Das Buch wurde mir im Rahmen einer Leserunde auf LovelyBooks vom Autor kostenlos zur Verfügung gestellt.

In diesem Jugendbuch, das laut Cover für Leser ab 12 Jahren geeignet ist, werden überwiegend zwei Handlungsstränge verknüpft: Da ist zum einen der Protagonist Simon, 13 Jahre alt. Simon ist seit einem Autounfall, bei dem sein Vater ums Leben kam, auf einen Rollstuhl angewiesen. Zwischen ihm und seiner Mutter besteht ein besonders inniges Verhältnis.

Von Simons Vater erfährt man zunächst nur, dass er ein genialer Wissenschaftler war, der an irgendetwas arbeitete, was mit künstlicher Intelligenz zu tun hat.

Simon spielt gern PC-Spiele, in denen er sich in den starken Helden Togar verwandelt, dem als besondere Auszeichnung das Schwert Excalibur verliehen wurde. Diese Leidenschaft zum Spielen teilt er mit seiner Mitschülerin Katharina, in die er heimlich verliebt ist.

Der Protagonist der zweiten Handlungsebene ist der Indianer Janak vom Stamm der Alnanbal(en). Janaks Eltern starben, als sie das Kind vor einem Geisterbären schützen wollten. Janak wuchs bei einem Schamanen auf, hat prophetische Träume und verfügt über eine Bärenkralle, die besondere Kräfte verleiht. Janak und sein Stamm leben um das Jahr 1000 und werden von Wikingern überfallen und versklavt, für die sie fortan Silber schürfen müssen.

Verbunden werden die Handlungsstränge über einen Server, der Simon und seine Helfer in Kontakt mit den Lifelines bringt. Simons Aufgabe wird es sein, dem Angels Clan beizutreten und Janak zu helfen, die Wikinger zu besiegen.

Die kluge Konzeption, Simons Gegenwart und Janaks Vergangenheit zu verknüpfen, sorgt für viel Spannung und Abwechslung. So kann sich der Leser/die Leserin einerseits mit Simon oder Katharina identifizieren, die zugleich ein erstes Verliebtsein durchleben. Auf der anderen Seite sind da Janak, ein Kämpfer und Stratege, sowie zahlreiche Nebenfiguren, die ebenfalls dazu einladen, sich mit ihnen in Herz und Geist zu verbinden.

Und dann sind da die vielen Beschreibungen ferner Spielewelten und Realitäten, in denen sich magische Wesen einfinden, aber auch heftige Kämpfe stattfinden, die junge Leser sicher in ihren Bann ziehen werden. Vorausgesetzt, sie sind nicht allzu schreckhaft, denn in den Kämpfen geht es teilweise schon richtig zur Sache und die Zahl der Toten und Verwundeten ist groß. Zwischendurch darf aber auch gelacht werden, etwa wenn sich ein pausbäckiger Engel einfindet, der sich als künstliche Intelligenz zu erkennen gibt und umständliche Texte formuliert, die Katharina mit den Worten kommentiert: „Willkommen zum Elternsprechtag.“

Doch ist die Geschichte eben nicht nur ein einfaches Heldenepos aus der Gamerwelt, sie verfolgt auch ein übergeordnetes Thema, das hier und da anklingt: den Kampf zwischen Gut und Böse und die Idee, dass es die Art und Weise ist, wie wir unsere Lebensenergie nutzen, um für einen Ausgleich zwischen beiden Kräften zu sorgen. Dabei kommt es nicht nur darauf an, dass und für wen man kämpft, sondern auch, wie man es tut.

Vor allem der mittlere Teil und die Erzählungen aus Janaks Welt haben mich beeindruckt, sie sind flüssig und fantasievoll geschrieben, man kann sich gut in diese Welt hineinversetzen. Das Geschehen in Simons Welt wird demgegenüber karger und weniger anschaulich erzählt. Manches erscheint unmotiviert oder schwer nachvollziehbar. So beobachtet Simon beispielsweise, dass Katharina von einem Auto verfolgt wird – insgesamt dreimal, spricht sie aber nicht darauf an. Auch bleiben für mich zu viele Fragen offen und es werden Handlungsstränge begonnen, die vermutlich erst in den Folgebänden aufgeklärt werden. Das lässt mich eher unzufrieden zurück.

Sprachlich sollte noch eine Überarbeitung erfolgen, denn der Autor hat, wie er selbst schreibt, zunächst auf ein Korrektorat verzichtet. Das ist verständlich, schließlich ist das Selfpublishing eine kostspielige Angelegenheit, wenn man alle anstehenden Arbeiten delegiert. Da wir aber alle betriebsblind gegenüber unseren eigenen Fehlern sind – Rezensenten eingeschlossen –, wäre hier noch etwas Feinarbeit erforderlich.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es sich für dieses Buch lohnen würde. Daher: Klare Leseempfehlung an die Zielgruppe: Jugendliche (vielleicht eher ab 14) und jung gebliebene Erwachsene, die Computerspiele mögen, in denen es auch mal etwas härter und wundersamer zugeht. So gesehen erfüllt das Buch ganz nebenbei auch noch einen pädagogischen Zweck, nämlich für genau diese Jugendlichen Literatur bereitzustellen, in der sie sich wiederfinden können. Denn jenseits des auf einem Elternsprechtag erhobenen moralischen Zeigefingers lernen wir von diesem Buch auch, dass nicht das Spiel den Charakter des Helden formt, sondern dass der Held spielt, wie sein Charakter es vorgibt.

Lifeline Games 1 ist als E-Book, als Taschenbuch und als gebundene Ausgabe erhältlich. Band 2 ist bereits in Vorbereitung.