Eine kleine Verteidigung eines großartigen Satire-Videos des Bohemian Browser Balletts

Kaum war das neuste Video des Bohemian Browser Balletts veröffentlicht, gab es gewaltige Schelte und bitterböse Kommentare. Stein des Anstoßes: Im Video wird behauptet, das Corona-Virus sei so fair wie gerecht und möglicherweise die Rettung unseres Planeten, da es die Alten hinwegrafft und die Jungen weiterleben lässt. Darüber hinaus seien vor allem Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen, wie sie für die fetten Wohlstandsnationen typisch sind.

Was, wie schon zuvor das Umweltsau-Lied des WDR-Kinderchors, als Satire gemeint war, wurde seiner Aussage nach für bare Münze genommen. Und wieder einmal stellte sich die bereits oft diskutierte Frage: Was darf Satire?

„Alles“, lautete einst die Antwort eines Kurt Tucholsky. Aber diese Antwort allein wird als nackte Tatsache dem Genre Satire nicht gerecht. Und sie verschweigt die wesentliche Frage, die auch schon Tucholsky seinem kurzen Artikel über die Satire voranstellte, nämlich die nach dem Zweck der Satire und dem Charakter des Satirikers. Auf einen Nenner gebracht:  Was will Satire?

Satire kann alles Mögliche sein. Satire darf aber nicht alles Mögliche wollen.

Es käme einem Wunder gleich, hätte die Literaturwissenschaft eine eindeutige Antwort auf die Frage parat, was Satire ist. Ein Schmähgedicht kann ebenso Satire sein, wie ein gesellschaftskritischer Roman oder eine „parodistische Wissenschaft“. Satire kann in Reimform, als Fernsehshow oder als Karikatur daherkommen. Satire lässt sich daher einfacher danach bestimmen, was sie bezweckt und welcher Mittel sie sich dafür bedient.

Vergleicht man Satire mit humoristischen Einlagen oder mit Comedy, lässt sich ein Unterschied klar benennen: Possenreißer und Comedian machen sich über jemanden oder etwas lustig. Sie bedienen sich der Pointe, zielen aufs Wiedererkennen, Lächerlichmachen, darauf eben, die Leute zum Lachen zu bringen.

Manche nehmen sich selbst auf die Schippe und zeigen einen feinsinnigen, sprachgewandten Humor wie der geniale Heinz Erhardt, andere machen Roh-Anleihen bei Sprache und Kultur. Mario Barth beispielsweise hat sich das Themenfeld Frauensprache/Männersprache auf diese Weise zu eigen gemacht. Er lebt gut davon und es wäre für ihn wohl eine kleine Katastrophe, würde es das zugrundeliegende Phänomen über kurz oder lang nicht mehr geben.

Ganz anders die Satire. Satire arbeitet an der Überwindung dessen, was sie thematisiert. Wenn der Satiriker das Komische, Absurde, Unlogische zur Sprache bringt, dann reicht es ihm oder ihr nicht, dass darüber gelacht wird. Wichtiger ist, dass der Irrwitz dazu führt, dass Menschen darüber nachdenken und zur Besinnung kommen. Satire denkt Ereignisse und Themen vom Ende her, legt bloß, was sich darin als Missstand erweist, brandmarkt Heuchelei, Bosheit, Dummheit.

Um den Denkprozess in Gang zu bringen, hält der Satiriker keine moralinsauren Reden, sondern bildet ab, was er zeigen will. Analogiebildungen, Ironie, Übertreibung, Verfremdung sind typische Stilmittel dafür. Satire diffamiert und beleidigt jedoch nicht, sie entlarvt. Und im Unterschied zur Karikatur konzentriert sie sich nicht auf ein hervorstechendes Merkmal, sondern behandelt zumeist komplexere Zusammenhänge. Zur Satire gehört es daher wesentlich auch, dass sie nur verständlich ist, wenn man mit den Hintergründen und Zusammenhängen der benannten Thematiken vertraut ist.

Kurz und gut: Komik ist die pointierte Wiedergabe eines Themas, das eigentlich jeder verstehen kann. Der Komiker macht sich darüber lustig und freut sich, wenn er die Leute zum Lachen bringt. Er hofft, immer wieder etwas Komisches zu entdecken, das er präsentieren kann.

Satire kann, muss aber nicht zwangsläufig komisch sein. Sie strebt letztlich einen Erkenntnisgewinn an, der zu einer Verhaltensänderung führt oder dazu beiträgt, dass etwas enttarnt wird, was aus Sicht des Satirikers dringend der Veränderung bedarf. Satire strebt nach Überwindung dessen, was sie darstellt. Dafür zeigt sie allerdings nicht mit dem Finger auf einen Missstand, sondern regt einen Denkprozess an. Das unterscheidet sie vom Kommentar, von der Kritik, vom puren Schmähgedicht.

 

Realsatire und die Idee des großen Weltenretters als Hintergrund

Schon in den ersten Einstellungen des Videos „Corona rettet die Welt“ des Bohemian Browser Balletts wird deutlich, dass es sich um Satire handelt. Man sieht Menschen in Schutzanzügen und mit Giftgasmasken durch eine in Schutt und Asche gelegte Stadt laufen. Im Hintergrund passiert ein Flugzeug, das einen Werbebanner mit der Aufschrift „Danke, Corona!“ hinter sich herzieht. Angesichts der Katastrophenlandschaft ist das einfach nur absurd.

Von den Alten, die dieses Land vor die Wand gefahren haben (im Hintergrund sieht man Kreuzfahrtschiffe), geht es dann zu Herz-Kreislauferkrankten und der Schuld der USA sowie des Turbokapitalismus an der Klima-Misere. Ein vermeintlicher Mediziner fragt, ob das Corona-Virus nicht „einfach nur eine Antwort“ darauf sei. Schließlich werden all die Mechanismen, die zur Zerstörung unseres Planeten beitragen (Konsum, Flugverkehr, Produktion) dadurch zurückgefahren.

Wenn das so weitergeht, folgert der Erzähler, erleben wir hier vielleicht bald ein neues grünes Paradies. Die Szenerie wandelt sich nun in blühende Landschaften, über die sich ein Regenbogen spannt, und es erklingt die Suite Nr. 1 aus Griegs Peer Gynt. Auch an dieser Szene wird deutlich, wie absurd es ist, solche einfachen gedanklichen Bögen zu spannen.

Es folgt eine simple Rechnung, der zufolge weniger Menschen gleich weniger Krankheiten, Hunger, Fluchtursachen bedeuten würde, woraus sich ergibt, dass  das Corona-Virus wohl nur ein „schöner und sinnvoller Reflex der Natur“ sei.

Mit dem Biss in den paradiesischen Apfel erhält das Virus dann göttliche Absolution. Es erscheint als gerechte Strafe für den menschlichen Sündenfall. Damit greifen die Satiriker auf, was all den Überlegungen zum Virus als Klimaretter implizit ist: Es muss da wohl irgendwo eine göttliche oder eine kosmische Macht geben, die uns das Virus als ausgleichende Gerechtigkeit geschickt hat.

 

Entlarvende Veranschaulichung: Verachtung, Selektion und autoritäres Denken in Zeiten der Krise

Würde es sich bei diesem Filmchen um Comedy handeln, wäre es in der Tat ein äußerst schwarzer Humor, der sich da breitmacht. Tatsächlich zeigt der Film aber nicht, was ist, sondern was sich der ein oder andere dieser Tage zusammenreimt.

So gilt es einigen Klimaschützern ja ohnehin schon als ausgemacht, dass der Mensch per se das Grundübel der Welt darstellt. Und unter der gesamten Spezies sind es natürlich noch einmal mehr die Alten, die sich um Klimaschutz einen Dreck gekümmert und bereits alles aufgebraucht haben, was doch ihren Kindern und Enkeln gehören sollte.

Dieser Tage kommt eine Haltung dazu, wie sie die Bloggerin und Autorin Meike Lobo auf Twitter äußerte: Das Sterben „alter Individuen“ wurde von ihr darin im Zusammenhang mit dem Corona-Virus als einer der natürlichsten und für die Population gesündesten Vorgänge der Welt bezeichnet, darüber hinaus sei die Überbevölkerung „die nächste Müllschwemme“, die auf uns zukomme.

Nun ist es eine Sache, Sterben für einen natürlichen Vorgang zu halten. Es ist aber eine andere Sache, Menschen in einer Krisensituation mit Müll zu vergleichen und ihren Tod als gesund zu bezeichnen. Dennoch muss man jetzt nicht gleich einen Shitstorm gegen die Tweet-Verfasserin lostreten. Entlarven, was sich hinter solchen Äußerungen verbirgt, sollte man schon. Schließlich kann sich jeder von uns mal gedanklich verlaufen.

Meike Lobo hat ihren Tweet mittlerweile gelöscht, aber die grundlegende Haltung ist damit nicht aus der Welt. Auch wird derzeit immer mal wieder eine irrationale Verbindung zwischen Virus und positiver „Klimabilanz“ gezogen und manch einer hofft wohl schon insgeheim, dass sich die derzeit restriktiven Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens nach Überwindung der Krise beibehalten lassen, um anschließend durch eine weltweite Diktatur der Vernunftbegabten den Planeten zu retten.

So sprach der taz-Redakteur Kilian Jörg von einem „Bedürfnis nach Panik in unseren ökologisch katastrophalen Lebensweisen“. Ralf Fücks benannte solche Analogien und Lösungsansätze dagegen in der Zeitschrift Die Welt als „zutiefst autoritäre“ Fantasien.

Das Video zeigt anschaulich, wie sich hier eine Klimareligiosität, die des menschlichen Opfers bedarf, inszeniert, die auf nichts anderem als auf simplen Gleichsetzungen basiert und eine menschenverachtende Gesinnung in die Welt hustet.

Gleichwohl darf man mit einer gewissen Schadenfreude darauf schauen, dass wir Menschen selbst es sind, die solche Katastrophen hervorbringen. Geschieht es uns also recht, wenn wir für unseren dreisten und schädlichen Konsum dahingerafft werden? Innerhalb dieses komplexen Spannungsfeldes bewegt sich die Satire und ja, das darf und das muss sie.

Auf Facebook äußerten die Macher dazu:

Unser Anliegen war eine satirische Einordnung des Virus als vermeintlicher Schutzreflex des Planeten. [Hervorhebung von mir.] Im Kern geht es um die Beobachtung der überraschenden Wechselbeziehung zwischen den Konsequenzen der Corona-Pandemie und den Effekten für das Klima. Darin steckt eine zugegebenermaßen extrem bittere Ironie, auf die wir mit dem satirischen Stilmittel der Übertreibung aufmerksam machen wollen.“

Ein Virus ist ein Virus und keine göttliche Macht, auch keine „Strafe“ für den Sündenfall. Dennoch kann uns das Innehalten, das Entschleunigen des öffentlichen Lebens dazu führen, zu bemerken, dass es jenseits von Kreuzfahrten und ungezügeltem Konsum noch ein besseres Leben gibt. Eines, das für Mensch und Planet hilfreich und heilsam ist. Für die alten wie die jungen Menschen, für die Kerngesunden und die „Vorerkrankten“. Und für unseren uralten Planeten, der ein wunderbarer Gastgeber für uns alle sein könnte.

 

Zurück zur Ausgangsfrage

Was darf Satire? Ich plädiere dafür, diese Fragestellung durch „Was will Satire?“ zu ersetzen. Satire, die uns zum Nachdenken bringt und ihren eigenen Spielregeln folgt, ist eine Bereicherung, ganz unabhängig davon, ob uns ihre Botschaften gefallen oder nicht. Ein Satiriker, der sich  über andere erhebt, der schmäht oder beleidigt, um zu schmähen oder zu beleidigen, ist den Namen nicht wert. Um es noch einmal mit Tucholsky zu sagen:

Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.“