Es ist der 3. Juli 1910 als George Pfeffer als Sohn einer jüdischen Mutter in Breslau geboren wird. Wenige Jahre vor dem ersten und zu wenige Jahre vor dem zweiten Weltkrieg und der kaum sagbaren Barbarei des deutschen Nationalsozialismus.

118 Jahre später erzählt uns seine Tochter, Nina Pfeffer Câmara, die Geschichte ihres Daddys. Kurz und knapp, atmosphärisch dicht, im beständigen Wechsel zwischen der Sicht der Tochter auf den sterbenden Vater und dessen schriftlich festgehaltenen Erinnerungen.

Das Leben, in das sie uns Einblick gibt, hielt für den später christlich getauften und daher von den Nazis als „Halbjude“ klassifizierten George Pfeffer so viele Herausforderungen bereit, dass manch einer früh daran zerbrochen wäre. Nicht so „Daddy“.

Als Schauspieler weiß er „das Drehbuch“ zu nehmen, wie es kommt. Als Außenstehender, der nirgendwohin gehört und sich doch überall zurechtfindet, urteilt er nicht, sondern ordnet und überdenkt, was ihm widerfährt, sachlich, ausgewogen und doch immer mit einem kleinen Griff in die Trickkiste verbunden, was ihm und seiner Familie das Überleben ermöglicht.

„Daddy“ ist ein zutiefst persönlicher Bericht über den Vater und Schauspieler, den Poeten mit dem sachlichen Blick auf die zeitgenössische Politik, aber es ist kein bisschen sentimental, im Privaten wühlend oder darauf aus, einen Lebenskünstler zum Helden zu küren. Denn ein Held war „Daddy“ sicher nicht – wohl aber ein Mensch, der von klein auf gelernt hat, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sich von den Widrigkeiten des Lebens nicht umwerfen zu lassen.

Neben der bewegenden und bewegten Lebensgeschichte, die das Buch erzählt, scheint es mir wie eine Ermutigung, auf die eigene Vergangenheit zu schauen, ohne sie ständig an dem alles überschattenden Horror zu messen. Wie viel an Privatheit, Familie, Herkunft hat ein jeder von uns durch den NS-Staat verloren?  Wie prägt diese Zeit noch heute unsere Familiengeschichten, unsere Erzählungen, Erinnerungen und Glaubenssätze, unsere Lügen und Brüche?

Der Nationalsozialismus hat nicht nur jegliches Mitgefühl auszulöschen versucht, er hat auch alles, was Menschen zuvor miteinander verband, vernichtet. Für uns, die wir das Glück der „Spätergeborenen“ erfahren durften, die aber in ihren Vätern und Müttern nur noch Opfer oder Täter sehen konnten. Für unsere Vorfahren, die – wenn sie das Grauen überlebten – nur schweigen konnten über das, was sie in diesen Jahren erlitten oder getan hatten.

Was verbarg sich hinter ihrem Schweigen? Nina Pfeffer Câmaras Biografie erzählt die Geschichte eines Mannes, der „zu einem Wanderer wider Willen“ wurde, „geprägt von innerer Zerrissenheit, in ständiger Furcht, doch auch mit Mut und Stärke“.

Sie erzählt die Geschichte ihres Vaters, der so vertraut wie fremd für sie ist. Sie erzählt damit eine Geschichte, in der sich jeder wiederfinden wird, der schon einmal versucht hat, hinter die Kulissen der eigenen Familiengeschichte zu schauen.

Und sie gibt Einblick in die Geschichte eines Mannes, der sich von niemandem auf den Leib schreiben ließ, wie er zu sein, zu leben, zu denken und zu fühlen hatte.

Alles zu hinterfragen, nichts sofort zu glauben und keiner Mehrheit nachzulaufen, konnte man von ihm lernen. Aus nichts etwas zu machen, nie stillzustehen und das Wissen, dass es immer ein ‚Morgen‘ gibt, das hat er uns, seinen Kindern auf unseren Lebensweg mitgegeben.“

Und das ist es auch, was die Autorin an ihre Leser weitergibt – ein Geschenk für all jene, die sich nicht in den großen Helden der Zeitgeschichte, sondern in den kleinen Alltagshelden wiederfinden, weil gerade sie sich die Liebe zum Leben nicht aus dem Kopf und dem Herzen schlagen lassen. Leseempfehlung!

Nina Pfeffer Câmaras Buch Daddy – Weltbürger wider Willen ist als Printausgabe (BoD) und als E-Book erhältlich.