Eine Reise, die alles verändert

„7,5 Stunden? Das kann nicht sein“, entgegne ich dem Schalterbeamten, „ich bin die Strecke schon einmal gefahren und es dauerte keine zwei Stunden!“

„Wollen Sie das Billett nun oder nicht? Sie müssen ja nicht fahren!“, antwortet er ruhig.

„Doch, natürlich muss ich, ich will nur nicht so oft umsteigen. Bitte, schauen Sie noch einmal nach, es wird doch wohl eine direkte Verbindung geben.“

Augenrollend zwängt er sich an einem pausierenden Kollegen vorbei, der ungeachtet der Warteschlange, die sich hinter mir bildet, genüsslich sein Blutwurst-Bocadillo verzehrt, und kehrt mit drei weiteren Fahrplanbüchern zurück. Wäre ich nicht selbst in die Szene verwickelt, ich würde mich köstlich amüsieren. Millionen von Onlinetickets werden in Spanien jährlich verkauft – aber ausgerechnet hier, an einem der wichtigsten Bahnhöfe des Landes, sucht man die Verbindungen noch mithilfe angestaubter Bücher heraus.

„Es tut mir leid, Señora, die Direktverbindung nach Alvaría wurde vor drei Jahren eingestellt und der Schnellzug nach Cuenca hält nur am Bahnhof Joaquín Sorolla. Das Einzige, was ich Ihnen anbieten kann, ist eine Fahrt mit der Regionalbahn, aber von Cuenca aus müssen Sie so oder so mit dem Bus weiter.“

„Was ist denn da vorne los?“, ruft jemand vom Ende der Warteschlange her. Fahren oder nicht? „Nun gut, dann eben Cuenca.“

38 Euro, auch damit hatte ich nicht gerechnet. Dabei hätte ich es wissen können, schließlich hatten wir im vergangenen Jahr das Stadtmarketing mit einer Werbekampagne über die Vorzüge der spanischen Eisenbahn unterstützt.

„Gestresst einsteigen, erholt ankommen“ – hatte einer der Slogans gelautet. Nur waren nicht Einheimische die Zielgruppe, die in irgendein gottverlassenes Gebirgsdorf wollten, sondern Touristen und Geschäftsleute, die im AVE von Barcelona nach Madrid düsten. Und während für die einen alles sauberer, komfortabler und schneller wurde, zahlten die anderen den bitteren Preis dafür, weil man die billigen Verbindungen gezielt vernachlässigte. „Wer arm ist, kann warten“, hätte die Botschaft daher auch lauten können oder „wer hat, bekommt“.

„Señora?“ Ein älterer Herr tippt mir auf die Schulter. „Sie erlauben?“

„Entschuldigen Sie bitte“, sage ich und trete unter den missbilligenden Blicken anderer Wartender einen Schritt zur Seite. Nimm dich zusammen, schimpft Bilderwelt. Man muss funktionieren. Egal, was geschieht. Nur nicht auffallen. Der Fremde löst ebenfalls eine Fahrkarte nach Cuenca, für die der Schalterbeamte ihm 16 Euro berechnet.

Bitte was? Erzürnt mustere ich das freundliche Gesicht des Mannes, der mir soeben ein Ticket zum mehr als doppelten Preis verkauft hat. Sie müssen ja nicht fahren, spult Bilderwelt zurück, doch mir bleibt keine Zeit, die unwissentlich ausgesprochene Warnung zu überdenken, denn der Bummelzug fährt bereits schnaufend ein. Genervt nehme ich meinen Koffer und folge dem Fremden, der sich vor dem kameraüberwachten Drehkreuz aufstellt, das den unkontrollierten Zugang zum Bahnsteig verhindert. Er trägt einen langen braunen Ledermantel, der nicht so recht in diese Gegend und in diese Zeit passen will, unter dem Gewicht einer abgewetzten Arzttasche neigt sich seine rechte Schulter leicht nach unten.

„Einsteigen und Türen schließen!“, dringt es herrisch vom gegenüberliegenden Bahnsteig zu uns herüber. Noch ist das Drehkreuz gesperrt. Jetzt einen Entschluss fassen, sich einfach widersetzen. Gehen, um mir selbst zu folgen statt dem unerbittlichen Gesetz. Aber eben das ist uns Spiegelmenschen versagt. Wir sind gefangen in einem Labyrinth aus Reflexionen, in dem wir nur als Schatten existieren, wir hasten von Bild zu Bild, von Eindruck zu Eindruck, immer schuldig, nie genügend, immer verpflichtet, zu dienen, niemals leicht und frei und in einem Augenblick versunken, für den wir keine Verantwortung tragen.

Wir sind verdammt, Eure Wünsche, Eure Motive, Eure Absichten zu spiegeln. Dabei wissen wir nichts über Euch, die Ihr Euch von unseren Blicken ertappt fühlt, und mehr noch, wir urteilen nicht und würden liebend gern darauf verzichten. Wir sind einfach nur da und Ihr seid es, die vor dem, was Ihr in unseren Augen zu erkennen meint, zurückschreckt.  Würdet Ihr Eure Herzen kennen, müsstet Ihr unsere nicht zerstören.

Was ist, fragt Bilderwelt in mein Zögern hinein, traust du dich nicht?

Doch, entgegne ich, aber ich will nicht, verstehst du, ich

„Bitte nach Ihnen“, fordert der Fremde mich lächelnd auf, der jetzt die Schranke passieren könnte. Kennen wir uns? Ein leichter Stoß in den Rücken schiebt mich vorwärts, das Drehkreuz schnappt hinter mir ein. Gefangen. Unter den gestrengen Augen der Guardia Civil, die seit den Terroranschlägen alle öffentlichen Plätze bewacht, ziehe ich gehetzt meinen alten Rollkoffer zum Wagen 17.

 

Der Zug ist gut besetzt, zum Glück ist jedem Ticket ein Sitzplatz zugeordnet. Jetzt nur noch den Koffer in die Ablage hieven, der Sitznachbarin freundlich zunicken und mich vorsichtig auf meinen Platz quetschen, denn natürlich hat mein Vordermann den Sitz so weit zurückgeklappt, dass mir schon bald die Beine einschlafen werden.

Endlich fährt der Zug mit einem sanften Ruck an. Das Pärchen neben mir packt seinen Proviant aus, als habe es auf diesen Moment gewartet. Ein leichter Duft nach Zwiebeln und Kalbsfleisch bringt die Erinnerung an den gemeinsamen Abend mit Isandro zurück. Wie sorgfältig er alles vorbereitet hatte, wie liebevoll der Tisch gedeckt war. Doch es half nichts, ich musste die Stimmung zerstören, ihm klarmachen, dass ich den Auftrag annehmen würde.

„Warum ausgerechnet du?“, hatte er gefragt.

„Weil ich die Gegend gut kenne. Und die Leute. Ich komme ja schließlich von dort.“

„Eben“, sagte er nachdenklich. „Und wenn ich auch sonst nichts weiß, so spüre ich doch, dass dich keine zehn Pferde dorthin zurückbringen sollten. Leandra, Liebling, bitte fahre nicht“, hatte er gebettelt.

Menschen, die so selbstlos und unbedingt lieben können, wie Isandro – man kann sie an einer Hand abzählen. Die meisten Menschen lieben, was der andere ihnen gibt. Sie träumen davon, ihre Erinnerungen, ihre Lieblingsspeisen, ihre Vorlieben, ihre Hobbys, Reisen, Musik oder Bücher mit dem Partner zu teilen. Isandro liebt es, mir alles zu geben und mehr noch, alles sein zu können. Er mag, was mir gefällt, will alles über mich wissen. Doch genau das verweigere ich ihm.

Einmal mehr wünschte ich, wenigstens ihm gegenüber das Gelübde brechen zu dürfen. Aussichtslos. Jeder Satz, jedes Wort würde Bilderwelt weiter und weiter aufreißen, bis auch er darin verschwände. Nur mein Schweigen kann sie zähmen, so anstrengend der Kampf auch ist. Mein Schweigen oder aber der direkte Angriff, auf alles, was mich noch stets gefangen hält. Ob es mir gelingen würde, die Rückkehr an den Ort meiner Kindheit in einen Sieg zu verwandeln?

 

„Ihren Ausweis!“, die forsche Männerstimme durchdringt unerbittlich meinen Halbschlaf und den Traum, in dem mir Isandro gerade eine dieser wunderbaren valencianischen Trachten geschenkt hat, die die Frauen traditionellerweise tragen, wenn sie die Fallas besuchen. Lindgrüne Seide, Brokat und bunte Blütenstickereien zierten das kostbare Kleidungsstück.

Die Lider noch halb geschlossen, komme ich nicht umhin, die beiden Polizisten wahrzunehmen, die sich vor einem dunkelhäutigen Mitreisenden aufgebaut haben. In holperigem Spanisch fragt er nach dem Grund für die Kontrolle.

„Und die Fahrkarte, ein bisschen zackig“, herrscht ihn einer der beiden an, ohne auf seine Frage zu antworten.

Habe ich etwas verpasst? Was hat er getan? Schlagartig hellwach sehe ich die düsteren Gedanken hinter seiner Stirn rasen, spüre seinen Herzschlag pulsieren, sein Blut aufwallen, als er den Beamten mit zitternden Händen die eingeforderten Papiere hinhält. Während der Jüngere umständlich auf einem Papierblock alle Daten notiert, nimmt mein Blick Kontakt mit dem Reisenden auf.

Ruhig bleiben, signalisiere ich. Nichts anmerken lassen. Nur nicht aufmucken – du weißt, was sonst geschieht. Der Fremde vom Bahnsteig, dessen Hinterkopf zwei Reihen vor mir über die Nackenstütze ragt, blickt unbewegt zum Fenster hinaus, auch sonst scheint niemand außer mir den Vorfall zu bemerken. Nur die Luft verdichtet sich, während die einen sich ängstlich wegducken, die anderen ihr stummes Einverständnis ins Abteil atmen. Jemand muss für Ordnung sorgen.

Die Beamten scheinen alle Zeit der Welt zu haben, noch einmal versuche ich, den Reisenden in Gedanken zu beruhigen, aber seine Traurigkeit verwandelt sich in Wut, meine Blicke provozieren ihn nur. Uns eint eine kurze Zugfahrt, doch sie wird sein Leben verändern, nicht meines. Von heute an wird er wissen, dass dies nicht das Land ist, in dem er sich willkommen geheißen glaubte. Und ich kann und werde nichts daran ändern.

Erledigt. Die Beamten blicken sich suchend im Abteil nach weiteren Verdächtigen um. Meine Augen erforschen das Gesicht des Jüngeren, der beschämt errötet. Sein älterer Begleiter straft meine unausgesprochenen Fragen mit kalter und abwehrender Verachtung.

Wäre ich doch eine Heldin, die aufsteht, verlangt, dass man um der Gerechtigkeit willen auch mich, uns alle kontrolliert. Würden sie doch selbst über so viel Taktgefühl verfügen, wenigstens ein oder zwei hellhäutige Reisende ebenfalls nach ihren Ausweisen zu fragen. Es würde niemandem schaden, aber dem einen Menschen, der sich nun ausgestoßen fühlt, die Bitterkeit ersparen. Stumm lasse ich die Polizisten an mir vorbeigehen. Der Ellenbogen des Älteren trifft mich hart an der Wange. Noch eine halbe Stunde bis Cuenca.

Mein Smartphone reißt mich zurück aus einer Geschichte, die nicht die meine ist und von denen ich doch so unerzählbar viele erleben musste. Du darfst dir das nicht zu Herzen nehmen. Nur schauen, da sein, spiegeln. Wissen, dass es niemals nur eine Sicht auf die Dinge gibt und dass es nicht an mir ist, ein Urteil zu fällen. Nicht die Gerechtigkeit siegt, sondern das Recht. Oder das, was wir dafür halten.

Der Gemeinderat – wie hatte ich ihn vergessen können – will wissen, wieso ich nicht mit dem Auto nach Alvaría gefahren bin. Wie er es jetzt so schnell organisieren solle, dass mich jemand abholt. Aber gut, er werde sehen, was sich machen lässt. Seine Verärgerung ist deutlich zu hören.

Von mir aus soll er sich dumm und dusselig ärgern. Sollen sie alle zum Henker gehen! Ich werde diesen verdammten Auftrag durchführen, die Rechnung stellen, fertig und ab nach Hause. Wenn ich es doch schon hinter mir hätte!

Das lange, verknotete Seil auf dem Display, das sich bei näherem Hinsehen als Fahrtroute erweist, zeigt an, dass wir uns einer Haltestelle nähern, der Schwarze erhebt sich von seinem Klappsitz. Wie gern ich ihm zum Abschied ein besänftigendes Lächeln schenken würde. Nein, wir sind nicht alle so. Aber du musst sie verstehen, ihr Job ist auch nicht einfach. Seine verhärteten Gesichtszüge verraten mir, dass er auf mein Lächeln ebenso gut verzichten kann wie auf mein Bemühen um Ausgewogenheit.

Dafür dämmert mir langsam, dass uns mehr als eine Zugfahrt eint, dass ich mich tatsächlich auf eine Reise eingelassen habe, die mich verwandeln, die alles verändern wird. In der ich wieder La Espeja sein werde, wie damals, als das in den Bergen heraufziehende Unwetter die Geburt eines Balges ankündigte, dessen Fluch man mit aller Härte und Entschlossenheit bekämpfen musste.