Der Aufbruch

Das Gespräch mit Wernig spukte Neron auf dem Rückweg noch im Kopf herum, aber er war zu unkonzentriert, um seine Gedanken zu ordnen und vernünftige Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. An der Tankstelle hielt er kurz an, besorgte sich einen Sechserpack Bier und nickte Sandra, die sich ebenfalls im Ladenraum aufhielt, kurz zu.

Die junge Frau nickte schuldbewusst zurück, er hatte das Gefühl, dass sie ihm etwas sagen, dass sie Abbitte leisten wollte, weil sie Leandra an jenem Abend geopfert hatte, um einen kleinen gehässigen Sieg zu erringen. Naja, geopfert, dachte er, ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber er würde sich hüten, ihr für ihr Verhalten Absolution zu erteilen. Dafür gab es ja den Pfaffen.

An seiner Pension angekommen erwog er, das Bier in eine Plastiktüte zu packen, um es an der Señora vorbeizuschmuggeln, entschied sich aber dagegen. Sie hatte kein Recht, ihm ein harmloses Vergnügen zu untersagen. Und tatsächlich verkniff sie sich eine Bemerkung, als er mit dem Träger unter dem Arm an ihrem mit Plexiglas abgeschirmten Kabuff vorbeischlich, dann jedoch, da sie ihn ohnehin schon ertappt hatte, noch ein paar Sandwiches fürs Abendbrot aus dem Automaten zog und schließlich trotzig aufstampfend weiter in den fünften Stock stiefelte.  Doch gerade ihr missbilligendes Schweigen hallte so stark nach, dass er es wie einen Druck im Nacken spürte, noch als er die Tür zu seinem Zimmer längst hinter sich geschlossen hatte.

Neron öffnete das Fenster, aber es machte kaum einen Unterschied, denn die Luft stand, stickig und still, außen wie innen. Er ging ins Bad, um sich zu erfrischen, angelte dann das Smartphone aus der Tasche, stellte die Bierflaschen neben das Bett, zog die Schuhe aus, nahm die Tagesdecke ab und schüttelte die Kissen auf, um sich einen gemütlichen Sitzplatz zu schaffen, ohne etwas zu beschmutzen.

Da er weder Flaschenöffner noch Feuerzeug zur Hand hatte, hielt er zwei Flaschen schräg aneinander, um sie mit Druck zu öffnen, platzierte sie neben sich auf dem Nachttisch, bastelte sich aus einer alten Zeitung einen Teller und legte die Sandwiches darauf ab. Sein Smartphone zeigte mehrere entgangene Anrufe an, darunter seine Dienststelle, es war also höchste Zeit, sich dort zu melden.

Es dauerte einige Sekunden, bis Martinez seinen Anruf annahm, und natürlich geschah dies gerade in dem Moment, als er es nicht mehr ausgehalten und von seinem Käsesandwich abgebissen hatte. Und so antwortete er mit einem kurzen Husten, gefolgt von einer Schluckpause, nachdem der Kollege in Valencia professionell seinen Namen und die Dienststelle in den Hörer des Festnetztelefons gesprochen hatte.

„Na endlich“, knirschte Martinez schon weniger professionell zwischen den Zähnen hervor, als er verstanden hatte, wer ihn da anhustete, „wir wollten schon eine Vermisstenmeldung aufgeben. Neue Anweisung vom Chef, Sanchez meint, du darfst dich auf den Heimweg machen.“

„Mal langsam“, antwortete Neron ebenso schroff. „Habt ihr denn mittlerweile das Alibi von Leandras Freund überprüft?“

„Alibi?“, klang es spöttisch zurück, „wieso? Hast du eine Leiche? Er braucht kein Alibi. Keine Leiche, kein Alibi. Weißt du doch.“

„Aber er hat gelogen, er war hier, ich habe Zeugen.“

„Ach, komm schon, Neron, wir lügen alle. Jeden Tag. Mehrfach. Meine Güte, er hatte halt Angst, in Schwierigkeiten zu geraten. Wer hätte das nicht, wenn ihn ein Mordskerl wie du befragen will.“

Neron wurde wütend. Wie oft hatte er diese Gleichgültigkeit schon kritisiert, wie oft hatten sie schon über den Sarkasmus gestritten, mit dem seine Kollegen versuchten, sich vom täglichen Elend zu distanzieren. Und speziell Martinez machte sich mehr Gedanken um seine Work-Life-Balance, wie er es nannte, statt um die Aufklärung der ihm anvertrauten Fälle.

„Hol mir Sanchez ans Telefon“, verlangte er.

„Ist nicht hier“, antwortete Martinez. „Hat mir aber aufgetragen, dich anzurufen. Denn noch einmal: Der Mann braucht kein Alibi. Es gibt keinen Fall mehr. Also melde den Namen der Lady ans Zentralregister der Vermisstenstelle und mach dich flugs auf den Rückweg. Ansonsten müsstest du unbezahlten Urlaub nehmen – hast eh schon zu viele Überstunden angehäuft.“

Mit einem heftigen Wischen beendet Neron das Gespräch. Es fühlte sich gut an, fast wie der Schnitt mit einem Messer, aber es brachte ihn nicht weiter, wie er sich sogleich eingestehen musste. Wieder einmal hatte ihn sein Jähzorn ins Aus katapultiert, als er geduldig und souverän hätte argumentieren müssen.

Vier Minuten nach drei. Wenn er sofort auscheckte und es keine Staus gab, könnte er noch vor Sonnenuntergang in Valencia sein und einen gemütlichen Abend auf der Terrasse seiner Erdgeschosswohnung verbringen.

Vielleicht wäre es wirklich das Beste, die Ermittlungen einzustellen. Der Kollege hatte ja Recht, es gab keine Leiche, keinen Fall, keine Spuren. Nur ein missglücktes Fest und eine erboste Menge, aber das war nach allem, was er über Leandras Vorgeschichte erfahren hatte, bedeutungslos. Sie hatte schließlich nicht erwarten können, dass dieselben Leute, die sie vor Jahren geflohen war, sie mit Kusshand empfingen.

Und während sie sich wohl einfach aus dem Staub gemacht hatte, war er in eine Parallelwelt geraten, hinter eine Spiegelfläche, die ihn abblitzen ließ und ihn zugleich immer weiter in ein dunkles Labyrinth zog, in dem die Gefahr bestand, sich verlieren. Denn hinter dem Spiegel war nichts als Dunkelheit, das einsame Verharren von Gestalten, die die Erde schon bald in sich aufgenommen haben würde. Und Leandra war letztlich dann doch eine von ihnen – wer weiß, ob sie nicht längst irgendwo darauf wartete, dass er abreiste, um …

Unsinn, schalt er sich. Was habe ich damit zu tun? Sollte sie sich einfach melden, dann wäre die Sache erledigt.

Oder gab es doch einen Hinweis auf ein Verbrechen? Möglich. Aber so sehr er sich auch den Kopf zerbrach, er würde den Fall nicht lösen können. Er würde sich damit abfinden müssen. Rund 20.000 Kinder und Jugendliche wurden jährlich in Spanien als vermisst gemeldet, in ganz Europa klingelte alle zwei Minuten das Telefon bei einer Vermisstenstelle. Lediglich ein Bruchteil davon führte zu einem Verbrechen, meist wurden die Ausreißer irgendwo aufgegriffen.

In die Medien aber schafften es nur die spektakulären Berichte, über die man sich offen entrüsten konnte. Weil in diesen wenigen Fällen nicht die Väter, Mütter, Tanten, Onkel, Geschwister, Ehemänner und zuweilen die Ehefrauen Schuld auf sich geladen hatten, sondern Fremde.

Wie damals, als er schon einmal mit seinen Ermittlungen ins Leere gelaufen war und man ihn einer öffentlichen Hetzjagd aussetzte, als wäre er selbst der Entführer. Fast 30 müsste das Opfer heute sein, rechnete er rasch nach, verbot sich dann aber das Grübeln und fing missmutig an, seinen Koffer zu packen. Den Rufmord der Medien hatte er locker weggesteckt. Doch noch heute quälte es ihn, dass er den verzweifelten Eltern nicht hatte helfen können.

Leandra aber hatte keine Eltern mehr, keine Familie, die um sie litt – nur eine störrische Großmutter, die mit dafür verantwortlich war, dass sie Alvaría vermutlich ein zweites Mal fluchtartig verlassen hatte. Und nicht einmal die wenigen Menschen, die ihr wohlgesinnt waren, gingen von einem Mord oder einem Verbrechen aus. Aber warum versteckte sie sich dann?

„Fahnden Sie nicht nach einem Mörder oder Entführer. Fragen Sie sich, was sie dazu bewogen haben mag, nicht wieder nach Valencia zurückzufahren. Fragen Sie, wer oder was sie so schwer enttäuscht hat, dass sie nicht mehr umkehren konnte“, hörte er Wernig sagen. Es gab nur einen, der in dieser Hinsicht infrage kam. Isandro. Kaum hatte der Gedanke ihn erfasst, fühlte Neron, wie sein Instinkt und sein Zutrauen zurückkehrten. Dann würde er diesen Typen halt selbst befragen, sobald er zurück in Valencia wäre.

Sollte er also doch sofort abreisen? Unschlüssig horchte er in die lastende Stille der Pension. Die schweren Teppiche verschluckten fast alle Geräusche, nur hin und wieder hörte man jemanden im Flur tuscheln oder eine Klospülung rauschen.

Und doch wurde er das Gefühl nicht los, dass er etwas Wesentliches übersehen hatte, was sich ihm gerade hier, an einem komplett neutralen Ort, an dem nichts auf Leandra oder den Fall deutete, offenbaren würde. Als wäre sie ausgerechnet hier in seiner Nähe, als könnte er ausgerechnet hier Kontakt zu ihr aufnehmen, mit ihr sprechen, sie um Hilfe bitten, ihren Fall zu lösen.

Junge, du verlierst den Verstand, rief er sich zur Ordnung. Niemals zuvor hatte er eine solch tiefe innere Verbindung zu einem Fall verspürt. Niemals hatte ihn ein Fall auf diese Weise berührt. Er nahm Leandras Foto zur Hand, legte es vor sich auf den kleinen Schreibtisch. Verdammt, sag mir, wo du bist, flehte er innerlich.

Doch das Foto antwortete nicht. Bis es ihm auffiel. Sie trug einen lindgrünen Schal, in den ein frühlingsfarbenes Muster eingewoben war. Dieselben Farben, die Maria so sehr geliebt hatte. Das ist es also, dachte er. Sie erinnert mich an dich.

Glücklich, wenn auch nicht ganz überzeugt, auf diese Weise eine logische Erklärung für seine innere Beteiligung gefunden zu haben, steckte er das Foto zurück in den Aktenordner, sammelte noch ein paar Utensilien ein und richtete das Zimmer so her, dass die Señora mit ihm zufrieden wäre.

Nur die Bierflaschen musste er stehenlassen, weshalb er einen Fünf-Euro-Schein und einen Zettel, auf den er „Danke für Ihre Mühe“ schrieb, daneben legte. 

Hätten wir doch noch mehr von diesen Frauen in Valencia, dachte Neron, amüsiert über seinen ängstlichen Versuch, sich nicht den Zorn einer alles kontrollierenden älteren Dame zuzuziehen, „das würde die Aufklärungsquote sicher deutlich nach oben treiben.

Dabei war Valencia ohnehin ein vergleichsweise sicherer Ort, sogar für die Touristen, die es nicht lassen konnten, auf ihren Sightseeing-Touren goldene Uhren und Schmuck zu tragen, und die sich dann wunderten, wenn irgendein Kleinkrimineller ihnen das Zeug vom Leibe riss. Jedenfalls hätte er mit den Kollegen aus Barcelona nur ungern tauschen mögen.

Die Kirchturmuhr schlug halb vier und Neron verstand dies als Aufforderung, eine Entscheidung zu treffen. Er beschloss, abzureisen, zuvor jedoch ein letztes Gespräch mit dem Padre zu führen. Was immer auf dem Festplatz auch geschehen war, er konnte sich nicht vorstellen, dass Tohias davon nichts mitbekommen haben sollte.

 

Die Señora war nicht begeistert über seine plötzliche Abreise und teilte ihm barsch mit, dass er das Zimmer zumindest für diese Nacht noch bezahlen müsse.

„Abreise ist bis 11 Uhr“, sagte sie, „sonst kann ich ja nicht weitervermieten.“

„Kein Problem“, entgegnete Neron freundlich, „setzen Sie die Übernachtung einfach mit auf die Rechnung.“

„Ich müsste eigentlich erst das Zimmer prüfen“, sagte sie und schaute ihn skeptisch an, „ob alles in Ordnung ist.“

Neron blickte ungeduldig auf die Uhr, deren Saphirglas trotz aller behaupteten Kratzfestigkeit bereits erheblich gelitten hatte. „Sie haben doch meine Adresse in Valencia, Señora, also falls noch etwas sein sollte, …“

„Jaja“, unterbrach sie ihn unwirsch, „was glauben Sie, wie oft ich das zu hören bekomme? Die junge Frau, die das Zimmer vor Ihnen gemietet hatte, ist auch einfach so abgehauen, ihr Freund hat bezahlt, sie hat sich nicht mehr blicken lassen. Und was für ein Chaos haben die hinterlassen, der Kühlschrank voll mit angebrochenen Lebensmitteln, überall schmutzige Wäsche und ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ich da noch so gefunden habe.“

Entgeistert starrte Neron sie an. „Wie hieß sie?“, stieß er hervor.

„Wie hieß wer?“, fragte die Señora geistesabwesend zurück, die soeben ein Formular zur Hand genommen hatte, um ihm eine Rechnung auszustellen.

„Der Gast, also die junge Dame, von der Sie gerade sprachen.“

„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen darf“, entgegnete sie.

„Dürfen Sie“, sagte Neron und zog seinen Dienstausweis hervor.

„Na dann, warten Sie, hier, ihre Anmeldung: Leandra de Luna, wie Sie aus Valencia.“

Dann zählte auch sie eins und eins zusammen.

„Sie sind doch nicht etwa ihretwegen hier?“, fragte sie erschrocken. „Ich meine, sie war sehr nett, aber ich war natürlich wütend, dass sie einfach so … ist ihr etwas geschehen?“

Neron versuchte, seiner Stimme einen beruhigenden Tonfall zu verleihen. Die alte Dame tat ihm leid, es lagen einige schlaflose Nächte vor ihr, in denen sie sich fragen würde, was mit ihrem Gast passiert war, sich Vorwürfe machen würde, dass sie schlecht über Leandra gedacht hatte.

„Und sie war in Begleitung eines Mannes?“, fragte er.

„Ja, nein, also anfangs nicht. Er ist am Gründonnerstag angereist. Und weil er so freundlich war und sie überraschen wollte und sie ja ohnehin ein Doppelzimmer gemietet hatte, habe ich eine Ausnahme gemacht. Die beiden waren ja offensichtlich ein Paar und heute muss man ja nicht mehr verheiratet sein, um …“

„Schon gut“, unterbrach sie Neron. „Also er hat das Zimmer bezahlt?“, fuhr er dann nach einer kleinen Pause fort. „Und die junge Frau haben Sie nicht mehr zu Gesicht bekommen? Hat er Ihnen irgendetwas darüber erzählt, wohin sie verschwunden ist?“

„Nein“, antwortete sie. „Er wirkte sehr aufgeregt und hat nach Alkohol gerochen, hat mich schon um sechs Uhr morgens um die Rechnung gebeten, als ich noch dabei war, die Sandwiches für den Automaten vorzubereiten. Wissen Sie, ich würde auch lieber ein richtiges Frühstück anbieten, aber allein schaffe ich das alles nicht. Mein Mann ist ja schon vor Jahren gestorben und …“

„Also, Sie wissen nicht, ob Leandra vielleicht im Auto auf ihn wartete“, unterbrach er sie ein weiteres Mal unhöflich.

„Leider nein“, antwortete sie sichtlich gekränkt und schob ihm das ausgefüllte Rechnungsformular durch die runde Öffnung der Plexiglasscheibe.

„Dann bedanke ich mich, Señora“, antwortete Neron, nahm die Rechnung in die eine, den Koffer in die andere Hand und stob polternd die Treppen hinab.

Jetzt bist du dran, Isandro, dachte er, als er seinen Toyota aufschloss, und  zu seinem Erstaunen feststellte, dass er sich auf die Rückkehr nach Valencia freute wie auf ein lange ersehntes Geschenk.