Biene bloggt

Schlagwort: Poesie

Buchvorstellung: Junge Dichtung aus Lettland. Zweisprachiges Lesebuch (Deutsch/Lettisch).

Übersetzungen von Kristaps Grasis. Herausgegeben vom Verlag hochroth, Riga 2013.

Was zeichnet die Dichtung eines Landes, einer Sprache aus? Gibt es Gemeinsamkeiten, ein verbindliches Thema? Als Rezensentin muss ich mich vielleicht gerade vor verallgemeinernden Aussagen hüten, die letztlich nur zeigen, was ich wahrgenommen, welchen Gedichten und Geschichten ich besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Die Lektüre dieses kleinen, aber vielseitigen Gedichtbandes mit Werken zeitgenössischer Dichter und Dichterinnen aus Lettland bestätigt mir das einmal mehr. Denn es ist schwierig, Dichtung zu interpretieren, die so eng an die Sprache und Geschichte eines Landes geknüpft ist, dem man sich so nahe fühlt und von dem man doch so wenig weiß. Ich hoffe also, den Gedichten, die ich Euch hier in Auszügen vorstelle, nicht zu sehr meine eigene Sichtweise und Interpretation übergestülpt zu haben.

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Allen Kriegern im Namen Gottes

 

Allen Kriegern im Namen Gottes

 

Das Schweigen der Jungfrau wird sie vernichten.

Hand erhebe sich nicht.

Mund presse stumm Lippe auf Lippe

und endlich wird Gott wieder richten.

 

Du sahst sie gehn Herr, ein samtenes Kind,

gehüllt in honigfarbenen Duft,

schautest die Masken, die staunten sogar,

bis der Hass ihr Zögern zerriss.

 

Nun sieh auch, wie sturmlos verlassener Wind

am offenen Grabe verweilt,

verbrannt und zerstört ohne Schuld,

entflohen die Seele aus blutendem Schlund

 

zu betteln um Rache vor Dir,

der sanft ihrem Leichnam die Fäuste gesenkt,

die Hände geöffnet zu schutzlosem Gruß

und heilend dem Mund seinen Kuss geschenkt.

 

Das Schweigen der Jungfrau wird sie vernichten.

Hand erhebe sich nicht.

Mund flehe stumm, Bitte um Bitte.

Und endlich wird Gott wieder richten.

Aus: Atem Sein. Gedichte und Fotografien vom anderen Ende der Liebe.

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