Kapitel 9: Die Grenzen verschwimmen

„Nein, verdammt, nicht zwei getrennte Reihen, sondern eine große Tischrunde sollt ihr aufbauen!“

Mehrfach hatte ich den Männern bereits erklärt, wie sie den Festplatz gestalten sollten. Aber nicht einmal ihr Vorarbeiter hielt sich an meine Anweisungen – zwar nickte er jedes Mal zustimmend, wenn ich ihm meine Skizzen zeigte, verschwand dann aber zu einem vermeintlich dringenden Telefonat in seinem Land Rover und ließ seine Arbeiter einfach machen, was ihnen gerade in den Sinn kam.

 Alles ging drunter und drüber und ich wusste kaum, wo mir der Sinn stand. Wenn sie in dem Tempo weitermachten, würden wir Weihnachten noch nicht fertig sein, dabei blieb uns nur noch dieser eine Tag, denn von Karfreitag bis Ostersonntag kehrte in Alvaría Totenstille ein. Anders als im übrigen Spanien folgte auf die freitägliche Prozession hier normalerweise kein lärmendes Fest, sondern ein stummes, verbittertes Gedenken.

Im Gegensatz zu den Dorfbewohnern verbrachten die Alemannes den Tag auf der Terrasse oder fuhren nach Valencia, um gemeinsam mit Tausenden anderer Touristen dort den Festlichkeiten beizuwohnen.

Ob also zu meinem Fest überhaupt jemand kommen würde? Die Einladungen waren längst verschickt, aber außer den Absagen von Padre Tohias und Margrit hatte ich keine Antwort erhalten. Dafür schlichen Pepe und ein paar andere Dorfbewohner scheinbar zufällig um den Festplatz herum, um zu begutachten, was ich vorbereitete. Misstrauisch die einen, schadenfroh über jeden Hammer, der zu Boden fiel, die anderen. Nur Großmutter ließ sich nicht blicken. Ich war nicht traurig darum und versucht erst gar nicht, mir vorzustellen, was geschehen würde, wenn … Der Tag würde kommen. Der Tag würde vorübergehen.

Und natürlich würden sie alle, Großmutter eingeschlossen, erscheinen. Wenn auch nur, um dabei zu sein, sollte sich das Unwetter, das sich seit Tagen in schweren schwarzen Wolken hinter der hohen Bergwand aufstaute, doch noch einen Weg über die Gipfel finden und sich ausgerechnet am Ostersamstag entladen.

„Señora Leandra?“

„Was gibt es Miguel?“

„Wo soll ich das Podest fürs Mikrofon aufbauen?“

Gute Frage. Wenigstens einer, der sich für meinen Plan interessierte.

„Ich denke, wir stellen es direkt vor die Kirche, Miguel. Sodass es tagsüber im Schatten steht.“

„Sie kennen sich aus“, schlussfolgerte er, „Sie sind von hier?“

„Ja, ich kenne mich aus.“

„Dann sollten Sie aber wissen, dass die Leute das nicht gut finden werden, Señora. So ein Trara an Ostern, direkt vor der Kirche. Und ausgerechnet in Alvaría. Man muss wachsam sein in der Osternacht, wissen Sie? Sonst bringt es Unglück und die Geschichte wiederholt sich.“

„Danke für die Warnung, Miguel“, antwortete ich kühl, obwohl mir klar war, dass er es weder böse noch herablassend meinte. Ich hatte nur einfach keine Zeit, mit ihm zu diskutieren. Der Plan stand, er wurde ausgeführt und ich würde endlich wieder nach Hause fahren können. Alles andere war nebensächlich.

Miguel verstand und begab sich zur Kirche, um das Rednerpodest aufzubauen. Das Mikro lag schon bereit, ich hoffte, dass die Batterien nicht versagen würden, denn einen Stromanschluss gab es nicht und eine Leitung aus der Kirche zu legen, hatte der sonst so zuvorkommende Padre Tohias strikt abgelehnt.

„Tut mir leid, Leandra, aber das ist dein Fest. Die Kirche einzubeziehen würde nur alles durcheinanderbringen.“

Nun gut, wir würden es auch ohne seine Hilfe hinbekommen, dachte ich und als wollte eine ferne Macht dies bekräftigen, fuhr endlich der Transporter vor, der zwei riesige Hänge-Grills samt Zubehör anlieferte. Der Fahrer blickte sich suchend um, bis sich unsere Augen in einem tiefen Wiedererkennen trafen.

„Hola, Guapa!“ rief er zum Erstaunen seines Beifahrers laut aus. Auch die anderen Arbeiter blickten hoch und verfolgten gespannt, was sich da Überraschendes täte. Aber Paco war das gleichgültig – so wie ihm schon früher egal gewesen war, was die Leute über ihn dachten. Alles, was ihn interessiert hatte, war, sich fitzuhalten und den Mädchen hinterherzujagen, die er, kaum dass sie seinem Drängen nachgeben hatten, sitzen ließ, mochten sie auch Rotz und Wasser heulen.

Nur mir gegenüber hatte er sich anders verhalten, hatte er nicht die Muskeln und seinen Charme spielen lassen, sondern sich in all seiner verborgenen Sanftheit und Traurigkeit gezeigt. Hatte er seine Mondseite offenbart, wie er es nannte. Über die ich zu niemandem sprechen durfte.

„Weißt du, Leandra“, hatte er mir eines Abends gestanden, als wir am dunklen Dorfweiher saßen und darauf warteten, dass sich jener Bruchteil einer Sekunde einstellt, in dem die Welt komplett verstummt, „ich bin nicht dumm, ich verstehe, dass es mit uns nichts wird. Ich bin nur ein einfacher Kerl und du, du bist was Besonderes. Aber du kannst auf mich zählen, wann immer du mich brauchst. Ich beschütze dich. Immer. Verstehst du?“

Ich verstand. Mehr als mir lieb war. Denn mir lag so gar nichts daran, besonders zu sein, wie Paco es ausdrückte. Ich wäre lieber wie er gewesen oder wie Sandra, die später seine Frau wurde. Ein hübsches, kluges Mädchen, eine junge Frau, von der niemand irgendetwas anderes erwartete, als dass sie ihr Leben bestmöglich lebte. Ich wäre sogar bereit gewesen, mich von Paco verführen zu lassen und mich anschließend in den Klub der Sitzengelassenen einzureihen, wenn ich im Tausch dafür nur so etwas wie Normalität erhalten hätte. Ob ich versuchen sollte, ihn zu küssen?

„Horch“, hatte er gesagt, gerade als ich es versuchen wollte, „gleich ist es so weit.“

Die Frösche hörten auf zu quaken, der Wind legte sich, das seichte Plätschern des Wassers verstummte. Selbst die Sterne schauten still zu uns herab. Die Welt erholte sich in einem Schweigen und wir erlebten es so innig und staunend, wie es nur sehr jungen und sehr alten Menschen möglich ist.

Ein Moment der Ehrfurcht, ein Atemzug der Stille reicht aus, damit Erde und Seen, Flüsse und Bäume, Tiere und Menschen wieder zu sich finden. Wie sehr ich ihn dafür geliebt hatte, dass er mich diesen Moment entdecken und genießen lehrte.

Und nun stand er vor mir, noch muskulöser als damals, noch gutaussehender und mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

„Du hast dich also wirklich getraut“, sagte er anerkennend.

„Paco. Wie schön dich zu sehen.“

Wir standen uns gegenüber, ohne zu wissen, wie wir uns verhalten sollten. Küsschen rechts, Küsschen links – das kam für uns nicht infrage. Was uns verband, lag außerhalb jeglicher Konvention.

„Ach, komm her, Guapa!“, brach Paco schließlich den Bann und nahm mich fest in den Arm, so fest und nah, dass sein warmer Atem mein Ohrläppchen kitzelte.

„Noch immer so empfindlich?“, fragte er.

„Nicht mehr ganz so schlimm“, antwortete ich.

„Aber ich wette, du kannst immer noch keinen Sack Mehl tragen“, sagte er und griff mir ans Knie, um sogleich den alten spielerischen Test aus Kindertagen durchzuführen. Ich kicherte los und stieß ihn fort, als eine strenge Stimme erklang.

„Paco! Komm sofort her!“

Ich musste nicht aufschauen, um zu wissen, wer nach ihm rief. Viel zu oft waren unsere gemeinsamen Abende so geendet. Immer hatte es irgendeine Frau gegeben, die nach ihm verlangte. Seine Großmutter, seine Mutter, seine Tante, solange wir noch Kinder waren. Eine seiner Eroberungen, als wir älter und schüchterner wurden. Und nun eben Sandra. Und immer hatte er gehorcht und war ihrem strengen Rufen gefolgt.

Es waren die Frauen, die in Alvaría den Ton angaben, sobald sie dem zarten Mädchenalter entwachsen waren. Nicht die Männer flüchteten zum Hüten der Schafe oder zur Wein- und Olivenernte in die Berge und ließen die Frauen daheim mit den Kindern zurück, sondern die Frauen schickten sie los, um unter sich zu sein.

Sie bestimmten den Tagesablauf, die Regeln, die Rituale. Sie gaben weiter, was sie von ihren Müttern und Großmüttern gelernt hatten. Schon deshalb gab es für eine wie meine Mutter keinen Platz in ihrer Mitte. Einen Valencianer, der eine ihrer Töchter heiratete, hätten sie akzeptiert. Aber das Wissen der Frauen musste reingehalten werden von fremden Einflüssen.

Paco lief zu Sandra und ich sah, dass sie sich stritten. Sie war schon immer eifersüchtig gewesen, obwohl auch sie wusste, dass aus Paco und mir niemals ein Paar werden würde. Aber gerade dieses Wissen erzürnte sie, denn es umfasste eine Art der Verehrung, die er ihr gegenüber niemals würde aufbringen können. Es lag ein stummes Einverständnis darin, keine überbordende Leidenschaft. Doch ich war nicht gekommen, um in Erinnerungen zu schwelgen oder irgendetwas an ihrer Ordnung durcheinanderzubringen. Ich musste einen Abschluss finden, auch mit dem, was schön und gut gewesen war, woran ich aber nicht anhaften durfte.

Pacos Begleiter befreite ihn aus dem Streit mit Sandra und die beiden entluden schwitzend und ächzend den Transporter. Die anderen Arbeiter hatten ihre Tätigkeit unterbrochen und saßen zur nachmittäglichen Siesta vor einem Wohnwagen beieinander, den man für sie aufgestellt hatte. Natürlich hatten sie die Tische auf dem Festplatz nicht zu einer großen Runde zusammengeschoben, sondern sie in zwei langen Reihen aufgestellt.

Ich beschloss, es dabei zu belassen. Vielleicht war es auch gut, die Leute nicht gleich zu überfordern, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zunächst einmal in getrennten Gruppen zusammenzufinden. Die Sitzplätze würden ohnehin nicht ausreichen und ich hoffte, dass sie sich am Grill, auf der Tanzfläche und natürlich auch während der Wunschaktion mischen würden.

Aber Himmel, die Wunschaktion! Wie hatte ich es vergessen können, ich benötigte Karteikarten, jede Menge Karteikarten und Stifte und die lagen nun noch in meinem Koffer! Ob Padre Tohias mir aushelfen könnte? Wohl kaum. Ob Paco sie für mich besorgen könnte? Ich schaute zu Sandra hinüber, die wie festgewurzelt auf ihrem Platz stand und argwöhnisch jeden Schritt ihres Ehemannes kontrollierte. Eher nicht.

Also gut, dann musste ich eben selbst fahren und darauf vertrauen, dass die Arbeiter auch ohne mich bis zum Abend fertig würden. Resigniert stieg ich in meinen Smart und bog auf die  Landstraße ein, die stur geradeaus zum Nachbarort führte.

 

Der Zimmerschlüssel ließ sich nicht herumdrehen. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was das bedeutete: Die Tür, die ich am Morgen zweifach verschlossen hatte, war geöffnet worden. Und es konnte nicht die Señora sein, von der die Geräusche stammten, die ich aus dem Badezimmer hörte, denn ich war soeben an dem gläsernen Kabuff vorbeigegangen, hinter dem sie saß, wenn sie nicht gerade das Frühstück zubereitete oder die Zimmer reinigte. Erst jetzt fiel mir auf, wie misstrauisch sie mich gemustert hatte.

Ich blieb unschlüssig im Türrahmen stehen, die Klinke in der Hand, als würde es mir helfen, die Tür einfach mit einem Ruck zuziehen, sollte mich jemand bedrohen. Ob die Alten jemanden geschickt hatten, der mir nun auflauerte? Vorsichtig inspizierte ich den Raum und verfluchte mich dafür, dass ich die Vorhänge am Morgen nicht aufgezogen hatte. Sie bewegten sich nicht, kein Windhauch drang durch sie hindurch. Überhaupt schien alles im Raum zu verharren und gespannt darauf zu warten, was ich als Nächstes tun, wie ich mich verhalten würde.

Mein Blick wanderte von den Vorhängen zum Bett, es war unberührt. Auch der Laptop stand am Platz. Alles war, wie ich es verlassen hatte – bis auf mein Smartphone. Jemand hatte ein passendes Ladekabel angeschlossen, das Handy lud und blinkte dabei aufgeregt im Takt meines Herzklopfens vor sich hin.

Als wäre ich selbst die Einbrecherin, schlich ich mich leise in das abgedunkelte Zimmer und legte ein Ohr an die Badezimmertür, um zu horchen, was sich dahinter abspielte. Vielleicht war es auch nur ein Tier, eine Taube, die durchs geöffnete Fenster hineingeflogen war und nicht wieder hinausfand? Ich drückte das Ohr fester an die Tür, gerade, als sie mit einem Ruck geöffnet wurde. Ich schrie auf und taumelte einen Schritt zurück. Erschrocken schaute Isandro, der sich nur ein Handtuch um die Lenden gewickelt hatte, mich an.

„Das gibt es doch nicht“, fauchte ich wütend, um gleich darauf in sein lautes fröhliches Lachen einzustimmen. „Wer hat dich denn hier reingelassen?“, rief ich. „Doch wohl nicht die gestrenge Señora?“

„Du weißt doch, wie nett und sympathisch ich sein kann“, antwortete er und posierte dabei wie ein Unterwäschemodel. „Und so überzeugend. Aber he, komm her, ich habe dich so vermisst!“

„Ich wollte, ich muss doch …“

„Ja“, sagte er, „ich weiß, du musst arbeiten. Aber ein paar Minuten wirst du doch wohl für mich abzwacken können? Schließlich habe ich dir dein Ladekabel gebracht. Und das Beste aus der Heimat  – schau nur“, fügte er hinzu und öffnete voller Vorfreude auf eine gelungene Überraschung die Tür des kleinen Kühlschranks, in dem ich nur eine Flasche Wasser aufbewahrt hatte und der nun bis oben hin mit köstlichen Delikatessen gefüllt war.

Ach, Geliebter, natürlich wurden es keine Minuten, keine wenigen Stunden, sondern ein langer Nachmittag, ein herrlicher Abend und eine wundervolle Nacht, die wir zusammen verbrachten. Zwischen den Küssen und Zärtlichkeiten, während der vertrauten Mattigkeit, die auf jene Momente folgte, in denen sich die Grenzen unserer Leiber auflösten, um unseren Atem zu vereinen, erzählte Isandro mir, warum er es in Valencia nicht länger ohne mich ausgehalten hatte.

„Du hast im Traum nach mir gerufen“, sagte er. „Es klang, als würde dir jemand sehr weh tun. Ich konnte aber nicht sehen, wer es war. Du hattest das türkisfarbene Kleid an und warst so wunderschön, aber auch so traurig. Und es war alles so nah, so wirklich. Ich habe noch nie so geträumt, weißt du? Und ich konnte dich ja nicht erreichen, um nachzufragen, ob alles in Ordnung ist. Geht es dir gut?“, fragte er.

„Jetzt ja“, sagte ich in dem Bemühen, zu ignorieren, was doch näher und näher an uns heranschlich. Auf irgendeine Art musste es Bilderwelt gelungen sein, ihn zu warnen. Auf irgendeine Art hatten sich auch die Grenzen zwischen seinen und meinen Träumen verwischt. Es hätte mir nicht egal sein dürfen. Ich hätte ihn vor sich selbst beschützen müssen. Aber meine Liebe war schwach und morsch wie das bröckelnde Gestein der Häuser von Alvaría. Vielleicht hatte Großmutter recht gehabt, so streng mit mir zu sein. Vielleicht fehlte es mir an Demut.  

„Lass uns schlafen“, sagte ich, „es ist schon spät. Ich muss morgen zwar nicht arbeiten, aber ich bin total hinüber.“

Ein kurzes zufriedenes Schnarchen antwortete. Ich fühlte mich aufgehoben, beschützt, angekommen in einer heilen Welt. Ich wollte nicht darüber nachdenken, dass nur der den tiefsten Verrat erlebt, der zu lieben und zu vertrauen bereit ist. Ich war bereit unterzugehen, nur um den Moment nicht zu gefährden.