Erste Nachforschungen

Die schwere Holztür hielt nicht nur ungebetene Besucher vom Inneren der Kirche fern, auch das Sonnenlicht zog sich zurück. Sollte es nicht eigentlich umgekehrt sein, dachte Neron, der konzentriert einen Fuß vor den anderen setzte, sollte man nicht vom Dunklen ins Licht kommen, wenn man eine Kirche betritt?

Oder gilt das nur für die inneren Augen, mit denen die Gläubigen in die Welt blicken? Neron grinste. Was ging es ihn an, er hatte für diesen Humbug, wie er es nannte, ohnehin nichts übrig.

Zu seiner Erleichterung stand auch Padre Tohias nicht der Sinn nach Gottesnähe bei Teelichtromantik, denn er betätigte einen Schalter und eine Handvoll LED-Strahler feierten ihren Siegeszug über die Finsternis, sodass Neron seinen prüfenden Blick schweifen lassen konnte.

Die Fenster hinter dem schmucklosen Altar waren durch von innen angebrachte Laden verriegelt. Kein Wunder, dass es ein wenig muffig roch – der Sündenschweiß und die Tränen der Betenden hafteten an den Wänden ebenso wie an den knarrenden, unbequemen Holzbänken. Links vom Altar befand sich das Bildnis einer weinenden Maria, die ihrem blutenden Sohn eine Hand entgegenstreckte – den aber bekümmerte es nicht, er stieg bereits in höhere Gefilde auf.

Direkt zu seiner Rechten war ein niedriger Beichtstuhl unter einer Schräge eingepasst. Ob die Dorfbewohner darin knieten, wenn sie zugaben, dass sie gegen ihre Überzeugung gehandelt hatten? Oder hatte man ihn zu einer Zeit gezimmert, in der die Menschheit noch bedeutend kleiner gewesen war als heute?

Während Neron sein fotografisches Gedächtnis bemühte, um jedes Detail in sich aufzunehmen, hatte Tohias bereits eine der Bankreihen durchquert und machte sich nun an einem eisernen Türzieher zu schaffen, der aus dem Mund einer abstoßenden diabolischen Fratze herausragte. Nur mit Mühe gelang es dem Kommissar, Tohias zu folgen, ohne auf die Markierungen im Fußboden zu treten, unter denen er die Grabstätten der Altvorderen vermutete.

Er war zwar nicht gläubig, aber ganz gewiss auch nicht pietätlos. Und wer vermochte schon zu sagen, ob die Toten nicht doch noch in irgendeinem Winkel außerhalb unseres Bewusstseins weiterlebten und ihn zornig strafen würden, stiefelte er mit seinen schmutzigen Wanderschuhen über ihre Ruhestätten?

Die hinter dem Beichtstuhl verborgene Tür führte in einen Raum, kaum größer als eine Abstellkammer. Es herrschte ein angenehmes Chaos darin. Das karge Bett stand hinter einem Raumtrenner verborgen, in dem die Kirchenbücher und die Dorfchroniken einander gegenseitig stützten. Neron entging dennoch nicht, dass die Bettwäsche zerwühlt war – vermutlich hielt sich der Pater hier nicht nur zum Studieren auf.

Oder gewährte er hier einer anderen Person Unterschlupf? Vielleicht … Nein, nicht zu früh auf eine These festlegen, schalt er sich. Erst einmal abwarten, sich herantasten, alle Eindrücke speichern, um sie anschließend objektiv filtern zu können.

Auf dem Schreibtisch lagen ein aufgeschlagenes Kirchenbuch und jede Menge farbiger Notizzettel. Schräg gegenüber stand ein Sessel mit einer Armlehne, das einzige Utensil, das ein wenig Gemütlichkeit versprach. Daneben ein kleiner Tisch mit einem antiquierten Wasserkocher und Geschirr für zwei Personen.

„Bitte, nehmen Sie Platz“, forderte Tohias ihn auf und deutete auf den Sessel, „und verzeihen Sie die Unordnung. Ich wurde heute Morgen noch zu einer Sterbenden gerufen und hatte deshalb keine Zeit, meine kleine Gedankenschmiede für einen Besuch herzurichten. Darf ich Ihnen einen Tee oder einen Kaffee anbieten?“

„Kaffee wäre gut.“ Neron folgte seiner Aufforderung und nahm auf dem behaglichen Sessel Platz, während Tohias den Wasserkocher anstellte und ein bräunliches Pulver so langsam und genüsslich in einen Becher streuseln ließ, als würzte er gefüllte Muscheln mit einem Hauch Muskatnuss.

Kurz darauf goss er das kochende Wasser auf und Neron fragte sich, was Tohias hier wohl normalerweise trieb. Er wusste, dass der Padre ein nettes kleines Häuschen am Dorfrand sein Eigen nannte, in dem sich gewiss eine Bibliothek und ein komfortables Schlaf- und Studierzimmer befanden. Was bewog ihn, in diesem Verschlag zu studieren und zu übernachten?

Noch hatten die Männer kein Wort über den Grund für Nerons Besuch gewechselt, aber dem Kommissar war klar, dass es nicht einfach werden würde, den Padre zum Reden zu bringen. Diese Kirchenmänner sind doch alle gleich, schimpfte er in sich hinein, sie glauben an ihre Mission, meinen, sie stünden über dem Gesetz, ziehen das Schweigen dem ehrlichen Gespräch vor. Dabei fürchten sie doch nur, ihre Schäfchen könnten bemerken, dass es nicht nur eine ferne höhere, sondern eine nahe niedere, aber deutlich besser funktionierende Gerechtigkeit gab.

Tohias funktionierte den einzigen Holzstuhl im Raum in einen Tisch um und platzierte den Kaffeebecher sowie einen kleinen Teller mit selbstgebackenen Keksen darauf. „Von meiner Haushälterin“, sagte er, „einfach köstlich.“ Dann ging er, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, in die Hocke und fragte ihn, wie und wobei er ihm helfen könne.

Neron zog einen blauen Ordner aus seiner Tasche und entnahm ihm Leandras Foto. „Sie kennen das Mädchen?“, fragte er. 

„Aber natürlich“, antwortete Tohias. „Leandra de Luna – jeder hier kennt sie. Sie war ja bis vor Kurzem noch im Dorf, um ein Fest zu organisieren. Ich meine aber, sie ist am Ostersonntag schon wieder abgereist. Was ist mir ihr?“

„Sie ist nicht abgereist“, entgegnete Neron unwirsch. „Sie ist verschwunden. Oder untergetaucht. Wir wissen es nicht. Ich hoffte, Sie könnten mir mehr darüber sagen.“

Padre Tohias blickte schweigend auf das Foto und Neron war sich sicher, dass der Geistliche seine Worte sorgsam abwog. Er würde genau hinhören müssen, die Pausen zwischen den Wörtern analysieren, um zu verstehen, was sein Gegenüber preisgab, indem er es verschwieg.

„Tut mir leid“, sagte Tohias. „Ich habe keine Ahnung, wo sie sich befindet.“

„Glaube ich Ihnen gern“, knurrte Neron. „Aber Sie haben gewiss eine Ahnung, was geschehen ist, bevor sie verschwand. Oder wollen Sie mir erzählen, dass Sie ausgerechnet an Ostern nicht im Dorf waren?“

„Doch natürlich“, sagte Tohias. „nur sind wir einander kaum begegnet. Ich habe am Karfreitag die Prozession geleitet, die Messen gelesen, die Osternacht betend und wachend in der Kirche verbracht. Ostern heißt für uns ja immer, Überstunden machen bis zum Umfallen. Deshalb konnte ich an der von ihr organsierten Feierlichkeit auch nicht teilnehmen. Es soll aber sehr lustig zugegangen sein, erzählte man mir“

Neron stellte seinen Kaffeebecher mit einer heftigen Bewegung auf dem Stuhl ab. 35 Dienstjahre waren genug, um zu hören, dass der Pater log. Außerdem hatte das Fest direkt auf dem Platz vor der Kirche stattgefunden – er konnte also davon ausgehen, dass der Pater zumindest gehört haben musste, was sich draußen abspielte.

„Kannten Sie sie persönlich“, fragte er, „also sind Sie ihr früher schon einmal begegnet?“

„Nein“, entgegnete Tohias. „Ich hatte allerdings schon von ihr gehört, bevor sie anreiste. Und sie wird ja“, sein Blick schweifte zu dem aufgeschlagenen Buch auf seinem Schreibtisch, „auch hier und da erwähnt. Eine sehr eigenwillige junge Frau mit einer sehr eigenwilligen Geschichte“, fügte er hinzu und hielt Nerons Blick einen Moment zu lange stand.

Immer dieselben Spielchen, dachte der Kommissar entnervt. Immer dieselben Typen, die glauben, sie wären klüger als wir. Aber es half ihm nichts, er konnte das Prozedere nicht abkürzen, indem er sich den Padre schnappte, ihn kräftig schüttelte oder ihm rechts und links ein paar Ohrfeigen verpasste. Er würde den üblichen Weg beschreiten müssen. Fragen stellen, Lügen notieren, Widersprüche aufdecken, neue Fragen stellen – solange, bis einem der Befragten der Schweiß ausbrach und er in seiner feigen Not doch noch gestand.

„Wo wird sie denn erwähnt?“, fragte er.

Padre Tohias stand auf und griff nach der Kirchenchronik.

„Schauen Sie“, sagte er. „Hier, der Tag ihrer Geburt, der 8. September 1995. Sie hat am selben Tag Geburtstag wie die Jungfrau Maria, wussten Sie das? Könnte das für Ihre Ermittlungen …, aber nein, was rede ich. Vielleicht hat einer meiner Vorgänger, Padre Lopez, ihre Geburt deshalb mit einem Ausrufezeichen versehen. Vielleicht aber auch, weil die Leute im Dorf sie als Spiegelkind bezeichneten. Sie wissen, was das bedeutet?“, fragte er.

„Ich habe von diesem Unfug gehört.“

„Unfug, ja, ein alter Aberglaube, gegen den wir machtlos sind. Aber dann“, er ging zum Regal und zog ein weiteres Jahrbuch heraus, in dem er zielstrebig eine Seite aufschlug, „hier, der 1. September 2013, wenige Tage vor ihrem 18. Geburtstag. Lopez beschreibt …“

Padre Tohias unterbrach seine Rede, als ihm bewusst wurde, dass er mit einem Ungläubigen sprach, der seiner Kirche nicht angehörte – so viel hatte er bereits über ihn recherchieren können.

„Beschreibt was?“, fragte Neron ungeduldig.

„Tut mir leid, Beichtgeheimnis“, antwortete Tohias.

„Beichtgeheimnis“, wiederholte Neron scheinbar ruhig. „Soso. Und trotzdem in den Kirchenbüchern vermerkt. Wollen Sie mich verarschen?“, brüllte er dann und sprang unvermittelt auf. Aber er hatte Tohias wohl unterschätzt, denn der Padre ließ sich nicht einschüchtern, stellte das Buch ins Regal zurück, nahm einen Lappen, um den verschütteten Kaffee aufzuwischen, und ging dann wieder an seiner vorherigen Position in die Hocke.

 „Hören Sie“, sagte er, „ich würde Ihnen wirklich gern helfen, Leandra zu finden. Aber ich weiß nicht, wohin sie gefahren ist und ich bin nicht befugt, Ihnen Einblick in unsere Aufzeichnungen zu geben. Das Einzige, was ich Ihnen sagen kann“, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu, „ist, dass Padre Lopez in der Nacht nach seiner letzten Begegnung mit Leandra de Luna und deren Großmutter an plötzlichem Herzversagen verstarb.

Sie können sich vorstellen, was für ein Geraune das gab. An ihrem 18. Geburtstag ging sie dann nach Valencia und seitdem … seitdem hat das Dorf sich verändert. Oder auch nicht, vielleicht ist das Eigenartige tatsächlich, dass sich seitdem rein gar nichts mehr verändert hat … ich kann es Ihnen nicht sagen, ich bin ja selbst erst seit Kurzem hier. Fakt ist, dass sie seitdem nie wieder zurückkam, niemanden besuchte, nicht einmal ihre Großmutter, bei der sie aufwuchs, nachdem ihre Eltern verstorben waren. Bis eben, bis der Bürgermeister, der die Vorgeschichte so wenig kannte wie ich, ihr diesen dummen Auftrag erteilte.“

Neron nahm sich vor, seinen Jähzorn zu zügeln. Zwar war offensichtlich, dass Tohias etwas verschwieg, dass er log, aber sicher nicht, weil er etwas mit der Sache zu tun hatte. Er würde langsamer vorgehen müssen, Vertrauen aufbauen, ihn einbeziehen.

„Gut, ich verstehe“, sagte er. „Verzeihen Sie mein schlechtes Benehmen, es ist nur, … nein, ich will Sie nicht mit meinem Verdacht belasten“, fügte er dann listig hinzu, denn natürlich wusste er, dass die Vorstellung stets schlimmere Bilder hervorbringt als die Realität, so brutal sie auch sein mochte.  

„Nur so viel: Ich muss herausfinden, was hier geschehen ist. Vielleicht lebt sie noch, vielleicht leidet sie gerade Höllenqualen. Können Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren?“

„Natürlich nicht“, sagte Tohias leise und legte die Hand über die Augen, als plagten ihn schreckliche Bilder. „Aber wie kommen Sie überhaupt darauf, dass ihr etwas geschehen ist? Vielleicht hat sie ihre Gründe, weshalb sie nicht nach Valencia zurückgefahren ist?“

„Sagen wir mal, ich weiß es nicht, ich …“

„Sie glauben es?“, fragte Tohias amüsiert, der bemerkte, dass dem Kommissar ein solches Wort nicht leicht über die Lippen ging.

„Ich vermute es“, korrigierte Neron ihn und blickte dem Padre ernst und ruhig in die Augen. „Ich bin lange genug im Dienst, um zu wissen, was ich erst noch beweisen muss. Und genau darum bitte ich Sie um Ihre Hilfe, Padre. Sie kennen die Leute, sie wissen mehr über die Vergangenheit des Dorfes, als Sie mir sagen wollen, gut, geschenkt. Sie sind misstrauisch mir gegenüber, weil ich eines Ihrer Schäfchen einer niederen Gerechtigkeit zuführen könnte. Oder alle. Verstehe ich. Aber denken Sie an diese eine verlorene Tochter. Was raten Sie mir? Wo sollte ich Ihrer Meinung nach mit den Nachforschungen beginnen?“

Tohias horchte auf. Hier sprach keiner von diesen arroganten Staatsdienern zu ihm. Sicher, der Kommissar war ein typischer Städter, einer der überzeugt war, er stehe schon deshalb über den Dingen, weil er den Glauben vermeintlich einfacher Menschen als lächerlich und seiner nicht würdig empfand. Aber aus seiner Stimme und seinem Herzen sprachen große Aufrichtigkeit und echte Besorgnis. Es ging ihm nicht um sich selbst oder darum, die Leute bloßzustellen. Er wollte Leandra retten. Das allein war Grund genug, ihm zumindest einen Weg zu zeigen. Ob ihm das wirklich helfen würde, die Wahrheit herauszufinden, lag ohnehin nicht in seiner Hand.

Und was war sie auch wert, diese Wahrheit eines Menschen, der nur seinem eigenen Urteil vertraute? Gab es nicht immer einen, der stellvertretend leiden musste, um die tiefere Wahrheit des Menschen ans Licht zu bringen? War nicht Leandra mit dieser einen wundervollen Begabung zur Welt gekommen, um den Menschen zu zeigen, was göttliche Gnade vermag? Aber wie hatte sie diese Gabe genutzt?

Davongerannt war sie, statt den Menschen ein Segen zu sein, deren erbärmlichste Gedanken und Gefühle sie spiegelte. Verachtet hatte sie diese Menschen, statt ihnen den richtigen Weg zu zeigen. Erst ihre eigene menschliche Schwäche, ihr mangelnder Glaube und ihre Überheblichkeit hatten die Gabe in einen Fluch verwandelt – man konnte das niemandem sonst anlasten.

Padre Tohias seufzte. Es war die immer gleiche Geschichte. Auch der Schmerz und die Not konnten dazu führen, dass Menschen überheblich wurden. Und hatten die Dorfbewohner etwa kein Recht darauf, ihre Geheimnisse zu wahren, sich nicht in jedem Blick, der sie traf, erkannt zu fühlen, solange dieser Blick nicht von der göttlichen Liebe gelenkt wurde? Aber dieses Mal waren sie eindeutig zu weit gegangen. Wenn er dabei gewesen wäre, vielleicht hätte er es verhindern können.

Doch als das Geschrei und die dumpfen Geräusche ihn aus seinen Gebeten aufschreckten und er nach dem Rechten sehen wollte, fand er sich eingeschlossen in seiner eigenen Kirche. Hätte er sich intensiver bemühen sollen, zu entkommen? Warum hatte er sich später einfach schlafen gelegt und so getan, als wüsste er von nichts? Wenn Leandra tatsächlich etwas Böses geschehen war, traf ihn zumindest eine Mitschuld. Schuld aber war letztlich eine Verkettung von Umständen, deren Ursprung niemand kannte.

„Nun gut“, sprach er dann müde, „mein Rat lautet: Fragen Sie nicht die Dorfbewohner. Sie werden Ihnen nicht antworten. Den Namen eines Spiegelkindes, das sein Dorf verlassen hat, darf man nicht aussprechen, nicht hier in den Bergen. Fragen Sie die Alemannes. Leandra hat früher für einige von ihnen gearbeitet, hat für sie geputzt und sie zu Arztbesuchen und Behörden begleitet, um zu dolmetschen. Sie glauben nicht an den Fluch und werden eher bereit sein, Ihnen Auskunft zu geben.“

„Können Sie mir konkrete Namen nennen?“, fragte Neron. Und endlich erwies sich der Kirchenmann ihm als hilfreich, diktierte ihm Namen und Adressen von Personen, die ihm etwas über Leandra erzählen konnten.

 

Neron bedankte sich zum Abschied herzlich, als hätte ihm ein lieber Freund einen Gefallen getan. Dann stieg er in seinen Toyota und ließ sich von der monoton freundlichen Navi-Stimme zu seiner Pension im Nachbarort lenken, in der ihm eine dürre alte Dame wortkarg den Zimmerschlüssel und die Hausordnung übergab. Kein Alkohol und kein Besuch nach 22 Uhr – für einen Valencianer eine lächerliche Vorschrift.

Fünfter Stock, rechts, hatte sie gesagt. In seinem Zimmer angekommen, warf er die Hausordnung in den Abfallkorb im Bad, in dem sich zu seiner Verärgerung noch eine ausgelaufene Flasche Shampoo befand, zog den metallenen Flachmann aus der Tasche und nahm einen kräftigen Schluck von dem köstlichen Portwein, den er und Maria so gern an langen Sommerabenden auf der Terrasse genossen hatten.

Aber das war, bevor der Krebs begonnen hatte, sich in ihr auszubreiten. Er hatte sie nicht retten, er hatte nichts anderes tun können, als bis zum Schluss bei ihr zu bleiben, um ihre Hand zu halten, ihre sterbenden Augen zu küssen. Um ihr ein letztes Mal das lindgrüne Seidenkleid mit den bunten Stickereien anzulegen, das sie so geliebt hatte, und um schließlich eine Schaufel Sand auf ihren mit Rosen bedeckten Sarg zu schütten.  

Jetzt aber war alles anders – noch gab es keinen Grund, das Mädchen aufzugeben. Neron ging in das kleine Badezimmer und ließ kaltes Wasser über seine Handgelenke fließen, bis die hitzigen Erinnerungen sich zurückzogen. Er konnte nicht ändern, was geschehen war, aber er konnte künftiges Unglück verhindern. Und er würde sie finden, auch wenn er die Wahrheit persönlich aus den verstockten Alten herausprügeln musste.