Aus der Tiefe rufe ich zu Dir

Der Regen pausierte, als ich wieder zu mir kam. Ich spürte die feuchte Kälte, die sich unerbittlich einen Weg unter meine Haut bahnte, meinte, den Lockruf der Erde zu vernehmen, die bereit war, mich aufzunehmen. Gib dich einfach hin. Hadere nicht. Versuche gar nicht erst, zu entkommen. Aber noch schlug mein Herz, wärmte und nährte mich mein Blut, konnte ich atmen und ausharren. Oder fühlte sich so bereits das Sterben an?

Das Sterben ist nichts als ein Ende der Lebendigen, ein Anfang des Todes, kam mir eine alte Textstelle in den Sinn, ich erinnerte nicht, wo und wann ich die Worte gelesen hatte. Und doch hatte sie sich mir eingeprägt, hatte mir verdeutlicht, dass das Sterben kein abrupter Übergang war, kein plötzliches Aus, sondern ein Prozess, der niemals endete. Wann würde es beginnen? Wie würde ich es wissen?

Schlotternd setzte ich mich auf, zog die Knie an den Leib, steckte die Hände unter die Achseln und versuchte, mich zu beruhigen. Wenn ich schon sterben musste, wollte ich es in Würde tun. Ich senkte die Lider, wie ich es von Großmutter gelernt hatte und hob, so gut es eben ging, meine Handflächen in Richtung der Brunnenöffnung.  

„Wenn du die Augen offen hast, kannst du nicht in Kontakt mit dem reinen Unbewussten kommen“, hatte sie gesagt. „Schließt du sie ganz, wirst du ein Opfer deiner eigenen Bilderwelt, die sich in deine Erinnerung eingebrannt hat und dir etwas als wahr vorgaukelt, was doch nur deiner Fantasie entspringt. Senke die Lider, lass den Blick ziehen, atme gleichmäßig, halte dich aufrecht und konzentriere dich auf nichts als das einfallende Licht.

Stell dir vor, du würdest nicht durch die Luft hindurchblicken, sondern mitten hinein, wie in einen geöffneten Spalt. Dort findest du den Spiegel der Unendlichkeit. Schaue nur, was sich darin offenbart. Versuche es.“

Zu ihrer und meiner Überraschung gelang es mir auf Anhieb. Und nicht nur das, ich erkannte, dass es mir schon zuvor viele Male gelungen war, zwischen die Welten zu schauen, das Davor und das Danach, das Zeit und Raum trennte, zu verbinden, in ein Niemandsland einzutauchen, in das mir keiner folgte. Nur hatte ich es bis dahin nicht bemerkt, hatte einfach in stillen Momenten verharrt, den Kopf gehoben, die Augen auf einen Punkt in der Unendlichkeit des Raumes gerichtet und war unwissentlich hinübergeglitten.

Erst durch Großmutters Unterweisung begriff ich, dass das, was mir selbstverständlich schien, mich zugleich von anderen trennte: meine Art zu sehen, zu hören, wahrzunehmen, in Kontakt mit Bildern und einem Wissen zu kommen, das Normalsterblichen verschlossen blieb, von dem sie erst im Sterben einen Eindruck erhaschten.

Doch ich war zu erschöpft. Bevor ich durch den Spalt entkommen konnte, öffnete sich Bilderwelt und zeigte mir Padre Lopez, wie er sich angsterfüllt zum Herzen griff. Dann wandelte sich sein Antlitz, aus Furcht wurde Hass und er glich sich der diabolischen Fratze an, die er in der Dorfkirche als Türzieher angebracht hatte.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, rief er mir drohend zu und starrte mich grimmig an. Das passte zu ihm, hatte er doch immer das Alte dem Neuen Testament vorgezogen. Hatte er jemals die Liebe, das Leben, den Menschen geehrt und gefeiert? Hatte er jemals aus Vollmacht gepredigt statt aus Verachtung? War er je der lebendigen Lehre statt den toten Buchstaben seines Gesetzes gefolgt?

„Du willst dich erneut wiedersetzen?“, rief er und kam drohend auf mich zu. „Du glaubst, du verstehst mehr vom Schöpfer und der heiligen Lehre als ich?“

Ich fühlte, wie meine Glieder nachgaben, wie ich langsam in eine Lähmung verfiel. Ich musste sofort handeln, entweder ganz in das Bild hineingehen und es verändern oder aber den Spalt schließen. Hastig öffnete ich die Augen und versenkte Lopez dorthin zurück, wohin er gehörte: in die dunkle Gruft des Vergessens.

An der Brunnenwand bewegte sich etwas, holte mich ins Hier und Jetzt zurück. Ich konnte nicht sehen, was da hektisch auf und ab kletterte, doch am leisen Zirpen, das in eine Art Quaken überging, erkannte ich, dass es ein Nachtgecko sein musste. Rief er mich? Wollte er mir etwas zeigen?

Vermutlich sprang er völlig absichtslos im Brunnen herum, doch einmal mehr verstand ich, dass die vom Geist belebte Natur klüger ist als unser Verstand, wenn wir ihre Zeichen zu deuten verstehen. Sind wir nicht selbst mindestens so sehr Tier wie Pflanze? Sind wir nicht von einem Geist beseelt, der alle Lebewesen miteinander verbindet?

Nicht der Vernunft folgen wir daher in extremen Situationen, sondern einer Intuition, die ganz auf das Bedürfnis des Leibes gerichtet ist. Solange wir atmen, sind wir vom Leben umfangen, von der Gnade, von der Endlichkeit, die sich an sich selbst erfreut.

Und so entfachte dieses winzige Tierchen allein durch sein Erscheinen neue Hoffnung in mir, ohne dass es auch nur einen Moment darüber nachgedacht oder eine Absicht verfolgt hätte. Gab es einen Lüftungsschacht, durch den er hereingekommen war? Hatte ich mir nur eingebildet, dass ich dem Ersticken nah war, weil meine Erwartung mich täuschte?

Wo Hoffnung ist, ist Leben, wo wahrhaftiges Leben ist, besteht der Wunsch, das Schlechte zum Guten zu verändern. Trotz der wahnsinnigen Schmerzen, die es mir bereitete, versuchte ich, mich aufzurichten, tastete im Dunklen nach den Klammern, wollte den Aufstieg wagen.

Doch vergeblich. Mein linker Fuß knickte weg, sobald ich ihn auf die unterste Klammer setzte. Enttäuscht ließ ich mich zurück auf den morastigen Boden sacken. Es gab kein Entkommen. Nur Dunkelheit, Kälte und die Rückkehr des Unwetters, das sich durch einen kalten Lufthauch, der sich bis zu mir herabsenkte, ankündigte.

Aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir. Erhöre meine Stimme, lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens … wie oft und wie inbrünstig ich diesen Psalm gebetet hatte, nicht wissend, dass er eines Tages zu meiner absurden Wahrheit werden würde. Aber kein Himmel öffnete sich, kein Engel fuhr herab, keine Stimme eines göttlichen Geistes sprach zu mir. Nur die Ahnung eines Schattens kam näher, die Wärme eines Leibes, der langsam zu mir herabstieg. Fantasierte ich, war ich bereits im Fieberwahn?

Ich erkannte ihn erst, als er direkt vor mir stand und sich zu mir in die Hocke setzte. Er trug denselben Ledermantel wie bei unserer ersten Begegnung am Bahnhof von Valencia.  

„Wir haben nicht viel Zeit“, flüsterte er, als könnte uns jemand hören. „Bist du verletzt?“

Vor Schreck hatte es mir die Sprache verschlagen und ich deutete stumm auf meinen Fuß.

Der Fremde nickte, prüfte tastend meinen Knöchel. Dann stand er auf, beugte sich herab, fasste mich an den Armen und zog mich mit einem Ruck hoch. Ich stöhnte auf vor Schmerz, aber er achtete nicht darauf. Wer er war? Was er von mir wollte? Woher er plötzlich kam? Ich dachte nicht darüber nach, ließ dem Geschehen seinen Lauf.  

„Tut mir leid“, sagte er und hievte mich mit einer weiteren kraftvollen Bewegung auf seinen Rücken.

„Halt dich gut fest!“

Keuchend setzte er seinen Fuß auf die unterste Klammer. Würde sie das Gewicht halten? Sprosse um Sprosse ging es dann hinauf. Ich versuchte, nicht zu denken, nicht zu schreien, nicht zu jubeln, rein gar nichts zu empfinden. Doch je näher wir der Brunnenöffnung kamen, desto größer wurde die Angst, dass er es nicht schaffen würde, dass wir gemeinsam abstürzten, dass es kein gutes Ende nähme.

Oben angekommen wies er mich an, über den Brunnenrand zu klettern, auch wenn es schmerzte. Doch statt seinen Worten zu folgen, klammerte ich mich panisch fester an ihn, sodass er mich förmlich abschütteln, auf den vom Regen durchnässten Boden der Freiheit werfen musste. Und endlich konnte auch er aus dem Brunnen steigen und fiel erschöpft neben mir nieder.  

Die Kirchturmuhr schlug drei, als wir es wagten, uns wieder zu regen. Wir waren allein, das Dorf schwieg wie der Himmel, doch schon bald würde der erste Hahn die Alten wecken und sie würden uns bemerken. Es war an der Zeit, sich aus dem Staub zu machen.

Auf  ihn gestützt hüpfte ich auf einem Bein neben ihm her in Richtung Kirche, deren Tür von außen durch einen quergelegten Balken verriegelt war. Offensichtlich hatten die Dorfbewohner den Padre, der in der Kirche die Osterwache hielt, eingesperrt, damit er mir nicht zur Hilfe kommen konnte. Sollten wir den Balken entfernen und in der Kirche Schutz suchen? Ich sah, wie es hinter der Stirn des Fremden arbeitete.

„Was meinst du?“, fragte er.

„Lass uns lieber verschwinden“, antwortete ich. „Hier“, ich zog den Autoschlüssel aus der Hosentasche, „kannst du fahren?“

„Klaro“, sagte er und sah mich liebevoll an.

Es war der Moment, in dem ich begriff, ohne zu wissen. Er war kein Fremder. Er war mein Vater. Erschöpft, glücklich, zu Tränen gerührt stützte ich mich erneut vertrauensvoll auf ihn, damit wir mit dem kleinen roten Smart des Bürgermeisters dem großen hässlichen Zorn der Dorfbewohner entfliehen konnten.