Kapitel 13: Am Boden

„Lass uns noch einmal gemeinsam auf das Schweigen horchen.“

Ich erkannte die Schrift sofort und blickte lächelnd zu Paco hinüber. Doch auch Sandra verstand und ich konnte vom Podest aus sehen, dass die beiden wieder zu streiten begannen. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, und las den nächsten Wunsch vor.

„Ich wünsche mir einen Tanz mit dir.“ Die Leute lachten, einer von den Alemannes winkte mir fröhlich zu. Ich lachte mit.

„Nun, das ist vielleicht nicht gerade die Art von Wünschen, die gemeint waren, aber warum nicht?“, sprach ich fröhlich ins Mikrofon hinein und zog die nächste Karte vom Stapel.

„Verrate uns, wer Padre Lopez getötet hat“, stand darauf. Ruhig bleiben. Weitermachen. Nicht provozieren lassen, gab ich mir selbst Anweisungen. Schweigend legte ich die Karte zur Seite.

„Zieh dich aus!“

„Verschwinde, Verräterin!“

Sandra stand auf und redete heftig auf Paco ein. Der blickte noch einmal traurig zu mir herüber, dann verabschiedeten die beiden sich von ihren Familien und verließen den Festplatz in Richtung der Straße.

„Stimmt es, was die Dorfbewohner sagen, dass du eine Espeja bist?“

„Warum hast du uns im Stich gelassen?“

„Bekenn dich oder häng dich an den nächsten Baum!“

„Man hätte dir gleich nach der Geburt die Augen ausstechen sollen.“

Frage um Frage, Satz um Satz las ich vor wie ein Automat. Die Leute lachten, die Leute klatschten sich auf die Schenkel. Die Leute wurden ruhig, zu ruhig, die Stimmung kippte. Aus leeren Augenhöhlen starrten sie mich an, wurden ein Körper, ließen sich vom Hass einen, der sich seit meiner Ankunft wie tonnenschwerer Saharastaub über das Dorf verteilt hatte.

Verzweifelt blickte ich zu Isandro, der sich zu Pepe und den anderen Männern an den Tisch gesetzt hatte. Er wich meinem Blick aus. Noch. Ich legte die Karten beiseite, ich würde es beenden müssen. Doch die Runde buhte mich aus, skandierte wie aus einem Hals: „Zugabe! Zugabe! Zugabe!“

„Wann hast du es das letzte Mal mit dem Teufel getrieben?“, las ich die nächste Frage vor. Immer härter wurden die Beschimpfungen, immer obszöner die Wünsche.

Doch es waren nicht allein ihre Worte, die mir das Entsetzen ins Herz rammten. Es war die sich ins Maßlose steigernde Wut, die sich in Isandros Gesicht spiegelte.

Es war der Moment, in dem Du, Geliebter, Dein Einverständnis gabst. In dem Dein über die Jahre vergrabener Unmut sich einen Weg hinaus bahnte. In dem alles, was ich Dir verweigert hatte, sich gegen mich verkehrte.

Hatte ich Angst, zitterte ich, fürchtete ich, sie würden über mich herfallen?

Man fürchtet sich nicht in jenem Moment, in dem der eigene Tod nah und unausweichlich vor Augen steht. Jede Gewissheit ist klar, ruhend, von Angst befreit, sei es auch die der eigenen Sterblichkeit.

Statt Furcht verspürte ich Mitleid mit ihnen, denn mit der einsetzenden Gewissheit öffnete sich auch Bilderwelt, sog mich auf wie eine virtuelle Realität, in der ich klar und deutlich erkannte, wer sie waren, wie sehr ich sie gedemütigt hatte. Jeden einzelnen von ihnen.

Noch einmal traf ich Pepe, den Witwer, in seinem Laden, und sah, wie er den Frauen sehnsüchtige Blicke zuwarf. In meinen Augen brach sich sein Begehren, wurde zu einer schmutzigen Fantasie.

Ich saß mit Alejandro im Heu, der stockend zu mir von seinen geheimen Gedanken sprach, von dem Wunsch, Frau und Kind zu verlassen, um irgendwo in der Ferne ein neues Leben anzufangen. Seinen Traum ein einziges Mal teilen zu können, half ihm, ihn nicht ausführen zu müssen. Doch zahlte er einen hohen Preis dafür, denn er musste fortan mit meinem vernichtenden Urteil leben, mit meiner Missbilligung, die sich hart und unversöhnlich bemerkbar machte, jedes Mal, wenn wir einander begegneten und ich versuchte, ihm auszuweichen.

Ich erblickte Camila, die ich stets verachtet hatte, weil sie ihre Gier nicht beherrschen konnte und sich abends heimlich an den kargen Vorräten zu schaffen machte, von denen ihre Kinder kaum satt wurden.

Ihre nahm eines der vielen kleinen Geschenke von Alma entgegen, die so gern meine Freundin gewesen wäre. Doch ich hatte sie zurückgewiesen, ich wollte nicht mit jemandem befreundet sein, der nicht einmal in der Lage war, stolperfrei lesen und schreiben zu lernen.

Ich schaute Martinez und den anderen Familienvätern dabei zu, wie sie Schafe und Hühner von den Bewohnern der umliegenden Dörfer stahlen und heimlich schlachteten, damit sie und ihre Familien sich davon ernähren konnten. Und ich sah mich, die sich weigerte, Fleisch zu verzehren, weil ich die Panik der Tiere riechen und schmecken konnte, nicht aber die der Menschen.

Ich dachte an Margrit, die so viel Leid ertragen musste, weil ich sie feige im Stich gelassen hatte. Und ich blickte in Padre Lopez‘ furchtsames Herz, das zu schlagen aufhörte, nachdem er in meinen Augen den Tod entdeckt hatte, den ich ihm so sehr wünschte.

Hatte ich ihn mit meinen magischen Fähigkeiten getötet? Die Frage war so belanglos wie lächerlich. Ich war schuldig geworden, an jedem von ihnen. Ich kannte all ihre Geheimnisse und Sehnsüchte, ihre Ängste und Zweifel, ihre verborgenen Wünsche und Missetaten. Ich hatte mich ihnen überlegen gefühlt, weil ich stark und unfehlbar zu sein schien. Und eben das war mein größtes Vergehen. Ich hatte sie gespiegelt, aber niemals angenommen, sie erkannt, aber nicht verstanden, wie lästige Fliegen hatte ich sie und ihre Schicksale abgeschüttelt. 

Ich hatte mich über sie gestellt, hatte gemeint, sie richten zu dürfen. Ich war davon gelaufen und hatte sie ihrem Schicksal überlassen, das ohne mich kein Ende nehmen würde, weil sie nichts als Untote waren, die auf Erlösung hofften. Sie hatten alles Recht der Welt, mich dafür zu hassen.

Mein Blick wanderte zurück zu Isandro, dessen Liebe sich an mir zerrissen hatte, weil sie menschlich war und Menschliches forderte. Zielstrebig kam er auf mich zu, zog mich vom Podest fort, nahm mir das Mikrofon aus der Hand.

„Lass es uns beenden“, sagte er. „Jetzt.“

Ich antwortete nicht, die Leute standen auf, bildeten einen Kreis um uns und den Brunnen.

„Du willst die Leute einen?“, fragte er. „Dann bitte, bring dein Opfer.“

Paco stieß mich zum Brunnen, von dem Alejandro zusammen mit einem der Deutschen den großen Holzdeckel abhob. Für einen Moment verstummte alles Leben – doch fühlte nur ich es oder stockte der Welt der Atem? Ich schaute zum Monte Alvaran hinüber, selbst das Unwetter schien zu verharren, reglos, doch ohne einen Hauch von Mitgefühl, ließ es das Ungeheuerliche ein weiteres Mal geschehen.

Nur noch wenige Minuten, vielleicht eine halbe Stunde, dann würde es auf das Dorf herabregnen, gleichgültig alle Spuren verwischen von dem, was mir nun bevorstand. Wenn es dann noch Spuren davon geben würde.

„Steig hinab!“, forderte Paco mich auf.

Fassungslos starrte ich ihn an. Der Kreis zog sich enger und enger, schon begannen die ersten zu zischeln.

„Na los doch, zeig uns, dass du etwas Besonderes bist.“

„Wo ist sie denn nun, deine große Allmacht?“

„Komm schon, du bist doch eine Espeja, dir wird doch nichts geschehen.“

Von der Bühne erklang das rhythmische Schlagen eines Tambourins. Eine der älteren Frauen löste sich aus dem Kreis und tanzte mit ausholenden Bewegungen und unbewegter Miene den Tanz der Sterbenden, wie man es seit Ewigkeiten in Alvaría tat, wenn in einem Haus ein Sterbenskranker die letzte Schwelle überschritt.

Sie beendete das Schauspiel auf den Takt genau, schleuderte ihre Hände in meine Richtung, als wären sie Fackeln, und ließ sich dann vor mir mit dem Gesicht zur Erde und gebeugtem Rücken zu Boden fallen. Aus der Ferne erklang ein Grollen.

Hätte ich entkommen können? Vielleicht. Doch ich wollte nicht entkommen. Ich wollte nicht länger davon laufen. Es war an der Zeit, mich selbst schonungslos zu betrachten, meine Wahrheit und damit meine Schuld anzuerkennen, die ich nicht länger leugnen konnte. Ich hatte sie in ihrer Menschlichkeit enttarnt und gerichtet, statt ihr Leid zu mildern.

Ich war in Sünde geboren, hatte den Tod meiner Eltern zu verantworten, hatte Großmutter allein in ihrem Schmerz zurückgelassen und ein ganzes Dorf ins Elend gestürzt. Und mich dabei gefühlt, als wäre ich eine Heilige.

Ich musste büßen, die Strafe annehmen. Ich musste beweisen, dass auch ich verletzlich, fehlbar, nur ein Menschenkind war. Ich musste sterben, damit eine andere meinen Platz einnehmen konnte – und zwar ohne, dass sie selbst mir ein Haar krümmen würden. Keiner aus dem Dorf durfte mich anrühren – doch Isandro gehörte ja nicht zu ihnen.

Ich sah dem Geliebten ein letztes Mal in die Augen, gequält wandte er den Blick ab. Er wusste, was er tat, aber nicht, warum er es tat. Wir waren gefangen in einem Alptraum aus Ritual und unserem Glauben daran, ohnmächtige Figuren auf einem Schachbrett zu sein, auf dem ein anderer die Züge und den Ausgang des Spiels bestimmte.

Ich dachte an meinen dunkelhäutigen Mitreisenden im Zug, dem ich nicht geholfen hatte. Ich begriff, wie behäbig ich mich eingerichtet hatte in meinem tatenlosen Selbstmitleid, in meiner selbst gewählten Machtlosigkeit, im Gefühl, ein Opfer zu sein. Ich hätte eine Espeja sein können und hatte mich dafür entschieden, ein kleines belangloses Leben gegen dieses einzigartige Vermächtnis einzutauschen.

Isandro musste mich nicht weiter stoßen, ich wollte nicht, dass er die Hand noch einmal gegen mich erhob. Ich kletterte auf den Brunnenrand, ein fauliger Geruch schlug mir entgegen. Vorsichtig setzte ich meinen Fuß auf die oberste der Klammern, die in den Schacht eingelassen waren, stieg Stufe um Stufe hinunter, stieß mich einen Meter vom morastigen Boden entfernt schließlich ab und sprang, bereit zu sterben.

Ein stechender Schmerz im Fußgelenk ließ mich aufschreien, ich stürzte, fiel auf modernden Grund. Mein Fuß stand seitlich ab, als würde er nicht zu mir gehören. Doch ich weinte nicht, ich umarmte den körperlichen Schmerz wie den Gestank, weil sie die Seelenpein übertönten. Es sollte mir recht sein, wenn es nur schnell ginge.

Auf den Boden gekauert hörte ich sie jubeln. Ich hatte mein Ziel erreicht, das Projekt erfolgreich beendet, aus Feinden waren Komplizen geworden. Während mein Atem langsam verflachte, fielen Dorfbewohner und Alemannes einander betrunken und geeint in die Arme. Dann wurde es schlagartig still, es folgten Blitz und Donner und ein sintflutartiger Regen setzte ein. Ich versank in einer tiefen Ohnmacht.