War es mein Puppenwagen oder hatte eine meiner Schwestern ihn zu Weihnachten geschenkt bekommen? Ich erinnere mich nicht mehr daran, sehe nur dieses kleine hellblonde Mädchen mit den leuchtend braunen Augen, das stolz und froh seine Puppe Mariechen durch die Straße spazieren fuhr.

Die große schwere Straße, auf der es vor nicht allzu langer Zeit in ein Auto krachte, weil es, ohne auf den anfahrenden Wagen zu achten, auf die Fahrbahn gelaufen war. Die lange gefährliche Straße, in der seine Eltern nach dem Krieg gestrandet waren, seine zarte Mutter mit dem weichen Gemüt, und sein wunderschöner cholerischer Vater, den es über alles liebte.

 

Das Mädchen vergaß für einen Augenblick, dass es zu den Asozialen zählte, die man an den Stadtrand gedrängt hatte, und dass es sich entsprechend verhalten musste, vergaß, dass der Jahreswechsel ihm und seiner Familie nichts Gutes bringen würde, dieses Mal nicht und auch kein anderes Mal.

 

Sanft und fürsorglich schob es sein Mariechen an den rasch hochgezogenen Sozialbauten vorbei, zeigte ihm, wo im Frühjahr der schönste Goldregen wuchs und wo im Sommer gut Kirschen essen war, ging rasch an den Häusern der Fabrikarbeiter vorbei, die im Rang etwas über ihnen standen, an den Häusern der Angestellten, die mit ihresgleichen nichts zu tun haben wollten, und mied den Bereich, der den Zigeunern gehörte, die unter sich bleiben wollten und deren Musik es doch so liebte.

 

 

 

Auch die Wiese hinter der letzten Häuserreihe vor dem Spielplatz war zu meiden, denn es wollte Mariechen den Anblick der verwesenden Katzen und Igel ersparen, die die Jungen aus den Häuserblocks genüsslich zu Tode gequält hatten. Zwei dieser Jungen kamen ihm nun entgegen und es wandte den Blick an ihnen vorbei in die Ferne, als würde es nicht bemerken, was sie im Schilde führten, und als könnte es ihm und Mariechen helfen, ein weiteres Mal zu überleben.

 

Ob sein Blick sie dann doch provoziert hatte, ob sie es nicht ertragen konnten, ein kleines Mädchen so glücklich und unschuldig durchs Leben gehen zu sehen, oder ob sie einfach nur dumm und gemein waren, ein fetter Knaller landete direkt neben Mariechen im neuen Puppenwagen und riss ein hässliches schwarzes Brandloch hinein.

 

Noch über fünf Jahrzehnte später verwandelt sich eine alternde Frau am Silvesternachmittag in ihren Erinnerungen in ein kleines blondes Mädchen und weint bitterlich um ihre Puppe, ihren Puppenwagen, vor allem aber über die hässliche Lust, mit der die grässlichen Menschen alles, was ihnen schön und unschuldig und innerlich frei erscheint, zerschießen und zerstören wollen.

 

Doch kommt eben immer auch der Moment, in dem die Tränen versiegen. Das Mädchen kühlt sein Gesicht mit frischem Wasser und verwandelt sich zurück in die alternde Frau, die es nun einmal ist. Absurd, denkt die, absurd, wie sie sich jetzt alle wieder besaufen und bekriegen werden, auf der Suche nach dem Glück und der Liebe ihres Lebens. Sie zieht die Vorhänge zu, stellt den Sekt kalt, streitet wie jedes Jahr an Silvester kurz mit ihrem Mann darüber, ob Möhren, Apfel und Dill in einen Kartoffelsalat gehören oder nicht, zündet eine Kerze an und harrt demütig der schrecklichen Ereignisse, die sie auch in diesem Jahr nicht wird aufhalten können.

 

Um sich auf andere Gedanken zu bringen, schreibt sie schließlich noch schnell eine melodramatische Geschichte und ruft erschöpft und geläutert am Ende Freunden und Bekannten ein fröhliches „Fck dich, Silvester, aber kommt ihr mal gut rüber!“ zu.

Stoßen wir ab, was uns aufhält und verbittert, und stoßen wir an auf alles, was wir auch im nächsten Jahr lieben, verehren und hoffentlich vermehren werden!