Die alte Frau und der Mythos

Die staubige Landstraße nach Alvaría bot Neron freie Fahrt, der entgegen Padre Tohias‘ Rat beschlossen hatte, zuerst mit der Großmutter von Leandra de Luna zu sprechen. Er zog es vor, selbst die Reihenfolge seiner Ermittlungen festzulegen, statt auf das Gerede der Leute zu achten. Und sofern seine Recherchen stimmten, war Valeria de Luna nun mal die einzige noch lebende Verwandte der Vermissten.  

Neron verzichtete darauf, das Navi einzuschalten, denn trotz seiner 61 Jahre hatte er ein hervorragendes Gedächtnis und trainierte seine Fähigkeit, sich auch komplizierte Strecken einprägen zu können, wann immer sich eine Gelegenheit ergab. Er passierte das Ortsschild und die Kirche, die um 1800 gegen den Willen der Dorfbewohner errichtet worden war, wie er am Vorabend im Netz recherchiert hatte, bog dann links in die staubige Dorfstraße ein und fuhr im Schritttempo an gemächlich zerbröckelnden Häusern vorbei. Hier und da warf jemand einen Blick aus dem Fenster, wenn sein alter Toyota sich näherte, zog sich aber rasch zurück, sobald er Neron hinter dem Steuer erkannte.

Wie die meisten Bergdörfer, die keinerlei Touristenattraktionen aufzuweisen hatten, war auch Alvaría seit Jahrzehnten dem Zerfall preisgegeben. Dabei musste es einmal ein reiches und stolzes Dorf gewesen sein. Die ersten Bewohner hatten sich hier schon während des Dreißigjährigen Krieges niedergelassen, vermutlich in der Hoffnung, vom Elend der Kämpfe und politischen Ränkespiele verschont zu bleiben.

Niemand wusste genau, woher sie gekommen waren. Doch wurde das Dorf schon früh von Außenstehenden gemieden – man munkelte, dass sich dort geheimnisvolle Dinge abspielten, die für alle, die nicht zu den direkten Nachfahren der Einwanderer gehörten, gefährlich werden könnten. Außerdem hieß es, die Dorfbewohner hätten den katholischen Glauben nur zum Schein angenommen, würden insgeheim uralte Rituale pflegen und hegen. Aber auch das war hier in den Bergen nichts Außergewöhnliches, waren es doch zumeist die katholischen Padres, die ihren Glauben an die Mythen, die sie vorfanden, anpassen mussten, nicht umgekehrt.

Die Anordnung der Häuser bestätigte den Wunsch ihrer Erbauer, sich gegen Außenstehende abzuschotten. Näherte man sich dem Dorf, glich es einer Festung. Lediglich untereinander schien man keinerlei Misstrauen zu hegen – es gab im Inneren des Dorfes keine Mauern und keine Zäune, keine Gardinen, einige Haustüren standen weit offen, obwohl niemand zu sehen war, der die Häuser bewachte, wenn man von den frei herumlaufenden Hühnern und vereinzelten Schafen, die Neron entgegenblökten, einmal absah.

War es Vertrauen oder Misstrauen, das sich in dieser Öffnung zueinander ausdrückte? Durften oder wollten die Nachbarn alles voneinander sehen? Nerons Gedanken wanderten zu dem Padre, der die gut gesicherte Kirche so sorgfältig verschlossen hatte. Wenn die Dorfbewohner einander nicht fürchteten, was veranlasste dann den Gottesmann zu einer solch übertriebenen Vorsicht?

Nachdenklich erreichte er das Haus Nummer 13, in dem Valeria de Luna wohnte. Die 13 – und das an einem Dienstag, hoffentlich ist das kein böses Omen, feixte er in Gedanken, blieb aber einen Moment unschlüssig am Steuer sitzen. Er hatte erwartet, dass die alte Dame seine Ankunft sofort bemerken und ihm entgegengehen würde, doch im Haus rührte sich nichts. Wer weiß, ob sie nicht vielleicht einkaufen oder Schafe hüten war? Warum nur hatte er seinen Besuch nicht vorher angekündigt? Und was überhaupt erhoffte er sich von diesem Gespräch?

Wütend über seine eigene Verunsicherung drückte er kräftig auf die Hupe und endlich öffnete sich die Tür. Neron schälte sich aus dem Fahrersitz und begrüßte distanziert die ältliche Dame, der Leandra wie aus dem Gesicht geschnitten schien. Wie ihre Enkelin war auch die fünf Jahrzehnte ältere Großmutter von beeindruckender Schönheit und hohem Wuchs. Wäre da nur nicht dieser herbe Zug um die Mundwinkel. Man wusste nicht, ob er von einem schweren Schicksal erzählte, das die Frau erlitten hatte, oder ob er von einem bösartigen Charakter zeugte. Aber Neron registrierte, dass gerade dieser harte Zug ihre Schönheit auf unerbittliche Weise zum Vorschein treten ließ.

Nachdem die Señora ihn hereingebeten und ihm einen frisch aufgebrühten Kaffee angeboten hatte, plauderten sie ein wenig über dies und das, als wären sie gute alte Bekannte, die sich nach langen Jahren wiedersehen. Neron erfuhr, dass die Dame bereits seit Jahren verwitwet war und es keine weiteren Verwandten gab. Seine Gesprächspartnerin erwies sich als äußerst höflich, ja kultiviert. Das Einzige, was ihn irritierte, war ihre Art, sich zu bewegen und sich verkrampft aufrecht zu halten.

Wie ein leerer Körper oder eine Puppe, dachte er, wie eine Marionette, die geschickt, aber seelenlos gelenkt wird. Sie bewirtete ihn gastfreundlich, rührte selbst jedoch weder Tasse noch Tapas an, die sie ohne Umschweife für ihn auf den Tisch gestellt hatte, saß ihm steif und regungslos gegenüber, als wäre sie mit dem harten Sofa verwachsen.

Doch während Neron noch damit beschäftigt war, sich diskret umzuschauen und die Details einzuprägen – das Bild des Mannes, der mit traurigem Blick einen Säugling im Arm hielt, war ihm nicht entgangen –, beendetet die Señora ihren Small-Talk abrupt, indem sie ihn nach dem eigentlichen Grund seines Besuches fragte.

„Nun, Señora de Luna, wie Sie sicher schon wissen, bin ich wegen Ihrer Enkelin hier, die seit den Ostertagen vermisst wird. Normalerweise ist es nicht meine Aufgabe, mich um erwachsene Vermisste zu kümmern. Aber in diesem Fall haben wir Hinweise, die darauf deuten, dass ihr Verschwinden im Zusammenhang mit einem Verbrechen steht.“

Neron wusste, wann er eine Pause machen musste, um seine Worte nachwirken zu lassen.

Tatsächlich rang die Señora einen Moment um Fassung, strich dann resolut einige Krümel von der geklöppelten Tischdecke und sah ihn aus harten Augen an.

„Dann haben Sie den Weg leider umsonst auf sich genommen, Herr Kommissar“, erwiderte sie, „denn meine Enkelin hat den Kontakt zu mir bereits vor Jahren abgebrochen. Ich habe keine Ahnung, wo sie sich jetzt aufhält.“

Neron zögerte. Sollte er gleich ins Schwarze zielen oder sich vorsichtig heranpirschen? Er entschied sich für den umständlichen Weg. Die Leute immer so behandeln, wie sie wahrgenommen werden wollen, ermahnte er sich. Zum Schein auf ihre Lügen und Halbwahrheiten eingehen, damit sie sich in Sicherheit wiegten.

„Ich hörte bereits davon, Señora“, antwortete er, „und es tut mir wirklich leid, Sie in dieser Angelegenheit belästigen zu müssen. Ich kann mir vorstellen, wie verletzend es sein muss, wenn sich ein Kind, dem man die Eltern ersetzt hat, urplötzlich abwendet. Aber so sind sie nun mal die jungen Leute. Deshalb haben Sie gewiss auch nicht an dem sogenannten Fest der 1000 Wünsche teilgenommen, das Leandra über die Ostertage organisierte? Es hätte Ihnen vermutlich das Herz gebrochen, Ihre Enkelin sehen zu müssen, ohne ein persönliches Wort mit ihr sprechen zu können?“

„Unsinn“, erwiderte die alte Dame schroff und Nerons Nerven spannten sich, als müsste er Seile daraus fertigen, mit denen er sein Opfer im nächsten Moment fest umwickelte, „mein Herz wurde bereits vor einem Vierteljahrhundert gebrochen, als mein Sohn diese schwangere Valencianerin hier anschleppte.

Doch wenn mich das Leben eines gelehrt hat, dann Haltung zu bewahren. Das habe ich auch meiner Enkelin mitzugeben versucht. Aber sie war genau so widerspenstig wie ihre Mutter. Man fühlte sich unwohl in ihrer Gegenwart. Dabei wusste sie die Menschen durchaus zu bezirzen mit ihrem hübschen Gesicht und ihren verträumten Augen. Versteckte sich hinter ihrer Naivität, verbarg ihren wahren Charakter.“

„Ihren wahren Charakter? Wie war sie denn so?“, fragte Neron, stapelte sich noch ein wenig von dem ausgezeichneten Schafskäse und der Chorizo auf den kleinen Teller und lehnte sich zurück. Ihm war klar, dass es länger dauern würde, aber eben auch, dass er nur vorankäme, wenn er ihr Vertrauen erwirkte. Und immerhin bekam er hier ein richtiges Frühstück statt diese Automatenbrühe, an der er sich in der Pension die Zunge verbrüht hatte.

„Sie hatte diesen Fluch auf sich geladen, aber das wissen Sie sicher schon, Sie haben ja bereits mit dem Padre gesprochen.“

Neron nickte. „Ja, der Fluch“, sagte er. „Können Sie mir ein wenig mehr darüber erzählen? Wie kann es sein, dass ein Säugling, der noch ohne klares Bewusstsein zur Welt kommt, absichtlich einen Fluch auf sich lädt?“

„Es ist doch eigentlich ganz einfach“, ging sie auf seine Bitte ein.

„Sie müssen sich das Leben nur nicht als eine Straße denken, die geradeaus von der Geburt zum Tod führt. Stellen Sie sich eine Spirale vor. Sie gehen an einem Ende hinein und zum anderen wieder hinaus, nachdem sie viele Male geboren wurden und gestorben sind. Der Weg ändert sich nicht, Sie sind beständig im Wandel, in der Veränderung, dürfen nirgendwo anhaften, um den Ausweg zu finden. Darum verhängt man doch die Spiegel, wenn jemand verstorben ist, damit er nicht auf Abwege gerät. Und darum darf ein Kind direkt nach seiner Geburt nicht in den Spiegel schauen.“

„Weil es sonst den Eingang nicht findet?“, fragte Neron, bemüht, seine Stimme interessiert klingen zu lassen.

Die Alte lachte, als hätte er einen besonders komischen Witz gerissen. „Natürlich nicht. Der Spiegel verhindert, dass die Seele erneut mit sich selbst in Verbindung tritt und auf dem ihr bestimmten Pfad voranschreiten kann. Sie verbindet sich mit dem Bild, das ihr zurückgeworfen wird, und das hält sie davon ab, sich weiter zu entwickeln.

Der Spiegel zeigt uns auf schonungslose Weise das Jetzt – niemals aber unseren Weg. Und genau das tut eine Espeja. Sie spiegelt den Menschen, wie er gerade ist. Anders als der Spiegel zeigt sie ihm aber nicht seine äußere Hülle, sondern sein innerstes Wesen. Das ist für die meisten Menschen nicht leicht zu ertragen. Zumal der Spiegel eben alles auf einen einzigen Ausschnitt reduziert und das Vorhandene vielfach verstärkt.“

„Aber was ist der Fluch daran? Selbsterkenntnis ist doch eine uralte Tugend“, versuchte Neron sich auf ihre Ausführungen einzulassen.

„Richtig“, sagte die Alte, „das sehen wir auch so. Nur ist es eben keine Selbsterkenntnis, wenn Ihnen ein anderer Ihre Geheimnisse gegen Ihren Willen entreißt. Bevor sich eine Frau eine Espeja heißen darf, muss sie daher eine Unterweisung erhalten, die sie Liebe, Demut und Aufrichtigkeit lehrt. Sie muss in ihre eigenen Niederungen herabsteigen, muss so tief fallen, dass sie es niemals wagen wird, sich über einen anderen zu erheben.

Das ist der Sinn hinter den Demütigungen, hinter der Strenge, mit der wir eine Espeja erziehen. Aber das Kind war widerspenstig wie ein alter Ziegenbock. Wenn man sie ansah, konnte einem angst und bange werden. Und immer verstand sie sich darauf, einem die Worte aus dem Mund zu ziehen, sodass man fast zwanghaft anfing, in ihrer Gegenwart Dinge zu erzählen, die man sonst nur mit dem Herrgott oder im Beichtstuhl besprechen würde. Sie hielt sich wohl selbst für eine Art Heilige und es war meine Aufgabe, sie mit den Tatsachen zu konfrontieren.

Ich hätte alles getan, um sie zu unterweisen. Aber sie war eben keine von uns. Das war von Anfang an klar – als ihre Mutter fortging, die zu schwach war, eine Espeja aufzuziehen. Als mein Sohn ein … ein ähnliches Schicksal erlitt. Als sie anfing, sich für die Alemannes zu interessieren, die kurz nach ihrer Geburt ins Dorf kamen.

Die Zeichen waren mehr als deutlich, wissen Sie? Übrigens war Padre Lopez derselben Ansicht. Auch er konnte nicht bewirken, dass sich der Fluch in eine Gabe wandelte. Je älter sie wurde, desto mehr widersetzte sie sich.“

Erschöpft blickte sie ihn an und Neron wusste, sie war überzeugt von der Richtigkeit all ihrer wirren Gedanken und Glaubenssätze. In ihrer Welt konnte ein kleines Mädchen durch den Blick in einen Spiegel für immer verhext sein, zum Werkzeug des Teufels werden. Man musste ihm mit aller Härte begegnen, um es lieben zu lehren. Es würde keinen Sinn machen, mit ihr darüber zu diskutieren. Und es war ja auch nicht seine Aufgabe.

„Eine schwere Bürde hatten Sie da zu tragen“, sagte er. „Gut, dass wenigstens der Padre Sie unterstützte. Aber erlauben Sie mir die Frage – was war das für eine Geschichte am 1. September 2014, eine Woche vor Leandras achtzehntem Geburtstag? Wie ich hörte, war das die letzte Begegnung zwischen Ihnen, Leandra und dem Padre, der noch in der Nacht darauf verstarb?“

Die alte Dame bekreuzigte sich. „Madre mia“, flüsterte sie, „wer hat Ihnen davon erzählt?“

„Beichtgeheimnis“, schoss es Neron in den Sinn, aber „darüber darf ich Ihnen leider keine Auskunft geben“, konnte er sich selbst gerade noch korrigieren.

Doch musste wohl etwas in seinem Gesicht oder in seiner Haltung die alte Dame alarmiert haben, denn ihr Mund verzog sich und ihre Augen nahmen einen misstrauischen Ausdruck an.

„Ach so“, sagte sie. „Sie glauben, Sie können mich verspotten. Dann beenden wir dieses Gespräch am besten.“

„Tut mir leid, Señora, aber einige Fragen hätte ich dann doch noch“, antwortete Neron resolut, „zum Beispiel, wo Sie am Ostersamstag waren. Haben Sie an dem Fest teilgenommen oder nicht?“

„Ja sicher habe ich an dem verfluchten Fest teilgenommen“, antwortete sie aufgebracht.

„Wir mussten ja alle teilnehmen, der neue Padre hat es von uns verlangt. Dabei ahnten wir, dass es ein Unglück geben könnte. Eine Spiegelfrau darf ihr Dorf nicht verlassen, niemals. Schon gegen dieses uralte Gesetz hatte sie verstoßen, zu unserem und zu ihrem eigenen Unglück. Ihr Fluch kann sich nur wandeln, wenn sie ihn würdevoll erträgt, wenn sie betet und wenn Gott ihr die Gnade der Wandlung zuteilwerden lässt. Einer muss die Schuld der Menschen auf sich nehmen, einer muss die Menschen einen, indem er für ihre Sünden einsteht. Aber dieses Mädchen …“

„Dieses Mädchen?“, hakte Neron nach, der langsam ungeduldig wurde.

„Ich sagte ja bereits, ich habe alles versucht und ich habe Ihnen alles erzählt, was ich weiß“, wies sie seine Frage zurück. „Ich habe das Fest besucht, um dem Padre einen Gefallen zu tun, es aber bereits früh wieder verlassen.“

„Können Sie mir eine ungefähre Uhrzeit nennen?“

„Nein, das kann ich nicht. Aber es war noch bevor dieser Quatsch mit den Wünschen begann, kurz vor Sonnenuntergang. Wir sollten irgendetwas aufschreiben und die Karten dann an sie zurückgeben.“ Sie blickte auf ihre Hände, als suchte sie darin nach einer Erinnerung an den Abend.

„Und Sie haben nichts aufgeschrieben, sondern sind gegangen?“, fragte Neron.

Die alte Dame lachte kurz auf. „Guter Mann, ich habe in meinem Leben alles Mögliche gelernt, nur eines nicht: zu schreiben. Wir aus Alvaría empfangen unser Wissen nicht aus aneinandergereihten Buchstaben, sondern aus der lebendigen Überlieferung, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Meine Enkelin wusste das. Gewiss hat es ihr deshalb so offensichtliche Freude bereitet, mir eine Karte und einen Stift in die Hand zu drücken.“

Neron schwieg. Es war alles noch viel verworrener, als er befürchtet hatte. Es ergab sich kein klares Bild für ihn. Einerseits war es ein Fluch, in den Spiegel zu schauen, andererseits eine Gabe. Einerseits verbarg sich ein alter heidnischer Glaube darin, andererseits war der Padre in die Sache verwickelt. Aber vermutlich ließ er sich ohnehin schon zu sehr auf dieses Gerede ein. Er musste zurückkehren in seine eigene logische Gedankenwelt, um die Fäden entwirren zu können, musste sich an die Fakten herantasten, nicht an die Überlieferung. Schließlich ging es nicht darum, wer oder was Leandra war oder wie die Leute über sie dachten. Sondern darum, wo sie jetzt steckte, ob ihr etwas geschehen war.

Und dass ihr etwas Böses angetan worden war, dieser Verdacht hatte sich durch die Worte der Señora für ihn verhärtet. Die Geschichten der alten Dame würden ihn jedoch so wenig voranbringen wie eine Überprüfung ihres Alibis, da war er sich sicher. Sie wirkte gekränkt und voller Verachtung für ihre Enkelin. Aber sie schien sich auf irgendeine Art auch zutiefst vor ihr zu fürchten und hätte ihr schon deshalb nichts antun können.

„Und Sie wissen nicht, wie es an dem Abend weiterging?“, unternahm er einen zögerlichen Vorstoß, nützlichere Informationen zu erhalten.

„Nein“, sagte sie, „ich habe noch die Ziege gemolken, nach den Hühnern gesehen und bin dann schlafen gegangen. Als ich am nächsten Morgen zum Ostergottesdienst ging, war sie bereits verschwunden. Und ich war nicht traurig darüber. Das Einzige, was anders war als sonst – “, sie stockte, als würde es ihr jetzt erst auffallen, „war, dass die Alemannes zum Ostergottesdienst erschienen. Das hatten sie zuvor noch nie getan.“

„Und können Sie sich einen Grund vorstellen, warum sie es an diesem Ostersonntag taten?“

Valeria de Luna verneinte und schüttelte dabei so heftig den Kopf, dass er meinte, einen Halswirbel knacken zu hören und den Schmerz erahnte, den dies auslösen musste. Doch sie verzog keine Miene.

„Verstehe“, sagte Neron. „Dann bedanke ich mich für Ihre Offenheit. Falls Ihnen noch etwas einfällt – ich wohne im Hostal Antonia, Sie erreichen mich aber natürlich auch über mein Handy.“ Er hielt ihr eine Visitenkarte hin, nach der sie mit zwei Fingern griff wie nach einem Fremdkörper, den man vorsichtig mit der Pinzette aufnimmt.

„Vielleicht habe auch ich später noch ein paar Fragen, dann … das heißt, Moment, etwas wüsste ich doch noch gern. Ist Leandra in diesem Haus aufgewachsen? Und ist das“, er deutete auf die Fotografie, „ihr Vater?“

„Ja“, sagte de Luna, „das ist …, das war mein Pablo. Und ja, sie ist hier aufgewachsen, nachdem ihre Mutter und Pablo von uns gegangen waren.“

Neron betrachtete das Foto mit dem traurigen jungen Mann, der trotz seiner sportlichen Statur jede körperliche Spannung verloren hatte. Er kam ihm bekannt vor, doch konnte er dem Eindruck keine Erinnerung zuordnen.

„Dürfte ich ihr Zimmer sehen?“, fragte er und stand auf. „Ich verspreche auch, Sie gleich danach in Ruhe zu lassen.“

„Ihr Zimmer?“, wiederholte die Alte. „Sie sind hier nicht in einer Luxusherberge, guter Mann. Wir hatten den Verschlag für sie freigeräumt, der als Durchgang zum Stall führt. Jetzt nutze ich ihn aber wieder als Abstellkammer. Sie werden dort also nichts mehr finden, was an“, fast hätte sie den Namen ausgesprochen, „was an den Bastard erinnert.“

Neron schluckte die Worte, die er ihr gern unverblümt geantwortet hätte, hinunter. Emotionen hatten in seinen Ermittlungen nichts zu suchen. Er bestimmte die Reihenfolge, die Inhalte, die Details, die er sich einprägte und sachbezogen einordnete. In den Gesprächen aber ging es darum, zu verstehen, was die Verdächtigen für folgerichtig hielten. Nur wenn er sich auf ihre Gedankenwelt einließ, wenn er ihre Werte, Gefühle und Schlussfolgerungen verstand, konnte er auch ihre Motive und Handlungen zum Vorschein bringen.

„Dann bedanke ich mich für das Gespräch und die Gastfreundschaft“, sagte er zum Abschied. Auch die Señora erhob sich nun in der ihr eigenen steifen Unbeweglichkeit und begleitete ihn zur Tür, neben der ein schlichtes Holzkreuz angebracht war.

„Ist das nicht das gleiche Kreuz wie das in Padre Tohias‘ Studierzimmer?“, fragte er.

„Ist es“, antwortete die alte Dame. „Padre Lopez hat jedem Haus eines geschenkt. Und damit Sie nicht noch einmal heraufkommen müssen“, fügte sie dann unvermittelt hinzu, „ja, sie hat auch ihn auf dem Gewissen. Ich weiß nicht, wie sie es angestellt hat. Aber der Padre war immer gesund, er hatte keinen Herzfehler, wie später behauptet wurde, um alles zu vertuschen. Doch wo auch immer sie sich jetzt befindet“, fügte sie leise, fast schon bedauernd hinzu, „es wird ihr nichts nützen, weggelaufen zu sein. Das Leben verläuft nicht von A nach B, sondern auf vorbestimmten Pfaden. Sie wird zurückkehren müssen, tot oder lebendig, um ihren Weg vollenden zu können. Glauben Sie mir.“

Neron spürte, es war höchste Zeit, dieses Haus zu verlassen, denn lange würde er seine gespielte Souveränität nicht mehr aufrechterhalten können. Fast schon überstürzt hastete er zu seinem Wagen und ließ den Motor aufheulen, sodass sich eine heftige Staubwolke bildete. Im gleißenden Sonnenlicht verdichteten sich die Staubkörner zu einer tanzenden Frauengestalt, die schlaff wie ein ermattender Schrei auf seine Windschutzscheibe sank. Der Motor tuckerte unberührt weiter, doch Neron konnte nur schwer den Impuls unterdrücken, auszusteigen und nachzusehen, ob es tatsächlich mehr als eine Staubschicht war, die sich auf der nun blinden Scheibe abgelagert hatte. Dann fiel sein Blick in den Rückspiegel.

Zu seinem Entsetzen erkannte er einen Mann darin, der um Jahre gealtert war. Für einen kurzen Moment meinte er, auch Marias Gesicht zu erblicken, in dem bis zu ihrem Tod Schmerz und Liebe darum gerungen hatten, wer die stärkeren Zeichen hinterließ. Jetzt dagegen zeigte es denselben starren Ausdruck wie all die Gesichter der Bewohner von Alvaría ihn aufwiesen.

„Sentimentaler Narr“, schalt er sich, wischte sich eine Träne aus den Augen, zog die Kupplung an und brauste wie ein Gejagter die alte Straße zum Dorf hinaus. Hinter dem Ortsschild schaltete er das Radio ein, denn die vorwurfsvolle Stille, die vom leeren Beifahrersitz zu ihm drang, war unerträglich.