Marias Geheimnis

Der Nachbarskater hatte seine unverwechselbare Duftnote im Treppenhaus hinterlassen und beim Öffnen der Wohnungstür schlug Neron der ausladende Geruch von verwesenden Blumen und Essensresten entgegen. Er pfefferte die schwere Reisetasche unter die Garderobe und lief durch das abgedunkelte Wohnzimmer, um die Terrassentür weit aufzureißen.

Der Himmel war bewölkt, doch die vielen Lichter aus den Nachbarhäusern, den Restaurants und Bars ließen der Dunkelheit keinen Raum, sich auszubreiten. Durch die milde Abendluft drangen Gesang und der Klang einer mäßig gestimmten Gitarre zu ihm herüber und ihm fiel auf, wie sehr er diese Leichtigkeit vermisst hatte, mit der sich das Leben genießen lässt, wenn man ihm nur die Chance dazu gibt.

An der getäfelten Hausbar goss er sich einen Likör ein, schnappte sich eine Tüte seiner Lieblingscracker und setzte sich dann auf die Terrasse. Während der Heimfahrt waren seine Gedanken unablässig um die Frage gekreist, ob er der Dienststelle melden sollte, dass er Leandra gefunden hatte, oder ob es besser war, erst einmal Gras über die Sache wachsen zu lassen. Und auch jetzt holten die Gedanken ihn wieder ein, drängten sich zwischen ihn und den Wunsch, durchzuatmen.

Der Padre hatte Recht, dachte er, würden die Medien Wind von der Sache bekommen, wäre das ein gefundenes Fressen für sie. Und auch das Feixen seiner Kollegen konnte er sich schon ausmalen, würden sie erfahren, dass er in dieser Sache komplett danebengelegen hatte. Außerdem hatte niemand ein Recht darauf zu wissen, wo sich Leandra derzeit aufhielt. Andererseits konnte er nicht einfach so tun, als hätte er keine Kenntnis von ihrer Rückkehr nach Alvaría. Und er empfand Mitleid mit ihrer Chefin, die sich im Gegensatz zu dem Verräter Isandro ernsthaft Sorgen um sie machte.

Die Gitarrenmusik verklang, dafür torkelte nun eine Gruppe angetrunkener Touristen laut lärmend durch die kleine Seitenstraße neben der Kathedrale. Neron beschloss genervt, seine Entscheidung zu vertagen, und zog sich ins Innere der Dreizimmerwohnung zurück, die Maria so liebevoll eingerichtet hatte.

In der Küche entdeckte er die Ursache des muffigen Geruchs: Er hatte vor seiner Abreise vergessen, den Geschirrspüler anzustellen, die Teller und Kaffeebecher wiesen bereits einen gut sichtbaren Schimmelbelag auf.

Neron zog die Tür des Geschirrspülers nach unten, um einen Spültab einzulegen, vergaß seinen Vorsatz aber sofort wieder, als ihm die verwelkten Kräuter auf dem Küchenregal auffielen. Hektisch ergriff er die kleine Gießkanne und stieß auf dem Weg zum Wasserhahn mit dem Schienbein an die Außenkante der Spülmaschinentür. Fluchend stellte er die Gießkanne wieder ab und humpelte zurück in den Eingangsbereich, um seine Reisetasche zu holen und ins Schlafzimmer zu tragen.

Der lindgrüne Schal lag neben der Tasche auf dem Boden; wie zuvor im Auto konnte er sich nicht erinnern, wer ihn dort abgelegt hatte.

„Komm endlich zu dir“, schalt er sich selbst, „du bist ja total kopflos!“ Er hob das Tuch auf und betrachtete es lange. „Sag mir, was ich tun soll“, hörte er sich selbst flüstern und lachte dann laut auf, weil er sich seines Irrsinns bewusst wurde.

Das Tuch antwortete nicht, verströmte lediglich einen sanften Lavendelduft. Neron dachte daran, wie Leandra ihm das Gesicht abgetupft hatte, jedenfalls war es ihm durch seine Ohnmacht hindurch so erschienen. Er würde es waschen und zu Marias Sachen legen. So, wie er nun den ganzen Fall zu den Akten legen und nie wieder einen Gedanken daran verschwenden würde.

Im Schlafzimmer verzichtete er darauf, die Deckenbeleuchtung zu betätigen, schaltete mit der Fernbedienung lediglich die LED-Kerze ein, die auf Marias Kommode stand, in und auf der er die wenigen Erinnerungsstücke aufbewahrte, die er nach ihrem Tod behalten hatte.

Mit der Fremdheit des Heimkehrers gestand er sich ein, dass er ihr einen Altar errichtet hatte. Wie er überhaupt dazu neigte, ihre Beziehung und sie als Person zu überhöhen. Als hätten sie sich nie gestritten, als hätte er nie Wut verspürt, dass sie ihn so vehement aus ihrem Vorleben ausschloss. Als hätte er nie die Versuchung empfunden, heimlich die  Datenbanken der Dienststellen zu durchforsten, um zu erfahren, ob sich irgendein Hinweis darin fände, dass Maria ihm etwas verschwieg, was er besser wissen sollte.

Traurig nahm er das gerahmte Foto in die Hand, das sie fröhlich lachend in dem lindgrünen Festkleid zeigte, das er ihr geschenkt hatte. Es hatte ein kleines Vermögen gekostet, aber als er das Kleid gesehen hatte, wusste er sofort, dass es wie geschaffen für sie war. Statt eines farblich passenden Tuches hatte sie einen weißen Seidenschal umgelegt, zu dem das silberne, mit Zirkonia-Steinen besetzte Medaillon, das sie nur zu besonderen Festlichkeiten aus dem Schmuckkästchen nahm, einen feinen Kontrast bildete.

Er wusste nicht, ob sie die Kette selbst gekauft oder ob jemand sie ihr geschenkt hatte, hatte auch nie darüber nachgedacht. Warum fiel ihm das Medaillon jetzt so ins Auge, warum fühlte er Eifersucht bei dessen Anblick? Maria hatte ihm nie den geringsten Anlass gegeben, an ihrer Treue zu zweifeln, hatte ihm nie etwas verschwiegen. Bis eben auf das Geheimnis, das sie um ihre Vorgeschichte machte. Ob er sich getäuscht hatte?

Der Impuls war heftig und Neron schämte sich augenblicklich dafür, als er ihn wahrnahm. Aber er fühlte sich regelrecht gedrängt, fast schon ferngesteuert, als er den Bilderrahmen zurück auf die Kommode stellte und die obere Ablage des mit Perlmutt verzierten Schmuckkastens öffnete.

Sie enthielt Marias Ehering, den er selbst hineingelegt hatte, ein paar modische Anhänger und einen silbernen Armreif, dessen Verschluss einem Schlangenadler nachgebildet war.

Die darunter liegende Schublade war mit einem kleinen Schloss versehen, für das er keinen Schlüssel finden konnte. Neron widerstand dem Wunsch, es einfach abzureißen, und ging zurück in die Küche, schloss die Tür des Geschirrspülers und betätigte den Drehschalter. Kaum hatte er das Gerät eingeschaltet, bemerkte er, dass er vergessen hatte, den Tab einzulegen. Auch stand das soeben benutzte Geschirr noch auf der Terrasse.

„Was ist nur in dich gefahren“, dachte er verärgert, ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen und begann hemmungslos zu weinen. Äußerlich erstarrt, aber innerlich von einem tiefen Schmerz bewegt, weinte er sich in die Verzweiflung eines Menschen hinein, der kein Morgen kennt, keinen Ausweg mehr sieht, keine Rückkehr in eine Welt, in der er eben noch beheimatet schien.

Wie damals, als die wenigen Freunde ihn endlich allein gelassen hatten am offenen Grab. Wie viel Kraft es ihn gekostet hatte, ihre Beileidsbekundungen entgegenzunehmen, wie widerwillig er ihre gut gemeinten Umarmungen ertragen hatte. Doch erst als er einsam zurückblieb, brach der Damm, fiel er auf die Knie und wünschte sich durch sein klägliches Schluchzen hindurch nichts sehnlicher, als sie wieder in seinen Armen zu halten, sie zum Leben und Lachen erwecken oder ihr folgen zu können.

Aber kein Gott erfüllte ihm diesen Wunsch, wie auch, hatte er doch zeit seines Lebens nicht an diesen Unfug geglaubt. Keine Stimme sprach zu ihm, kein Windhauch kündigte davon, dass sie wenigstens im Geiste bei ihm wäre. Alles, was von ihr blieb, war die stumme Erinnerung, ein stechender Schmerz, der jeden köstlichen Augenblick, den sie miteinander geteilt hatten, verdarb und dem er doch nicht ausweichen durfte, um sie nicht gänzlich dem Vergessen preiszugeben.

Draußen fuhr laut hupend ein Auto vorbei, ein paar johlende Stimmen antworteten, die Stadt kam wie so oft nicht zur Ruhe. Der Lichtschein des Wagens flackerte kurz durch die Küche und brachte Neron zu sich selbst zurück. Entschlossen ergriff er die kleine Küchenschere, mit der Maria die Kräuter geerntet hatte, ging zurück ins Schlafzimmer und öffnete damit das Vorhängeschloss an der Schmuckdose.

Das Medaillon funkelte ihm als einziges Schmuckstück aus der mit dunklem Samt ausgelegten Schublade entgegen. Vorsichtig nahm er es zur Hand, zögerte einen Moment, drückte dann leicht gegen den Verschluss, sodass es mit einem kaum hörbaren Geräusch aufsprang.

Auf dem Foto, das es in sich verbarg, sah er einen jungen Mann, der einen Säugling im Arm hielt. Erschrocken drückte er den Deckel wieder zu. Doch zu spät, er musste nicht noch einmal hinschauen, um zu wissen, woher er das Bild kannte: Er hatte es im Haus von Leandras Großmutter gesehen. Es zeigte ihren Sohn, Alfonso, der stolz und traurig seine Tochter präsentierte: Leandra. Und es gab nun keinen Zweifel mehr daran, wer ihre Mutter gewesen war.  

Die Erkenntnis traf ihn so unmittelbar, dass Neron keine Distanz mehr zwischen sich und dem ihn übertölpelnden Schmerz aufbauen konnte. Wie ein geschlagener Hund sank er in sich zusammen, wünschte sich sinnlos aufbegehrend, die letzte Minute ungeschehen machen zu können. Und wurde, um sich zu schützen, eins mit einer Leere, die ihm von innen die Kehle verstopfte, den Schrei verhinderte, seine Tränen verdorren ließ, all seine Gedanken zerquetschte.

Verborgen hinter einer Nebelwand befand er sich in eben jenem Zustand, der eine trügerische Sicherheit vorgaukelt, weil der Schmerz nachlässt. Aber Neron wusste, dass darin die eigentliche Gefahr bestand. Menschen nahmen sich nicht das Leben, weil sie traurig oder wütend oder verzweifelt waren, sondern weil sie genau diese dumpfe Empfindungslosigkeit nicht mehr ertrugen.

Die Leere löschte nicht nur den Schmerz, sondern alles, was sie bis dahin als wirklich anerkannt hatten, legte sich als kompromisslose Sinnlosigkeit über jeden Gedanken, jede Handlung, jeden Versuch, sich wieder daraus zu befreien.

Es gab nur eine einzige Möglichkeit, sie zu entmachten: Er musste sich der Kränkung stellen. Musste beweisen, dass seine Liebe stärker war.

Bis zum Morgengrauen saß er auf dem Bett, unfähig, einen Gedanken zu formulieren, der nicht sofort von einem anderen davongejagt wurde. Er zitterte, wie ein erfrierender Schiffbrüchiger, dessen Körper noch ums Überleben kämpft, während sein Verstand bereits kapituliert hatte. Dann stand er auf, legte Leandras Schal und das Medaillon in einen durchsichtigen Gefrierbeutel, den er sorgfältig verschloss und machte sich auf den Weg zum Glockenfriedhof, auf dem Maria begraben lag.

Erneut wusste er nicht, was ihn eigentlich zu diesen Handlungen bewog. Aber es war ihm gleichgültig, alles war besser, als nichts zu tun, als weiter in die Leere zu starren. Und so folgte er einem Ruf, den er nicht vernommen hatte, einer Kraft, die ihn anzog, ohne dass er ihrer habhaft werden konnte.

 

Der schlichte Grabstein befand sich nur wenige Meter entfernt von einer hoch gewachsenen Fichte, in der sich eine Gruppe Mönchsittiche niedergelassen hatte. Zwei der kecken Vögel näherten sich ihm neugierig, kaum dass er an Marias Grab in die Hocke gegangen war.

Doch Neron beachtete sie nicht, holte aus einer Materialkiste, die die Friedhofsverwaltung aufgestellt hatte, eine kleine Schaufel und hob dort, wo sich bereits das Unkraut ausbreitete, etwas Erde aus. Er legte den Gefrierbeutel prüfend hinein, befand dann, dass das Loch noch nicht tief genug wäre, schaute sich um, ob ihn jemand beobachtete, und grub tiefer und tiefer. Dann versenkte er den Beutel mitsamt Schal und Medaillon in das feuchte Erdreich.

„Du hättest es mir sagen, dich mir anvertrauen können“, sprach er in tonlosen Gedanken zu ihr, „ich hätte es verstanden und alles auf sich beruhen lassen. Es war nicht fair, weißt du?“ Mit bloßen Händen streute er die Erde über den Beutel, strich sie glatt und setzte sich schließlich auf eine Bank gegenüber der Grabstelle.

„Ich hätte dir helfen, wir hätten sie bei uns aufnehmen können, ich hätte sie sogar adoptiert, wenn du es gewünscht hättest. Warum durfte ich nichts davon wissen?“

Die beiden Sittiche flogen aufgeregt zu der Stelle, an der er den Beutel vergraben hatte, suchten nach Futter, das ihnen die anderen Friedhofsbesucher zum Ärger der Verwaltung regelmäßig mitbrachten. Ihr lautes Gekreische erinnerte ihn an Margrits Papageien und daran, wie wohl er sich in der Nähe dieser außergewöhnlichen Frau gefühlt hatte. Wie sehr sie die Sehnsucht in ihm entfacht hatte, wieder am Leben teilzunehmen. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, frühzeitig in Pension zu gehen, Valencia den Rücken zu kehren und irgendwo anders etwas Neues zu wagen. Er wusste es nicht.

„Was bist du doch für ein Arschloch“, dachte er gleich darauf. „Sitzt hier am Grab deiner Frau und denkst bereits an eine andere.“

Doch als die Sonne blinzelnd ihre ersten wärmenden Strahlen zu ihm schickte, fühlte es sich an wie ein lächelnder Abschiedsgruß und eine Umarmung und Neron verstand: Nicht er hatte sich entschlossen, Marias Geheimnis zu offenbaren. Sie hatte nach ihm gerufen, ihn um diesen letzten Liebesdienst gebeten, hatte den Vertrauensbruch der vergangenen Nacht selbst gewollt. Es gab keinen Zweifel: Sie hatte ihn mindestens so sehr geliebt wie er sie. Deshalb forderte sie nun von ihm, dass er losließ.

Gerührt stand er auf, ging noch einmal dicht an ihre Grabstelle, berührte die Erde, die sich langsam erwärmte und dankte ihr, um dann den drei Kilometer weiten Weg zurück nach Hause zu laufen. Die Innenstadt hatte sich bereits mit Menschen gefüllt, die allein oder in kleinen Grüppchen den wunderschönen Frühlingstag nutzten, um draußen zu frühstücken, durch die Einkaufszentren zu bummeln und in die Markthalle zu strömen. Später würden die Touristen hinzukommen und die Bettler, die Straßenmusiker und die Straßendiebe. Valencia würde aufleben, ihnen allen ein Sehnsuchtsort sein.

Und er? Nein, er würde Leandra nicht verraten. Er würde seinen Dienst quittieren. Und vielleicht würde der Tag kommen, an dem er sich aufmachte, um nach ihr zu sehen. Nach ihr, nach Alvaría und nach Margrit.