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Biene bloggt

Wenn Dir das Lachen im Hals stecken bleibt …

… dann ist nicht immer ein schlechter Witz daran schuld. Ein Kommentar zum Kramp-Karrenbauer-Kalauer und den Reaktionen.  

 

Ich würde im Leben nicht auf den Gedanken kommen, jemanden wegen seiner sexuellen Orientierung abzulehnen. Schwule und Lesben gehörten schon immer zu meinem Freundeskreis. Transsexuelle oder Intersexuelle kenne ich nicht persönlich – sie würden aber ebenso wenig ausgeschlossen. Weil es mir – sexuelle Gewalt in jeder Form ausgenommen – schnurz ist, wer wen liebt oder mit wem jemand in die Kiste steigt.

Was mir zu denken gibt, ist, dass ich eine solche Bemerkung mittlerweile vorausschicken muss. Und dass mehr und mehr Themen, für die liberal, aufgeklärt, freiheitlich denkende Menschen sich mal eingesetzt haben, von Menschen gekapert werden, die wohl auch gern eine Gesinnungsprüfung durchführen würden, bevor sie jemanden in ihren Freundeskreis aufnehmen.

Der Ausgangspunkt: Ein schlechter Witz, der noch dazu von Unkenntnis in der Sache zeugt

„Das ist für die Männer, die nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen“, hatte  Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Büttenrede über den Vorschlag gewitzelt, in öffentlichen Einrichtungen eine dritte Toilette für “Diverse” einzuführen. Kann man witzig finden, muss man nicht.

Vor allem dann nicht, wenn man die Aussage im Kontext betrachtet. Denn dem Kalauer voraus gingen Aussagen darüber, dass eine Frau heute für sich selbst einstehen müsse, weil die Männer der Berliner Latte-macchiato-Fraktion (sinngemäß wiedergegeben) Weicheier sind, die über eben solche Vorhaben diskutieren. Eine Diskussion, deren Sinn sich AKK offensichtlich nicht erschlossen hat, denn sie bringt ihn in einen Zusammenhang mit von bösen Frauen unterdrückten Sitzpinklern, nicht mit Trans- oder Intersexuellen.

So weit, so schlecht. Kurz darauf macht sich die Empörung Luft und aus einem schlechten Witz wird Diskriminierung. Dass das wiederum die phobische Gegenseite erregt, war zu erwarten. Aber ich gebe ohnehin nichts auf die Meinung von rechtsdrehenden Kulturen. Was mich ernsthaft besorgt, ist, was von den vermeintlich toleranten Aufgeklärten kommt, den Kümmerern und Verstehern. Im Folgenden Beispiele aus den Facebook-Kommentaren zum Tagesschaubeitrag vom 04.03.2019:

 

Die Reaktion: “dämliche ZonenRonnys, die sich besser nicht weiter fortpflanzen sollten”

„Dieses Neugejammer von alten weißen Männern, besonders ZonenRonnys.“

„Kein Wunder, dass du das mit Geschlecht und Gender nicht kapieren kannst. Bei so einer Behinderung.“ „Du bist offensichtlich sogar zu behindert um meinen Nachnamen von den Abkürzungen meiner Vornamen zu entscheiden.“

„Die geistig armen Idioteneltern, die den Kindern ihre Idiotenideologie vermitteln sind schuld. Schön dass man im Jahr 2019 freiwillig entscheiden kann dämlich zu bleiben. Das ist wahre Freiheit.“

„Genau das fehlte noch, die hysterische Pfarrersfrau, die schreit: Denkt doch einer an die Kinder.“

„Hoffen wir, dass Sie sich NIEMALS fortpflanzen! 👊🏼“

„Ein 1A Verschwörungstheoretiker. Hat wohl Angst, dass sich da irgendwo Reptiloiden verstecken.“

„Und ich persönlich halte es für ein Verbrechen, wenn man sowas wie dich in die Nähe von Kindern lässt, aber mich fragt ja auch keiner.“

„Sie sind Dumm...Mehr muss man nicht über sie wissen!“

„Spannend wäre in dem Zusammenhang, ob der Humor zugunsten AKK mit der Abneigung zu Greta korreliert.🤓“ „Ist zwar Feindbild-Schubladendenken, aber aller wahrscheinlichkeit nach ja.“

 

Zusammengefasst ist also der erklärte Feind des liberalen Aufgeklärten, der sich für eine unterdrückte Minderheit einsetzt, ein dummer, alter, weißer, heterosexueller Verschwörungstheoretiker aus Sachsen oder „der Zone“, noch dazu behindert, der seinen Kindern eine Idiotenideologie vermittelt, Greta hasst und niemals in die Nähe von Kindern gelassen werden und sich nicht fortpflanzen sollte. Idealerweise ist er mit einer hysterisch schreienden Pfarrersfrau verheiratet.

 

Kann man witzig finden. Muss man nicht. Nebenbei bemerkt: Auch Vertreter der Gruppe „#ichbinhier“ nahmen intensiv an der Diskussion teil. Keiner von ihnen intervenierte gegen Aussagen wie „du bist doch behindert“. Nicht einmal gegen die.

 

Ein Argument von betörender Schlagkraft: die Wissenschaft hat festgestellt

Nun wissen wir alle, wie schnell solche Dispute in gegenseitige Beschimpfungen ausarten. Auch darüber kann man lachen, muss es aber nicht. Denn irgendwann fällt aus der aufgeklärten Ecke der Satz aller Sätze:

„Es gibt Meinungen und es gibt die Wissenschaft.“

Oder wie es eine Userin, die sich besonders stark engagierte, erklärt:

„Eine Meinung beruht auf Fakten. Erst wer sich die Fakten auf korrekter Weise angeeignet hat, kann sich eine Meinung bilden. Eine Aussage die nicht einer Faktenanalyse entspringt ist ein Glaube. Ein Glaube der den Fakten nicht stand hält ist ein Irrglaube. Ein Irrglaube kann keine Meinung sein.“

Solche Äußerungen finden sich mittlerweile in allen öffentlichen Debatten wieder. Ein klassischer „Das-weiß-man-doch“-Satz, der darauf deutet, dass hier jemand seinen persönlichen Glauben durch etwas ersetzt hat, von dem er oder sie annimmt, dass dies Wissenschaft und deshalb die unumstößliche Wahrheit sei. Grundannahmen hier sind haltlose Behauptungen wie:

  • Eine Meinung beruhe auf Fakten.
  • Es gäbe eine „korrekte“ Weise, sich Fakten anzueignen, und dementsprechend auch eine unkorrekte.
  • Eine Aussage wäre nur, was aufgrund einer „Faktenanalyse“ geäußert wird.
  • Ein Irrglaube könne keine Meinung sein.

Das alles ist hanebüchener Unsinn und zeigt, dass auch diese Dame nicht den Hauch einer Ahnung hat, wovon sie eigentlich spricht. Leider ist es aber genau diese Art der Argumentation, die Menschen immer wieder mundtot machen soll: deine Haltung ist unwissenschaftlich, deine persönliche Erfahrung tut nichts zur Sache, nur die Fakten zählen.

Schauen wir daher mal genauer hin.

 

Aussagen, Meinungen, Fakten sind per se weder wahr noch unwahr

Eine Aussage ist eine Aussage, sonst nichts. Diese kann wahr, falsch, vom Irrglauben geleitet sein. Ein Irrgläubiger, der Reptiloiden oder Einhörner durchs All fliegen sieht, kann wahre, ein Wissenschaftler, der die geheime Weltformel kennt, kann falsche Aussagen treffen.

Eine Meinung steht per Definition zwischen Wissen und Glauben. Sie beruht zumeist auf persönlichen Erfahrungen und den Schlüssen, die man daraus ableitet.

Fakten sind Tatsachen, die aufgrund von Beobachtung, Rechtsauffassung oder wissenschaftlicher Beweisführung für wahr im Sinne von verifiziert gehalten werden. Fakten kann man sich daher nicht „korrekt aneignen“. Fakten fliegen ebenfalls nicht durchs Weltall und sie werden auch nicht gepflückt wie Blümelein am Wegesrand. Sie liegen nicht irgendwo herum und warten darauf, entdeckt zu werden. Man muss sie (re)konstruieren, eine Hypothese herausbilden, sie zusammenfügen, verwerfen, neu überprüfen und so fort.

 

Wissenschaft findet keine Fakten und basiert auch nicht darauf. Wissenschaft wendet (idealerweise) klar definierte Verfahren an, um Fakten zu konstruieren und zu verifizieren.

Was man nämlich kann, ist, Wege und Verfahren definieren, wie diese Fakten sinnvoll zusammengetragen und das daraus entstehende Bild oder Konstrukt verifiziert werden. Eines dieser Verfahren (wobei es eigentlich viele sind, aber geschenkt), nennt sich Wissenschaft. Wissenschaft basiert ebenfalls nicht auf Fakten, sondert wendet überprüfbare und definierte Verfahren an, mit denen sie Fakten isoliert und zu einer Aussage bündelt.

Was die Gesellschaft dann mit diesen Fakten anfängt, ob sie selbige als nützlich, sinnvoll, verwendbar erfasst oder nicht, ist eine andere Frage. Zuweilen ist es deutlich humaner, eine Meinung zu etwas zu haben, als auf Fakten zu vertrauen. Würden wir immer nur der Ratio oder dem wissenschaftlich Machbaren folgen und nicht unseren Gefühlen, Meinungen und Haltungen, die Welt wäre ein grausamer Ort.

De facto bedürfen also auch Fakten der Interpretation und Einordnung. Sie unterscheiden sich von Meinungen nicht darin, dass sie wahrer sind, sondern dass sie evident sind, im Sinne von: auf eine Weise zusammengetragen, die die individuelle Sichtweise übersteigt.

Wenn mir ein Unrecht widerfährt, kann ich zu der Meinung gelangen, dass das gesamte System, in dem ich lebe, ungerecht ist. Betrachte ich aber die Summe aller Ereignisse, die in diesen Kontext gehören, kann sich daraus eine völlig andere Faktenlage ergeben. Schon aus diesem Grund ist es so unsinnig, die Erfahrung eines Menschen mithilfe von Statistiken wiederlegen zu wollen – und umgekehrt.

 

Was ich erlebe, ist so wahr wie jede seriöse wissenschaftliche Aussage. Und wie ein Brauch, den nicht jeder versteht.

Was ich erlebe ist so wahr und so unwahr wie das, was ein glaubwürdiger und seriöser Wissenschaftler herausfindet. Was ein Transsexueller erlebt, ist wahr. Und wahr ist auch, dass die Statistik den Beweis erbringt, dass die meisten Menschen nicht transsexuell oder intersexuell sind. So what? Nichts wird besser oder schlechter, weil es wissenschaftlich bewiesen ist.

Wahr ist jedoch auch, dass hier mal wieder über Menschen gesprochen wurde statt mit ihnen. Denn unter den vielen Hunderten von Kommentaren sind mir nur drei aufgefallen, die von Betroffenen stammten: Einer von einem Intersexuellen, der froh war, dass man seine Wirklichkeit endlich anerkennt. Einer von einer Transsexuellen, die meinte, dass nicht der Witz das Problem sei, sondern die Leute, die daraus eines machen. Und einer von einer Vereinsvorsitzenden, die der Ansicht war, dass Transsexualität in dem Beitrag der Tagesschau grundsätzlich falsch dargestellt wurde. Allen Dreien wurde von den hitzig Debattierenden keine Beachtung geschenkt.

Ich verstehe nicht viel von Karneval, aber offensichtlich handelt es sich um einen Brauch, den viele Menschen nutzen, um etwas Närrisches zu tun. Beispielsweise, in das Kostüm des jeweils anderen Geschlechts zu schlüpfen. Wenn ich den ursprünglichen Sinn dieses Verhaltens richtig deute, dann liegt darin eine ganz klare Botschaft: Es ist zwar nicht normal, transsexuell oder intersexuell zu sein, aber es ist auch nicht böse oder verwerflich. „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Auch und gerade im Karneval, in dem traditionell jeder willkommen ist. Schlechte Witze gehören leider auch dazu.

 

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Bravo! Gern gelesen.
    LG, Claudia

  2. Sehr gut geschrieben. Liebe Grüße Christina

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