Über den linken Traum, das chinesische Volk (und das eigene) durch Totalüberwachung umzuerziehen.

Ein Bericht von der Veranstaltung “China heute – Harmonische Gesellschaft oder Überwachungsalbtraum?” am 11.04.2019.

Frohe Botschaften aus Beijing: Die Luft ist rein, die Menschen sind glücklich, die Armut ist besiegt und derzeit diskutieren freie Bürger munter über ein neues Sozialpunktesystem, auf das sich 80 % der (2.200) Teilnehmer einer Umfrage schon wahnsinnig freuen.

So und noch absurder wurde am 11.04.2019 in der Bremer Zionsgemeinde das Social Scoring vorgestellt, das China ab 2020 landesweit einführen wird. Eingeladen hatte laut Gemeindeblatt das Bremer Friedensforum. Tatsächliche Veranstalter waren aber die Studiengruppe China Bremen und das Konfuzius-Institut Bremen sowie weitere sich politisch eher links verortende Gruppierungen.

Meine eigene Haltung zu solchen Überwachungssystemen gründet auf klarer Ablehnung, dennoch habe ich mich überzeugen lassen, mir die Argumente „pro“ wenigstens mal anzuhören: „Wir brauchen aus dem ‚Reich der Mitte‘ mehr solide Informationen und bei uns eine unvoreingenommene Diskussion!“, hieß es in der Ankündigung. Neugierig auf diese Informationen und eine unvoreingenommene Diskussion machte ich mich auf den Weg. Warum ich mich im Nachhinein schäme, an einem solchen Spektakel überhaupt teilgenommen zu haben, erfahrt Ihr im folgenden Beitrag.

 

Den Eingang des Kirchensaals, den ich betrete, schmückt ein Plakat des Konfuzius-Instituts. Die Referentin, Madeleine Genzsch, und der Bremer Wirtschafswissenschaftler Prof. Dr. rer. pol. Wolfram Elsner, der eine kurze Einführung halten und die Diskussion leiten wird, sind bereits anwesend, außerdem ein überwiegend älteres, grauhaariges Publikum. Einige wenige kenne ich vom Sehen, die meisten Anwesenden dürften den unterstützenden Gruppierungen angehören. Vor mir sitzt ein junges Paar, die beiden werden als Vertreter des Konfuzius-Instituts vorgestellt. Im Nachhinein tun sie mir ein wenig leid, denn sie müssen meine im Laufe des Vortrags und der anschließenden Diskussion dahingezischten, wütenden Kommentare ertragen und tun dies auch mit stoischer Ruhe. Aber was überhaupt machte mich so wütend?

 

Zur Einführung ein wenig Eigenwerbung

Der Abend beginnt mit einer Einführung durch Professor Elsner, der zunächst einmal sein eigenes neues Buch über China bewirbt. Anschließend erfahren wir, dass der ideologische Krieg gegen China in vollem Gange sei und wir alle falsch informiert werden. Gut, dass ich hier bin, denke ich, endlich bekomme ich die richtigen Informationen. Naja, nicht wirklich. Aber ich gebe mir ernsthaft Mühe. Noch.

Was wir ebenfalls erfahren, ist, dass Professor Elsner morgens oft mit seinem Hund an der Weser spazieren geht und sich dann über die Jugendlichen ärgert, die dort Party machen und ihren Müll nicht mitnehmen. Er würde ihnen gern sagen (er tut es also nicht), dass sie bloß nichts mitnehmen sollen und dass unsere Weltmeere ja schon voll sind von Plastik. Sodann kurz die Referentin vorgestellt und das Mikrofon übergeben. Ich bin gespannt.

 

Die große Verheißung: Daten, Fakten und eine unvoreingenommene Diskussion

Madeleine Genzsch, von Beruf Betriebswirtin und Politökonomin, promoviert derzeit in Aachen über das Thema „Ecological China“, hat nach eigener Aussage lange in China gelebt und dort deutsche Unternehmen beraten. Sie präsentiert uns anfänglich ein paar Schlagzeilen, mit denen die deutsche und die internationale Presse das geplante Social Scoring ankündigen.

Während die westlichen Medien eine Bedrohung beschwören, so Genzsch, höre sie selbst von ihren Bekannten und ihren chinesischen Geschäftsfreunden nur Positives über das geplante Scoring. Einer Studie zufolge würden 80 % der Befragten dessen Einführung zustimmen.

Ihre Absicht sei es jedoch nicht, uns zu überzeugen oder für das Programm zu werben, sie wolle lediglich mit Fakten und Daten dazu beitragen, dass wir verstehen, warum Regierung und Bevölkerung das Punkteverfahren gut fänden und uns damit kulturelle Einsicht vermitteln. Schließlich sei alles immer eine Frage des Blickwinkels. Wie wahr!

 

Widersprüche statt Dialektik

Doch schon beim ersten Versuch, uns von westlicher Propaganda Geschädigten „kulturelle Einsicht“ zu vermitteln, verstrickt sich die Marketingexpertin in einen Widerspruch. Auf der einen Seite besteht sie darauf, dass es „den Chinesen“ nicht gebe, dafür ist das Land zu groß und die Bevölkerung zu heterogen. Auf der anderen Seite möchte sie erklären, wie „der Chinese tickt“, was ihn vom Europäer unterscheidet. Eine Erklärung, wer eigentlich Chinese ist und wer nicht, bleibt aus.

Auch die versprochenen soliden Informationen, die Daten und Fakten bleiben aus. Denn, so lässt uns Frau Genzsch wissen, das Social-Credit-System gibt es noch gar nicht, weshalb sie dazu auch gar nichts Genaues sagen kann. Ich beginne, mich veräppelt zu fühlen.

Widersprüchlich auch ihre Kritik an jungen Menschen hüben wie drüben, die sich vor allem für Mode und die neuesten Handtaschen interessieren. Das erfahre ich allerdings erst im Nachhinein, als ich ihre Website besuche, auf der mich ein Werbebanner von Benetton demonstrativ zum Anklicken einlädt.

 

In einer Stunde durch zweieinhalb Jahrtausende

Statt uns mit Daten und Fakten zu versorgen, unternimmt Frau Genzsch dann einen sehr gewagten Streifzug durch die chinesische Geschichte. Die sei geprägt von der wichtigsten Säule des alten Kaiserreichs, dem Konfuzianismus, zu dessen wesentlichen Werten Mitmenschlichkeit, Tugendhaftigkeit und kindliche Pietät gehören. Diese guten alten Werte, darauf läuft es dann hinaus, wurden den Chinesen genommen. Dazu beigetragen haben Mao und die Kulturrevolution, man habe damals aber nun mal unter dem Zwang gestanden, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. (Ich kürze das Ganze etwas ab, Ihr könnt bei Interesse den gesamten Vortrag demnächst aber wohl auf dem YouTube-Kanal weltnetz-tv verfolgen, jedenfalls wurde dies in Aussicht gestellt.)

1978 kam dann die Reform, Materialismus und Kapitalismus hielten Einzug und damit zeigten sich bald auch die Schattenseiten des Wachstums, denn mit Blick auf die Ökologie des Landes ließ sich von kriegsähnlichen Zuständen sprechen, was viele Chinesen mit dem Leben bezahlten. Das musste sich natürlich ändern, denn: „Die Produktivkräfte sind nur produktiv, wenn sie sich in einer entsprechenden Umwelt entfalten können.“

Die Art und Weise, wie Frau Genzsch ihren Blick durch die chinesische Geschichte wandern lässt, ist schon erstaunlich. Erstaunlich naiv und in einer Sprache, die aufhorchen lässt. Denn, so lässt sie uns wissen, sie möchte mit Blick auf China nicht von einem autoritären Staat sprechen. Es handle sich um ein „zentral geführtes“ System, was in China Tradition habe, denn „die Chinesen sind in ihrer Geschichte immer zentral geführt worden“. Der Staat stelle in diesem System nicht Recht und Ordnung her, sondern Werte und Moral.

 

Fehlentwicklungen durch egoistische Einzelkinder, die im Ausland studieren

Diese Moral aber, die sich in den alten konfuzianischen Werten ausdrücke, sei insbesondere den Kindern der in den 1960er Jahren geborenen Chinesen abhandengekommen, den Kindern (1980er) jener Generation also, die mit dem Großen Vorsitzenden aufgewachsen ist. Womit wir bei den eigentlichen Schuldigen und Verantwortlichen des Verlustes von Anstand und Moral sind. Nicht Mao und seine Gefährten zeichnen dafür verantwortlich, sondern die Kinder der Kulturrevolution, die lauter Einzelkinder erzogen, Egoisten eben, die noch dazu im Ausland studierten, wodurch es zu „Fehlentwicklungen“ gekommen sei.

Ich muss schon an dieser Stelle einmal tief durchatmen, aber die Dame, die, wie sie uns wissen lässt, „immer so viel spannende Dinge“ aus ihren Gesprächen in China mitnimmt, malt in einem drastischen Vergleich aus, wie es um diese egoistische Generation wirklich bestellt ist. Sie erinnert an einen Autofahrer, der ein Kind zweimal überfahren hat, aus Furcht, eine hohe Geldstrafe bezahlen zu müssen, sollte das Kind überleben.

Dass es solche Fälle gegeben hat und dass auch die Bereitschaft, Menschen in Notlagen zu helfen aufgrund des Misstrauens in die chinesische Rechtsprechung abgenommen hat, ist unbestritten. Die Gründe dafür liegen im nicht funktionierenden chinesischen Rechtssystem. Dass es sich so verhält, weiß auch Frau Genzsch. Allein es fehlt die gedankliche Kraft, darauf zu schließen, dass hier vielleicht Änderung nottäte, statt mehr als eine Milliarde Menschen der totalen Überwachung auszusetzen.

 

Wie ticken die Chinesen?

Aber wer sind diese Menschen nun und wie ticken sie? In guter alter maoistischer Tradition vergleicht Frau Genzsch die chinesische Mentalität mit der eines Fischschwarmes und – man fasst es nicht – als Illustration erscheint tatsächlich die Zeichnung eines Fischschwarmes auf der Leinwand, der allerdings gezeichnet einen harmonischeren Volkskörper bildet als die wilden Kois auf meinem Foto.

Nach diesem langen Vorspann kommt sie dann endlich zum eigentlichen Thema des Abends und es wird einmal mehr deutlich, dass sie dazu rein gar nichts Informatives oder gar Solides zu sagen hat. Irgendwas mit Big Data und Videoüberwachung und Gesichtserkennung ist da wohl geplant. Möglich sei auch, dass sich Informationen über die Social Media abrufen ließen, aber da es das Credit-System noch nicht gebe, werde darauf auch noch nicht zugegriffen.

Dabei bemüht sie selbst als ein Beispiel das Credit-System von Rongcheng, zu dem es gehört, dass Bürger, die sich erdreisten, „in den sozialen Medien ständig über die Missstände im Land zu schimpfen“, Punkte abgezogen bekommen. Aber das ist bestimmt wieder nur westliche Propaganda.

So richtig ins Schwärmen gerät sie dann über das in China derzeit populärste Scoringverfahren namens Sesame Credit, das von der Onlineplattform Alibaba betrieben wird. Auch die Bezahl-App „Ant Forest“, die von AliPay angeboten wird, gefällt ihr gut, weil die Nutzer hier virtuelle Bäume pflanzen können. Frau Genzsch sieht darin ein „Pendant zum deutschen PayPal“.

Allerdings: Die Teilnahme an beiden Programmen ist freiwillig. Viele Chinesen begeistern sich dafür, denn bei Sesame Credit gibt es Punkte für „gute“ Bestellungen und Punktabzug für schlechtes Verhalten. Die Daten werden allerdings nicht nur von Alibaba gesammelt, das Unternehmen stellt sie auch Behörden und Banken zur Verfügung.

Eine Überwachung des gesamten öffentlichen Raums, wie sie derzeit bereits die Uiguren erleben, digitale Armbänder für Schüler und mit Mikrochips ausgestattete Schuluniformen kommen in ihrem unvoreingenommenen Vortrag dagegen nicht vor.

 

Warum bin ich nur so wütend?

Frau Genzsch wollte das Verständnis für die chinesische Kultur fördern und auf westliche Propaganda mit Daten und Fakten antworten. Weder das eine noch das andere hat sie geleistet. Stattdessen hat sie ein Bild von „den Chinesen“ gezeichnet, die wie ein Fischschwarm durch die Weltgeschichte taumeln, sich nach einer zentralen Führung sehnen, nicht in der Lage sind, sich über komplexe Sachverhalte zu informieren und moralisch zu handeln. Ob ihre Geschäftspartner sich darin wiedererkennen? Oder sind nur die anderen gemeint, die wilden, unzivilisierten, schmatzenden und hupenden Menschen, die zur Hotel-Lounge keinen Zutritt haben?

Sie hat eine ganze Generation als egoistisch, individualistisch, hinterhältig, durchtrieben und frei von jeglichem Rechtsempfinden gegeißelt. Weder hat sie dargelegt, worin der Zusammenhang zu den alten konfuzianischen Traditionen besteht – denn der ist definitiv nicht gegeben. Noch konnte sie Fragen beantworten, wie genau das Social Scoring nun aussehen wird.

 

Diskussionsbeiträge, die nicht überraschen

Und da soll man nicht wütend werden? Als die Diskussion eröffnet wird, fasst ein empörter Teilnehmer seinen Eindruck drastisch zusammen: Ein Modell, wie das skizzierte, führt zu nichts anderem als zu einer Gesellschaft von Arschkriechern, zu einem Staat, in dem nonkonformes Verhalten bestraft wird. Er kritisiert zudem, dass Frau Genzsch die Dinge beschönigt oder nicht beziehungsweise beim falschen Namen nennt.

Auch Herr Elsner muss Kritik aushalten. Ein anderer Teilnehmer stellt fest (sinngemäß wiedergegeben), er habe an diesem Abend zwar nichts über China gelernt, wohl aber über die Referenten und über uns. Denn es ist die maßlose Wut des moralisch erhabenen Bürgers, der morgens mit seinem Hund spazieren geht, die den Wunsch auslöst, es möge doch einfach mal jemand die Kamera auf die bösen Jugendlichen halten, die ihren Müll nach durchzechter Nacht einfach liegen lassen.

Die Mär von der menschlichen Veredelung per Videoüberwachung, per Gesichtserkennung, Spionage, Denunziantentum und Datenverwertung trifft aber natürlich auch den Nerv anderer besorgter Linker. Wie lange reden wir in Deutschland schon über Umweltschutz und was hat sich geändert, fragt einer von ihnen. Um die Antwort gleich selbst zu geben: nichts. Mal davon abgesehen, dass es sich um eine gewagte These handelt, frage ich mich an diesem Abend einmal mehr: Was hat eigentlich die Frage, wann ich das letzte Mal meine Eltern besucht habe oder wie viele Pornos ich konsumiere, mit Umweltschutz zu tun?

Dass es einigen der Teilnehmer an jeglichem Wissen darüber fehlt, was den Einsatz von Gesichtserkennungssoftware, Überwachungstechnologien im öffentlichen Raum, dem Ausspionieren der Social-Media und der Nutzung einer darauf programmierten KI von anderen Formen der Sammelwut unterscheidet, wurde ebenfalls deutlich.

In Äußerungen wie „ich lasse mir meine persönliche Freiheit nicht nehmen, deshalb habe ich so eine Karte nicht“ (gemeint war wohl ein Smartphone mit SIM-Card) oder „bei uns bekommen die Studenten auch Credit-Points an der Uni“. Und natürlich wird auch der Vergleich zur Schufa wieder gezogen. Sorry, aber weder mein Vermieter noch meine Bank haben mich jemals gefragt, ob ich schon mal bei Rot über die Straße gegangen bin. Die Referentin nahm solche Äußerungen zur Kenntnis. Warum auch hätte sie den Anwesenden erklären sollen, dass die totale Überwachung jeden erfasst, völlig gleichgültig, wann er sich wo mit welchen Geräten ausstattet oder bei welchen Plattformen er sich (nicht) anmeldet. Darin unterscheiden sich Alibaba und Amazon, Renren und Facebook nicht im Geringsten.

 

Konfuzius und Jürgen sprechen, nur ich darf nicht

Wie die Neubewertung konfuzianischer Tugenden sich auswirken kann, darauf bekam ich dann noch einen winzigen persönlichen Vorgeschmack. Ich hatte mich schon früh zu Wort gemeldet, der Moderator hatte dies auch zur Kenntnis genommen. Nun bin ich ein sehr impulsiver Mensch und es war zu befürchten, dass ich mich nicht wirklich freundlich, gesittet und pietätsvoll äußern würde. Es geschah, was geschehen musste: Ich wurde beflissentlich übersehen. Als die Rednerliste dann geschlossen werden sollte, meldete ich mich ein weiteres Mal, wies darauf hin, dass ich eigentlich schon draufstehen müsste. Ich wurde wieder “übersehen”, denn es waren noch ein paar Fische aus dem Schwarm zu bevorzugen. Nach deren Redebeiträgen wurde die Diskussion durch den Schwarm dann abrupt beendet.

 

Worüber ich gern gesprochen hätte: verzweifelte Einzelkinder und die Geschichte vom Axtdieb

Dabei hatte ich gar nicht vor, meiner Wut Ausdruck zu verleihen. Ich hatte nämlich selbst etwas „ganz Spannendes“ mitgebracht. Eine Geschichte aus China, die ich einst mit meinen Studenten im Deutschunterricht besprach. Studenten, die genau jener Generation angehören, die aus Frau Genzsch Sicht keine Moral kennt und aus lauter egoistischen Einzelkindern besteht. Es ist die Lao-Tse zugeschriebene Geschichte vom Axtdieb und die geht so:


Der Axtdieb

Ein Mann fand eines Tages seine Axt nicht mehr. Er suchte und suchte, aber sie blieb verschwunden. Er wurde ärgerlich und verdächtigte den Sohn seines Nachbarn, die Axt gestohlen zu haben.

Er beobachtete den Sohn seines Nachbarn ganz genau. Und tatsächlich: Der Gang des Jungen war der Gang eines Axtdiebes. Die Worte, die er sprach, waren die Worte eines Axtdiebes. Sein ganzes Wesen und sein Verhalten glichen dem eines Axtdiebes.

Am Abend fand der Mann seine Axt zufällig wieder.

Am nächsten Morgen sah er den Sohn seines Nachbarn erneut. Sein Gang war nicht der eines Axtdiebes. Seine Worte waren nicht die eines Axtdiebes und auch sein Verhalten hatte nichts mehr von einem Axtdieb.

Als ich mit meinen chinesischen Sprachstudenten diese Geschichte im Unterricht behandelte, beteiligte sich einer von ihnen besonders eifrig an der Diskussion. Ich mochte diesen Studenten auch besonders – er war höflich, humorvoll, intelligent, aufmerksam. Doch ich bemerkte, dass die anderen Studenten mit Unmut auf ihn reagierten. Nach der Stunde versuchte ich, in Einzelgesprächen herauszufinden, was los war. Ich erfuhr, dass die Studenten ihren Mitschüler verdächtigten, ein Spitzel der „zentralen Führung“ zu sein.

Ich konnte das nicht glauben, weiß bis heute nicht, ob sie recht hatten. Aber ich erfuhr nicht zum ersten Mal, unter wie vielen Nöten und Ängsten diese „egoistischen Einzelkinder“ zu leiden hatten. Und allein die Tatsache, dass sie in meinem Land mit der Angst leben mussten, dass einer von ihnen ein Spitzel sein könnte, war schlimm genug.

Wie es sich wohl auswirken wird, wenn eine ganze Gesellschaft dem Generalverdacht unterstellt wird, Axtdieb zu sein? Ob es dann noch eine Rolle spielt, ob sich dieses System tatsächlich übers gesamte Land installieren lässt?

 

Der menschliche Blick konstituiert den Dieb, der technologische den grundlos Verdächtigten

Die Geschichte vom Axtdieb lehrt aber noch ein Weiteres. Es ist der Blick des Beobachters, der das Subjekt konstituiert. Der menschliche Blick erkennt, was er aus subjektiver und kollektiver Erfahrung zu sehen vermutet. Der technologische Blick entsteht aus Metadaten und Konzepten, von denen behauptet wird, sie seien objektiv und rational. Das sind sie nicht. Ohne diese Konzepte und Metadaten, die von Machthabern vorgegeben werden, findet der technologische Blick weder Muster noch Strukturen noch kann er etwas prognostizieren.

Was ich an diesem Abend gelernt habe, ist, dass sich gerade ein enger Zusammenschluss zwischen besorgten linken Bürgern und den Interessen westlicher Konzerne ereignet. Diese würden sich nach einem Social Scoring, wie es in China eingeführt wird, auch hierzulande die Finger lecken. Drohte doch beispielsweise Janina Kugel, Vorständin von Siemens, vor wenigen Tagen erst wieder, wenn der Arbeitnehmerschutz in Deutschland nicht weiter gelockert werde, werde man eben „woanders investieren“. 

 

Konfuzius heute: Der Mensch kennt dreierlei Wege, andere zu unterwerfen; erstens durch Überwachung, das ist der offensichtlichste, zweitens durch Ausbeutung, das ist der leichteste, drittens durch den Ausverkauf von Vertrauen und Mitmenschlichkeit, das ist der bitterste.    

Ein Grund für das wilde Datensammeln besteht nicht nur im Wunsch, die eigene Bevölkerung zu überwachen. Die Daten, die durch das Scoring anfallen, sind schließlich auch fürs Geschäft unverzichtbar. Man darf eben nicht vergessen, dass das chinesische Wirtschaftssystem dem kapitalistischen gleicht.

Daten sind der Rohstoff der Zukunft – und wer würde freiwillig verzichten, an die Daten von einem Fünftel der Weltbevölkerung zu gelangen? Und nicht nur an die, denn Bestellungen über Alibaba sind natürlich auch aus den bösen Propagandaländern möglich. Ob das aber dem Umweltschutz dienlich ist? Der interessiert vermutlich ohnehin keinen mehr. Aber das Bedrohungsszenario, insbesondere eines abstrakteren Klimawandels, eignet sich hervorragend, um ein weiteres Geschäft der Zukunft voranzutreiben: E-Mobilität.

Die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz zugunsten moderner Formen der Ausbeutung ist ein weiterer wichtiger Faktor, der das Social Scoring motiviert. Was es gleichzeitig leistet, ist, dass moralisches Handeln zum Handelsgut, zum Gegenstand von Feilschern wird. Vertrauen wird obsolet, Mitmenschlichkeit wird käuflich. Ich denke daran, wie liebevoll sich meine Schwester und meine Nichte über Jahre um unsere/ihre demente (Groß-)Mutter kümmerten. Wie wir uns gemeinsam an ihrem Sterbebett versammelten. Wer immer sich traut, mir und uns dafür Credits gutschreiben zu wollen, möge es mir ins Gesicht sagen, darf dann aber mit einer schallenden Ohrfeige als Antwort rechnen.

 

Wenn das Köstlichste zum Schlimmsten mutiert

Der lange Jahre in Bremen lehrende und mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon ausgezeichnete Philosoph und Theologe Ivan Illich prägte die Phrase von der „corruptio optimi quae est pessima“, was frei übersetzt bedeutet: Die Verderbnis des Besten verkehrt dieses zum Schlimmsten.

Genau dies geschieht durch ein solches Scoring – in China ebenso wie bei uns. Schließlich finden sich die Sinn- und Motivationssprüche, zu denen die Aussagen eines Konfuzius‘ verkommen sind, auch in jedem modernen Unternehmen über die Kloschüssel getackert. Denn nicht Disziplinierung heißt das Gebot der Stunde, sondern uns treibt ein beständiger „Leistungsimperativ“ an (Han, zitiert nach Kastner), der sich mit weniger als dem Optimum nicht zufriedengibt.

Wie sagte Frau Genzsch? „Die Produktivkräfte sind nur produktiv, wenn sie sich in einer entsprechenden Umwelt entfalten können.“ Richtig, und noch dazu müssen sie alles Erdenkliche dafür tun, sich beständig selbst zu optimieren und gesund zu erhalten, um ihr Pensum nur ja zu erfüllen. Dafür müssen sie bis in den letzten Winkel ihres Herzens aufrichtig davon überzeugt sein, dass ihr Leben darin besteht, dem Wohle aller zu dienen. Der Blick, der sie dabei beobachtet, gleicht dem des Großinquisitors, der Hexen und Häretiker auf Herz und Gedanken prüft. Wer nicht zum Fisch mutiert, wer revoltiert, geht in den stürmischen Gewässern unter.

Dass hierfür in einer Kirche, die in einer Woche Ostern feiern wird, geworben werden kann, dafür schäme ich mich ebenso wie dafür, dass ich so lange so brav auf meinem Platz sitzen blieb. Der, dessen Auferstehung bald gefeiert wird, hätte nicht an der Seite seiner Geschäftsfreunde gestanden, sondern an der Seite all derer, die zu den Verlierern dieses Systems gehören und gehören werden. An der Seite der Wanderarbeiter zum Beispiel, die aus ihren erbärmlichen Unterkünften am Stadtrand von Peking verschwinden mussten, damit die Luft rein ist.

NACHTRAG: Ich habe mittlerweile in der Zionsgemeinde nachgefragt. Die Gemeinde hat zwar die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, sieht sich aber nicht als aktive Unterstützerin der Veranstaltung.