Am Ende ein Anfang

Ich erwachte im Schlafzimmer eines fremden Hauses. Frisch gewaschen und mit sauber verbundenen Wunden, in ein weiches Nachtkleid gehüllt, das mir nicht gehörte. Die Erinnerung meldete sich in aufblitzenden Bildern, ich sah und hörte den grauen Seat, der scharf bremste, den Padre, der aus dem Wagen sprang, spürte, wie er mich auf den Rücksitz hievte.

Aber was war dann geschehen? Der erste Versuch, mich zu erheben, um herauszufinden, wo ich mich genau befand, endete damit, dass ich den kleinen Tisch neben dem Bett umwarf, auf dem eine Schüssel mit Obst und eine Tasse Tee standen.

Sofort öffnete sich die Tür und eine ältere Dame kam herein, die sich mir als Alba vorstellte, als Padre Tohias‘ Haushälterin. Er selbst habe die letzten Tage und Nächte in seinem Studierzimmer in der Kirche verbracht, erklärte sie mir mit vorwurfsvollem Blick, denn das Wohl des Padres lag ihr augenscheinlich näher am Herzen als meines. Und doch war sie es gewesen, die sich um mich gekümmert hatte, wie ich dann zu meiner Erleichterung erfuhr.

Ich bat sie, mir meine Sachen zu bringen, die sie mittlerweile gewaschen hatte, und den Padre zu rufen. Keine 10 Minuten später stand Tohias vor mir, sichtlich erfreut, dass es mir besser ging. Gemeinsam setzten wir uns in den Garten, Alba stellte uns noch eine große Karaffe mit frischem Quellwasser hin, dem sie einen Hauch von Fenchel und Anis zugefügt hatte, und ich bedankte mich. Sie antwortete nicht, sah den Padre streng an.

„Sie wissen, was die Leute denken, wenn sie davon erfahren“, ermahnte sie ihn, bevor sie zu ihrem Wagen ging und lautstark die Fahrertür zuknallen ließ.

„Es tut mir leid, wenn Sie meinetwegen jetzt Ärger bekommen“, entschuldigte ich mich.

Der Padre lächelte.

„Sie ist streng mit mir“, antwortete er, „aber nur, weil sie schützen will. Sie ist der Typ Mensch, der wütend wird, wenn er sich Sorgen macht. Deshalb habe ich gelernt, mich zu fügen, ohne mich ihr gänzlich zu unterwerfen. Denn manchmal geht es eben nicht anders, dann muss ich ihr Missfallen ertragen. Wasser?“, fragte er dann und ich bejahte.

„Was für ein Tag ist heute?“, fragte ich den Padre, um die peinliche Stille, die sich zwischen uns ausbreiten wollte, zu übertönen.

„Samstag“, antwortete er. „Sie sind schon sechs Tage hier, haben aber fast die ganze Zeit gefiebert und geschlafen. Alba hatte Mühe, Sie zum Essen und Trinken zu bringen und, naja, Sie wissen schon.“

„Ach du meine Güte, wie unangenehm“, sagte ich und wurde rot.

„Alles gut“, beruhigte mich der Padre. „Aber sagen Sie … wissen Sie eigentlich … nein, das können Sie ja nicht wissen“, unterbrach er sich selbst.

„Was denn?“

„Man sucht nach Ihnen. Die valencianische Polizei hat sogar einen Kommissar geschickt, der im Dorf seit Tagen alle befragt. Sie gehen von einem Verbrechen aus. Ich habe bisher geschwiegen, weil Sie mich darum gebeten haben, als ich Sie am Valle del Diabolo halbtot auflas. Aber Sie sollten sich so rasch wie möglich melden, um alles richtigzustellen.“

„Ein Kommissar?“

Die Auskunft verunsicherte mich, hatte ich doch Mühe, überhaupt zu rekonstruieren, was geschehen war. Wer hatte ihn informiert? Isandro? Weil er sich Vorwürfe machte? Unwahrscheinlich. Der Bürgermeister? Möglich, er würde sich natürlich fragen, wo ich abgeblieben und vor allem, wohin ich mit dem geliehenen Wagen verschwunden war. Ob sie glaubten, ich hätte ihn gestohlen? Lächerlich. Marta, dachte ich dann, natürlich. Sie musste sich große Sorgen um mich machen.

„Soll ich ihn anrufen?“, fragte der Padre. „Er war auch schon bei mir, hat mir seine Karte hinterlassen.“

„Nein“, stieß ich hastig hervor, „bitte nicht!“ Allein der Gedanke, jetzt mit einem Fremden sprechen zu müssen, machte mich nervös. Es war auf jeden Fall besser, erst alles zu klären, was zu klären war. Die Sache ins Reine zu bringen, bevor ich mich endgültig von den Menschen verabschiedete, mit denen ich in Valencia eine so wunderbare Zeit hatte erleben dürfen.

„Ich möchte zuerst mit meiner Großmutter sprechen. Ich muss wissen, wo mein Platz ist. Und mit meinem Vater, der mich gerettet hat … Und, … verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen jetzt nicht alles erklären kann“, hielt ich erschöpft inne.

„Ich verstehe schon“, antwortete der Padre leichthin.

Wir schwiegen erneut, aber frei von jener Peinlichkeit, die unserem Gespräch vorausgegangen war. Erleichtert nahm ich wahr, dass er nicht im Geringsten Ähnlichkeit mit Padre Lopez hatte, weder äußerlich noch von seiner Art her. Er war ein Mensch, zu dem man sofort Vertrauen fasste, gab mir das Gefühl, keine Maske tragen, keine Rolle spielen zu müssen. Weil er jeden so akzeptierte, wie er eben war.

Den Menschen annehmen mit Haut und Haar, allen Macken und Fehlern, Ängsten und Sehnsüchten, Geheimnissen und Fähigkeiten. Ihn akzeptieren, umso mehr, wenn es ihm selbst schwerfällt, zu sich selbst zu stehen. Genau das war ja auch die Aufgabe einer Espeja. Und eben das war mir bisher so schwergefallen. Würde ich dem jemals gewachsen sein?

„Wie geht das?“, fragte ich den Padre unvermittelt, der mich irritiert anschaute.

„Entschuldigung. Ich meine, wie wird man ein  Mensch, der nicht sich selbst, sondern den anderen umarmt, tröstet, voranbringt? Der bedingungslos verzeiht und niemals richtet?“

„Gute Frage“, antwortete Tohias.

„Es bleibt einem wohl nur, es immer wieder neu zu versuchen. Und es gehört sicher so etwas wie Gnade dazu. Eine Festigkeit im Glauben, die nicht jedem gegeben ist.“

„Aber ich glaube gar nicht“, entfuhr es mir.

„Ich weiß“, erwiderte Tohias. „Ich heiße übrigens Alejandro“, fuhr er fort, „wenn es okay ist, dass wir einander beim Vornamen nennen.“

„Ich meinte aber auch nicht unbedingt nur meinen Glauben“, fuhr er fort, nachdem ich zugestimmt hatte.

„Dir wurde etwas in die Wiege gelegt, was sich selbst bewahrheitet, solange es Menschen gibt, die daran glauben. Es ist völlig egal, wie du selbst dazu stehst. Und wenn ich es richtig verstanden habe, sind wir ja so eine Art Kollegen. Seelsorger, Menschen, die für ein bedingungsloses Ja zum Nächsten einstehen, unabhängig davon, ob es sich um Heilige oder Verbrecher handelt.“

„Aber wohin führt das?“, fragte ich ihn.

„Muss es nicht auch so etwas wie eine Moral und Gesetze geben? Dürfen wir wirklich alles akzeptieren, Diebstahl, Mord, Vergewaltigung …“

 „Nein, auf keinen Fall dürfen wir das. Aber es ist ein Unterschied, ob wir die Tat ablehnen oder den Menschen. Ich glaube, die meisten Menschen, die etwas Böses getan haben, wollen sogar bestraft werden oder Buße tun. Sie wollen beichten, gestehen, wiedergutmachen. Nur bringt sie das noch nicht zu sich oder zur Umkehr. Wo nur Strafe und Ablehnung ist, da wird auch nur neuer Hass gesät. Deshalb ist es gut, dass wir ein weltliches Gericht haben und ein göttliches. Oder eben ein – wie nennt ihr das denn?“

„Gar nicht“, sagte ich. „Wir lernen zu handeln, nicht darüber zu sprechen.“

„Ist vielleicht auch nicht das Verkehrteste“, sagte Tohias.

„Was ich aber meine, ist, dass wir das Böse nicht relativieren oder beschönigen. Sondern dass wir den Menschen akzeptieren, bedingungslos. Niemand muss es sich verdienen, angenommen zu sein, bejaht zu werden von der ersten bis zur letzten Stunde seines Lebens. Dazu gehört auch, anzuerkennen, dass niemand von uns ohne Sünde ist. Zu sagen: Ja, das hast du getan. Ja, so bist du auch. Und dennoch bist du ein Mensch wie wir – und wir leiden mit dir, wir richten dich nicht. Erst dann ist Umkehr möglich.“

„Aber sie sind es doch, die m i c h richten. Sie wollten mich töten!“, widersprach ich ihm.

„Ja, das ist der Schmerz“, sagte er.

„Nur – wollten sie wirklich dich töten? Sie erkennen etwas in dir, was sie sehnsüchtig vermissen. Etwas, was ihnen selbst abhandengekommen ist. Nenn es Reinheit, Unschuld, Aufrichtigkeit oder Wahrhaftigkeit – der Name spielt keine Rolle.

Deshalb ist es so wichtig für sie, dass du selbst keinen Zweifel hegst, keine Furcht zeigst. Sie wollten nicht dich töten, sondern deine Zweifel, deine Angst, die doch nur ihre eigene ist. Und du hast ja dann bewiesen, wie furchtlos du sein kannst. Also, jedenfalls glaube ich, dass es sich so verhält“, sagte er, „ich bin ja nur ein Padre, keine Espeja.“

Das Gefühl, das in mir aufstieg, während er zu mir sprach, war so überwältigend, von solch erhabener Schönheit und Anmut, als kreiste ich mit dem Adler über Berg und Tal.

Ich spürte, dass alles, wovon er erzählte, keine Theorie war, kein Gedankengebäude eines Menschenfischers, sondern dass er es selbst so erlebt hatte. Wie so viele von uns, die wir immer wieder dieselbe Geschichte von Liebe, Hass, Spott und Verachtung durchleiden müssen, um zu uns selbst zu finden, zu unserem Vermächtnis, unserer Kraft, dem unstillbaren Hunger nach einem Leben in Güte, in Freiheit und Gemeinschaft.

„Padre Lopez hat gemeint, ich wäre eine Hexe“, sagte ich, während ich noch mit den Tränen kämpfte.

„Padre Lopez sah wohl die Rivalin in dir“, seufzte er. „Und er vertrat, wie so viele in meiner Kirche, den toten Buchstaben, nicht die lebendige Lehre. Es waren die Gelehrten, die den Aberglauben in die Lehre Jesu brachten. Die an die Stelle von unbedingter Liebe und radikalem Vertrauen das Argument setzten.

Weil es ihnen selbst an Glauben fehlte, suchten sie die Lehre zu begründen. Aber wo kommen wir hin, wenn man die Liebe, die Freiheit, den Zusammenhalt und das Verzeihen begründen muss? Es ist nicht das Argument, das uns zu Menschen macht. Es ist unsere Natur, unsere Geburt aus dem Fleisch u n d aus dem Geist und das feine unsichtbare Geflecht, das wir Seele nennen, das uns miteinander verbindet.“

Ich hätte ihm stundenlang zuhören können, so faszinierte es mich, einen Mann der Kirche Worte aussprechen zu hören, die den Menschen nicht als sündiges Wesen darstellten, dem nur mit Verboten und Strafen beizukommen war. Zum ersten Mal im Leben konnte ich diesem Glauben, für den er so leidenschaftlich eintrat, überhaupt etwas abgewinnen. Ja mehr noch, ich war bereit anzuerkennen, dass es, wenn es diesen Mann wirklich gab, auch so etwas wie einen Gott geben müsste, von dem er sprach.

„Warum hilfst du mir?“

Tohias legte den Zeigefinger unter seine Nase, den Mittelfinger auf die Lippen und stützte mit dem Daumen das Kinn, als wollte er sich selbst ein Schweigen und Nachdenken auferlegen. Dann sah er mich durchdringend an:

„Wir schreiben das Jahr 2019 und die Zeichen sind eindeutig. Wir stehen vor einem gewaltigen Umbruch, der mit einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes beginnen wird. Und es wird nicht das jüngste Gericht sein, das die Pforten der Hölle öffnet, sondern eine menschengemachte Katastrophe. Es werden neue Propheten auftreten, Zauberer, Wettermacher und Heuchler, die behaupten, sie könnten und dürften uns alle zu unserem Besten beherrschen. Sie werden den Frieden versprechen und die Gerechtigkeit, aber sie werden nur weiteres Unglück über uns alle bringen, Kriege, Hunger, Armut und Unfreiheit.

Meine Kirche aber hat versagt, sie hat sich mit genau diesen Menschen verbündet. Sie wird vertrocknen wie ein verdorrter Zweig am ausgebrannten Dornenbusch. Viele werden zurückfallen in jene Zeiten, in denen die Hexenverfolgungen ihren Ausgang nahmen.

Nicht in das finstere Mittelalter, wie so oft fälschlich behauptet. Sondern in jene Zeit, in der Aberglaube und Aufklärung einen mächtigen Pakt eingingen. In der die Gebildeten verjagt und die Ungebildeten verbrannt wurden. In der man aufbrach, um im Namen des Fortschritts fremde Völker zu unterwerfen.

Es war die Zeit, in der auch dein Volk schon einmal fliehen musste, um zu überleben. Bald wird es dich brauchen, um einen neuen sicheren Ort zu finden. Denn, ob du es glaubst oder nicht – es wird dein Volk sein, von dem die wahre Erneuerung ausgeht. Es wird deine Aufgabe sein …“

Ein alter Toyota fuhr scheppernd über den Schotterweg vor dem Haus des Padres und Tohias unterbrach seine Rede erschrocken.

„Schnell, ins Haus“, flüsterte er, „das ist der Kommissar, der nach dir sucht.“

Ich gehorchte zitternd, denn seine Worte hatten mich verängstigt, und rannte, ohne zu wissen, wovor ich mich eigentlich fürchtete, ins Schlafzimmer, verriegelte es von innen und kauerte mich vor dem angelehnten Fenster nieder, um das Gespräch der beiden Männer zu belauschen.

Die Stimme des Kommissars klang fest, tief, ehrlich – zu meiner Überraschung empfand ich sofort Sympathie für ihn. Und mehr noch, ich hatte das Gefühl, dass eine tiefe Bindung zwischen uns bestand, die ich mir nicht erklären konnte. Ob ich es wagen durfte, einen kurzen Blick auf ihn zu werfen?

Natürlich war es meine Schuld, was dann geschah. Der Kommissar war schließlich ein geübter Beobachter, dem keine Bewegung entging. Ich hätte laut losheulen können vor Ärger über mich selbst. Und nicht nur mich hatte ich nun verraten, sondern auch noch Padre Tohias in eine fürchterliche Situation gebracht. Ich musste etwas tun, um ihn daraus zu befreien.

War es das Absehen von mir selbst, die Sorge um den Padre, die mich intuitiv das Richtige tun ließ? Jedenfalls fielen mir die alten Zeilen wieder ein, die Großmutter mir beigebracht hatte, und mit großer Inbrunst begann ich sie aufzusagen:

 

„Nicht Erde noch Himmel, nicht Wasser noch Wein,

wird besiegen die Feindschaft, die Fessel, die Pein,

ich fleh zu den Sternen, zur Sonne, zum Mond:

beschützt Eure Tochter, die unter Euch wohnt.“

 

Ein Geräusch, das wie ein dumpfer Schlag klang, drang durch das Fenster und ich konnte nicht anders, ich musste erneut nachschauen, was draußen vor sich ging. Der Kommissar lag bewusstlos am Boden, Tohias hatte sich zu ihm herabgebeugt und war gerade dabei, ihm die obersten Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Ich vergaß alle Vorsicht und lief hinaus zu den beiden.

„Ich vermute einen Schwächeanfall“, sagte Tohias und sah mich mit gerunzelter Stirn an.

Schuldbewusst nahm ich meinen lindgrünen Seidenschal, tropfte ein wenig von dem Aniswasser darauf und tupfte dem Fremden, der stark schwitzte und vor sich hin fantasierte, die Stirn ab. Doch Padre Tohias zog mich von ihm fort.

„Ich denke, es ist besser, wenn du dich jetzt auf den Weg machst“, sagte er. „Ich kümmere mich um ihn.“

Von Herzen dankbar verabschiedete ich mich. Ich hatte einen Freund gefunden, wie ich ihn mir immer ersehnt hatte. Doch die Begegnung, vor der ich mich am meisten fürchtete, stand mir noch bevor.

Sie erwartete mich bereits an der Eingangstür zu ihrem Haus, stolz, aufrecht, das graue Haar zu einem strengen Knoten hochgesteckt und in ein dunkles Tuch gehüllt, tat aber so, als bemerkte sie mich nicht, bis ich direkt vor ihr stand. Der bittere Zug um ihren Mund hatte an Tiefe gewonnen, woran gewiss auch die Enttäuschung über mich und meinen Verrat schuld war. Sollte ich mich vor ihr auf die Knie werfen? Sie antwortete auf meine unausgesprochenen Gedanken mit einer verneinenden Geste.

„Ich bin zurück“, sagte ich verlegen.

„Und?“, fragte sie.

„Ich bitte dich um Verzeihung.“

„Du bist bereit?“

Ich nickte.

„Komm herein“, sagte sie und trat einen Schritt zur Seite.

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was mich nun erwarten würde. Aber ich war sicher, die einzig richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich war am Ende und bereit, einen neuen Anfang zu wagen, mit dem Adler zu fliegen, statt vor ihm zu fliehen, um zu sein, wofür ich von Ewigkeiten her bestimmt war: eine Espeja.