Der Zusammenbruch

Das helle Steinhaus, in dem Padre Tohias wohnte, lag nur wenige Schritte von der Kirche entfernt, aber abseits des eigentlichen Dorfkerns. Das Anwesen war von einer hohen Mauer umgeben, über die eine krumm gewachsene Pinie neugierig ihr Astwerk schob.

Inmitten eines kleinen Steingartens thronte majestätisch ein knorriger Olivenbaum und bildete einen ruhenden Kontrast zum roten Ziegeldach des Hauses, das unruhig seinem Stelldichein mit der Abendsonne entgegenfieberte.  

Neron hatte seinen Wagen ein wenig abseits vom Anwesen geparkt, damit der Padre seine Ankunft nicht sofort bemerken würde. Durch das schmiedeeiserne Gittertor sah er Tohias auf einer Gartenbank sitzen, vor sich ein aufgeschlagenes Buch und ein Wasserglas, in das er nun schon eine Weile starrte, als würde er darin eine Antwort auf eine Frage suchen, die er selbst noch nicht kannte. Durch die geöffnete Haustür drang leise Radiomusik, was Neron vermuten ließ, dass der Padre nicht allein war.

Kaum hatte er sich entschlossen, seinen Beobachterposten zu verlassen und war den ersten Schritt auf das Haus zugegangen, blickte Padre Tohias auf, bemerkte den Kommissar und lief hektisch zum Tor, um es einen Spalt weit zu öffnen.

„Kommissar Neron“, rief er ihm mit übertrieben lauter Stimme entgegen, „mit Ihnen habe ich heute ja gar nicht gerechnet! Waren wir verabredet? Habe ich es etwa vergessen?“, fragte er ihn mit schuldbewusster Miene.

Neron verneinte.  

„Ich wollte mich nur von Ihnen verabschieden“, sagte er. „Darf ich einen Moment hereinkommen?“

Tohias wirkte unentschlossen, ließ ihn aber eintreten, bot ihm einen Platz auf der Terrasse an und zog die Haustür zu, bevor er sich zu seinem Gast gesellte. Ganz offensichtlich hatte er etwas zu verbergen, stellte sich dabei jedoch so ungeschickt an, dass Neron ein Grinsen nur mit Mühe unterdrücken konnte. Vielleicht ein heimliches Verhältnis, dachte er.

„Komme ich ungelegen?“, fragte er dann leichthin und weidete sich an der sichtlichen Qual des Padres, „haben Sie Besuch?“

„Nein, nein“, erwiderte Tohias rasch und deutete auf das Buch, „ich war nur gerade sehr vertieft in meine Lektüre …“

„Sie lesen Nietzsche?“, fragte Neron überrascht.

„Natürlich“, sagte Tohias. „Es gibt kaum einen Autor, der den Zusammenhang zwischen Religiosität und stupidem Moralismus so anschaulich vor Augen stellt, wie Nietzsche. Mit all dem Unheil, das sich daran anschloss und die moderne Barbarei begründete. Aber verzeihen Sie“, unterbrach er sich.

„Was bin ich doch für ein schlechter Gastgeber. Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?“, fragte er dann und griff bereits zur Karaffe, um ein Glas aufzufüllen, bevor Neron antworten konnte.

Der Kommissar nahm dankend an, lehnte sich entspannt zurück und ließ seinen Blick durch den gut gepflegten Garten schweifen. Eigentlich keine schlechte Gegend, dachte er versöhnlich, wenn nur die Leute nicht so verstockt wären und jemand mal ein wenig Leben in das verlassene Kaff bringen würde.

„Schön haben Sie es hier“, sagte er.

„Ja“, sagte der Padre, „ich komme nur leider viel zu selten dazu, es zu genießen. Die meiste Zeit verbringe ich in der Kirche und mit Hausbesuchen. Als Padre ist man hier ja auch immer so etwas wie ein Seelenklempner und Arzt, wird zu jeder Geburt und jedem Jubiläum, jedem Kauf einer neuen Ziege eingeladen, um den göttlichen Segen zu erteilen“, führte er aus.  

„Aber“, leitete er dann neugierig das Gespräch in eine andere Richtung, „Sie sagten, Sie wollen sich verabschieden? Haben Sie denn etwas über Leandras Verbleib herausgefunden oder …“

„Nein, leider nicht,“ fiel ihm Neron ins Wort. „Ich wurde von dem Fall abberufen. Die Akte wird geschlossen und an die Vermisstenstelle übergeben. Mir fehlt eine Leiche“, ergänzte er sarkastisch und nippte an dem köstlichen Wasser, dem der Padre etwas Anis und Fenchel zugefügt hatte. Der Duft erinnerte ihn an Maria, an ihren kleinen Kräutergarten, den sie auf der Terrasse angelegt hatte.

Tohias sah ihn lange prüfend an, als wollte er sein Gewissen erforschen. Neron vermutetet, dass der Padre darüber nachdachte, ob er ihm ein Geheimnis anvertrauen könnte, tat jedoch so, als bemerkte er es nicht.

„Sie müssen mir also nicht mehr antworten, Padre Tohias“, sagte er dann, „ich sitze Ihnen jetzt als Privatperson gegenüber. Nichts von dem, was Sie mir erzählen, wird Eingang in die Akten finden.

Ich wüsste nur eben zu gern“, er beugte sich vor und erwiderte Tohias forschenden Blick so intensiv und ernsthaft, dass dieser sich zurücklehnte, um der ungewollten Nähe zu entkommen, „warum Sie mich belogen haben. Warum Sie behauptet haben, Sie hätten am Ostersamstag nichts mitbekommen von dem, was auf dem Festplatz geschah. Direkt vor Ihrer Kirche und während Sie drinnen die Osterwache hielten.“

Tohias nickte bedächtig. 

„Natürlich“, sagte er, „natürlich, Sie glauben mir nicht. Sie denken, ich hätte etwas damit zu tun.“

„Womit?“

„Was wissen Sie denn bereits?“

Also doch, dachte Neron, und schlug mit den Fingerspitzen an das Glas, das er vor sich auf den Tisch gestellt hatte, als wollte er seine Worte rhythmisch unterstreichen.

„Man hat sie beschimpft, bespuckt, verhöhnt, verraten. Und wahrscheinlich“, er blickte in die Richtung des Dorfbrunnens, „auch noch gezwungen, dort hinabzusteigen. Oder aber man hat sie hinabgestoßen. Ich weiß es nicht, das Unwetter hat alle Spuren verwischt.

Aber Sie Padre, Sie wissen es, das spüre ich. Und ich kann einfach nicht glauben“, Neron senkte die Stimme und gab ihr einen bedrohlichen Unterton, „dass das ausgerechnet an Ostern geschehen sein soll. Dass Sie ein solches Opfer zulassen, während Sie in der Kirche die Auferstehung vorbereiten.“

Tohias lächelte. Immer diese Atheisten, die ihm seinen Glauben erklären wollten, dachte er. Als hätte dieser Kommissar, der freiwillig keinen Fuß in eine Kirche setzte, jemals auch nur im Ansatz verstanden, was Ostern bedeutete. Doch es oblag nicht ihm, darüber zu richten.

„Wollen Sie wirklich weiterhin behaupten, Sie hätten nichts mitbekommen?“,  bedrängte Neron ihn.  

„Wollen Sie mir erzählen, Sie hätten das Geschrei und den Tumult nicht gehört? Nicht das plötzliche Ende eines fröhlichen Festes bemerkt, nicht gespürt, dass sich da draußen ein wölfischer Mob gegen eines Ihrer Schäfchen zusammenrottet? Sie, ein so sensibler und umsichtiger Mann des Geistes, Sie haben hier in der Kirche weiterhin unberührt Ihre Gebete gesprochen? Sind Sie dann vielleicht doch nur einer dieser Heuchler, die …“

Er biss sich auf die Lippen.

Tohias schüttelte den Kopf und rieb sich mit den Handflächen die Augen, als wollte er sie von quälenden Bildern befreien.

„Ich kam nicht hinaus“, sagte er dann leise.

„Wie bitte?“

„Ich kam nicht hinaus. Sie hatten die Kirchentür von außen verriegelt. Ich konnte sie nicht öffnen. Natürlich habe ich etwas geahnt. Aber mitbekommen habe ich nicht, was geschehen ist. Meine Schuld besteht darin, dass ich es hingenommen habe, dass ich nicht ernsthaft versucht habe, mich zu befreien. Ich hätte jemanden anrufen können, vom Handy. Aber ich wollte, ich dachte,  …

Ich war sicher, dass ihr nichts Böses geschehen würde. Und meine Güte, ja, ich schäme mich“, stieß er dann hervor, „ist es das, was Sie hören wollen? Sind Sie nun zufrieden, haben Sie die richtige Antwort erhalten, die Ihr Urteil über mich bestätigt?“

Was für ein eigenartiger Kauz, dachte Neron. Was für ein abscheulicher Glaube. Drinnen bereiten sie die Wiederauferstehung vor, während draußen noch fröhlich gemordet wird – und sei es auch nur in der Vorstellung, in Gedanken. Hatte dieser Jesus nicht immer auch gesagt, dass Sünde sich nicht erst in der Tat, sondern schon in der Absicht vollzieht?

„Und wo ist Leandra dann geblieben?“, fragte er. „Was haben sie mit ihr gemacht?“

„Das ist ja das Eigenartige“, sagte Tohias, „sie haben sie tatsächlich dazu gebracht, in den Brunnen zu steigen. Haben ihn abgedeckt. Sie konnte sich unmöglich allein daraus befreien. Aber am nächsten Morgen war sie fort.“

Neron stöhnte auf, so absurd erschien ihm die ganze Geschichte. Was ging hier vor? Wollten sie ihn weiterhin für dumm verkaufen? Wollten sie auf diese Weise einen grauenhaften Mord vertuschen?

„Soso“, sagte er spöttisch, „und das soll ich Ihnen glauben. Und drei Tage später ist sie dann gen Himmel aufgestiegen und sitzt nun zur Linken des himmlischen Männertrios, oder wie?“

„Wenn, dann zur Rechten“, korrigierte ihn Tohias.

„Sie haben ja recht“, fuhr der Padre dann ernsthafter fort, „das alles klingt komplett sonderbar. Aber glauben Sie mir, ich lüge nicht, wenn ich sage: Ich war an dem Abend nicht dabei, habe aber am Morgen den leeren Brunnen gesehen. Und ich weiß ganz sicher, dass die Leute ihr nichts angetan haben.

Sehen Sie“, sprach er sich in Rage, „für Sie sind das alles hier ungebildete Landleute, Menschen, die an etwas glauben, was man nicht beweisen kann. Leandra ist für Sie das unschuldige Opfer, an der die bösen Dorfbewohner sich gerächt haben.

Aber so einfach ist die Geschichte nicht. Sie muss es gewollt, sie muss mitgespielt haben. Sonst hätte der Fluch sie aufgehalten. Sie wurde nicht zum Opfer gemacht, sie hat sich selbst geopfert.

Das ist ein riesengroßer Unterschied und ihr hoch anzurechnen. Sie hat auf Hass mit Liebe reagiert. Mit eben jener Liebe, die nur die Besten unter uns erlangen können, nicht mit diesem romantischen Abklatsch, der aus normalen Menschen Idioten macht. Sie hat gehandelt, wie es einer Espeja würdig ist.“

Neron schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, konnte sich kaum zähmen, so wütend machte ihn der Padre mit seinen Wortklaubereien.

„Was reden Sie für einen Unsinn“, entgegnete er aufgebracht, „ausgerechnet Sie! Die Leute haben getan, was sie immer tun, wenn sie sich stark fühlen wollen, sie sind über einen Schwächeren hergefallen. Meine Güte, wie oft habe ich das schon erlebt, wie …“

Es war nur eine winzige Bewegung am Fenster, eher die Ahnung einer Bewegung, die ihn abrupt innehalten ließ. Tohias sah ihn erschrocken an, registrierte, dass der Kommissar sie bemerkt haben musste. Ihre Blicke trafen sich in einem stummen Erkennen.

„Sie ist hier“, stellte Neron verblüfft fest.

„Ja“, bestätigte Tohias.

„Die ganze Zeit?“, fragte Neron.

„Kurz vor Ihrer Anreise kam sie zu mir“, gab der Padre zu.

„Warum?“

„Sie wusste nicht wohin. Hatte einen Unfall.“

„Deshalb haben Sie in der Kirche übernachtet und nicht zu Hause.“

„So ist es.“

„Und warum erzählen Sie mir dann die ganze Zeit Lügengeschichten?“

„Wie ich sagte, ich habe nicht gelogen. Ich war wirklich nicht dabei, weiß nicht, was passiert ist, wie sie sich befreien konnte. Sie kam am Abend des Ostersonntags zu mir, blutete stark, sprach wirres Zeug und erzählte etwas von einem fremden Mann, der sie gerettet und behauptet hatte, ihr Vater zu sein. Und dass sie nun entschlossen sei, ihre Bestimmung anzunehmen. Ich habe sie aufgenommen und meine Haushälterin hat sie versorgt. Sie hat tagelang nur geschlafen, ist heute zum ersten Mal aufgestanden und wir haben uns kurz unterhalten.“

„Und die Leute im Dorf?“

„Wissen es noch nicht. Glauben noch, sie sei verschwunden.“

„Wissen es noch nicht“, wiederholte der Kommissar, dessen Gedanken und Emotionen sich plötzlich verhakten. Die Zunge wurde schwer und schwerer, während die Erde sich zu drehen begann, während er innerlich jubilierte vor Freude, dass sie lebte, und zugleich den heftigen Impuls verspürte, wegzulaufen, zu fliehen vor der Erkenntnis, dass er der ganzen Zeit einem Trugbild nachgerannt war, das mit dem Fall nichts, aber auch gar nichts zu tun hatte.

Und während Neron begriff, dass er sich auf der Jagd nach sich selbst und seinem ureigenen Schmerz in seinen eigenen Fallstricken verheddert hatte, fühlte er, wie ihm die Fliehkraft das träge Herz zerquetschen wollte, wie ihm der kalte Schweiß aus allen Poren drang.

Oder war es vielleicht ein Gift, das der Padre ihm untergemischt hatte? Anis, dachte Neron und klammerte sich an die Lehne des Terrassenstuhls, als hinge sein Leben davon ab, sich aufrecht zu halten, das war kein Anis, kein Fenchel, und die Leute wissen es nicht, aber sie müssen es wissen, sie haben ein Recht darauf. Aber wenn es kein Anis war, was dann?

„Was haben Sie denn, ist Ihnen nicht gut?“, fragte Tohias. „Wollen Sie noch ein Glas Wasser?“

Krächzend lehnte Neron ab. Doch der Schwindel ließ nicht nach, verwandelte den letzten Schein des Abendrots in ein chaotisches Funkeln, das einen sich windenden Lavastrom entfachte, der von allen Seiten auf ihn zukroch, züngelnde Flammen nach ihm warf.

Dann wurde es schlagartig still. Die Bilder verflogen, das Karussell hielt an.

Es ist vorbei, dachte Neron. Er fühlte keinen Schmerz, keine Übelkeit, keinen letzten Wunsch mehr. Da war nur dieses Mädchen mit dem grünen Schal, das ihm beruhigend über den Kopf strich und ihm fest in die Augen sah. Und da war Maria, die ihn zu sich rief, nur um ihm zu sagen, dass er sich noch gedulden, dass er noch eine Weile bei sich bleiben müsse.

Als Neron wieder zu sich kam, lag er auf dem Steinboden, Padre Tohias hatte ihm die Schuhe ausgezogen, seine Füße auf ein Kissen gelagert und das Hemd aufgeknöpft. Er fröstelte. An seinem Ohr spürte er den lindgrünen Seidenschal, mit dem ihm Leandra die Stirn abgetupft hatte. Es dauerte einen Moment, bis er sich orientieren, seinen Blick fokussieren konnte. 

„Was war das?“, fragte er den Padre. „Was haben Sie mir ins Glas gemischt?“

„Ins Glas?“, fragt Tohias zurück. „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder? Sie glauben, ich wollte Sie vergiften? Hier schauen Sie“, rief er und trank mit einem Zug Nerons Glas leer, goss noch einmal nach und leerte auch das zweite Glas, ohne abzusetzen.

Dann schaltete er die Außenbeleuchtung ein und setzte sich vor Neron auf den Boden. Ein Gecko, der sich eben noch verborgen geglaubt hatte, sprang hektisch auf, Tohias bekam ihn zu fassen und streichelte ihn mit langsamen gleichmäßigen Bewegungen. Neron war sich nicht sicher, ob er das Tierchen oder sich selbst beruhigen wollte.

„Wer ist Maria?“, fragte Tohias.

„Dafür sind Sie doch der Experte“, antwortete Neron.

Tohias lachte.

„Nein, diese Maria meine ich nicht. Sie haben mit jemandem gesprochen, sie gerufen und sie hat Ihnen wohl geantwortet. Jedenfalls sind Sie danach urplötzlich ganz still geworden und es sah aus, als würden Sie aus einem epileptischen Anfall zurückkehren.“

Neron biss sich wütend auf die Lippen, er wollte nicht mit dem Padre über sie sprechen. Das alles gehörte nicht hierher. Es war seine Geschichte, es ging nur sie beide etwas an, die Welt mit all ihrem Schmutz sollte sich heraushalten. 

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin“, hörte er Tohias das Hohelied zitieren, während er den Gecko vorsichtig auf den Boden setzte und ihn in die Freiheit entließ.

Neron richtete sich vorsichtig auf, knöpfte sich das Hemd zu und Tohias reichte ihm seine Schuhe.

„Vielleicht“, sagte er. „Vielleicht gibt es aber auch ein Recht darauf, nicht zu erkennen, nicht wissen zu wollen, nicht wissen zu müssen und vor allem: nicht erkannt werden zu wollen.“

„Aber natürlich“, stimmte der Padre ihm traurig zu.

„Wo ist sie?“, fragte Neron.

„Fort“, sagte der Padre. „Sie macht von genau diesem Recht Gebrauch. Und sie bittet Sie um Ihr Schweigen. Es ist für alle Beteiligten besser. Auch für Sie, Sie würden sich sonst zum Gespött der Leute machen.“

„Ich denke darüber nach“, sagte Neron.

„Versprechen können Sie es nicht?“, fragte der Padre. „Stellen Sie sich nur die Schlagzeilen vor: Der Kommissar im geheimnisvollen Dorf der 1000 Augen. Mord ohne Leiche. Oder auch: Der Kommissar, der zu tief in den Spiegel schaute.“

Neron stand auf, deutete eine Verbeugung an und wandte sich dem Gartentor zu.

„Passen Sie auf sich auf“, rief der Padre ihm hinterher.

Doch da war das Tor schon hinter dem noch leicht schwankenden Kommissar ins Schloss gefallen. Der Motor sprang ohne Zögern an und Neron wendete seinen Wagen scharf in Richtung Landstraße.

Er sah nicht in den Rückspiegel, als er auf die Abzweigung Richtung Valencia einbog. Er hatte spontan beschlossen, den Vorfall einfach zu vergessen. So, wie er schon oft hatte vergessen müssen, um dem Grauen, das ihn Tag um Tag stärker befiel, wenn er wieder einmal einem Mörder auf der Spur war, zu entkommen.

Vielleicht hatte es ihn heute eingeholt, heute, da er zum ersten Mal einer Macht begegnete, die stärker war als er. Vielleicht war es aber auch einfach an der Zeit, zu akzeptieren, dass er nicht mehr konnte, dass dies sein letzter Fall gewesen sein sollte.

Am Valle del Diablo wich er geschickt einem Kaninchen aus, das vom Scheinwerferlicht aufgeschreckt direkt auf die Straße gehoppelt und stocksteif auf dem Mittelstreifen sitzen geblieben war. Während er sich auf dem Seitenstreifen, der ihn von der steilen Schlucht trennte,  einen kleinen Moment erholte, meinte er, einen rötlichen Schimmer aus dem verwilderten Tal heraufblitzen zu sehen. Vielleicht einer der vielen Unfallwagen, die von Fahrern mit weniger Geschick hier versenkt worden waren, dachte er, schließlich trug die Schlucht nicht umsonst den Namen Teufelstal.

Froh darüber, dass er langsam wieder an Geistesgegenwart und Reaktionsstärke gewann, vielleicht aber auch, um das Vergessen zu beschleunigen, ließ er den Motor aufheulen, schaltete das Radio ein und pfiff so laut wie falsch den Refrain von „Guantanamera“ mit.

Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass der grüne Seidenschal neben ihm auf dem Fahrersitz lag, konnte und wollte sich aber nicht entsinnen, wie er dort hingekommen war.