Mensch an vorsintflutliche Mythen glaubte?

Vor Margrits Haus parkten ihr Cabriolet und ein schwarzer Audi, sie schien also Besuch zu haben. Zu seinem Erstaunen schmerzte der Gedanke und er wünschte sich, dass es kein Herrenbesuch wäre. Was geht dich das an, schalt er sich, gab Vollgas und überholte waghalsig einen Trecker, der langsam vor sich hintuckernd die Fahrspur blockierte.