Das Schlurfen der Untoten

Klein, erbärmlich und kein bisschen bedrohlich – kaum war ich in die Dorfstraße eingebogen, wich das mulmige Gefühl, das mich dorthin begleitet hatte, und Alvaría war nur noch ein verschlafenes Nest, in dem man merkwürdige Rituale pflegte. Hatte meine Erinnerung mich getäuscht, hatte sie eine feuchte Wiese in ein gefährliches Moor verwandelt, in dem man hinterrücks von kalter Hand zu den Toten hinabgezogen werden konnte? Oder war es nur das Gefühl der Vertrautheit, das mir etwas wie Freude über diese Rückkehr an den verhassten Ort abnötigte?

Heimat ist, wo deine Erinnerungen konkret werden. Wo du jedes Schlagloch im Boden kennst, weißt, wo die leckersten Blaubeeren wachsen und wo alle Dinge und Menschen dich an eine Begegnung, an ein Ereignis erinnern. Wo die Anstrengung, jeden Tag etwas Neues zu entdecken, dem entspannten Gefühl weicht, dass sich alles an seinem Platz befindet, alles einer erwartbaren Routine folgt. Selbst wenn es zu dieser Routine gehört, dass dir misstrauische Augen folgen, wohin auch immer du dich begibst.

Wie die Augen von Pepe, dem der kleine Lebensmittelladen gehört hatte. Seit meiner Ankunft beobachtete er aus sicherer Entfernung, wie ich den Festplatz vor der Kirche abschritt, aus verschiedenen Perspektiven Fotos und Notizen machte. 93 Schritte von der Kirchentür bis zum Brunnen. Sollte er ruhig glauben, ich würde ihn nicht bemerken. Ich unterdrückte den spontanen Impuls, ihm fröhlich zuzuwinken, um zu beweisen, dass ich kein furchtsames Kind mehr war.  

Das laute Rumsen, mit dem die Kirchentür aufgestoßen wurde, ließ mich herumfahren. Der hagere Mann, der heraustrat und sich vorsichtig umsah, als wollte er eine vielbefahrene Straße überqueren, musste Padre Tohias sein. Ich hatte ihn mir größer und korpulenter vorgestellt – so wie Lopez, den alten Rattenfänger, den ich angeblich ins Jenseits befördert haben sollte.

Tohias war kaum größer als ich, dünn, unsportlich und blass – wie man sich einen Menschen, der sich Tag für Tag hinter seinen Büchern vergräbt, eben so vorstellt, ein Klischee aus Haut und Knochen. Ein farbloser Mann um die Dreißig, der mir verlegen gegenübertrat, seine Verunsicherung aber mit einer professionellen Herzlichkeit überspielte.

Was und wie viel er über mich wusste? Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn er verwickelte mich sofort in ein Gespräch, wollte wissen, was ich plante, wie er mir helfen könne und ließ keine Sekunde zu, dass ich die Unterhaltung übernahm oder ihm eine Frage stellte, auf die er nicht vorbereitet war. Dabei wollte ich gar nichts von ihm, ich benötigte lediglich seine Zusage, dass ich die Festzeltgarnituren nutzen konnte, die in der alten Scheune hinter der Kirche aufbewahrt wurden.

„Ich muss ehrlich sagen“, setzte er seinen Monolog fort, als wir uns der Scheune näherten, „ich war nicht besonders begeistert, als ich hörte, dass das Fest ausgerechnet am Ostersamstag stattfinden soll. Sie wissen ja sicher, dass dies ein besonderes Datum für die Kirche ist. Aber die Idee an sich hat mich überzeugt, weshalb ich Ihnen gern behilflich bin. Sehen Sie mir nur nach, dass ich selbst nicht daran teilnehmen werde.“

Überrascht registrierte ich, dass er nicht nur die Kirche, sondern auch die Scheune, die kaum größer als ein Schuppen war, unter Verschluss hielt. Ich konnte mich nicht erinnern, dass es in Alvaría jemals verschlossene Türen gegeben hatte. Kein Mensch hatte sich hier je vor Diebstahl und Raub gefürchtet, denn Alvaría war, was diese Dinge anging, der vermutlich sicherste Ort der Welt. Ob es damit zusammenhing, dass sich mittlerweile so viele Fremde in der Gegend niedergelassen hatten? Oder war es eine persönliche Macke von ihm?

Wie auch immer, im Inneren bot sich mir ein großartiger Fundus an sorgsam verpacktem Mobiliar und reichlich Requisiten, mit denen ich den Festplatz schmücken konnte, und Padre Tohias versicherte mir, dass ich, was immer ich benötigte, benutzten durfte. Ich war erleichtert – das ersparte mir viel Zeit und nervenaufreibende Gespräche. Jetzt würde ich nur noch ein paar starke Helfer benötigen, die das Zeug aufbauen und montieren konnten.

„Schauen Sie sich nur in Ruhe um“, sagte der Padre, der nervös an der Scheunentür stehengeblieben war, als fürchtete er, jemand könnte sie zustoßen, wenn er sie nicht bewachte.

„Das ist sehr großzügig von Ihnen“, antwortete ich. „Sie müssen aber nicht bleiben, Sie haben bestimmt noch etwas Besseres zu tun“, fügte ich hinzu, denn der Wunsch, ihn loszuwerden, überfiel mich mit jedem Schritt, den ich ins Dunkle hineinging, mächtiger. War mir die Scheune doch so vertraut, als hätte ich sie gestern zum letzten Mal aufgesucht.

Padre Tohias nahm mein Angebot an und ließ mich allein. Ich setzte mich auf einen der gepolsterten Stühle mit den Schonbezügen, die in der Kirche nur aufgestellt wurden, wenn sich hoher Besuch angekündigt hatte. Das sanfte Dämmerlicht und die schwebenden Gerüche der Hölzer und Papiere, Textilien und Kunststoffe umarmten mich wie gute alte Bekannte. Dankbar dachte ich an die vielen Momente, die ich glücklich, verborgen und immer auf der Suche nach einem neuen Schatz einst hier erleben durfte.

Mit einer Taschenlampe leuchtete ich in das Dickicht aus Festzeltgarnituren, Geschirr, alten Bücherkisten, Kleiderspenden und längst vergessenen Utensilien hinein. Fast wäre mir das Herz übergegangen, als ich die kleine Marienstatue entdeckte, die mich so liebevoll anblickte, wie sie es in Kindertagen getan hatte. Ob auch die Bibel noch aufzufindenden wäre, in der ich begierig gelesen hatte? Aus der ich von einem Gott erfuhr, der nicht böse, zürnend und rachsüchtig, sondern liebend und mitfühlend ist?

„Leandra?“

Unter Tausenden von Stimmen hätte ich sie erkannt. Und obwohl das von der Tür hereinblinzelnde Sonnenlicht mich nur ihre Konturen erkennen ließ, wusste ich sofort, dass sie es war.

„Margrit!“

„Leandra, meine Güte, wie schön, dich zu sehen! Ich konnte es nicht glauben, als ich hörte, dass du wirklich zurückkommst. Du hast mir so gefehlt!“

Wenn es einen Menschen in Alvaría gibt, den auch ich vermisst hatte, dann Margrit. Ich war 16, als sie mich zum ersten Mal bat, sie zum Arzt zu begleiten, um zu dolmetschen. Wir verstanden uns auf Anhieb ausgezeichnet und von diesem Tag an fand Margrit, die mit Mitte 30 bereits verwitwet war und allein in einer Villa in den Bergen lebte, immer wieder einen Grund, mich zu sich zu bestellen. Sie entlohnte mich fürstlich, wenn ich Besorgungen für sie erledigte, ihr die schmerzende Schulter massierte, eine lindernde Creme für den Sonnenbrand brachte oder mich in ihrer Abwesenheit um die Papageien kümmerte.

Viel wichtiger aber war, dass sie stets ein offenes Ohr für mich hatte und mich aufzumuntern und zu trösten verstand. Ich weiß nicht, ob ich überlebt hätte, wäre Margrit nicht gewesen. Sie war es dann auch, die mir nach Lopez Tod riet, Alvaría schnellstmöglich zu verlassen. Ausgerechnet sie, die mich doch so sehr brauchte. Kaum hatte ich zugestimmt, überraschte sie mich bereits mit der Nachricht, dass sie in Valencia einen Job bei ihrer alten Freundin Marta für mich gefunden hatte.

„Was stehst du da wie angewachsen,“ rief sie nun lachend, „du willst doch wohl nicht, dass ich zu dir in diesen entsetzlichen Schuppen voller Spinnen und ekligen Kakerlaken komme?“ Tatsächlich hatte ich mich trotz meiner Freude nicht vom Fleck gerührt.

„Entschuldige“, sagte ich und ging zu ihr, damit wir einander küssen und begrüßen konnten, wie es sich für gute Freundinnen gehört.

„Du bist noch hübscher geworden“, sagte Margrit, nachdem sie mich gründlich inspiziert hatte. „Hast du einen Freund?“

So war sie also noch immer. Diese Neugier und die direkte Art immer gleich zur Sache zu kommen. Der einzige Mensch, der sich nicht zu verbergen suchte.

Ihr neues Cabriolet, zu dem sie mich zog, parkte frech vor dem hässlichen Brunnen in der Mitte des Platzes. Stolz verwies sie auf die handgefertigte knallrote Ledergarnitur, die die Sitze zierte, und hieß mich Platz nehmen. „Mach es dir gemütlich“, plapperte sie dann los, „und erzähl mal, wie ist es in Valencia? Hast du es dir auch gut überlegt, hierher zurückzukommen?“

„Viele Fragen auf einmal, Margrit“, grinste ich und ließ mich auf den Beifahrersitz plumpsen, „womit fange ich nur an? Valencia ist natürlich toll und Marta ist ein Schatz, ich werde dir bis an mein Lebensende dankbar sein, dass du mich vermittelt hast. Und bitte verzeih auch, dass ich mich nicht gemeldet habe, ich …“

„Schon gut“, winkte sie ab. „Ich wusste ja, dass Marta dich mir ausspannen würde, sie ist einfach eine wundervolle Frau.“

„So wie du“, wollte ich erwidern, verschluckte die Worte aber, als ich den Schatten entdeckte, der Pepes schlurfendem Körper zielstrebig vorauseilte.

„Du bist mir gar nichts schuldig, Leandra. Alles, was ich getan habe, tat ich gern und freiwillig“, plauderte Margrit weiter, bevor sie meine Unruhe bemerkte. „Was ist los, was hast du?“

Mit einem vorsichtigen Nicken deutete ich in die Richtung, aus der Pepe auf uns zukam. Doch schon war er nicht mehr allein, zwei, drei und immer mehr der alten Dorfbewohner folgten ihm.

„Und ich würde es immer wieder tun, ganz egal, was diese Verrückten darüber denken“, stotterte Margrit.

Entsetzt blickten wir in die Richtung der Alten, die sich mit starren Gesichtern dem Wagen näherten. Ihr Aufzug erinnerte mich an Bilder, die ich im Nachdruck eines neuzeitlichen Pest-Traktates gesehen hatte: ausgezehrte Menschen in zerlöcherten Kleidern bewachten Gräber, in die man Sterbende geworfen hatte, weil sie die ersten Anzeichen der Krankheit aufwiesen.

Verbissen und mit schmutzigen Tüchern vor dem Mund, die sie nicht schützen konnten, traten sie jeden zurück in seine Grabstelle, der versuchte, dem Schicksal, lebendig begraben zu werden, zu entkommen. Sie wollten um jeden Preis überleben, auch wenn sie darüber ihre Menschlichkeit verlören.  

Eben noch war es nur eine Handvoll Gestalten gewesen, die sich uns näherte, nun strömten sie von allen Seiten heran. Einige Gesichter kamen mir bekannt vor, aber noch waren sie zu weit entfernt, um sie wirklich wiederzuerkennen. Mir wurde kalt, ich ergriff Margrits Hand. Sie zitterte.

„Fahr los!“, befahl ich. Margrit betätigte den Anlasser, der stotternd zum Erliegen kam. Erst der zweite Versuch gelang, sie wendete scharf und Pepe, der dem Wagen bereits am nächsten gekommen war, taumelte und fiel vor dem Brunnen in den Staub. Im Rückspiegel sah ich, wie sie sich aufgeregt um ihn versammelten. Sie wirkten so erbost wie verbittert; noch aus der Ferne meinte ich, denselben harten Ausdruck in ihren Gesichtern zu erkennen, den sie angenommen hatten, als Padre Lopez verstarb und ich das Dorf fluchtartig verlassen musste.

Wie hatte ich all das verdrängen können? Hatte ich wirklich geglaubt, ich wäre ihnen überlegen, nur weil der Padre nicht mehr lebte? Während Margrit den Wagen die Bergstraße hinauf zu ihrem Haus lenkte, gab Bilderwelt widerwillig den winzigen Spalt frei, durch den die Bilder und Laute zu mir durchdringen konnten.

 

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„Weiche, Satan, weiche, im Namen des Herrn, unseres Gottes, gib frei, die dir bis heute diente, damit sie zum heiligen Leben erwache …“

Ich saß verängstigt auf einem Hocker, Padre Lopez besprühte mich von allen Seiten mit Weihwasser, als wollte er mich darin ersäufen. Großmutter hatte unter dem Marienbildnis Platz genommen und schaute zu, wie der Padre versuchte, das Böse aus mir zu vertreiben. Doch je eindringlicher er seine Litanei herunterbetete, je grotesker er sich aufführte, desto klarer und leichter wurde mein Verstand und all meine Schuld, an die zu glauben, sie mich gelehrt hatten, fiel von mir ab.

Hatte ich mich bis zu diesem Moment als widerwillig Auserwählte betrachtet, deren Schicksal von Geburt an besiegelt war, begriff ich nun, dass es einzig und allein an mir war, dem Spektakel ein Ende zu bereiten und ihnen all die Qualen und Demütigungen heimzuzahlen.

Aber war es wirklich ich, die dies verstand? Oder war es doch der Teufel, der jetzt leichtes Spiel mit mir hatte, weil ihm mein Zorn eine Pforte öffnete? Woher kam diese plötzliche Erkenntnis und die Kraft, mich zu widersetzen? War es wirklich ich, das brave, schüchterne Mädchen, das laut loslachte und die heiligen Räume mit seinem Hass vergiftete?

„Bei Satan, ich schwöre, ich werde es euch heimzahlen. Du wirst der Erste sein“, schrie ich Padre Lopez an, „und niemand wird mir entkommen!“

Der Padre griff sich entsetzt ans Herz und wich zurück, als würden Giftschlangen aus meinem Mund züngeln, Großmutter sprang hektisch auf. Sie musste wohl zu nah an die Totenlichter gekommen sein, denn ihr schönes langes Haar fing Feuer. Padre Lopez schleppte sich schmerzverkrampft zu ihr und während er damit beschäftigt war, die Höllenflammen zu löschen, nutzte ich den Moment, um davonzulaufen.

Ich rannte, rannte um mein Leben, rannte flennend und fluchend die lange Bergstraße hinauf bis zu Margrit. Dieselbe Bergstraße, die wir nun bequem in ihrem Cabrio bewältigten.

 

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Bilderwelt schloss sich so abrupt, wie sie sich geöffnet hatte, und ich warf einen vorsichtigen Seitenblick auf Margrit, die sich ganz auf die Straße konzentrierte. Sie war schon immer eine ängstliche Fahrerin gewesen, ich konnte davon ausgehen, dass sie nicht mitbekommen hatte, wie sich meine Stimmung von einem Moment zum anderen wandelte. Und das war gut so.

Zwar hatte ich ihr damals erzählt, was mir geschehen war, nicht aber, welchen Größenwahn, welche Vernichtungswünsche dies in mir ausgelöst hatte. Wozu auch? Niemand von uns hat die Kraft, einen anderen durch seine Gedanken zu töten. Und ich war nicht vom Teufel besessen, das alles waren Hirngespinste der Alten, die ich mir nicht zu eigen machen durfte.

Ja, ich hatte die ganze Nacht lang wach gelegen und mir gewünscht, der Padre und all die bösartigen Menschen um mich herum würden tot umfallen. Und ja, Lopez verstarb noch in derselben Nacht. Aber was sollte das alles mit mir zu tun haben? Das, was wir als Telepathie oder gar als Voodoo bezeichnen, ist nichts als das Aufeinanderstoßen zweier Ereignisse, die einander magnetisch anziehen, um sich zu überlappen. Du musst bereit dafür sein, sonst kann dir ein solcher Zauber nichts anhaben.

Erst wenn wir anfangen, darüber zu sprechen, wird aus dem Übereinander-Lappen von Bildern und Ereignissen ein vorherbestimmtes Schicksal oder der Plan eines ungeheuerlichen Gottes. Also schwieg ich und behielt auch für mich, was die Leute im Dorf über die Freundin erzählten: dass sie selbst eine Satanistin wäre, die es darauf abgesehen hätte, mich für ihre Zwecke zu missbrauchen.

 

 „Leandra“ krächzte es mir entgegen, kaum dass ich aus dem Wagen gestiegen war. Wie damals gelang es Lucio und Lucinde, den klügsten Papageien der Welt, wie Margrit behauptete, mich aufzuheitern und ich belohnte sie mit einigen Sonnenblumenkernen, die sie mir mit ihren spitzen Schnäbeln vorsichtig aus der Hand pickten. Wenn schon die Menschen eine denkbar schlechte Spezies waren, so begleiteten doch wenigstens die Tiere uns verlässlich auf dem Weg durchs irdische Labyrinth.

Bei einem Teller Suppe versuchten wir den Vorfall zu vergessen, mieden auch die Erinnerung an damals. Margrit versprach, mich zu unterstützen, lehnte es aber ab, selbst am Fest teilzunehmen.

„Du weißt ja, dass die Leute hier schon vorher nicht gut auf mich zu sprechen waren“, sagte sie. „Nach deiner Flucht ist das natürlich nicht besser geworden. Schlimm nur, dass auch die anderen Deutschen anfingen, mich zu meiden. Ich werde daher nicht zum Fest kommen, Leandra, es würde dir nur schaden. Aber bist du überhaupt sicher, dass du es wirklich durchziehen willst? Ich mache mir Sorgen um dich. Ernsthafte Sorgen.“

Ich schwieg, ich wusste, sie hatte recht, es war gefährlich. Und es schmerzte, dass ich daran schuld war, dass man sie komplett aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen hatte.

„Es tut mir so leid, Margrit. Wenn ich gewusst hätte, dass sie dir die Schuld geben, ich wäre geblieben.“

„Blödsinn“, entgegnete sie. „Mir macht das nichts. Sie waren schon immer neidisch auf mich, auch die Deutschen. Reichtum verpflichtet eben“, fügte sie grinsend hinzu, „auch dazu, den Neid der anderen mit Gelassenheit zu ertragen. Außerdem bin ich ja nicht allein, Lucinde und Lucio sind bei mir. Und ich habe jetzt einen Computer und damit Zugriff auf die ganze Welt. Was will man mehr?“

Ich wusste, dass sie log, mir zuliebe log, als sie mir stolz ihren PC präsentierte und betonte, dass er ihr viel mehr bedeute als der Kontakt mit den Sturköpfen aus dem Dorf und den Deutschen, die sich in den umliegenden Berghängen angesiedelt hatten. Aber ich wusste auch, dass Margrit selbst von einer Sturheit war, gegen die ich nicht ankam. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, führte sie es aus – egal, was die anderen darüber dachten. Und da sie von ihrem früh verstorbenen Mann ein beträchtliches Vermögen geerbt hatte, konnte sie es sich leisten, als verschroben oder exzentrisch zu gelten.

Tatsächlich war sie der ehrlichste, liebenswerteste und mutigste Mensch, den ich kannte, und ich schämte mich sehr, dass ich keinen Kontakt mehr zu ihr aufgenommen hatte, seit ich in Valencia lebte.

 

Bis Sonnenuntergang saßen wir so beieinander und Margrit versprach, sich um die Bestellung von Getränken und Speisen für das Fest zu kümmern. Sie kannte einen Händler in Cuenca, dem sie damit gern unter die Arme greifen würde, erzählte sie mir, weil er und die Bauern der Region im vergangenen Jahr extrem unter der Dürre und den Ernteeinbußen gelitten hatten.

Begeistert stimmte ich zu – wieder ein Problem weniger. Margrit rief am PC die Website des Händlers auf und wir klickten uns konzentriert durch dessen Sortiment, als plötzlich der Messenger ansprang und ein eingehendes Gespräch ankündigte. Ich traute meinen Augen nicht, als ich im Profilbild den Fremden im Ledermantel erkannte. Doch bevor ich reagieren konnte, hatte sie den Anruf bereits weggeklickt.

„Woher kennst du den denn?“, fragte ich, aber Margrit winkte ab.

„Nur ein flüchtiger Bekannter, der nicht akzeptieren will, dass ich kein Interesse an ihm habe“, sagte sie. „Ruft immer mal wieder an und nervt mich. Willst du noch was trinken?“

„Aber ich kenne ihn“, sagte ich, „er saß mit mir im Zug und später im Bahnhofsrestaurant.“

„Der? Kann nicht sein“, lachte sie mich aus. „Du siehst Gespenster. Er ist schon vor zwei Jahrzehnten ausgewandert, verrät aber niemandem wohin. Nur wenn er ein oder zwei Mistela zu viel getrunken hat, wird er rührselig und versucht, mich zu erreichen, um über die guten alten Zeiten zu schwätzen.“

„Vielleicht ist er zurückgekehrt?“, fragte ich, „vielleicht will er dich besuchen?“

„Unwahrscheinlich“, murmelte Margrit.

„Komm“, sagte sie dann, „es ist schon spät, ich fahre dich zurück ins Dorf, damit du nicht als vermisst gemeldet wirst. Der neue Padre scheint ein ziemlicher Angsthase zu sein und wenn er seinen Schuppen offen und deinen Smart verlassen dastehen sieht, ruft er noch die Polizei.“

Nachdenklich fuhren wir die dunkle Straße ins Dorf hinab. Es war bereits nach zehn Uhr und die Dorfbewohner waren gewiss längst in ihre Häuser zurückgekehrt, sprach Margrit mir Mut zu, sodass ich ungehindert zu meinem Wagen käme.

Aber wie hatte ich ausblenden können, dass ich ihnen letztlich allein und ungeschützt gegenüberstehen würde? Warum hatte ich die ganze Zeit nur darüber sinniert, was diese Rückkehr in mir auslösen würde, nicht aber, wie sie darauf reagieren würden?

Ich beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken. Ebenso wenig wie über die sich verfestigende Gewissheit, dass auch Margrit mir etwas Wichtiges verschwieg. Wer war der Fremde? Woher kannte sie ihn? War sie vielleicht doch eine Satanistin und machte mit Marta gemeinsame Sache, um mich für irgendeinen geheimen Plan zu missbrauchen?

Ich erschrak, kaum dass mir der Gedanke durch den Kopf geschossen war. Aber so sind wir Menschen eben auch: Alles muss sich zu einem Bild fügen, alles muss einen Sinn ergeben, in einem Zusammenhang stehen, selbst wenn er noch so konstruiert ist. Nichts flößt uns so viel Angst ein wie das Unerklärbare, Sinnlose, Zufällige. Sogar der Tod muss stets eine Ursache haben, die uns mit der beruhigenden Gewissheit versorgt, dass nichts ohne Grund geschieht, dass wir alles kontrollieren können, sofern wir nur die Logik dahinter begreifen.

Und doch waren es einfach zu viele Zufälle, die sich nun wieder häuften, zu viele seltsame Ereignisse, die sich aneinanderreihten. Ich würde auf der Hut sein müssen, auch vor Margrit. Man weiß nie, was geschieht, wenn man sich an einem Ort aufhält, an dem die Untoten nicht zur Ruhe kommen. Meinetwegen nicht zur Ruhe kommen.

 

Padre Tohias hatte den Schuppen wieder abgesperrt, mein Wagen stand an derselben Stelle, an der ich ihn am Morgen geparkt hatte. Ich konnte förmlich riechen, wie die Dorfbewohner sich um ihn versammelt, wie ihre Hände ihn ertastet hatten, ohne ihn zu berühren. Es waren dieselben Hände, mit denen sie Sonntag für Sonntag den göttlichen Geist von den Kirchenwänden und den Heiligenbildchen strichen. Als Kind hatte ich ihnen fasziniert dabei zugeschaut, wie sie die mit Weihrauch angereicherte Luft zu sich schaufelten und tief einatmeten.

Jetzt grauste es mich bei dem Gedanken, dass sie so nah an etwas herangekommen waren, was mich sicher zurück zu meiner Pension bringen sollte. Vorsichtig drehte ich den Schlüssel herum, doch nichts geschah, keine Bombe explodierte, kein Tank entzündete sich. Hatte ich wirklich etwas derart Banales zu befürchten?