Es ist die immer gleiche Geschichte. Sie führt uns nicht weiter. Sie führt uns bestenfalls zu uns selbst. Sofern wir sie aushalten, sofern wir den Schmerz erdulden. Einen Geburtsschmerz, wie jede Mutter ihn kennt. Das ewige Mysterium, durch das aus Schmerz Liebe erwächst.

Als Leandra de Luna geboren wurde, glaubte sie weder an Hass noch an Liebe, sie kam zur Welt wie wir alle, nackt, blutverschmiert, besudelt und eben darin so unendlich rein. Eifrig kämpfte sie sich ihren Weg zum Licht frei, nicht wissend, was sie da draußen erwarten würde. Ob sie den Aufschrei, das Erschrecken spürte? Ob sie das Unheil, das sich nur wenige Augenblicke später über ihr zusammenbraute, auf sich bezog? Ihre wissenden Augen erzählen uns nichts davon.

Auch ihre Mutter, Maria de Luna, die Valencianerin, wie die Alten sie weiterhin störrisch nannten, wusste nicht, welch entscheidenden Fehler sie beging, als sie das Kind in die Höhe hielt und das erste noch blicklose Schauen des kleinen Erdenbürgers in den einzigen unverhüllten Spiegel fiel. Erst als die Augen der Frauen und Männer, die sich um das Bett der Wöchnerin versammelt hatten, sich hasserfüllt verschlossen, bemerkte sie, dass sie etwas Verbotenes getan haben musste. Wieder einmal. 

„Jesus“, stammelte die Alte, die sich ihre Schwiegermutter hieß, und erblasste, „Herr im Himmel, steh uns bei, der Bastard hat in den Spiegel geblickt …“ Ihre harten Augen blickten in die Runde und wie auf Geheiß knieten die Anwesenden nieder, falteten die Hände zum Gebet.

„Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass …“, flehte Maria de Luna, doch das Raunen schwoll an, teilte die Zeit unerbittlich in ein Davor und ein Danach und selbst der geliebte Alfonso brauchte einen Moment, um sich zu fassen.

Zärtlich nahm er ihr sodann das Kind aus dem Arm, das augenblicklich zu weinen begann, was die Umstehenden in ihrer dunklen Ahnung bestätigte und ihr Beten verstärkte. Doch zu spät. Es war geschehen. Leandra de Luna, die sich gerade erst in einem zähen Kampf der Welt genähert hatte, von der man annehmen sollte, dass sie sie mit Liebe und Zuneigung empfangen würde, gehörte vom Tag ihrer Geburt an zu den Verdammten, denn sie war, was kein Gott mehr zu ändern vermochte: eine Espeja, eine, in deren Blick man sich wohl oder übel selbst erkannte.