Die Ankunft

 

„Fünfter Stock rechts“, hatte die Dame an der Rezeption gesagt, „kein Alkohol und kein Besuch nach 22 Uhr.“

Der Aufzug defekt, statt Frühstück gibt es nur einen dieser Getränkeautomaten, aus denen sich eine undefinierbare Flüssigkeit in einen Plastikbecher ergießt, an dem man sich die Finger verbrennt. Ganz so erbärmlich hatte ich mir meine Unterkunft nicht vorgestellt, aber wenigstens hatte ich den Bürgermeister davon überzeugen können, dass ich Anspruch auf ein Zimmer mit eigenem Bad hätte. Auch wenn es die Gemeinde ein paar Euro mehr kosten würde.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich für einen Auftrag allein auswärts übernachten muss, aber niemals zuvor habe ich mich so einsam gefühlt. Je näher ich Alvaría komme, desto weiter weiche ich innerlich zurück. Wäre ich an einem anderen Ort, würde ich als Erstes das Zimmer inspizieren, nachschauen, ob alles in Ordnung ist.

Doch hier, das ist mir auf einen Blick klar, wird es nichts auszusetzen geben. Keine Blutflecken von Moskitoschlachten an der Wand, kein Staub auf dem klobigen Holzschrank, keine kaputte Glühbirne und kein Fleck auf der beigefarbenen Tagesdecke. Die Señora mochte alt und ein wenig mürrisch sein. Aber sie würde, wie alle hier in der Gegend, sich niemals eine Nachlässigkeit in Sachen Sauberkeit erlauben.

Aufstehen, waschen, ein karges Frühstück zu sich nehmen, das Tagespensum erfüllen – die Lässigkeit, das leichte Schlurfen im Tagesablauf, das ich aus Valencia gewohnt bin, gilt hier als Anfang allen Lasters. Niemand braucht eine Uhr oder eine To-do-Liste, um zu wissen, was als Nächstes zu tun ist. Man funktioniert, so wie es von einem erwartet wird, tagaus, tagein.

Aber was soll’s, ich muss da jetzt durch, also auspacken, T-Shirts und Hosen in den Schrank legen, das Kleid auf den Bügel hängen. Die Unterwäsche kann im Koffer bleiben, der Kleinkram ebenfalls. Wo ist das verdammte Ladekabel fürs Handy? Nach und nach wird mir das Zimmer vertrauter, nehme ich es in Besitz, zwinge ich ihm meine Gegenwart auf und verdränge seine Erinnerung an die Menschen, die vor mir hier übernachtet haben.

Der Kulturbeutel weist einen dunklen Fleck auf, hoffentlich ist es nicht das teure Parfüm, das ausgelaufen ist. Nein, zum Glück nur das Shampoo. Stück um Stück räume ich meine Utensilien an den dafür vorgesehenen Platz, geschafft, auch das kleine Badezimmer gehört jetzt mir.

Doch die Fremdheit bleibt. Ob es an der teppichschweren Stille liegt, die sich in der Pension ausgebreitet hat? Bin ich etwa der einzige Gast? Die Geräusche vom Flur und aus den Nebenzimmern antworten mir nicht. Alles hat seine Geschichte, jeder Stuhl wüsste sie beredt zu erzählen, verstünden wir sein gelegentliches Ächzen und Knacken zu deuten. Endlich, ein oder zwei Stockwerke unter mir wird eine Wasserspülung betätigt, eine Tür klappt zu. Ganz allein bin ich also nicht im Haus.

Das Smartphone zeigt mir an, dass es dringend geladen werden will, aber das Kabel bleibt verschwunden. Wie dumm kann man sein, schimpfe ich mit mir selbst. Schnell noch die Eins drücken, um Isandros Stimme zu hören, auch wenn es gegen die Abmachung ist. Er wird es verstehen.

„The person you have called is temporarily not available, please try again later”, antwortet die Automatenstimme in einem leicht blasierten, vorwurfsvollen Tonfall. Als wäre es absurd, jemanden anrufen zu wollen, der nicht erreichbar ist. Als hätte ich es vorher wissen müssen.

Und Recht hat sie, denn wir wissen doch alle, dass es komplett idiotisch ist, sich ständig per Telefon oder Messenger des Partners zu vergewissern. Kein elektronisch vermittelter Schwur bringt Isandro und mich so nah zueinander wie ein sehnsüchtiges Vermissen, das jede Entfernung überwindet. Man muss es nur aushalten, zulassen können, man muss die Einsamkeit ertragen, um Nähe zu spüren.

Bevor ich Isandro kennenlernte, hatte ich ausreichend Zeit, meine Abende allein zu verbringen und ich genoss es sogar, auch wenn Marta mich zu allen möglichen und unmöglichen Events einlud, um mich mit Menschen bekanntzumachen, die meiner Karriere nützen könnten.

Viel lieber streifte ich allein durch Valencia, entdeckte an jeder Straßenecke ein Detail, das mich begeisterte, ein Haus, das mir seine Geschichte erzählte, eine alte Tür, die ich zu gern geöffnet hätte, einen Duft, der die Lebensgeister weckte, oder all die gestrandeten Gestalten mit ihren kleinen Bettelkörben, die im Sommer in Scharen die großen Einkaufsstraßen bevölkern.

War auch ich gestrandet? Oder war ich endlich genau dort angekommen, wohin ich gehörte? Trotz aller Begeisterung empfand ich es nicht, lief planlos durch die Gegend, als suchte ich etwas, ohne zu wissen, wo ich es finden könnte.

Und dann fand ich ihn. Inmitten der überfüllten Markthallen des Mercado Central, in denen ich in den Wochen zuvor schon hunderte Kilometer von Stand zu Stand geschlendert war. Wie bei jedem Besuch kaufte ich auch an diesem Tag etwas, was ich noch nicht kannte oder noch nie probiert hatte, weil man es in Alvaría nicht bekam. Oder weil man es für überflüssigen Luxus hielt. Wie die Muscheln, die ich an jenem Abend kosten wollte.

Ich wartete noch auf meine Ware, die soeben eingepackt wurde, als der Kunde neben mir einen enttäuschten Laut von sich gab.

„Keine Muscheln mehr?“, fragte er die Verkäuferin mit gespielter Verzweiflung, „nicht das kleinste bisschen?“

„Tut mir leid, die Señora hat die letzten bekommen“, antwortete sie desinteressiert und überreichte mir eine kleine Tragetasche.

„Dann ist es gut.“ Seine Stimme lächelte, seine dunklen Augen ruhten ohne Ärger auf mir.

Ich konnte nicht anders, ich wollte ihm vom ersten Moment an ein Geschenk machen. „Hier nehmen Sie“, ich hielt ihm die Muscheln hin, „ich brauche sie nicht unbedingt, ich kann auch …“

„Wirklich?“, fragte er. „Wie schön sie sind“, fügte er dann hinzu, während sein Blick erneut den meinen suchte, sodass ich errötete. „Das wäre natürlich großartig …, aber warten Sie. Ich habe eine bessere Idee. Haben Sie heute Abend schon was vor?“

Mit jedem anderen Bewohner dieser großen weiten Erde wäre es eine durch und durch peinliche Begegnung gewesen. Nicht mit Isandro. Endlich wusste ich, wonach ich gesucht hatte. Oder besser gesagt, nach wem ich gesucht hatte. Hatte ich geantwortet? Vermutlich nicht, aber Isandro fasste mein Schweigen als Zustimmung auf.

„Prima“, sagte er. „Ich auch nicht – also außer Muscheln essen. Könnten wir nicht vielleicht zusammen … wo wir doch jetzt schon mal wissen, dass wir dieselben Speisen mögen – was halten Sie davon?“

Ich dachte kurz an Marta und daran, was sie mir über die valencianischen Männer gesagt hatte. Lass sie zappeln, zeig ihnen nicht zu schnell, wenn du an einer Liaison interessiert bist. Nur war ich nicht „interessiert“. Ich hatte mich verliebt, bevor ich es wusste, in Isandro und in die Gewissheit, einem Menschen begegnet zu sein, den ich nicht einfach weiterziehen lassen konnte, weil ich ihn kannte und suchte von Ewigkeiten her.

Es war der beste Entschluss meines Lebens, mochte die Scheu mir anfänglich auch die Kehle zuschnüren. Und es waren die köstlichsten Muscheln, die mir je zubereitet wurden und die meinen Hunger auf mehr erst entfachten.

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Ein anderer Hunger als der, den ich heute Mittag verspürte, als der Bürgermeister mich in das Bahnhofsrestaurant von Cuenca einlud.

Das Stimmengewirr aus Bahnhofshalle und Gastraum, die vielen einander durchdringenden Gerüche und die Begegnung mit einem Fremden fluteten meine Sinne und meine Nerven, sodass ich Mühe hatte, ihm zuzuhören, ohne panisch nach einem möglichen Fluchtweg Ausschau zu halten. Auch war es mir unangenehm, dass er mir sofort das Du anbot, kaum dass wir unsere Bestellung aufgegeben hatten, und mir „schonungslose Offenheit“ bezüglich seiner Pläne und Absichten versprach.

„Ich will ganz ehrlich zu dir sein“, fuhr er fort, „Alvaría ist für mich nur ein Kaff unter vielen. Aber da es mir an Vitamin B fehlt, muss ich nun mal klein anfangen. Und wenn es mir gelingt, in dieser vergessenen und komplett überalterten Region die Wirtschaft anzukurbeln, dann wäre das schon eine gewaltige Anschubhilfe für meine Karriere. Deshalb kommt jetzt alles auf dich an, Leandra. Was meinst du, wie bekommen wir es hin, die alte Feindschaft zwischen Dorfbewohnern und Alemannes zu überwinden?“

Die Gazpacho, die eine deutlich überlastete Kellnerin vor uns abstellte, roch ein wenig zu stark nach Knoblauch und Olivenöl. Ich war froh, dass wir uns auf ein vegetarisches Menü hatten einigen können, denn so musste ich mir zumindest keine Sorgen machen, dass eine starke Würze den Geruch verdorbenen Fleisches verdecken sollte. Dann erläuterte ich ihm, welchen Plan ich bereits gefasst hatte und wie das Fest der 1000 Wünsche konkret ausfallen sollte.

„Ich denke, wir laden sie zu einem Osterfeuer ein – mit allem Drum und Dran, Live-Musik, tolle Deko, kostenlose Speisen und Getränke. Worum es aber hauptsächlich geht, ist Folgendes: Wir verteilen zu Beginn des Festes Karteikarten in zwei Farben: rot für die Ureinwohner, weiß für die Alemannes. Jeder Teilnehmer ist aufgefordert, einen Wunsch auf seiner Karte zu notieren. Nichts Materielles natürlich. Einen kostenlosen Haarschnitt, Hilfe beim Hausputz, eine Übersetzung, ein Wocheneinkauf für einen Kranken, so etwas in der Art. Anschließend sammeln wir die Karten ein und lesen die Wünsche vor.

Wichtig ist: Jeweils ein Angehöriger aus der roten Gruppe soll sich melden, um einem Mitglied der weißen Gruppe einen Wunsch zu erfüllen – und umgekehrt. So stellen wir sicher, dass die Leute auch über das Fest hinaus miteinander in Kontakt kommen. Im Effekt teilen sie dann nicht mehr nur eine angenehme Erinnerung miteinander, sondern kommen sich auch persönlich nah und sind bestenfalls dankbar für das, was der jeweils andere ihnen geschenkt hat.“

„Keine schlechte Idee“, sagte Alberto und gab der Kellnerin durch einen ungeduldigen Wink zu verstehen, dass sie den nächsten Gang auftragen könnte, sodass ich hastig meinen Teller leer aß und mir das letzte Stück Weißbrot schnappte. „Aber wie willst du die Leute dazu bringen, an dem Fest teilzunehmen? Und was machst du, wenn sich niemand meldet?“

„Das wird schon“, antwortete ich leichthin, doch so schnell gab er sich nicht zufrieden.

„Es sind nämlich äußerst merkwürdige Menschen hier“, fuhr er fort, ohne zu wissen, dass er mir nichts Neues verriet.

„Man fragt sich, was sie den ganzen Tag machen. Gut, die meisten sind bereits Rentner, die von einer mageren Pension leben und von dem, was die Hühner und Schafe abliefern. Aber wann immer ich einem von ihnen einen Besuch abstatte, sitzt er zu Hause auf der Veranda in einem Schaukelstuhl und starrt regungslos in die Gegend. Ich habe dem Gemeinderat angeboten, einen kleinen Supermarkt im Dorf zu eröffnen, sie lehnten ab. Auch gegen ein Restaurant haben sie sich gesperrt. Man sieht sie nicht einkaufen, nicht feiern, nicht ausgehen. Nur vor und nach dem Kirchgang stehen sie in kleinen Gruppen beieinander und tauschen den neuesten Dorfklatsch aus.  

Es kommt mir manchmal vor, als stünde nicht nur die Zeit still – sondern ihre Leben, ihre Herzen, ihre Gedanken und all ihre, wie soll ich sagen, ihre Körperlichkeit. Ich meine, sie sind alt, aber sie verändern sich nicht weiter. In allen anderen Dörfern der Region gibt es ein großes Murren, alle wollen sie einen Arzt, eine Bibliothek, einen Friseur, eine bessere Internetverbindung, mehr Konsum und Hotels für die Touristen. Nur in Alvaría will niemand etwas anderes als seine Ruhe.“

Ich war überrascht, eine solche Beobachtungsgabe hatte ich ihm nicht zugetraut. Ich hatte zu früh über ihn geurteilt, vermutlich, weil mich das, was die Leute „schonungslose Offenheit“ nennen, stets skeptisch macht. Ich habe es satt, dass sie mir überstürzt ihre Geheimnisse anvertrauen, denn am Ende bin immer ich es, die dafür bezahlen muss. Irgendwann kommt der Moment, da es ihnen peinlich ist, sodass sie wünschten, sie hätten es nicht getan. Aus schneller Sympathie und sentimentaler Redseligkeit wird dann Hass und Abneigung.

Dabei verstand ich nie, was ich falsch gemacht hatte. Dieselben Menschen, die mir eben noch ihr Herz ausschütteten, sahen plötzlich etwas in meinen Augen, das sie ängstigte, entsetzt zurückweichen ließ und versuchten, mich aus ihrem Leben wieder auszusperren. Das Einzige, was ich weiß, ist, wie es sich anfühlt. So wie damals, wenn Großmutter mich in den leeren Schafstall sperrte, damit Enge, Dunkelheit und Gestank mich Demut lehren sollten.

Als Kind war ich sicher, dass sie alles Recht der Welt dazu hatte. Ich war schlecht, ich war verdorben, auf mir lastete ein Fluch. Die Leute durften mich meiden und sie mussten die Espeja mit aller Härte aus mir vertreiben. Es geschah nur zu meinem besten. So verlangte es das Ritual, so bekräftigte es Padre Lopez. Sie konnten ja nichts dafür, denn es war einzig und allein die Schuld meiner Mutter, die mit ihrem Tod dafür bezahlt hatte. Sie mussten verhindern, dass mir dasselbe Schicksal widerfuhr.

Und doch, wie oft nutzten sie die kleinen unbeobachteten Momente, um sich in meine Nähe zu schleichen. Mir übers Haar zu streichen, mir eine ihrer traurigen Gedanken und Geschichten zu erzählen. Ich hörte zu, sagte nichts, ließ sie einfach von sich sprechen, bis die Nähe, die auf diese Weise zwischen uns entstand und sich mit jedem Wort verdichtete, unerträglich für sie wurde. Sie schauten auf, sahen meinen furchtsamen Blick und schrien, ich hätte sie verhext. Dann begann das Ritual von vorn, der Schuppen, das Eingesperrtsein, die Strafrede.

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„Noch etwas Wasser?“, sprach der Bürgermeister in meine Gedanken hinein, der ansonsten so sehr mit seinem Lammfilet beschäftigt war, dass er mein langes Schweigen wohl als angenehm empfand.

„Ja, bitte.“

Der leicht erdige Geschmack, der meinen Gaumen traf, war einmalig, ich musste nicht auf das Etikett schauen, um zu wissen, dass das Wasser aus der Bergquelle von Alvaría stammte. Es war dasselbe  Wasser, mit dem meine Erinnerungen auf ewig verbunden waren, hatte es mir doch so oft das Leben gerettet, wenn ich nach vielen Stunden den Schuppen verlassen durfte, weil Großmutter mir großherzig eine weitere Chance gab, mich zu bessern.

„Sieh dich doch nur an“, hatte sie mich dann angeherrscht und zum großen Spiegel in der Diele gezerrt, „schau nur, ja, was siehst du denn jetzt? Die große Espeja willst du sein, aber nein, ein Nichts bist du, unwürdig, meine Enkelin zu heißen, und wenn dein Vater nicht mein Lieblingssohn gewesen wäre, ich hätte dich längst zum Dorf hinausgejagt!“

So lernte ich sehen, mich sehen. Ein verdrecktes unwürdiges Etwas, ein niemand, ohne Eltern, ohne Geschwister, das Balg einer Fremden, ich hatte es allein Großmutter zu verdanken, dass ich noch am Leben war. Und nein, ich begehrte nicht dagegen auf, denn nichts daran erschien dem Kind ungewöhnlich. Und doch wurde die Scham, mich nicht wehren zu können, ebenso zu meinem ständigen Begleiter wie die Furcht, erneut einen schrecklichen Fehler zu begehen und bestünde er auch nur darin, jemandem zu lange in die Augen zu schauen oder ihm so intensiv und still zuzuhören, wie es nur wir Spiegelmenschen vermögen.

Erst viele Jahre später, als ich in Valencia eine Marketingkampagne für die städtischen Kindergärten leitete, begriff ich, dass diese liebende Unterwürfigkeit nichts Seltenes ist, dass ich mich nicht dafür zu schämen brauchte. Denn ich erkannte es sofort, dieses eine Kind, das es in jeder Gruppe gibt. Sie wurden nicht körperlich misshandelt, sie waren wohlgenährt und adrett gekleidet. Aber sie hatten diese Schatten um die Augen, diesen traurigen, fast schon stumpfen Blick, senkten den Kopf, wenn man sie ansprach.

Sie waren vier oder fünf Jahre alt und fühlten sich doch müde und abgekämpft wie Hundertjährige, ohne zu wissen, warum. Für jede liebevolle Geste, jede unbedachte Äußerung, die sie wagten, zogen sie sich den Zorn der anderen Kinder zu. Sie wurden geschubst, verspottet, ausgeschlossen. Und wünschten sich doch nichts so sehr, wie den anderen gleich zu sein, von ihnen anerkannt zu werden.

Wie gern hätte ich ihnen erzählt, dass es nicht ein Mangel, sondern ein Talent war, das sie zu Außenseitern machte. Wären sie Dorfkinder gewesen, sie hätten an meinen Lippen gehangen und Hoffnung verspürt. Aber eben das ist der Nachteil, wenn man in einer Stadt aufwächst, in der ein Fluch etwas ist, an das nur die Rückständigen, die Ungebildeten aus den Bergdörfern glauben. Und so schwieg ich und konnte sie nur in meinem Herzen um Verzeihung bitten, so, wie ich Großmutter wieder und wieder um Verzeihung gebeten hatte.

Die Umarmung, die ich mir dafür erhoffte, blieb aus, aber der erste Schluck Wasser, den sie mir gewährte, brachte den Lebensmut zurück. Und mit dem Wasser, das ich in kleinen Schlückchen genoss, verband sich die Erwartung, dass es außerhalb des Dorfes noch etwas geben könnte, was so köstlich schmeckte, so hell und klar war, dass es sich lohnte, zu überleben. Etwas, das auch Bilderwelt vor mir verbarg, meine einzige Vertraute und Freundin in dunklen Stunden, weil sie wohl ahnte, dass es mich forttreiben würde. Aber eine Espeja darf ihr Dorf nicht verlassen, niemals, denn das bringt Unglück über alle, die sie zurücklässt.

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„Hallo, Leandra, bist du noch da?“, scherzte der Bürgermeister, nachdem er mit einem Stück Baguette den letzten Tropfen Soße von seinem Teller getunkt hatte, und musterte mich grinsend. Verdammt, ich würde mit meiner Trübsal noch alles verderben!

„Entschuldigung. Also, wo waren wir, ja die Leute, ich kenne die Gegend ganz gut“, versuchte ich in einem möglichst sachlichen, kompetenten Tonfall wieder anzuknüpfen, „und auch die Leute. Meine Großeltern stammen von hier und ich war oft bei ihnen zu Besuch. Ich werde sicher rasch einige Verbündete finden, die mir helfen, das Fest vorzubereiten.

Denn“, fügte ich hinzu, „das ist Regel Nummer eins: Wir müssen mit den Leuten arbeiten, nicht gegen sie. Wenn die Einwohner das Gefühl haben, dass wir sie irgendwie austricksen oder etwas über ihren Kopf entscheiden wollen, werden sie auf stur schalten. Sie müssen glauben, dass alle Entscheidungen von ihnen selbst ausgehen. Aber dafür bin ich ja hier“, beendete ich meine kleine Ansprache.

„Darauf einen Mistela“, erwiderte er fröhlich und erhob sein Glas, um es in einem Zug zu leeren. Jetzt war es an mir zu grinsen, denn an nichts erkannte man Fremde in dieser Region besser, als daran, dass sie es nicht verstanden, einen Mistela würdevoll zu genießen. Wie war er nur in sein Amt gekommen?

Ich prostete ihm zu. Einen Mistela trank man langsam, in kleinen Schlucken, so – mein Herzschlag setzte kurz aus, als ich ihn erblickte – wie der Fremde im Ledermantel es tat, der mit dem Rücken zu uns an der Theke saß. Unsere Augen trafen sich für einen Moment in dem über der Bar angebrachten Spiegel. Sie lächelten mir zu, bevor auch er sein Glas langsam zum Mund führte. Warum bemerkte ich ihn erst jetzt? Wieso hatte ich nicht gesehen, dass auch er den Zug in Cuenca verließ? Lebte er etwa hier?

„Kennen Sie den Mann?“, fragte der Bürgermeister. „Nein“, sagte ich, „also nur flüchtig, eine Zufallsbekanntschaft aus dem Zug.“ Dabei war ich mittlerweile sicher, dass ich tief in mir eine Erinnerung an ihn finden würde, die ich für längst erloschen gehalten hatte. Aber es war sinnlos, danach zu suchen, solange Bilderwelt sie nicht freigab.

Ein erster Vorschuss in bar und ein roter Smart als Leihgabe, damit ich mich ohne Fahrer von einem Ort zum anderen bewegen konnte, waren die Ausbeute, mit der ich schließlich die Pension ansteuerte.

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Tja und nun sitze ich hier und langweile Sie mit meinen alten Geschichten. Der Wagen steht sicher geparkt vor dem Eingang. Die Fenster im Wohnhaus gegenüber sind verschlossen, die Vorhänge zugezogen. In den benachbarten Zimmern lastet noch stets die Stille. Ich bin allein mit mir und einem Auftrag, den es zügig in die Tat umzusetzen gilt. Wen soll ich zuerst aufsuchen? Womit beginnen?

„Was auch immer du tust“, hatte Marta mich gelehrt, „du musst die Dinge vom Ende her denken. Erst, wenn du dir über dein Ziel im Klaren bist, kannst du Schritt für Schritt darauf zugehen.“ Was gäbe ich darum, sie jetzt bei mir zu haben!

Was ist mein Ziel? Ein bezauberndes Fest werde ich ausrichten, eine Feier, die die Menschen so schnell nicht vergessen werden, die sie einander näherbringt. Ich bin gekommen, um sie zu einer Gemeinschaft zu formen. Ausgerechnet ich. Nur wodurch?

Durch einen gemeinsamen Feind, antwortet Bilderwelt. Blödsinn, murmele ich, wohl wissend, dass sich die meisten Menschen nicht etwa zueinander hingezogen fühlen, weil sie sich mögen. Sondern weil es sich in Gemeinschaft besser hassen lässt.