In meinem neuen Roman „Objektiv – Nutze die Zeit, bevor sie dich benutzen“ versucht der Protagonist, Alexander Weinberg, eine sogenannte Empathie-Brille zu entwickeln. Mithilfe dieser Brille sollen Gaffer und Gewalttäter therapiert werden, sodass sie Empathie mit den Opfern empfinden. In dieser Lese- und Medienliste habe ich Euch Literatur und Videos zusammengestellt, die Einblick in die Hintergründe der verschiedenen Themenbereiche des Romans geben.

Als ich den Roman Objektiv 2017 zu schreiben begann, war ich noch davon überzeugt, dass ich mir all das nur ausgedacht hatte. Wie groß war daher mein Erstaunen, als ich entdecken musste, dass alles, was ich mir zusammenfantasierte, tatsächlich bereits stattfand. Dies gilt nicht allein für den Traum, eine “Empathie-Brille” schaffen zu können. Es gilt auch für die weitergehenden Versuche, das menschliche Sehen und Empfinden mithilfe von VR und AR sowie über Kontaktlinsen, Brain-Computer-Schnittstellen oder über biologisches Material zu manipulieren.

Eine Reaktion auf meinen Roman ist zuweilen Skepsis oder zumindest ungläubiges Rückfragen. Manche können, andere wollen sich nicht vorstellen, was bereits möglich ist oder wäre, wenn unsere Gesetze es erlauben würden. Auch scheint der Gedanke, dass Technologien uns nicht nur neue Welten erschließen, sondern die Art, wie wir die Welt wahrnehmen, grundlegend verändern, für viele unverständlich. Dabei ist dies im Grunde eine Binsenweisheit, denn natürlich werden unsere Sinne und unsere Vorstellungen von dem geprägt, was uns umgibt und womit wir uns abgeben.

Tatsächlich geht das Szenario, das ich in meinem Roman entwerfe, weit über das derzeit Realisierbare hinaus. Nicht aber über die Träume all jener, die daran arbeiten, dieses Szenario umzusetzen – mit welchen noblen Absichten auch immer. Im Folgenden habe ich euch daher eine kleine Liste an Büchern, Texten und Videos zusammengestellt, die Teil meiner Recherchen waren. Die Liste ließe sich natürlich endlos verlängern – bietet aber schon einen guten Einstieg in die verschiedenen Teilaspekte. Falls ihr also Objektiv, den Bremen-Roman, demnächst in der Schule lesen wollt oder für die Abiturprüfung benötigt, eine Lese- und Medienliste habt ihr jetzt schon mal. 😊

 

1. Gewalt und neue Technologien

  • Gewalt unter Jugendlichen ist nun wirklich nichts Neues, aber ein modernes Phänomen ist das sogenannte „Happy Slapping“. „Beim ‚Happy Slapping‘ wird eine Person meist von mehreren jugendlichen Tätern angegriffen, geschlagen und gedemütigt. Das geschieht oft einzig […] aus dem Grund, die Tat mit dem Handy zu filmen.“
  • Die GEW Berlin hat eine Studie zum Thema Cyber-Mobbing unter Jugendlichen veröffentlicht, die erschreckende Zahlen offenbart. 
  • Jugendliche vergewaltigen ein betrunkenes Mädchen, filmen ihre Tat und werfen sie mitten im Winter dann halbnackt auf die Straße. Im Strafverfahren vor dem Hamburger Landgericht urteilte der Richter: Sie wurde von ihren Peinigern nicht wie ein Mensch behandelt, sondern „zu einem Objekt herabgewürdigt“.
  • Ein Beitrag über Prügelvideos findet sich im Tagesspiegel

 

Im Netz kursieren diverse Prügelvideos, ich habe aber beschlossen, diese hier nicht aufzunehmen, da ich zu deren Weiterverbreitung nicht beitragen möchte. Was diese Videos aus meiner Sicht charakterisiert, habe ich im Roman beschrieben.

 

  • Ein etwas hilfloser Erklärungsversuch über Gaffer und ihr Verhalten bei einem Suizidversuch findet sich in einem Interview von Eva Gemmer.
  • Hunderte gaffen, als ein Baby stirbt und die Mutter sagt später: „Ich kriege diese Leute nicht mehr aus dem Kopf.” Ein bewegender Artikel von Dominik Stawski, erstmals veröffentlicht auf Stern.de am 4. November 2018.

 

2. VR und die Entwicklung einer „Empathie-Brille“

  • Um VR als Empathie-Maschine geht es auf der ARD-Themenseite zu Virtual Reality.
  • Über die Idee, per VR Räume zu schaffen, in denen Menschen einander „begegnen“, schrieb Matthias Bastian 2016 den Artikel „Warum Virtual Reality und die VR-Brille nicht asozial sind.“ Mixed.de 01.11.2016.
  • Von der Utopie, ein elektrisches Auge zu schaffen, das „eine Hilfskraft des Menschen für den Frieden“ ist, weil es „die Soldaten begleiten und im gewöhnlichen Leben die Verbindung unter allen Gliedern der menschlichen Gesellschaft erleichtern wird“, handelt ein Abschnitt in Kloss, Albert: Das elektrische Auge. In: Von der Electricität zur Elektrizität. Ein Streifzug durch die Geschichte der Elektrotechnik, Elektroenergetik und Elektronik. Basel 1987, S. 243-256. 
  • Die Auswertung eines aktuellen VR-Projektes im Bremerhavener Auswandererhaus ergab, dass VR den Museumsbesuch zwar spannender macht, dass aber Originale aber mehr Empathie erzeugen. Die Historikerin Simone Eick erwähnt darin auch Walter Benjamins berühmten Essay über “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit”, der natürlich ebenfalls auf die Leseliste gehört. Eine Rezension findet ihr hier.

 Videos zum Thema Empathiebrille

  • Video über Untersuchungen an der Columbia und an der Stanford University: Experiencing Racism in VR | Courtney D. Cogburn, PhD | TEDxRVA.
  • Ein sehr aufgeregter und – wie ich finde – nerviger Beitrag zu den gloriosen, wenn auch unbewiesenen Möglichkeiten von Virtual Reality: The Empathy Machine (Jason Silva).

 

3. Hintergründe zu Technologien und Forschungen

  • Über die Wechselstrom-Therapie bei Grünem Star berichtet ein Beitrag von Dr. Andrea Bannert vom Juli 2016.
  • Über die Technik Digital Light Processing, eine „Projektionstechnik, bei der Bilder erzeugt werden, indem ein digitales Bild auf einen Lichtstrahl aufmoduliert wird“ siehe den gleichnamigen Wikipedia-Artikel.
  • Zur Eye-Mind-Hypothese, der Analyse von Blickbewegungen und der Bewertung emotionaler Bilder sowie zu weiteren spannenden Studien der Universität Heidelberg findet ihr hier Informatives: Prof. Dr. Joachim Funke: Wenn Blicke sprechen. 2006.
  • Charles Russ’ Ausführungen und sein Versuchsaufbau zum menschlichen Sehen, das in der Lage ist, eine Bewegung zu steuern, findet ihr ebenfalls im Netz.
  • Wikipedia erklärt, was es mit dem Brain-Machine- oder Brain-Computer-Interface auf sich hat.
  • Die in China hergestellte U-Drohne, die als „mindgesteuerte“ Drohne” beworben wird, kann man ebenfalls im Netz bestaunen. 
  • Augmented Reality ist laut Microsofts XR-Chef Alex Kipman bald auch ohne Brille oder mit Kontaktlinsen realisierbar. (Ich schwöre, ich wusste nicht, dass der Mann auch Alexander heißt. 😊)
  • VR-Linse oder gleich eine Schnittstelle zum Hirn – beides ist noch Zukunftsmusik, aber investiert und geforscht wird bereits reichlich.
  • Ist es möglich, digitale Informationen mithilfe von VR und einer Brain-Machine-Schnittstelle direkt ins Hirn zu senden?

 

4. Wie verändern Medien unsere Wahrnehmung?

  • Wie verändern Medien unsere Wahrnehmung? Damit befasst sich Wolf-Rüdiger Wagener 2017 in seinem Aufsatz:Medien verändern unsere Wahrnehmung“ am Beispiel der Momentfotografie.
  • Der Klassiker ist hier natürlich der oben bereits erwähnte Essay: Benjamin, Walter [1974]: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Spannend, was unsere Augen alles ohne Technologie vermögen: Mark Changizi: Die Revolution des Sehens. Neue Einblicke in die Superkräfte unserer Augen (2012, engl. The Vision Revolution. How the latest research overturns everything we thought we knew about human vision) 2010.
  • Hans-Dieter Huber: „Kein Bild, kein Ton? Wir kommen schon.” Visuelle Kompetenz im Medienzeitalter. In: Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.): Was ist Bildkompetenz? Studien zur Bildwissenschaft  (2003). 
  • Eine fantastische Fundgrube zur Geschichte des Sehens hat Klaus Wolscher auf seiner Website zusammengetragen. In seiner Geschichte des Sehens und der Bildkultur schreibt Wolschner u.a. über das Missverständnis, dass das Auge wie eine Kamera funktioniere und dass irgendwo Bilder existierten, die wir gesehen haben.Tatsächlich gilt: „Weder auf der Netzhaut noch im Gehirn gibt es Bilder, auch keine symbolischen Repräsentationen, sondern nur kurzzeitig gebildete und sich sofort wieder auflösende komplexe Aktivierungen im Netzwerk der Synapsen. Das Gedächtnis gleicht die einkommenden Seh-Eindrücke ab mit den Mustern früherer Sinneseindrücke und ihren Interpretationen. Jedes Kind muss das begreifende ‚Sehen‘ erst lernen, d.h. ein Bild-Gedächtnis anlegen, für das Erwachsene das sprachlich codieren, was vor Augen steht.“
  • Heinz Buddemeier: Das Foto. Geschichte und Theorie der Fotografie als Grundlage eines neuen Urteils. Rowohlt 1987.
  • Dass technischer Fortschritt auch mit einer sentimalen Sicht auf die Vergangenheit zusammengeht, wird am Beispiel eines niederländischen Restaurants erlebbar, das verklärte 3D-Dinner anbietet. :
  • Wie verändert der massive Umgang mit digitalen Medien unser Hirn und unsere Fähigkeit, Mimik und Gestik unseres Gegenübers zu verstehen? Der SWR hatte hierzu eine interessante Sendung im Programm, die aber leider nicht mehr abrufbar ist. Hirnforscher warnen, dass Hirnregionen, die Mimik und Gestik entschlüsseln, verkümmern, und zwar insbesondere dann, wenn Kinder und Jugendliche zu viel Zeit im Chat verbringen.
  • Fixierendes Sehen, Augenfixation, „bei der das ‚Anstarren‘ eines Objekts die Augenmuskeln ermüdet und die Neigung, in Trance zu gehen, verstärkt“, ist eine von mehreren Methoden in der Hypnose und führt zu Veränderungen in Bewusstsein und Wahrnehmung.
  • Den Zusammenhang zwischen Bewegung und Sehen und den Versuch des Gehirns, Veränderungen in der Verschiebung des Gesichtsfeldes während der Nutzung bestimmter Technologien auszugleichen, beschreibt Ulrich Pontes im Artikel „Wie die Welt in den Kopf kommt“.
  • Einen – ein bisschen langweiligen, aber im Ergebnis (Nature is wonderful) interessanten –  Selbstversuch unternahm ein YouTuber, der sich eine ganze Woche nur mit VR-Brille durch die Welt bewegte.
  • Über wichtige Unterschiede in der Wahrnehmung/Bilderkennung von Auge und Kamera: Karl-Heinz Braun und Konstanze Wetzel: Sozialreportage. Einführung in eine Handlungs- und Forschungsmethode der Sozialen Arbeit. Verlag für Sozialwissenschaften 2010, S.78f.
  • Warum VR uns überfordert oder überwältigt, wird in diesem verlinkten Beitrag thematisiert.

 

5. Zur Geschichte und Theorie des Sehens

  • Frank Gonzalez-Crussi: Verbotene Blicke, schamloses Sehen. Das Auge und die Welt. Aus dem Amerikanischen von Peter von Düffel. Berlin University Press 2007.
  • Literaturliste zur Geschichte des Sehens, zusammengestellt von Klaus Wolschner.
  • Sehen ist ein Prozess, bei dem bestimmte Bereiche im Gehirn aktiviert werden müssen. Unsere Sinne sind an der Wahrnehmung ebenso beteiligt wie unsere Vorstellung, denn wir sehen nicht nur mit den Augen, wir wissen, dass und was wir sehen. Mehr dazu in: Wolf Singer: Vom Gehirn zum Bewusstsein. In: Der Beobachter im Gehirn (2002).   

 

6. Technologische Optimierung von Menschen

  • Über die Bio-Hacking-Szene und ihren Traum, „Biomasse“ technologisch zu verändern berichtet Inka Reichert im Artikel „Biohacking: Forschen in der Garage“.
  • Zur Steuerung von Maschinen mittels Gedankenübertragung und zur Übertragung von Gedanken via Internet siehe diesen Wikipedia-Artikel.
  • Über die Entwicklung „gefühlssensitiver Technik“ schrieb Ulrich Schnabel den Artikel „Die Vermessung der Gefühle“ in „Die Zeit“ (online) vom 13. Oktober 2016.

Wer mehr erfahren möchte, gibt einfach mal das Stichwort „Transhumanismus“ in die Suchmaschine des Vertrauens ein.

 

7. Sonstiges

  • Manipulierte Porno-Videos: Menschen müssen aufhören, ihren Augen zu trauen. Artikel von Bernd Graff über die Software „Fakeapp“, die es ermöglich, Gesichter täuschend echt in Filme hineinzuretuschieren. Süddeutsche online vom 12. Februar 2018
  • Arte Themenseite über den „Homo Digitalis“ und Sex mit Robotern.
  • Charlie Chaplins Rede in „Der große Diktator“ zum Nachlesen. 
  • Finden wir etwas „süß“, weil es uns an den Geschmack von Zucker und Honig empfindet? Oder haben wir die Empfindung der „Süße“ vom Geistigen auf etwas Materielles übertragen? Ein spannendes Gedankenexperiment, belegt an der Literatur des frühen Mittelalters findet sich in den Schriften Friedrich Ohlys: „Geistige Süße bei Otfried“, in: Ohly, F., Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung. Darmstadt 1977.
  • Bilder des lettischen Künstlers Jānis Ferdinands Tīdemanis findet ihr auf dieser Seite  und natürlich im lettischen nationalen Kunstmuseum in Riga. Angabe zur Biografie von Tīdemanis finden sich in der französischen und der lettischen Wikipedia.
  • Über das lettische Lager Salaspils informiert dieser Wikipedia-Artikel.
  • Zum geplanten Social Scoring in China findet ihr erste Informationen ebenfalls in der Wikipedia. In einem Blogbeitrag habe ich zudem bereits über die allzu wohlwollende Vorstellung dieses Systems in Bremen berichtet.