„Digitalisierung und psychische Gefährdung“ lautete das Thema einer Tagung, die 2015 anlässlich des 30jährigen Bestehens des Institutes für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin stattfand. In den gleichnamigen Tagungsband, den ich euch in dieser Rezension vorstelle, wurden acht Beiträge aufgenommen, die das Thema aus unterschiedlicher Perspektive beleuchten.

 

 

„Gesundmacher“ und „Krankmacher“ der Digitalisierung

Der erste und längste Beitrag stammt vom Herausgeber, Professor Kastner, der die Frage aufwirft, ob und wie Digitalisierung „neben all ihren Vorzügen die Gefahr etlicher psychischer Beeinträchtigungen mit sich bringt“. Da ein solches Thema das Potenzial hat, ins Unendliche abzudriften, steckt Kastner zunächst den Rahmen ab, innerhalb dessen es diskutiert werden soll.

Von „psychischer Gefährdung“ lässt sich demzufolge immer dann sprechen, wenn Einflüsse zu beobachten sind, die „auf Dauer mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den meisten Menschen zu negativen Folgen führen“ (S.7). Darüber hinaus benennt Kastner drei Bereiche, in denen der Arbeitsmediziner „Gesundmacher“ und „Krankmacher“ der Digitalisierung verorten kann, nämlich im Bereich der Organisation (z.B. Unternehmen), der Situation (physikalische und soziale Umgebung) und der Person (individuelles Verhalten, innere Einstellung).

 

 

„Dynaxität“: Dynamik und Komplexität als Basiskomponenten von Digitalisierung

Den Prozess der Digitalisierung und der damit verbundenen Auswirkungen für alle Beteiligten beschreibt Kastner ausgehend vom Konzept der „Dynaxität“. Der Begriff umfasst die exponentiell voranschreitende Dynamik des Geschehens, die dazu führt, dass der Einzelne sich überfordert fühlt und dass Gemeinwesen, Politik und Rechtsprechung den Ereignissen hinter hinken. Und er beschreibt deren Komplexität, die es mit sich bringt, dass einmal erlernte Fähigkeiten und Kenntnisse nicht mehr ausreichen, um sich im Berufsleben zurechtzufinden. Lebenslanges Lernen, beständige Weiterbildung, hohe Flexibilität und die Akzeptanz von Brüchen in der Erwerbsbiografie sind Erfordernisse, die sich aus dieser Komplexität ergeben.

Was mir an Kastners Perspektive gut gefällt, ist, dass sie jede Menge Detailkenntnis verrät, immer aber auch größere Zusammenhänge und Verbindungen zu anderen wichtigen Entwicklungen der Gegenwart berücksichtigt. So berühren seine Ausführungen nicht allein die (gefährdete) Balance von Freiheit und Sicherheit, die Entgrenzung von Privat- und Arbeitsleben, aus der sich aktuell psychische Gefährdungen ergeben. Kastner bezieht auch Entwicklungen aus Genforschung oder Nanotechnologie ein, die die Arbeitswelt und unser gesamtes Menschenbild sowie die Instrumente unserer Produktivität beeinflussen.

 

Vom Nichts-Dürfer zum Alles-Könner: Motivation und Leistungsgedanke in der digitalen Arbeitswelt

Aus gesellschaftlicher und ethischer Perspektive ergibt sich Kastner zufolge eine Verschiebung von der Disziplinargesellschaft hin zur entgrenzten Leistungsgesellschaft, in der nicht das Nützliche, sondern das Mögliche gefordert wird. In dieser Leistungsgesellschaft geht es nicht mehr um die preußischen Tugenden und das „Nicht-Dürfen“. Es geht viel mehr um die Positivität des Gleichen, in der wir durch Empowerment, ‚we can‘, Motivation und Optimismus immer mehr erreichen wollen. Um die Produktivität noch weiter zu steigern, hilft nicht mehr die Disziplinartechnik und Negativität des Verbotes, sondern das Positive des Könnens, der Leistung, des Noch-schneller auf dem Hintergrund der unbegrenzten Möglichkeiten“ (S.45).

Zum Glücklichsein verpflichtet

Dieser Positivismus, der zu beständiger (erschöpfender) Optimierung herausfordert, ist nicht auf die Arbeitswelt begrenzt, er durchzieht alle gesellschaftlichen Ebenen. Der Einzelne sieht sich dazu angehalten, jederzeit das Beste aus seinem Leben herauszuholen. Dazu gehört auch, dass wir genormten Zwängen folgen, dass digitale Konzerne definieren, was Lebensqualität und was Glück ist.

Die Freiheit des Einzelnen, sich non-konform zu verhalten, nicht beispielsweise der propagierten Gesundheitsnorm (Gewicht, Ernährung etc.) zu entsprechen oder sich auch dem technisch Machbaren zu verweigern bleiben auf der Strecke“ (S. 54f).

Der erwähnte Positivismus zeigt sich in Ökonomie und Arbeitswelt zudem darin, dass moderne Arbeitgeber immer stärker darauf drängen, als zweite Familie oder Heimat wahrgenommen zu werden, und zwar bis hin zur Beeinflussung von Kinderwünschen (bezahltes Social Freezing) oder der Entwicklung von Anti-Stress-Apps, die dem Arbeitnehmer anzeigen, wann es Zeit für eine Entspannungs- oder Atemübungen wird.

Tatsächlich ist das gemeinschaftliche Handeln in diesen Firmenfamilys jedoch auf Teambesprechungen oder „Screen-to-Screen“-Kommunikation begrenzt. „Das gemeinsame Hand in Hand-Arbeiten wie früher etwa im Handwerk geht zurück durch die Mensch-Maschine-Interaktion“ (S.95).

Entgrenzung als Krankmacher

Ausgehend von dem Gedanken der Entgrenzung und dem Zwang, sich allem Neuen gegenüber wahllos öffnen zu müssen, zieht Kastner eine Linie zur starken Zunahme von Auto-Immunerkrankungen, wie sie typisch für die Gegenwart sind. Entgrenzung als Krankmacher äußert sich beispielsweise

  • in der beständigen emotionalen Erregung, die prägend für die Social Media ist.
  • in einer Finanzwelt, die „von der Realwirtschaft abgekoppelt ist“.
  • in der Auflösung zwischen Freizeit und Arbeitszeit, privatem und öffentlichem Leben.
  • im Missverhältnis zwischen exponentiell fortschreitendem Wandel und „linearen“ Möglichkeiten, darauf zu reagieren.
  • im Verlust von Wirkmacht, da wir Verantwortung, Kontrolle und Routine an KI abgeben und somit Handlungsressourcen verlieren „wie einen Muskel, der nicht trainiert wird“ (S.55).
  • in Versuchen, die Grenze und den Unterschied zwischen Mensch und Maschine aufzuheben. Hieran sind vor allem die Forschungsbereiche Bio-, Gen-, Nano- und Informationstechnik beteiligt, die einer „künstlichen Intelligenz“ zum Durchbruch verhelfen wollen, die irgendwann auf einer „höheren Zivilisationsstufe“ steht als der Mensch.

Die Gefahr dieser Entwicklung fasst Kastner in einer drastisch wie trefflich formulierten Fragestellung zusammen:

Werden wir heutigen Menschen dann zu den Hausschweinen dieser ‚höheren, übermenschlichen‘ Intelligenzen, die dann ihre eigene Ethik entwickeln?“ (S.56)

 

Statt bewusste Entscheidungen zu treffen, hinkt die Gesellschaft hinterher

Neben der ethischen Perspektive müssen weitere berücksichtigt werden, um Gesundmacher und Krankmacher durch Digitalisierung zu verorten. Auf gesellschaftlicher Ebene sind auch unser Rechts- und Sozialsystem sowie politische Prozesse von einem Wandel betroffen, der weder ausreichend verstanden noch angemessen gesteuert werden kann. Das Gefühl, “überrollt” zu werden, macht sich breit und in vielen Bereichen kehren sich bisherige Prozesse und Vorgehensweisen in ihr Gegenteil um, beispielsweise wenn wir KI nutzen und Menschen aufgrund ihrer Daten statt aufgrund ihrer Taten verdächtigen. Eine Entsprechung dazu findet sich in der Medizin, wenn nicht mehr Diagnosen zu bestimmten Therapien führen, sondern Prognosen, die auf der Grundlage von Risikoberechnungen erfolgten.

Eine solche Umkehr zeigt sich Kastner zufolge auch in der Wissenschaft: „Bislang sind wir es gewohnt, ein theoretisches Konzept zu erstellen, auf dessen Basis Hypothesen zu entwickeln und diese empirisch zu überprüfen. Durch Big Data sammelt man möglichst viele Daten und lässt den Algorithmus korrelative Muster erkennen, die anschließend interpretiert werden. Damit wandelt sich die Denkweise von der Kausalität zur Korrelation. Heute gehen wir induktiv vor, d.h. wir lassen die möglichst umfangreichen Daten sprechen, ohne zuvor zu hypostasieren, was sie uns sagen werden. Die Datenflut der ‚neuen Wissenschaft‘ erübrigt wissenschaftliche Methoden“ (S. 81).

 

Populismus und Cocooning als Gegenbewegungen

Die Gegenbewegung zu einem Wandel, der vielen Menschen Angst macht, weil sie Kontrollverlust erleben oder befürchten, besteht darin, sich Konstrukten zuzuwenden, in denen die Komplexität auf das Bekannte und Einfache reduziert wird. Sie äußert sich im Populismus ebenso wie in der plötzlich so vehement aufflammenden Sehnsucht nach Heimat oder im „Cocooning“, worunter der Rückzug in eine Nischenwelt zu verstehen ist.

Die fordernde und überfordernde Maxime „werde, wer du bist“ führt zudem zu einer „Schaffens- und Könnensmüdigkeit“. Das Individuum wird zum Feind seiner selbst, was sich in den erwähnte Auto-Immunerkrankungen, aber auch in Phänomenen wie Burn-out oder Depressionen zeigt.

Der Beitrag endet schließlich mit einer Übersicht, was sich angesichts dieser psychischen Gefährdungen an Handlungsmöglichkeiten ergibt – bezogen auf die Faktoren Person, Arbeitssituation und Organisation.

 

Personalisierung statt Ich-Werdung: Das leere Leben in der Ich-Bubble

Sowohl sprachlich als auch inhaltlich haben mich die Ausführungen Professor Harald Welzers besonders berührt. Unter dem Titel „Die höchste Stufe der Zensur: Das Leben in der Ich-Bubble“ beschreibt Welzer den Unterschied zwischen Individualisierung und Personalisierung.

Personalisierung, wie wir sie heute im Umgang mit Suchmaschinen und digitalen Dienstleistungen erfahren, führt zur beständigen Redundanz auf uns selbst und auf das uns bereits Bekannte. Sie dient unserer Bequemlichkeit, verweigert aber eben die Entdeckung von etwas wirklich Neuem, Überraschendem. Welzer bringt dies in einen Zusammenhang mit der (inflationären) Verwendung des Begriffs „Innovation“. Eine solche Innovation, so führt er aus,  führe zu keinem Fortschritt mehr, da sie keinen Inhalt hat – der Begriff Innovation „dient nicht zu etwas, sondern hat seine Qualität allein darin“, dass diese Innovation „gegenüber etwas anderem neu ist“ (S. 141).

 

Von der Notwendigkeit, sich Beulen der Erkenntnis (Bloch) zu holen

Das wirklich Neue und Schöpferische aber, so Welzel, „liegt im Zusammenbringen des Fernliegenden, nicht des Naheliegenden. Es beruht auf Kombinatorik und Assoziation, nicht auf Addition. Genau hier liegt übrigens der konstitutive Unterschied zwischen einem menschlichen Gehirn und einem Algorithmus.“ Der „personalisierten Laborratte“ aber, die nach Antworten und nicht nach neuen Fragestellungen verlangt, erscheint es undenkbar, „dass etwas ambivalent, doppelsinnig, widersprüchlich, unfertig, offen sein kann und gerade darin seine Qualität hat“ (S. 145).

Individuum wird, wer sich am Unbekannten, Anderen, an der Differenz „Erkenntnisbeulen“ holt, die zu einem Ensemble an Erfahrung führen, die nur diese eine Person auszeichnen. „Das Leben in der Ich-Bubble aber ist nicht individualisierend, sondern typisierend. Es bildet Individualität nach dem Modell der Auswahl ab, so wie man sich im Supermarkt oder, viel besser noch, bei Amazon einen ganz individuellen Warenkorb zusammenstellen kann.“ Eine solche Individualität allerdings schöpft einzig aus dem Vorhandenen. „Es kann nichts anderes wollen, weil das andere nicht im Angebot ist. Und es kommt auch nicht wieder rein“ (S. 147), lautet der pessimistische Schlusssatz dieses Beitrags.

 

Plädoyer für einen Verzicht auf Dramatisierung

Den Wunsch, die aktuelle Entwicklung nicht zu dramatisieren und nüchtern auf Chancen wie Risiken zu schauen, durchzieht der dritte Beitrag des Tagungsbandes, der vom Psychotherapeuten Professor Wolfgang Schneider stammt. Schneider sieht bei bestimmten Autoren einen Hang zur Dramatisierung und kritisiert, dass die positiven Ansätze, wie sie sich in der Arbeitswelt ebenfalls auffinden lassen, übersehen werden.  

So könne man „seit vielen Jahren eine deutliche Tendenz in vielen Unternehmen und Organisationen sehen, gerade auch emotionale Aspekte bei der Mitarbeiterführung sowie in den kommunikativen und interaktionellen Prozessen in den Organisationen zu gewichten und entsprechend in ihren Weiterbildungen wie in ihrer Führungskultur zu verankern“ (S.171) .

Ich denke, wer die (teilweise) durchaus ernsthaft geführten Diskussionen um neue Formen von Organisation/Unternehmen und Arbeit kennt, der wird dem zustimmen können. Allerdings teile ich Schneiders Bewertung, dass „wir und unsere Gesellschaft grundsätzlich das Heft in der Hand haben“, nicht. Ich sehe eher einen Drift zwischen Unternehmen, die sich dieser Aufgabe aufrichtig stellen, und Konzernen, in denen Digitalisierung und KI ohne Rücksicht auf menschliche Verluste genutzt werden.

 

Entgrenzung, Prävention und Empfehlungen

Kritisch gegenüber den „Auguren“, die dazu neigen, „die Entwicklung versimpelnd linear und im Unbehagen zur eigenen Lebenserfahrung und Sozialisation zu beschreiben“ (S.180), äußert sich auch Tim Hagemann. Im darauf folgenden Beitrag setzt sich der Wirtschaftspsychologe Professor Burkhard Schmidt mit der „räumlichen, zeitlichen und psychischen Entgrenzung durch flexible Arbeitsformen“ auseinander. Der Diplom-Volkswirt Rainer Thiehoff referiert sodann zum Thema „Prävention in der Arbeitswelt 4.0“ und die Physiotherapeutin Christine Götting geht gemeinsam mit Professor Kastner auf das Thema „Digitalisierung und physische Gefährdung“ ein.

Das Buch endet schließlich mit einem Abschnitt, in dem Professor Kastner „konkrete Empfehlungen zur Vermeidung psychischer Gefährdungen durch die Digitalisierung“ gibt.

 

Der Tagungsband liefert damit insgesamt einen guten und vielseitig gehaltenen Überblick zur Thematik. Gefallen hat mir, dass hier so unterschiedliche Positionen zum Ausdruck kommen. Allerdings passt die teilweise sehr anspruchsvolle und weit ausholende Perspektive für mich nicht so recht zu den Empfehlungen, die dann gegeben werden.

Geärgert hat mich die hohe Fehlerquote, die das tolerierbare Maß bei Weitem überschreitet. Ein Lektorat hätte Buch und Lesevergnügen gutgetan.