Instinktiv ahnte ich, dass die größten und wichtigsten Ereignisse des Lebens im Inneren geschehen.“

(Michaela Göhr)

Ein frisch gedrucktes Buch zur Hand zu nehmen, ist immer ein besonderer Moment. Einmal mehr, wenn dieses Buch eine Geschichte enthält, die man selbst geschrieben hat. Gestern war ein solcher Moment – ich hielt die Printversion der Anthologie „Geschichten, die nie erzählt wurden“ in den Händen. Und was soll ich sagen: Ich gebe sie nicht wieder her.

Natürlich nicht, denn das Buch enthält Kurzgeschichten sowie wenige Gedichte (Kurt Rahner/Heike Hoffmann) und Elfchen (Thussi Haugsberger), die mich wirklich beeindruckten. 26 Autoren zeigen sich hier von ihrer besten Seite; mal bezwingen sie souverän den Tiger, der die Geschichten mit lauerndem Blick bewacht, als dürften sie tatsächlich nicht erzählt werden, mal spielen sie mit ihm oder schicken ihn los, um Lesern und Leserinnen einen ordentlichen Schrecken einzujagen.

 

Wie liest man ein Buch, das so vielseitig (!) ist und so verschiedene Themen und Erzählstile vereint? Als beteiligte Autorin schaue ich natürlich erst einmal nach meiner eigenen Geschichte. Ist jedes Zeichen und jedes Wort am rechten Platz? Natürlich, die Lektoren haben ausgezeichnete Arbeit geleistet.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit entscheide ich mich dann dafür, die Anthologie nicht von vorn nach hinten durchzulesen. Das kann ich später noch nachholen. Jetzt, in diesem Moment, will ich mich leiten und verführen lassen.

 

Das Abenteuer beginnt für mich daher mitten im Buch mit einem mordenden Grinch und einer Geschichte von Roland Hebesberger, die mir eine herrlich fröstelnde Gänsehaut beschert. Nur gut, dass ich mich gleich darauf mit Michaela Göhr „an den Rand der Zeit“ retten kann, dorthin, „wo Anfang und Ende des Kreises nahtlos ineinander übergehen“.

Staunend durchkreuze ich sodann die Meere, um Nina Pfeffer Câmaras Menetharios ein letztes Mal kämpfen zu sehen und werde kurz darauf andächtig gewahr, wie es ist, einem Engel zu begegnen und dem eigenen Tod gerade noch mal von der Schippe zu springen (Michal Barth).

Ich bewege mich an das von Milena Tebiri mit leichter Hand entzündete Feuer, aus dem mir zwei Wirklichkeiten entgegenscheinen, die doch eine sind, und lasse mich von Lotte Weis‘ Erzählung „Gesindes Scham“ berühren, in der sich die Ereignisse zwischen Tradition und Revolte ihren eigenen Weg bahnen.

Autoren Sternzeit ist, wenn ganz unterschiedliche Erzähler und Erzählerinnen Momente vorwegnehmen oder erinnern, in denen nach Herzenslust geliebt, gemordet, gefeiert, geträumt, gelacht und sinniert wird. Wenn Gerda Greschke-Begemann das Fest der Liebe mit einem lange überfälligen Mord beendet, wenn Tannenbäume (Vero KaA) verschwinden, sich Wurmlöcher auftun (Olga Drocjuk), ein ungläubiges Staunen in einen lang ersehnten Kuss übergeht (Ulrike Weinhart) und sogar die tiefe Trauer um einen Sterbenden eine Hoffnung spendende Wendung nimmt (Thussi Haugsberger).

Und natürlich, wenn Neal Delsy ein berührendes Wiedersehen schildert, das sich nur dort ereignen kann, wo die Zeit „wie ein kalbender Gletscher“ vom Erzähler abfällt und „braune Augen tief“ in dessen „Augenblick“ greifen.  

Autoren Sternzeit ist, wenn „die größten und wichtigsten Ereignisse des Lebens im Inneren geschehen“ und Geschichten, die zum Glück dann doch noch erzählt wurden, Gehör und Widerhall finden. Nicht nur, aber auch zu Weihnachten: Empfehlenswert!

 

Hard Facts

Die Rezension bezieht sich auf folgende Ausgabe:

Drocjuk, Olga et al.: Autoren Sternzeit. Geschichten, die nie erzählt wurden. Anthologie, 1. Auflage, 2020. Erhältlich als Printversion über Amazon und als Amazon Kindle E-Book.

 

Die Einnahmen aus dem Verkauf werden der gemeinnützigen Organisation Viel Farbe im Grau e.V. gespendet.

Einige der Autoren habe ich bereits genannt – die anderen mögen mir verzeihen, dass ich nicht alle Geschichten in diese kurze Rezension aufgenommen habe. Der Vollständigkeit halber und als kleines Danke für diese tolle gemeinsame Leistung, seien aber noch einmal alle Beteiligten genannt:

 

Olga Drocjuk, Heike Hoffmann, Anne Polifka, Daniela Mertens, Be Zoban, Roland Hebesberger, Andrea Neven, Martin Schörle, Gerda Greschke-Begemann, Neal Delsy, Thussi Haugsberger, Zsóka Schwab, Sabine Walther, Vero KAa, Nina Pfeffer Câmara, Norbert Rahn, Milena Tebiri, Pofbanow, Michaela Göhr, Michael Barth, Bärbel Grizzly, Ulrike Weinhart, Jennifer Schumann, Hilde Willes, Lotte Weis, Frank Kätow und Felix Michael Hummel.