“Kaspar erkennt seine Wohnung als Kopf, durch den er in diese Nacht geht, taumelt, stolpert, fällt. Seine Wohnung als Kopf, durch den er gehetzt wird, sich hetzen lässt.“

Kaspar, der Protagonist aus Jürg Halters Roman „Erwachen im 21. Jahrhundert“, schreckt im Juni 2018 aus einem Traum hoch. Es ist noch Nacht, aber er steht auf, bereitet sich auf seine Abreise vor, die ihn nach Brest führen soll zu „den anderen“.

Die Geschichte, die der Schweizer Musiker und Schriftsteller Jürg Halter dann erzählt, zieht mich als Leserin mitten hinein in ein Sammelsurium aus Gedanken, Bildern, Überlegungen, die Kaspar zusammenhanglos nebeneinanderstellt, weil sie zusammengehören und sich doch nicht zu einem einzigen Bild zusammenfügen lassen.

Was sie verbindet, ist die Absurdität, in der wir uns als Aufgeklärte des 21. Jahrhunderts verfangen haben, in dem die von uns geschaffenen Technologien sich anmaßen, unser Schöpfer zu werden und uns zu geschichtslosen Wesen machen, die Tag und Nacht um sich selbst kreisen und so affigen Anweisungen folgen wie  „unterlasse Fehler und fühle dich dadurch freier“ oder anerkennen, dass sich mit Breitbandanschlüssen „alle großen Probleme der Welt lösen“ lassen.

In Kaspars Erzählung reihen sich Gedanken und Visionen aneinander wie Gedichte, für die es kein Versmaß mehr gibt, weil der Algorithmus längst alles verschluckt hat, was klingt und auf Resonanz beharrt. Die teils ironische, teils leidende Selbstbeobachtung und die Auseinandersetzung mit politischen Themen gehen immer wieder in den Griff zum Notizbuch über, weil alles, alles wichtig sein könnte und festgehalten werden muss.

Aber nichts bleibt, nichts ist von Bestand, alles folgt aufeinander wie die Nachrichten und Bildchen, durch die wir uns täglich in unseren Social-Media-Kanälen scrollen.

Eben noch zynisch oder selbstironisch wird der Erzähler vom Beobachter zum Verfolgten, vom Befrager zum Gejagten, vom Kritiker zum Zuschauer, der hinnimmt, dass ein Holocaust bewirtschaftet und über Ruanda berichtet wird und sich selbst in einem trügerischen Mitleid wiegt.  

Sechs Stunden verbringen wir mit Kaspar, in denen er uns alles aus seiner und unserer Welt erzählt, nicht die Ereignisse spiegelnd, sondern das, was sie mit uns und was wir mit ihnen in unseren Köpfen und Sprachen und unserem Außer-sich-Sein anstellen. Legt jeder von uns sich nur sein eigenes Weltenpuzzle zusammen? Oder lauert da doch eine Bedrohung, eine große Verschwörung? Werden wir nach und nach durch Maschinen ersetzt, regiert, verwaltet? Sind wir nur noch „wandelnde Daten in einem Strom von wandelnden Daten?“

Kaspars Gedanken jagen durch das 21. Jahrhundert wie ziellose Datenströme, während er darauf wartet, einen Haltepunkt zu finden: Bei den „anderen“, von denen er kaum etwas weiß, von denen er nur hofft, dass sie keine „Basisdemokratie“ anstreben, sondern das letzte bisschen Menschlichkeit, das sie in sich verspüren, retten werden. Dass sie Menschen sein wollen, mit einer Geschichte und einem Schicksal, keine erfundenen Biografien, denen „Ewigkeit droht“.

Der geschichtslose Mensch, der heimatlose Mensch des 21. Jahrhunderts, der sich immer mehr von sich selbst entfernt, der sich aufgeklärt wähnt, während er sich völlig vereinsamt und komplett handlungsunfähig im Datenstrom auflöst, ist der Protagonist dieser Geschichte.

Und doch gibt es Hoffnung, denn Kaspar erinnert sich noch – an Ferien bei den Großeltern, an Reisen, an Menschen und vor allem an Josephine, die Tochter eines Mafiosi, und an seine komplett irrsinnige Liebe zu ihr, einer Frau, die hat, was er nicht hat und doch so dringlich benötigt: „eine Geschichte, ein Schicksal“.

Ich bin mir sicher oder hoffe ich es: In 100 Jahren wird jemand dieses Buch zur Hand nehmen, es decodieren und überrascht feststellen: So fing also alles an. Und er oder sie wird sich auf den Weg nach Brest machen.

Bis dahin gibt es von mir hier und heute eine komplett irrsinnige Leseempfehlung. Auch wenn ich mit dem Ende der Erzählung nicht wirklich einverstanden bin.

 

Mehr über Buch und Autor sowie eine Leseprobe findet Ihr auf der Website des Verlages: 

Meine Rezension bezieht sich auf folgende Ausgabe:

Halter, Jürg: Erwachen im 21. Jahrhundert. Roman. Zytglogge Verlag, 2. Auflage 2019. 227 Seiten, gebundene Ausgabe, ISBN: 978-3-7296-0999-0.

Preis für die gebundene Ausgabe in Deutschland: 26,00 €

E-Book: 21,00 €