Gedanken zum Zeitgeschehen auf Basis der Lektüre „Die Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer/Adorno

Starre Grenzziehungen und völkisches Denken auf der einen Seite, die idiotische Idee der totalen Entgrenzung des Individuums, das weder Herkunft noch Gewordensein kennt, auf der anderen. Es ist schwer, sich in diesen aufgeregten Zeiten nicht in die jeweiligen Lager ziehen oder dazwischen aufreiben zu lassen.

Sich klar zu positionieren gegen Gewalt, Hass und Fremdenfeindlichkeit. Sich andererseits nicht gemein zu machen mit jenen, die glauben, dass das vernünftige oder heute das wissenschaftliche Denken wahr sei. Die dabei geflissentlich übersehen, dass sie selbst auf dem besten Weg sind, Despoten zu werden, wenn sie jede Kritik an der Macht, die sie verkörpern, und am Denkkollektiv, dem sie angehören, zurückweisen.

Da werden dann Künstler über Nacht zu Nazis oder Antisemiten erklärt, weil sie sich dem links-liberalen Duktus nicht beugen. Gedichte auf Häuserwänden müssen übertüncht werden, weil ein Studentinnen-Bund sie für sexistisch befindet, Menschen, die ihre persönlichen Erfahrungen beschreiben, werden mit statistischen Wahrscheinlichkeiten niedergemacht und verhöhnt. Über allem thront die Wahrheit der Wissenschaft und der Zwang, sich dem sogenannten Fortschritt zu unterwerfen, der uns allen ein noch glücklicheres Leben in Freiheit und Demokratie bescheren wird.

Und dennoch scheint die aufgeklärte, wohlversorgte, westlich zivilisierte Menschheit, „anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in einer neuen Art von Barbarei zu versinken“.

Warum ist das so? Mit dieser Frage haben Horkheimer und Adorno sich bereits in den 1940er Jahren in ihrer Schrift zur „Dialektik der Aufklärung“ befasst. Angesichts des sich wütend formierenden Rechtsextremismus in unserem Lande und in ganz Europa, darf und muss man sich diese Frage heute erneut stellen. Und zwar unter der Prämisse, welchen Anteil die Aufklärung selbst daran hat.

 

 

Ohne Aufklärung kein Fortschritt. Aber ohne Fortschritt auch keine Entfremdung.

In ihrem berühmten Essay zum Begriff und zur Dialektik der Aufklärung arbeiteten Horkheimer und Adorno die Verbindung von Aufklärung und Mythos sowie die Verknüpfung von Aufklärung und Macht heraus. Sie taten dies in dem Bewusstsein, dass es keine Alternative zum aufgeklärten Denken gibt. Dass sich aber gleichzeitig eine Schwäche des Denkens darin erweise, dass sich die Aufklärung ihrer eigenen Voraussetzungen und ihrer Verbundenheit mit der Macht nicht bewusst sei.

Stattdessen nutzt der aufgeklärte Mensch die von ihm propagierten Denkmittel und Methoden als Kampfmittel. Dazu gehören Rationalität, Sprachbereinigung, Statistik, Wahrscheinlichkeiten und abstrakte Begriffe sowie die Negation all dessen, „was in der Eins nicht aufgeht“, also beispielsweise natürliche Begrenzung, Leiblichkeit, Gewordensein und Irrationalität.

In der Absicht, den Menschen aus einem blinden Glauben und Gehorsam zu befreien, unterwarf sie ihn der Faktizität des Bestehenden, von ihr selbst Geschaffenen. Damit aber, so Horkheimer und Adorno, erwies sich die Aufklärung als ebenso mythisch und diktatorisch wie der Mythos und der irrationale Glaube, dem sie sich doch entgegengestemmte und dem sie ihre Sicht auf die Dinge abgerungen hatte.

Der seiner Natur und Irrationalität entfremdete Mensch findet sich darin ebenso wenig wieder wie derjenige, den das rationale System als nutzlos ausspeit. Dieser sehnt sich nach einer Gemeinschaft, in der der Mythos ihm die Welt als ursprünglich, gemeinschaftlich, sinnvoll erklärt. Eine begrenzte und geordnete Welt, in der er sich selbst als wirkmächtig erfährt, ohne sich dem Gebot von Rationalität und Effektivität unterwerfen zu müssen.

Daher ist es auch nicht der despotische Mythos, der sich die „technologisch erzogenen“ Massen in faschistischen und totalitären Bewegungen zurückerobert, indem er an ihre „Affinität zur völkischen Paranoia“ appelliert. Die Ursache des „Rückfalls von Aufklärung in Mythologie“ liegt eben nicht in Mythologien oder wie wir heute sagen, in Fake News und Verschwörungstheorien, „sondern bei der in Furcht vor der Wahrheit erstarrenden Aufklärung selbst.“

Eine Aufklärung aber, die sich ihrer eigenen Verstrickungen, ihrer Herkunft und ihrer blinden Herrschaft nicht bewusst wird, die sich der eigenen Wahrheit nicht stellt, ist dazu verdammt, selbst wieder im Mythos zu versinken, an den sie seit jeher geknüpft ist.

Die Aufklärung erweist sich als irrational, indem sie alles rational behandeln will, indem sie der Erfahrung die Statistik, der Wahrheit die Wissenschaft, der leiblichen und natürlichen Ge- und Verbundenheit den Traum von der Auflösung jeglicher Grenzen gegenüberstellt.

 

Falsche Prämissen und ein Gestell aus Zwängen und Denkverboten

Was die Aufklärung schließlich geschaffen hat, ist ein Gestell aus Denkgeboten und Verboten, in dem ihre eigene Weltsicht nicht mehr angezweifelt werden darf. Womit sie nicht gerechnet hat, ist, dass neue Bewegungen entstehen, denen dieses Gestell gleichgültig ist. Weil sie erkennen, dass es auf falschen Prämissen basiert, weil es ihnen Angst macht und ihnen beständig weitere Unterwerfung abfordert.

 

Aufklärung führt heute zur Überwindung ihres letzten Widersachers: des geschaffenen, gewordenen, in seiner Leiblichkeit begrenzten Menschen

Denn während wir Aufgeklärten der Vernunft huldigen, teilt das Großkapital die Welt weiter unter sich auf, schaffen Technologisten neue Währungen und Transhumanisten Netzwerke des aufgeklärten Bösen, speist die Unterhaltungsindustrie die Menschen mit Technologien ab, die ihm den stumpfen Fun des totalen Konsumenten versprechen.

Das Ideal: Die Überwindung des letzten störenden Faktors, der sich jeglicher Rationalität des Bestehenden widersetzt, des Menschen, der sich seines Gewordenseins, seiner Natur und seiner leiblichen Begrenzung bewusst ist. Ersetzt durch den geschlechts- und wesenlosen Cyborg, der sich beständig selbst optimiert und seine Klugheit wie seine Erfahrung von Welt zugunsten einer konservierten, durch und durch an die Macht des Faktischen geknüpften künstlichen Intelligenz opfert.

Freiheit des Individuums, eines der Narrative der Aufgeklärten, bedeutet heute nicht mehr Wirkmacht, sondern beständige Selbstoptimierung hin zum Ideal eines solchen künstlichen Wesens. Und während die einen sich dem juchzend beugen, formieren sich die anderen im Schutz der anonymen Masse zu neuen Untertanen, deren Gemeinschaft aus einem einzigen „früher war alles schöner“ besteht.

 

Nicht Migration ist der Kern der neuen rechten Bewegungen, sondern die totale Entgrenzung

Entzündet haben sich die neuen rechten Bewegungen am Thema Migration. Aber das ist nicht ihr Kern, auch wenn sie sich wütend daran abarbeiten. Ihr Kern ist die Angst vor einer grenzenlosen Freiheit, in der sich der Einzelne nicht mehr als frei erfahren kann, weil ihm jegliche Wirkmacht abhandengekommen ist. Ihr Kern ist die Perversion der Idee, dass wir alle „Menschen“ sind, ohne jegliche Herkunft, ohne Bindung, ohne Heimat.

Es obliegt ihrem blinden Fanatismus, ihren negativen Motiven wie Gier und Neid, ihren plumpen Abwehrbewegungen und ihrer intellektuellen Schwäche, dass sie selbst dies nicht erkennen.

Und es obliegt der Dummheit und Schwäche der Aufklärer, dass sie nicht erkennen wollen, dass sie die Barbarei einmal mehr mit vorantreiben, indem jegliche Kritik an den Narrativen unserer Zeit sofort als antidemokratisch und unwissenschaftlich abgewehrt wird, statt sich mit deren Grundlagen zu befassen.

 

 

Die im Text enthaltenen Zitate entstammen der folgenden Ausgabe:
Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Fischer e-books.